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Die Kriegsdekade
Krieg, Besatzung, Kollaborationsvorwürfe, die Emigration nach Amerika, die faktische Trennung von seiner Frau Tigy – Simenons 1940er-Jahre klingen nach einer einzigen Krisendekade. Doch es gab auch die andere Seite: eine Geliebte, die seine Frau wurde, einen weiteren Sohn, und vor allem eine literarische Reifung, die sein Werk auf ein neues Niveau hob. Wie so oft bei Simenon speiste sich seine Kunst direkt aus dem Erlebten.
Die Maigret-Leser:innen durften sich freuen: Simenon ließ seinen berühmten Kommissar nach Jahren der Pause zurückkehren. Und die Romane jenseits der Krimis zeigten eine bemerkenswerte Reife – psychologisch differenzierter, erzählerisch ausgefeilter. Dem Schriftsteller gelang dabei ein bemerkenswertes Kunststück: Er forderte seine Leser:innen über die Jahre mit anspruchsvollen Stoffen. Die Zugänglichkeit opferte er dabei jedoch nicht.
Lust auf einen Einstieg, Lust auf mehr – das ist die Aufgabe eines Leseguides wie diesem. Dabei ergibt sich eine paradoxe Situation: Der beste Roman ist nicht unbedingt der, den man als Einstieg empfehlen würde. Es verhält sich wie mit Wein: Ein Château Lafite Rothschild mag grandios sein – als Einstieg in die Welt des Rotweins wäre ein anderer Tropfen die klügere Wahl.
Deshalb finden Sie hier zweierlei: eine Liste der besten Romane des Jahrzehnts, ohne Wenn und Aber. Und eine zweite Liste mit Werken, die die beste Kombination aus Lesbarkeit und literarischer Qualität bieten.
So können Sie selbst entscheiden: Wollen Sie in literarischen Zirkeln mit dem Wissen um Simenons wichtigste Werke dieser Dekade glänzen? Oder Freunde gewinnen, indem Sie ihnen packende Lektüre empfehlen? Sie haben die Wahl.
Was auffällt: Die besten Romane dieses Jahrzehnts entstanden fast ausnahmslos nach Simenons Übersiedlung nach Amerika – weshalb hier vereinfachend von »Amerika-Romanen« die Rede sein soll, auch wenn manche der Geschichten auf dem alten Kontinent spielen. Das Erstarken der Qualität liegt vermutlich weniger am neuen Land als an der Reife, die aus der Lebenserfahrung erwuchs.
Starten wir mit den Romanen, die in der Ranking-Liste für dieses Jahrzehnt ganz oben stehen.
Bestenliste Platz 5: Die Phantome des Hutmachers (Les fantômes du chapelier)

Die Phantome des Hutmachers
La Rochelle im Spätherbst. Es regnete schon drei Wochen. Die Stadt versank zum Abend hin in Leblosigkeit. Wahllos, so schien es, wurden alte Frauen umgebracht. Die Polizei hatte keinen Anhaltspunkt, wer der Mörder war. Dieser verstrickt sich nicht nur tiefer in seine Verbrechen, sondern pflegt einen ausführlichen Dialog mit dem Reporter der Lokalzeitung. Das muss den Mörder – der, wir ahnen es, ein Hutmacher ist – viel Zeit kosten. Schließlich pflegte er doch seine Briefe aus Buchstaben und Wörtern der Zeitung auszuschneiden und aufzukleben. Wir haben es hier mit einem verstörenden Roman über Selbsttäuschung und die Mechanismen des bürgerlichen Wahnsinns zu tun, der sich sehr gut lesen lässt. Der Grund, warum diese Geschichte nicht in der Liste der sehr gut lesbaren Romane auftaucht, dürfte in dem Wort »verstörend« liegen.
Bestenliste Platz 4: Drei Zimmer in Manhattan (Trois chambres à Manhattan)

Ein Freitagabend in Manhattan: Hier soll eine der Geschichten starten, die als eine der stärksten Liebesgeschichten Simenons gilt – oder das, was man nur einem Simenon als Liebesgeschichte durchgehen lässt. In den Straßenschluchten hängt ein abgeklärter Dunst, der wenig einladend ist. Für Kay und François, einander noch unbekannt, namenlos im Strom der Stadt schwimmend, ist das gemeinsame Kennenlernen weniger Aufbruch als Zwischenhalt. Ihre Geschichten werden von Simenon nicht mit Überschwang gezeichnet, allenfalls mit milder Resignation. Als sie miteinander ins Gespräch kommen, wirkt es mehr wie zufälliges Verweilen als magische Fügung. Kay spricht, François hört zu. Sie verlassen zusammen die Bar, lassen sich durch die Nächte Manhattans treiben. Es ist noch kein Versprechen, aber für diesen Abend zumindest ein Anfang.
Hier haben wir es mit dem einzigen Roman in den beiden Listen zu tun, der mit einer Art Hoffnung endet. Interessant ist diese Geschichte von 1946 schon deshalb, weil sie das Kennenlernen Simenons mit seiner zweiten Frau Denyse verarbeitet. Die Geschichte gehört unter dem Aspekt der Emotionalität zu den eindringlichsten Werken Simenons.
Bestenliste Platz 3: Am Maultierpass (Le fond de la bouteille)

Patrick Martin Ashbridge (P.M.) lebt sein Leben in einem kleinen Tal an der mexikanischen Grenze. Sein Job ist lukrativ, seine Frau hat Vermögen mit in die Beziehung gebracht. Hier haben wir jemanden, dem es materiell gut geht. All das gerät in Gefahr, als eines Tages sein Bruder Donald bei ihm aufkreuzt. Diesen erwartet eine Strafe, weil er einen Polizisten angeschossen hat. Donald steht nicht der Sinn nach Gefängnis, weshalb er über die Grenze nach Mexiko abhauen will. Von seinem Bruder erwartet er, dass er ihm dabei hilft. Dieses Ansinnen wird jedoch durch ungünstige Wetterverhältnisse verhindert. Einer von Simenons ambitioniertesten Versuchen, Kriminalroman und Existentialismus zu verbinden. P.M. und Donald leben in unterschiedlichen Welten. So kumulieren Klassenkluft und Familienschuld in einer nächtlichen Tragödie, bei der am Ende niemand unschuldig bleibt. Verwunderlich bleibt, warum dieser Roman bei den Verlagsveröffentlichungen in den letzten Jahrzehnten so stiefmütterlich behandelt wurde. Buch und Film waren seinerzeit in den USA für Simenon ein großer Erfolg gewesen. Sehen Sie es als Geheimtipp an!
Bestenliste Platz 2: Brief an meinen Richter (Lettre à mon juge)

Ein Landarzt, eine geerbte Praxis, eine Ehe, die sich fast von selbst ergeben hat: Charles Alavoine übernahm mit der Praxis seines Vorgängers auch dessen Tochter. Seine Mutter, mit der er bislang zusammengelebt hatte, nahm die junge Frau mit sichtlicher Erleichterung in den Haushalt auf; es schien beinahe, als habe sie selbst eine Tochter dazugewonnen, weniger, als habe er geheiratet. Das neue Gefüge brachte Ruhe ins Haus, fügte sich zu einer Art Familie, überschaubar, eingespielt. Doch diese Ordnung war fragil. Als Alavoine eines Tages seinen Zug verpasst, begegnet er einer Frau, die das Gleichgewicht verschiebt – und mit ihr beginnt sich sein Leben von Grund auf zu verändern.
Das absolute Meisterwerk in Sachen Liebesgeschichten gehört zu den Top 5 von Simenons Geschichten überhaupt. Der Arzt schreibt aus der Todeszelle an seinen Richter. Die Briefform erlaubt eine enorme psychologische Tiefe. Die Liebe in der Geschichte ist erschreckend, total, zerstörerisch – und dennoch nachvollziehbar. Und keine Angst: Als Krimi würde ich den Roman nicht bezeichnen.
Verschwiegen werden sollte nicht, dass die Geschichte aus den 1940er-Jahren Frauenbilder zeichnet, die wir heute nicht mehr akzeptieren würden. Es lohnt sich aber, gerade deshalb hinzuschauen – als Erinnerung daran, was sich seitdem verändert hat.
Bestenliste Platz 1: Der Schnee war schmutzig (La neige était sale)

Der Schnee war schmutzig
Wird der Mensch durch Krieg verändert? Werden schlechte Menschen noch schlechter und gute können sich durch edle Taten behaupten? Fast hat man den Eindruck, ja. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Frank Friedmaier, der das Böse in Person zu sein scheint. Der junge Mann mordet in einem besetzten Land – Simenon wird hier nicht sehr konkret – aus nihilistischem Trotz und findet erst durch die Liebe der stillen Sissy zur Läuterung. Simenon beweist in diesem Roman, dass jedes Böse einen doppelten Boden hat, und ist nicht gewillt, seine Leser:innen zu schonen. In Sachen Psychologie spielt dieser Roman ohne Zweifel in der obersten Liga – die Charaktere sind so tiefgründig und widersprüchlich gezeichnet, dass man sich an die großen Werke Dostojewskis erinnert fühlt. Wer sich auf herausfordernde Werke Simenons einlassen will, kommt an diesem außergewöhnlichen Buch kaum vorbei. Die Begründung, warum dieser Roman trotz seiner hohen Qualität nicht in der Liste der Empfehlungen für den Einstieg zu finden ist, ähnelt der der Hutmacher-Story: Wer sollte in die literarische Welt von Simenon mit einem Buch einsteigen wollen, das den unzweifelhaft fatalen Weg eines Jugendlichen in sein Verderben aufzeigt, und einen verstören könnte? Das muss man erst einmal schaffen: Ein so guter Platz eins, den man Einsteigern partout nicht empfehlen möchte.
Intermezzo
Interessant ist, was passiert, wenn man die Lesbarkeit und Zugänglichkeit als ein entscheidendes Kriterium betrachtet. Der gepriesene Roman um den schmutzigen Schnee fällt zurück auf den Platz sieben oder gar acht. Plötzlich bekommen Romane eine Chance, die eine Literaturkritiker-Clique gar nicht auf dem Zettel gehabt hätte.
Nur zwei der zuvor erwähnten Romane bekommen in der Lesbarkeits-Liste eine Chance. Also lassen Sie sich überraschen, welche Empfehlungen nun folgen.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 5: Der Neue (Un nouveau dans la ville)

Der Neue
Seine Ankunft hat keiner beobachtet. Der Mann kommt in die Stadt, schaut sich um und entscheidet sich dann für die Kneipe von Charlie Moggio. Dieser ist ein richtiger Wirt – seinen Gästen will er nicht nur das Geld abknöpfen, er setzt auch auf Gespräche. Der geschwätzige Charlie trifft auf einen stillen und mürrischen Fremden – Justin Ward. Wer will es den Kneipenbesuchern verdenken, dass sie den Fremden mit einem Mord in der Nähe in Verbindung bringen. Sie täuschen sich und bekommen mit, dass der Neue gute Beziehungen hat. Der Neue hatte sich offenbar vorgenommen, die Stadt zu terrorisieren. Die Kombination aus Zugänglichkeit, Spannung und psychologischer Tiefe macht die Geschichte zu einem idealen Einstiegsroman. Das gilt insbesondere für die Leser:innen, die von der »Noir«-Seite kommen.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 4: Maigret und die alte Dame (Maigret et la vieille dame)

Maigret und die alte Dame
Kaum nimmt man die Lesbarkeit als Kriterium mit ins Boot, taucht schon der erste Maigret-Roman auf! Der Kommissar bekommt in Paris Besuch von einer alten Dame. Sie erklärt ihm, dass ihr Dienstmädchen vergiftet worden wäre, aber der Anschlag wohl ihr gegolten hätte. Der Kommissar ist von der alten Dame schon äußerst begeistert, sodass es der Aufforderung seines Chefs – der Druck vom Innenminister bekommen hat – gar nicht bedarf. Der reizende Anschein, der der Geschichte anfangs anhaftet, verliert sich schnell im Nebel der Normandie. Der Roman bietet die klassische Maigret-Ermittlung als sicheren Rahmen. Psychologisch geht er jedoch weit darüber hinaus. Wer Simenon über Maigret kennenlernen will und dabei weder mit bekannten Schwächen der frühen Fälle kämpfen noch beim Durchschnitt landen möchte, ist hier richtig.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 3: Brief an meinen Richter (Lettre à mon juge)
Einer der Romane, den wir in der Besten-Liste schon finden. Für eine Inhaltsangabe bitte kurz oben nachschauen. Der Abstieg von Platz zwei auf Platz drei ist im Unterschied zur von Simenon erzählten Geschichte kein Drama. Einen Platz kostet ihn die Tatsache, dass Krimi-Leser:innen schwerer einen Zugang finden: Briefe aus der Todeszelle gehören einfach nicht in das Genre. Andere Leser:innen werden begeistert sein, denn die Briefform erzeugt einen hypnotischen Sog, der sofort packt. Mit diesem Roman werden Leser:innen belohnt, die psychologische Intensität suchen.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 2: Maigret verliert eine Verehrerin (Cécile est morte)

Maigret verliert eine Verehrerin
Maigret hat gelegentlich mit Spinnern zu tun. Manchmal liegen die vermeintlichen Spinner jedoch richtig. Cécile hatte sich regelmäßig bei dem Kommissar gemeldet: Merkwürdiges würde in ihrer Wohnung vorgehen. Sachen wären am Morgen an anderen Plätzen als am Tag zuvor. Beweisen konnte sie nichts. Die junge Dame musste erst ermordet werden, bevor Maigret eine Ermittlung startet. Ein schlechtes Gewissen, das kann sich jeder gut vorstellen, hatte er zu Recht. Wir bekommen hier einen Maigret-Roman, der sowohl Spannung bietet wie auch gut lesbar ist: Die vertraute Krimi-Struktur dient als Türöffner, und die Geschichte bietet gleichzeitig eine tragische Frauenfigur von literarischer Tiefe. Die Auflösung der Geschichte mag ein wenig konstruiert wirken, aber das tut letztlich der Geschichte keinen Abbruch, denn die Atmosphäre und das Schicksal der jungen Frau tragen.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 1: Am Maultierpass (Le fond de la bouteille)
Im reinen Qualitätsranking ist die Geschichte »nur« auf Platz drei zu finden. In dieser Liste rutscht dieser Roman jedoch zurecht nach oben, weil er als einziger Top-Roman sowohl für Krimi-Leser:innen als auch für Literatur-Einsteiger:innen als »Guter Einstieg« eingestuft ist. Ein spannender Thriller mit klarem Plot und universellen Themen (wir erinnern uns: Brüderkonflikt, Schuld – die genauere Inhaltsangabe ist weiter oben zu finden) – das ist der zugänglichste unter den richtig guten 1940er-Romanen. Die Kain-und-Abel-Dynamik im amerikanischen Südwesten funktioniert ganz ohne Simenon-Vorwissen.
Abschließende Worte
Nun sind Sie gewappnet. Wenn das Gespräch auf Simenon kommt, können Sie getrost über die 1940er-Jahre parlieren – sei es über die großen literarischen Werke, sei es über die Geschichten, die sich gut lesen lassen. Vielleicht sogar, ohne diese selbst gelesen zu haben – was wahrlich schade wäre, denn es lohnt sich, auf Entdeckungstour sowohl in der einen wie in der anderen Welt zu gehen.
Und das sollten Sie auch: Denn was wäre peinlicher, als auf eine Kennerin oder einen Kenner zu stoßen, die über Details reden möchten? Gesteigert würde die Peinlichkeit nur noch, wenn Sie erwischt würden, wie Sie sich heimlich auf dem Smartphone auf maigret.de informieren.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.