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Wer die Liebe sucht
Mit der Liebe ist das bei Simenon so eine Sache. Zu behaupten, dass der Belgier dieses Thema in seinen Romanen nicht thematisiert habe, würde es nicht treffen. Galante und leichte Stoffe sollten sich Leser:innen jedoch nicht erwarten. Die Liebesromane, die er in den 1920er-Jahren unter diversen Pseudonymen als Massenware schrieb, mögen seinen Stil geformt haben – aber eine gewisse Distanzierung ist hier schon zu verspüren.
Während er sehr darauf achtete, dass sein Werk von seinen Verlegern pfleglich und mit gebührender Achtung behandelt wird (wobei kommerzielle Interessen ganz gewiss auch eine Rolle gespielt haben), ist es nicht so, dass er seine Verlage gedrängt hat, seine Frühwerke mit ins Programm aufzunehmen. Obwohl wir in diesem Teil seines Œuvre eine ganze Reihe von Abenteuerromanen und Schmonzetten finden.
Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, welche Geschichten in der Zeit entstanden sind, kann sich in dem Exkurs »Das Überbleibsel einer Liebe« einlesen und wird sehen, wie weit weg die Geschichten aus seiner Jugend- und Drangzeit von seinen späteren Werken sind.
Über die genaue Zusammensetzung einer solchen Liste lässt sich immer trefflich streiten. Deshalb erhebt diese keinen Anspruch auf die endgültige Wahrheit und soll Ihnen als Leserin oder Leser nur einen Anhaltspunkt geben, wenn Sie dieses Genre im Werk von Georges Simenon interessiert.
Scheitern gehört zur Liebe
Kandidaten für die Top 3 waren zwei Werke, die es nicht in die Spitzengruppe geschafft haben, weil andere Aspekte eine größere Rolle spielen als die reine Liebesgeschichte. Ohne Zweifel ist »Das blaue Fenster« (La chambre bleue) von 1963 auch eine starke Liebesgeschichte und vor allem auch eine, in der Simenon sehr explizit über Sex schreibt. Ich würde jedoch behaupten, dass die Geschichte viel mehr durch die Obsessionsproblematik und den Versuch des Helden, Licht in das Dunkel eines Tötungsdeliktes zu bringen, das ihn seinen Kopf kosten könnte, dominiert wird. Wer sich so weit von der Liebesthematik entfernen mag, wird hier eine spannende und lesenwerte Geschichte finden.
Ähnlich verhält es sich mit »Die Wahrheit über Bébé Donge« (La vérité sur Bébé Donge). Auch das ist die Geschichte einer Ehe, einer Liebe – die aber überlagert wird von einem Verbrechen. Als Leser:innen versuchen wir zu ergründen, warum es zu der Tat kam und inwiefern die Liebe dabei eine Rolle spielt. Hier soll nicht gespoilert werden, aber so viel sei gesagt: Es war weniger die Krimiproblematik, die dieser Geschichte den Platz in den Top 3 verwehrt hat, als vielmehr die Tatsache, dass die drei Erstplatzierten schlicht stärker sind. Die Geschichte verdient es auf jeden Fall, gelesen zu werden. Und in diesem Fall kann sogar der Film empfohlen werden, in dem einmal mehr der fantastische Jean Gabin die Hauptrolle spielt.
Platz 3: Drei Zimmer in Manhattan (Trois chambres à Manhattan)

Ein Freitagabend in Manhattan: Noch hält sich der Herbst zurück, und in den Straßenschluchten hängt ein abgeklärter Dunst, der wenig einlädt. Für Kay und François, einander bis eben noch namenlos im Strom der Stadt, ist es weniger Aufbruch als Zwischenhalt. Ihre Geschichten sind nicht von Überschwang gezeichnet, allenfalls von milder Resignation.
Als sie miteinander ins Gespräch kommen, wirkt es mehr wie zufälliges Verweilen als magische Fügung. Kay spricht, François hört zu. Sie verlassen zusammen die Bar, lassen sich durch die Nächte Manhattans treiben. Es ist noch kein Versprechen, aber für diesen Abend zumindest ein Anfang.
Hier haben wir es mit dem einzigen Roman in unserer Liste zu tun, der mit einer Art Hoffnung endet. Interessant ist diese Geschichte von 1946 schon deshalb, weil sie das Kennenlernen Simenons mit seiner zweiten Frau Denyse verarbeitet.
Die Geschichte gehört unter dem Aspekt der Emotionalität zu den eindringlichsten Werken Simenons.
Platz 2: Die Tür (La porte)

Bernard Foy lebt seit dem Krieg mit einer schweren Behinderung. Eine Mine hat ihm beide Hände genommen. Nun wohnt er mit seiner Frau in Paris, und seine Tage kreisen darum, auf ihre Rückkehr zu warten. Die Stunden sind lang, die Ungewissheit ist ihm zur Gewohnheit geworden. Wenn er an das denkt, was sie draußen tut, schiebt sich Misstrauen in seine Gedanken – manchmal reicht schon ein unbekannter Name, um Unruhe in ihm auszulösen. Die Eifersucht, so weiß er, gehört zu ihm wie der Verlust. Verabschieden kann er sich von ihr nicht, und das Wissen darum macht seinen Alltag nicht leichter.
Simenon schildert in diesem Roman, wie die Liebe Foys in den Versuch von Kontrolle kippt. Zu beobachten ist, wie das Paar aufhört, miteinander zu reden, und wie die Tür zu einer Metapher der Gefangenschaft wird.
Wie so oft bei diesem Schriftsteller dürfen wir während des Lesens kein Happy End erwarten. Trotzdem fesselt einen das Buch, gerade weil Simenon die stillen Verwerfungen einer Ehe so unerbittlich genau nachzeichnet.
Platz 1: Brief an meinen Richter (Lettre à mon juge)

Ein Landarzt, eine geerbte Praxis, eine Ehe, die sich fast von selbst ergeben hat: Charles Alavoine übernahm mit der Praxis seines Vorgängers auch dessen Tochter. Seine Mutter, mit der er bislang zusammengelebt hatte, nahm die junge Frau mit sichtlicher Erleichterung in den Haushalt auf; es schien beinahe, als habe sie selbst eine Tochter dazugewonnen, weniger, als habe er geheiratet. Das neue Gefüge brachte Ruhe ins Haus, fügte sich zu einer Art Familie, überschaubar, eingespielt. Doch diese Ordnung war fragil. Als Alavoine eines Tages seinen Zug verpasst, begegnet er einer Frau, die das Gleichgewicht verschiebt – und mit ihr beginnt sich sein Leben von Grund auf zu verändern.
Das absolute Meisterwerk in Sachen Liebesgeschichten gehört zu den Top 5 von Simenons Geschichten überhaupt. Der Arzt schreibt aus der Todeszelle an seinen Richter. Die Briefform erlaubt eine enorme psychologische Tiefe. Die Liebe in der Geschichte ist erschreckend, total, zerstörerisch – und dennoch nachvollziehbar. Und keine Angst: Als Krimi würde ich den Roman nicht bezeichnen.
Verschwiegen werden sollte nicht, dass die Geschichte aus den 1940er-Jahren Frauenbilder zeichnet, die wir heute nicht mehr als tolerabel akzeptieren würden. Es lohnt sich aber, gerade deshalb hinzuschauen – als Erinnerung daran, was sich seitdem verändert hat.
Fazit
Sucht man Liebe in den Romanen und Erzählungen von Simenon, so werden die Suchenden fündig. Die kitschigen Liebesgeschichten wurden von dem Autor jedoch nicht erzählt. Wer diese sucht, muss leider weiterziehen. Hier findet man nur Geschichten für Erwachsene.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.