Bildnachweis: Der Held – Carlsen
Ein gezeichnetes Meisterwerk
Vor gut zwei Jahren erschien die französische Comic-Ausgabe von »Der Schnee war schmutzig«. Sie war einerseits ein Zeichen dafür, dass Dargaud nicht daran dachte, das Werk Simenons chronologisch anzugehen und andererseits auch ein Signal, das es keine Berührungsängste bei den Künstlern gab, sich an die schwierigen Stoffe aus dem Fundus zu wagen. Nun ist dieser Band in deutscher Sprache – wiederum bei Carlsen – erschienen. Ein Glücksfall!
Jeder, der der Meinung ist, dass Comics Kinderkrams wären, sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen und wird eines besseren belehrt werden. Leser:innen, die die Romanvorlage schon kennen, sollten dieser Adaption ebenfalls eine Chance zu geben. Das Buch gelesen zu haben, ist kein Argument. Schließlich geht man durchaus für Romanverfilmungen ins Kino, auch wenn man die Vorlage kennt … und umgekehrt.

Ein wenig bedauerlich ist es, dass das französische Original schon vor zwei Jahren auf dieser Seite rezensiert worden ist. Auf die zeichnerischen Aspekte soll in diesem Beitrag deshalb nicht eingegangen werden, dafür empfehle ich den verlinkten Beitrag – an den Standpunkten und an den Beobachtungen hat sich nichts geändert.
Auch dieses Mal stolperte ich über die unglaubliche Hässlichkeit fast aller Charaktere. Das hat nichts damit zu tun, dass Bernard Yslaire nicht zeichnen kann, sondern scheint mir im Gegenteil ein Beweis für seine Kunstfertigkeit zu sein.
Zu den Punkten, die mir erneut oder besonders auffielen: Es wird an vielen Stellen die Anrede Monsieur, Madame und Mademoiselle bei Menschen mit deutschen Familiennamen verwendet. Auch Straßennamen sind teilweise mit »Rue« angegeben. Beschriftungen von Geschäften sind oft nicht interpretierbar, manchmal in deutscher Sprache. Andererseits gibt es ein »Soldatenkino« (deutsch), das einen französischsprachigen Film anpreist. Aspekte dieser Art sind mir bei der letzten Betrachtung schon aufgefallen, stören das Gesamtbild allerdings minimal.
Eine Frage der Perspektive
Diesmal konnte ich mich ganz auf die Geschichte und die Erzählung konzentrieren, da sie mir in deutscher Sprache »serviert« worden ist. Die Übersetzung des Comics erfolgte wie schon beim ersten deutschsprachigen Band dieser Reihe durch Christoph Haas.
Was mir bei der Original-Betrachtung gar nicht aufgefallen ist, ist die Art und Weise, wie erzählt wird. Wir haben es mit einer Du-Erzählung zu tun. Ich wusste gar nicht, dass so etwas existiert, und war von Anfang an stark irritiert. Der dritte Satz, den der Comic-Konsument aus der Erzählperspektive zu lesen bekommt, lautet:
Dein drei Jahre älterer Freund Fred Kromer hatte vor einer Woche, als er die Bar verließ, wieder einen Mann getötet.
Meine erste Reaktion war Empörung. Mein Freund? Damit fühlte ich mich gleich mittendrin. Was hat denn mein Freund da getan? Einen Menschen umgebracht? Nicht unbedingt etwas, was ich jenseits eines Videospiels für tolerabel hielte. Zudem überkam mich ein Gefühl von Verantwortlichkeit.
Zu allem Übel war ich als Frank Friedmaier nicht irgendwer, nicht irgendein moralisch verkommenes Objekt, über das ich die Nase rümpfen und auf das ich mit Abscheu mit dem Finger zeigen könnte. Oder dass ich die Chance hätte, mich überlegen zu fühlen.
Ich bin der Held einer Geschichte, deren Ausgang ich dummerweise schon kannte.
Anderen, denen die Story noch nicht vertraut ist (aber unbedingt kennenlernen sollten), geht es möglicherweise mit diesem Kunstgriff noch übler, da sie erst im Laufe der Zeit erkennen, was für ein Schurke dieser Frank ist.
Das ist der Zauber des second-person narrative, der mich gleich zu einem Teil der Geschichte macht. Diese Erzählperspektive der zweiten Person wird sehr selten eingesetzt. Mir kam das intim vor, denn ich wurde unmittelbar eingesogen in die Handlung. Verstörend war, dass ich keinen Einfluss darauf hatte, was passieren würde. Ein weiterer emotionaler Störfaktor ist, dass mir als Rezipient vorgeschrieben wird, was ich denken habe, so getan wird, als wäre es meine Entscheidung. Sehr verwirrend.
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Gelungene Überraschung
Leser:innen, die das Original kennen, sind wahrscheinlich auch deshalb überrascht, weil diese Idee von Jean-Luc Fromental stammt und nicht von Georges Simenon. Im Roman wird man schön außen vor gehalten. Nicht, dass das nicht schon anstrengend und belastend genug wäre, diesem Frank Friedmaier zu folgen. Aber Fromental packt eine Schippe oben drauf.
Schon im ersten Kapitel auf den ersten Seiten wird ein Monsieur Berg gezeichnet. Im weiteren Verlauf spielt er auch keine Rolle und tritt nicht mehr in Erscheinung. Aber bitte schön – sehe ich da nicht einen Simenon? Die Ähnlichkeit ist frappierend.
Von meiner Seite gibt es eine klare Lese-Guck-Empfehlung: Von den bisher erschienenen Simenon-Comic-Adaptionen (auch den nur im französischen Original vorliegenden) halte ich diese für die bisher gelungenste. Ambiente und Story sind düster. Hässliche Menschen allerorten. Aber lassen Sie sich gefangen nehmen! Anders als die Helden in den Geschichten Simenons haben Sie immer die Chance zu entkommen.
Erschienen ist der Band bei Carlsen, 104 Seiten, 24 Euro. Es ist kein Buch, dass man Kindern schenken sollte – was auch für die Comic-Vorlage gelten dürfte.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.