Wegweiser

Spurensuche in Lüttich (in Arbeit)


Gerade wer sich mit Simenon-Biografien befasst hat oder das autobiografische Werk Simenons gelesen hat, kommt vielleicht auf die Idee, sich seine Lütticher Stationen vor Ort anschauen zu wollen. Das ist kinderleicht, wenn man erst einmal vor Ort ist. Zum einen, weil die Strecke gut ausgezeichnet ist. Zum anderen weil es in der Innenstadt ist und ganz flach.

Letzteres ist in Lüttich keine Selbstverständlichkeit. Bei den ganzen Steigungen und den Treppen in der Stadt kann man schon mal leicht aus der Puste geraten. Tendenziell sollten Interessierte sich für ein solches Vorhaben die wärmeren Jahreszeiten aussuchen, damit die Chance besteht, ohne Regenschirm eine solche Expedition durchzuführen. Aus eigener Erfahrung kann gesagt werden, dass die Eindrücke, die man von der Stadt hat, bei schlechtem Wetter extrem leiden – mehr als bei anderen Städten.

Vorbereitung und Anlaufpunkte

Wenn Sie Interesse an einer solchen Tour haben, können Sie sich entweder an die folgenden Informationen halten oder Sie wenden sich an das »Office du Tourisme« der Stadt Lüttich. Das befindet sich in der Nähe des Marktplatzes, die Öffnungszeiten können der Webseite entnommen werden. 

Sehr sicher werden Sie dort auch einen Ansprechpartner finden, der Ihnen in deutscher Sprache weiterhelfen kann. Auf jeden Fall sollte nach der Broschüre »Auf Simenons Spuren« gefragt werden, welche die Tour vereinfachen kann.

Die Tour kann auch mit Hilfe der gut gemachten Webseite der Touristen-Information absolviert werden, allerdings steht diese nur in französischer Sprache zur Verfügung – was schade ist.

Vergleicht man die Tour, die in dem Beitrag vorgestellt wird, mit der »offiziellen«, so wird man Unterschiede feststellen können. Bei einigen Halten war der Simenon-Bezug nicht herstellbar, andere schienen nicht so interessant (beispielsweise die Jugendherberge mit dem Namen Simenons). Bei einer Route, die nicht geschlossen ist, und bei der man den gleichen Startpunkt gewählt hat, von andersherum gelaufen zu sprechen, erscheint widersinnig. Aber bei der hier vorgestellten Route wird »falsch« abgebogen, dass es wirklich so scheint, als würde man in der falschen Richtung unterwegs sein. 

Da es bei der Original-Route keinen roten Faden gibt, zumindest nicht in chronologischer Sicht, ist die hier gewählte Route nicht besser und nicht schlechter.

Die Beschreibung hier gibt den Stand des Jahres 2022 wieder. Städte sind wie lebende Organismen, ständig ändert sich etwas. Deshalb möge man entschuldigen, wenn sich gewisse Dinge ändern. 

Der Start

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(1) Sie haben sich gewappnet! Entweder mit dem Info-Material, welches die Stadtinformation zur Verfügung gestellt hat, vielleicht mit diesem Text oder Sie schleppen ein wenig Literatur- und Sekundärliteratur über Simenon mit sich herum. Wie auch immer. Wie sind auf dem Marktplatz und schauen auf das Rathaus von Lüttich.

Ein Rathaus hatte Lüttich schon länger gehabt – aber wer immer Lüttich im Mittelalter etwas Übles wollte, zerstörte das Rathaus. Die anderen Gebäude litten in der Regel auch, wurden teilweise in Schutt und Asche gelegt. So musste sich der Platz immer wieder neu erfinden. Die anderen, nicht städtischen Gebäude wurden meist schnell wieder aufgebaut; mit dem Rathaus wurde sich Zeit gelassen. Das Gebäude, das heute zu sehen ist, entstand 1714 und hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Es ist definitiv das eindrucksvollste Haus am Platze, die anderen sind wesentlich schmäler.

Simenon war hier vermutlich nicht nur wegen Pass-Angelegenheiten unterwegs, am 24. März 1923 ehelichte er in dem von den Lüttichern »Veilchen« genannten Gebäude Régine Renchon, kurz Tigy. Zuvor war er regelmäßiger Besucher im Rathaus gewesen, schließlich agierte er als Polizeireporter und im dort ansässigen Kommissariat bekam er die Polizeimeldungen überreicht. Einen gut dokumentierten Auftritt hatte Simenon im Jahre 1952 – bei seinem Besuch der Stadt wurde er als Prominenter empfangen und gefeiert.

An dem Gebäude gibt es eine Ehrentafel zu Ehren des Journalisten Arnold Maigret, der in einem Konzentrationslager von den Deutschen umgebracht wurde. Simenon könnte ihn gekannt haben, gab aber an, dass der Mann kein Pate für seinen Kommissar gewesen war.

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(2) Wenn Sie um das Gebäude herum gehen, kommen Sie zum »Place du Commissaire Maigret«. Auf diesem ist nicht nur eine Gedenktafel im Boden eingelassen zu finden, vor dieser sitzt auf einer Bank wiederum Georges Simenon auf einer Bank. Es ist leicht, sich neben ihn zu setzen und ein wenig auszuruhen. Die Frage ist natürlich, wovon – die Tour begann ja erst. Lassen Sie sich nicht dazu hinreißen, ein paar Bilder von sich mit der Statue zu machen, ist vor sich beim schnellen Versenden oder fixen Teilen in sozialen Netzwerken angesagt. Ein paar Schelme haben die Statue derart verziert, dass es anstössig wirken könnte. Die hier zu sehende Variante ist angemessen retuschiert worden.

(3) Die Statue von Simenon schaut nicht in die Richtung seines Geburtshauses, sondern, würde man eine Linie auf der Karte ziehen, in die Richtung des Kneipenviertels von Lüttich – was irgendwie passen würde. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, es handelt sich um die Rue Léopold 24 wurde der Schriftsteller geboren.

Rue Léopold 24

Eigentlich wäre er an einem 13. geboren worden, hatte Simenon behauptet, aber seine Mutter hätte darauf bestanden, das Datum vorzuverlegen. Das könnte Unglück bringen. Im Erdgeschoss befand sich damals nicht ein Friseur, wie im Jahre 2003, oder ein Modegeschäft wie heute – sondern ein Hutgeschäft. Im Stockwerk darüber wurden die ersten Schreie des kleinen Sim vernommen.

Die Brücke

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(4) Outremeuse ist ein ehemaliges Arbeiterviertel, welches auf einer Insel in der Maas liegt. Simenon wuchs hier auf und prägte sein Werk. Bezüge zu diesem Viertel und auch zu seiner Kindheit lassen sich in den verschiedensten Werken herstellen. Da wären sowohl die autobiografischen Werke wie »Stammbaum«, aber auch »Der rote Esel« oder »Das ungesühnte Verbrechen«. Um das Viertel zu betreten, gehen Sie über die Brücke Pont des Arches, welche Simenons ersten veröffentlichten Roman seinen Titel geben sollte.

Sie verbindet die Innenstadt mit der Insel und deshalb wird sie Simenon oft gequert haben. Das Bild der Brücke, wie es Simenon beim Schreiben vor Augen gehabt hatte, wird sich nicht in dem wiederfinden lassen, was wir heute sehen. Die Brücke wurde zweimal im letzten Jahrhundert zerstört, beide Male zu Lebzeiten von Simenon.

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(5) Im Sommer mag der Platz Place de l'Yser schöne Abkühlung spenden. Zu Simenons Jugendtagen – damals hieß er Place de Bavière – war er lichter bepflanzt, denn er war gerade erst frisch angelegt worden. Der kleine Simenon konnte jeden zweiten Sonntag zuschauen, wie sein Vater mit den sogenannten Sonntagssoldaten auf dem Platz exerzierte. Dieser war Mitglied der Bürgerwehr »Les soldats du dimanche«.

Kampfplatz war es auch für Simenon. Er war durch seinen Wohnort einer Pfarre zugeordnet und die Jungs der beiden benachbarten Pfarren Saint-Pholien und Saint-Nicolas bekriegten sich auf dem Platz.

Genau genommen reicht es, dass Sie den Platz zur Kenntnis nehmen und nur von der gegenüberliegenden Straßenseite anschauen. So schön, wie er sein könnte, ist dieser Ort nicht. Aber damit passt er wahrscheinlich gut zu der Kirche, die auch nicht zu den schönsten der Gegend gehört.

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(6) Unzweifelhaft ist es aber eine der bekanntesten Kirchen im Simenon-Universum. Schließlich ist sie Teil des Namens eines Maigret-Romans[MGSP] und ist verbunden mit der Geschichte »Die Verbrechen meiner Freunde«[RDVMF]