Der Score


Still und heimlich hat sich auf den Beschreibungsseiten eine Funktion »eingeschlichen«, die erklärungsbedürftig sein könnte: der literarische Score. Mit diesem Hilfsmittel wird eine Gewichtung des Werkes von Simenon vorgenommen und mit diesem soll eine Orientierung durch das Dickicht des Werkes von Simenon gegeben werden. Verfügbar ist dieser Score vollständig für die offiziellen Maigrets.

Wie der Score funktioniert

Das Grundprinzip dieser kritischen Bewertungsmaschine ist schlicht, beinahe französisch-gnadenlos: Jedes Buch beginnt mit dem Stigma des Mittelmaßes. Punktestand zu Beginn: 4,5 – also irgendwo zwischen Dienst-nach-Vorschrift und gepflegter Langeweile. Nach oben arbeiten darf sich ein Roman erst, wenn er handfeste Qualitäten beweist: punktgenaue Zitate, echte Originalität, literarischen Witz.

Das sollte nicht wundern: Schließlich hat Simenon mehr als 350 Romane und Erzählungen geschrieben. Darunter finden sich viele solide Alltagsarbeiten – schätzungsweise ist nur jedes elfte Buch ein kleiner Meilenstein. Deshalb gilt: Wer aus dem grauen Einerlei herausragt, muss das in jedem Detail belegen.

Damit die Punktevergabe nicht völlig aus der Luft gegriffen erscheint, wird jedes Werk zuallererst in einen Stammbaum von Vergleichstiteln eingeordnet – die sogenannten Ankerwerke: Da wäre »Pietr-le-Letton«, kronjuwelenloses Frühwerk und handwerkliches Experiment (5,0). »Liberty Bar« hält als routinierte Platzhalterin die Mitte. »Le chien jaune« glänzt mit Atmosphäre, bleibt aber im Syndikatsmuster gefangen. Die echten Gipfeltreffen markieren »Les anneaux de Bicêtre« (eine stilistische und psychologische Wucht) sowie »La neige était sale«, das den Maßstab für Simenons Größe setzt.

In diesem Korridor, zwischen gutem Handwerk und literarischem Leuchten, bewegt sich das KI-basierte System mit strengem Lineal. Wer diese Linie verlässt, braucht triftige Begründung.

Trotzdem zwei Warnungen: Natürlich können sich bei den Bewertungen Irrtümer eingeschlichen haben. Zwar gibt es das menschliche Auge, das die Ergebnisse kontrolliert. Allerdings kann dies sich ebenso irren wie die Maschine. Gut möglich auch, dass die Maßstäbe des »Automaten« den fehlerhaften Grundannahmen von maigret.de zugrunde liegen – dann hilft eine Kontrolle durch selbige genauso wenig. 

Will sagen: Es handelt sich um Meinungen.

Sechs Dimensionen, kein Bonus für Routine

Bewertet wird nach sechs Kriterien, die alle mit Simenons Alltagsmaß anfangen: die Sprache, die Plotstruktur, die psychologische Tiefe, das thematische Niveau, der Realismus und – als Mindeststandard – die Lesbarkeit. Zwar schrieb Simenon nie schwerfällig, aber wahrhaft fesselnd war er auch nicht auf jedem Meter.

Mehr Punkte gibt es nur, wenn die Sprache funkelt, der Plot überrascht, die Figuren wirklich lebendig werden oder ein Thema plötzlich ganz neue Saiten aufzieht. Schlägt die Routine durch, bleibt es beim Startwert.

Wer glaubt, jede Kurzgeschichte könne genauso brillieren wie ein Roman, irrt: Je nach Gattung gibt es Obergrenzen für einzelne Kategorien. Niemand erwartet von einer siebenseitigen Erzählung die Wucht eines hundertseitigen Meisterwerks.

Lobende Ausreißer sind selten und werden mit Punkt-Boni belohnt – aber nur, wenn das Werk wirklich im Gedächtnis bleibt oder sogar zitierwürdig ist. Kritik hingegen ist Standard: Je niedriger der Gesamtwert, desto mehr Schwachstellen muss das Werk nachweisen. 

Hier herrscht Regulierung mit französischem Ernst.

Plausibilitätskontrolle

Damit keine Schummelei durchschlüpft, prüft das System, ob die Wertung zu Werk, Epoche und Fehlerdichte passt – Ungereimtheiten werden offen benannt. Die Skala ist naturgemäß hart: Nur ein Prozent aller Werke erreicht wirklich den Ruhm »herausragend«, während der traurige Durchschnitt und das routinierte Mittelmaß das Feld dominieren.

Die Bewertung erfolgt nicht interaktiv und permanent. Sie wurde einmal vorgenommen und ist jetzt verankert. Zudem existieren zwei zusätzliche Prüfschritte: Ist das Ergebnis nicht plausibel, hat der Automat automatisch eine Revision durchgeführt und dass dann gleich dreimalig, um auch wirklich sicher zu sein. Erschien dem menschlichen Revisor das Ergebnis nicht plausibel, weil die Ergebnisse sich zu weit aus dem erwarteten Korridor entfernt hatten, so konnte er auch den Prüfhebel betätigen. Nur in zwei Fällen wurden Resultate bisher korrigiert.

Jede Bewertung schaut sich das Buch nicht nur literarisch, sondern auch unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten an – rassistische Bilder, koloniale Sicht, Rollenklischees: All das wird benannt, ohne zu verurteilen, sondern um heutigen Leserinnen und Lesern Einordnung zu bieten. Die Tatsache, dass problematische Aspekte vorhanden sind, führt nicht automatisch zu einer Abwertung.

Wo finde ich den Score?

Hier wird der Score auf der rechten Seite angezeigt. Die Farbe gibt einen Eindruck, zu welcher Einschätzung der Score-Automat gekommen ist. Rötliche Farben deuten auf schwache Werke hin, gelbe auf Mittelmaß und grüne auf als gut eingeschätzte. An der Stelle werden keine weiteren Farbabstufungen vorgenommen.

Klickt man auf den Wert, kommt man zu einer Detailseite, auf den nicht nur die Wertung nochmals angeführt wird. Dort finden sich zudem Erläuterungen und Belegen, die das System zu dem Resultat geführt haben.

Beachtet werden sollte, dass auf der Seite eine permanente Spoiler-Gefahr besteht. Dies liegt in der Natur des Automaten, der auch die »Lösung« der Geschichte auf Plausibilität prüft und wenn sie ihm nicht gefällt, das auch zum Ausdruckt bringt. Aber keine Angst: Auf der Seite wird auf diesen Sachverhalt nochmals darauf hingewiesen …

Die Liste!

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Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, wie das »wahre« Ranking aussieht, der sei auf die Gesamtliste verwiesen. Dort wird gezeigt, welches nach diesen Kriterien der beste Maigret überhaupt ist. Interessanterweise finden sich im oberen Bereich der Liste durchaus auch Werke die in »Die fünf besten Maigrets« empfohlen werden. 

Aber halt nicht alle.

Da zeigt sich der Unterschied zwischen dem persönlichen Geschmack und der kaltherzigen Bewertung. Auch wird bei der Liste nicht berücksichtigt, dass der Platz 1 zwar durchaus die ihm zugeschriebene herausragende Qualität hat – ein Krimi-Leser aber nie mit diesem Buch anfangen würde. Aber schauen Sie selbst!

Anmerkung

Nach und nach werden sich diese Bewertungen auch bei den Romans durs einfinden. Das wird aber geraume Zeit brauchen, da hier die Ausgangsdaten noch nicht vorliegen und sehr zeitintensiv gewonnen werden müssen.

Auf zwei Schwächen der Methode sei der Vollständigkeit halber hingewiesen: Die Bewertungen fußen auf deutschen Übersetzungen. Sollte die Quelle eine schwache Übersetzung sein, so beeinflusst das auch die Bewertung des Werkes. So gesehen kann das nicht als globale Matrix angesehen werden.

Der Maßstab ist streng auf das Simenon-Œuevre ausgelegt – ein Bezug zu den Werk-Qualität im Vergleich zu anderen Schriftsteller:innnen und deren Schaffen kann damit nicht hergestellt werden. Der Score ist ein reiner Maßstab für die Simenon-Welt.