Roman dur?


Für viele Leser besteht das Werk Simenons leider nur aus seinen Maigret-Geschichten. Dabei gibt es auch in der literarischen Welt, die Simenon Roman dur nannte, sehr viel zu entdecken.

Irgendwann mit dem wachsenden Erfolg seiner Maigrets kam Simenon auf die Idee, dass es doch eine dufte Sache wäre, wenn er mal einen richtigen Roman schreiben würde. Hintergedanke war, dass man ihn als Schriftsteller nicht ernst nahm und immer nur mit seinen Maigrets verband. Sein Kind, der Kommissar, entwickelte sich für ihn zu einem Klotz am Bein auf dem Weg zum echten Romanschriftsteller.

Ganz ehrlich: Schaut man in die Bibliographie von Simenon wird man feststellen, dass schon in der ersten Blütezeit der Maigrets Simenon eine Reihe von Non-Maigrets verfasste. Und während die ersten Maigrets noch recht holprig wirken, auch hier war Simenon auf der Suche nach seinem Stil, so gibt es bei den Non-Maigrets aus dieser Zeit zwei ganz erstaunliche Romane, die für mich nahezu perfekt sind.

Ein Leuchtturm ist beispielsweise der Roman »Die Verlobung des Monsieur Hire«. Die Geschichte eines Mannes, der sich aus der Ferne in eine Frau verliebt, dem seine Schüchternheit zum Verhängnis wird und nach einem Verbrechen in der Nachbarschaft zum Schuldigen erklärt wird, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Nicht, dass Simenon es eine Sekunde darauf angelegt hätte, dem Leser diesen Mann sympathisch erscheinen zu lassen – ganz im Gegenteil. Monsieur Hire hat sich einem fragwürdigen Geschäftsmodell verschrieben, macht sein Geld damit, dass er andere Leute austrickst. Trotzdem ist der Leser bei ihm, fiebert mit ihm mit und empört sich über das, was Monsieur Hire widerfährt.

Ein Unterschied zwischen den Maigrets und den Roman durs ist der Umgang mit Schuld. In einem typischen Maigret-Roman passiert ein Verbrechen, woraufhin der Kommissar auftritt und man ihn in der folgenden Zeit beobachten kann, wie er den Täter dingfest macht. Dabei geht Maigret mal mit mehr, mal mit weniger Feingefühl vor. Sein Motto ist, dass er den Verbrechen (bzw. das Verbrechen) verstehen möchte, und dass er sich nicht anmaßt, den Täter zu verurteilen. Für den Leser bleibt der Maigret-Roman ein Krimi, nur dass der Ermittler sehr nette Züge zeigt.

In den Non-Maigrets »erlebt« man das Geschehen von der anderen Seite, denn häufig stellt Simenon hier das Geschehen aus der Sicht des Täters oder aus der eines Angehörigen eines Täters da. Man sieht, wie die Situation langsam eskaliert, wie das Unglück seinen Lauf nimmt und man bekommt ein Gefühl dafür, dass es oft so ist, dass Geschehnisse nicht unabwendbar sind. Da kann man als Leser noch so oft »Stopp« denken (oder auf rufen), es hilft nicht. Die Geschichten sind an der Realität angelehnt und da kommt es halt auch nur (im besten Fall) in 50% der Fälle zu einem glücklichen Ende. So ist halt das Leben, so sind Simenons Roman durs.

Ein weiteres gutes Beispiel für einen Roman aus der Frühzeit ist »Das Haus am Kanal«. Edmée hat gerade ihren Vater verloren und so wurde beschlossen, die junge Frau zu Verwandten zu schicken, damit die sich um ihr weiteres Aufwachsen und Fortkommen kümmern. Leider trifft sie in einer unglücklichen Situation ein, denn ihr Onkel ist gerade gestorben und die Familie muss sich neu ordnen, die Machtverhältnisse müssen gerade gerückt werden. Als Stadt-Mädchen, die plötzlich mit Bauern zu tun hat, tut sich Edmée anfangs sehr schwer. Sie kennt die Umgebung nicht, kennt die Traditionen nicht und findet sich in der Umgebung überhaupt nicht zurecht. Schlimmer noch: Sie spricht im wahrsten Sinne des Wortes nicht einmal die Sprache ihrer Verwandten. Nachdem sie sich aber eingelebt hat, fängt sie an, Spielchen mit den Männern (ihren Cousins) zu spielen, fordert sie heraus und fordert sie zu Mutproben, auf die sie sich einlassen. Anfangs sind es noch Spielereien, später Unappetitlichkeiten und zum Schluss lässt sie die Männer zu Gesetzesbrechern werden. Was haben wir? Eine junge Frau, die gerade sehr viel verloren hat; die von ihrem Onkel großgezogen werden soll, der aber auch gestorben ist; die in eine Familie kommt, die nicht ihre Sprache spricht – kurzum, Edmée in einer Situation ist, in der man Verzweifeln kann; in so einer Situation lässt Simenon zum Auslöser für viel Unheil machen, und das noch nicht einmal versehentlich sondern mit ganzer Berechnung. Wenn man verstehen will, wie das sogenannte »Böse« funktioniert, der kann sie anhand von solchen Simenon-Geschichten studieren.

Simenon verarbeitete in seinen Geschichten oft das, was er selbst erlebt hat. In den Non-Maigrets tritt dies noch viel stärker zu Tage als in den Maigrets. Gewiss, man sagt, dass der große Kommissar Maigret was die Charakterzüge angeht, ein Abbild seines Vaters Désiré gewesen wäre. Es dürfte aber selten vorkommen, dass man beim Lesen eines Maigrets über biographische Aspekte Simenons stolpert. Es gibt gewisse Aspekte, die einem in den Non-Maigrets immer wieder über den Weg laufen: Ein Beispiel dafür sind Frauen, die kleine Pensionen betreiben, in denen hauptsächlich ausländische Studenten unterkommen. Und damit auch die Schilderung, wie diese von der Pensions-Mutter im wahrsten Sinne des Wortes verhätschelt werden. Wenn da nicht Simenons Mutter Henriette immer wieder hervorwinkt…

Vielleicht hat Simenon sich irgendwann von der Idee des großen Romans gelöst, schließlich fing er in den 1940er-Jahren wieder an Maigrets zu schreiben, ließ es sich aber nicht nehmen, jedes Jahr mindesten drei Non-Maigrets zu veröffentlichen. Und neben sehr lesenwerten Maigrets, ohne Zweifel, entstanden auch eine Reihe von Non-Maigrets, die man unbedingt gelesen haben sollte. Was bleibt ist die Frage, warum man als Leser zu Roman durs greifen sollte. Hier ein paar mögliche Antworten:

Warum sollte ein Maigret-Leser Non-Maigrets lesen?
Es eröffnet sich, was das Lesen angeht, ein völlig neues Universum. Die Geschichten sind anders: oft schmutziger und dreckiger. Sie haben meistens kein Happy-End. Sie beschreiben Leute in ausweglosen Situationen, die mit den Konflikten, vor sie gestellt werden, nicht zurecht kommen. All zu oft gibt es nicht einmal einen Strohhalm, den sie greifen könnte, geschweige denn eine rettende helfende Hand. Wir lesen durchaus in diesen Geschichten Simenons auch von verdorbenen Menschen, mit denen Mitleid und Verständnis schwer fällt. Die Romane gewähren einen Einblick in verschiedene Lebensgeschichten. Und man merkt, dass man über Menschen nicht urteilen sollte, sondern verstehen muss, was sie zu ihrem Handeln bewegt; und an dieser Stelle schließt sich dann der Kreis wieder zu den Maigrets.

Warum sollte man einen Non-Maigret lesen, wenn man noch nie Simenon gelesen hat?
Das kommt immer ein wenig auf die Motivation an, mit der man Bücher liest. Ich würde sagen, Simenon hat einen solch reichen Schatz an Geschichten hinterlassen, dass es sich für jeden Interessierten in seinem literarischen Nachlass etwas finden lassen müsste. Da sind Geschichten über Familie, Dramen über Liebende, Abenteuergeschichten von fremden Kontinenten, Krimis aus der Welt der Unterwelt. Gut, die Geschichten mit einem glücklichen Ausgang muss man mit der Lupe suchen. Ein Grund mehr, nicht nur ein Buch von Simenon zu lesen. Gide hatte zwar gemeint, man könne von Simenon alles lesen (und der Verlag und Nachlass-Verwalter sind dieser Meinung sicher auch), aber ich würde soweit nicht gehen. Anhaltspunkte dafür, was wirklich gut ist, gibt es auf diesen Seiten verschiedene, zum Beispiel auch hier.
Und, nun ja, wenn Ihnen das zu anstrengend klingt, was mit den Roman durs auf Sie zukommt, so bleiben ja noch die Maigrets…