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Saint-Fiacre

Nachdem ich dieses Buch zuende gelesen hatte, hat es mich ziemlich verwundert, dass Simenon später, im Vorwort zu “Die Marie vom Hafen”, anmerkte, er wolle (zumindest für seine bis dato verfassten Werke) an der “Marie” und am “Weißen Ross” gemessen werden. Bei mir hat dies Buch den Eindruck hinterlassen, Simenon habe im Grunde Ideen für drei halbe Geschichten im Kopf gehabt, anstelle von drei Kurzgeschichten aber unbedingt einen Roman schreiben müssen. Keine Frage: Die Milieubeschreibung “Landgasthof in den 40er-Jahren” ist für sich sehr gut getroffen und sicherlich das Großartigste an diesem Buch; die Story selbst ist hingegen (meines Eindrucks nach) unausgegoren und zeugt von wenig konistenter Komposition. Ich halte es nicht für einen stilistischen Kniff Simenons, das ganze Buch über in der Schwebe zu lassen, auf welcher Figur denn nun eigentlich der Fokus ruht, sondern einfach als ein Ergebnis mangelnder Planung bzw. zu flüchtiger Umsetzung. Auch nach Abschluss des Buches weiß man nicht, ob es nun eigentlich schwerpunktmäßig um Maurice und sein Unwohlsein im Ehe- um Familienkorsett gehen sollte (das nur vage angedeutet wird) ODER um Félix (der aufgrund seiner Vorgeschichte eher eine tragische denn eine - wie ein Zitat auf dem Rückumschlagstext weismachen will - “abstoßende” Figur darstellt, als Figur aber nicht so konsequent ausgestaltet wird, dass er als solche wirklich glaubhaft wäre oder Anlass zu irgendgearteter Identifikation böte) ODER um die Psychologie des Patrons (bei dieser Figur bleibt einiges, was im Laufe der Geschichte angedeutet wird, letztlich offen) ODER eben um die schicksalhaften Verwicklungen des Gasthof-Personals. Allein schon letzterer Plot hätte sicherlich genügend Potenzial und Reiz besessen, um eigenständig ausgearbeitet zu werden. So bleibt der Roman letztlich hinter den Erwartungen zurück, die verschiedene in ihm und seiner Konstellation angerissene Konflikte und Geschichten wecken. Der Autor hatte es hier (meines Erachtens) wirklich zu eilig und hat damit gleich mehrere gute und reizvolle Ideen auf einmal verschenkt.

Saint-Fiacre am 11.12.2008

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