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Vorwiegend heiter
Wem die schweren Schicksalsschläge, die die Helden von Simenons Romanen zu verkraften haben, zu sehr an die Nieren gehen, der sollte zwischendurch zu einem Roman oder einer Erzählung greifen, dem oder der ein sonnigeren Gemüt innewohnt; eine Geschichte, in der es ein wenig entspannter zugeht. Aber so ehrlich müssen wir sein: Simenon ist kein heiterer Autor. Wenn Ihnen etwas wahrhaft Lustiges vorschwebt, dann sollten Sie vielleicht weiterziehen.
Wir finden in seinem Gesamtwerk Stücke mit Ironie, mit tragikomischen Tönen oder mit einer relativen Leichtigkeit des Erzähltons — Komödien oder gar Schenkelklopfer sind darin nicht zu finden. Überhaupt gilt festzuhalten, dass das Heitere bei Simenon meist eine Maske ist. Bezogen auf das Gesamtwerk kann nicht davon die Rede sein, dass einem dieser Ausweg bei einem Simenon-Marathon sehr oft offen steht.
Genau genommen muss man schon auf die Suche gehen, um diese Geschichten zu finden. Während in den bisherigen Leser-Guides keine Maigret-Romane zu finden waren, sind sie in diesem Guide stark vertreten. Für eingefleischte Simenon-Leser kommt diese Erkenntnis wohl nicht sehr überraschend. Aber als Grundregel kann man festhalten: Wer die leichteren Themen mag und nicht belastet werden möchte, der sollte zu den Kriminalgeschichten des Schriftstellers greifen.
Im Vorfeld
Warum die beiden Roman es nicht in die Top 3 geschafft haben? Tja, irgendwie ist es halt doch immer problematisch, etwas für heiter zu halten, bei dem ein Mensch um die Ecke gebracht wird.
Platz 3: Das große Los (Le gros lot)
Dieser Leser-Guide bringt eine ganze Reihe von Novitäten. Da wäre zum Beispiel auch die, dass wir es erstmals mit einer Kurzgeschichte in den Top 3 zu tun haben. Vor Augen halten wir uns dabei, dass es sich im Gesamtwerk eher um ein mittelmäßiges Werk handelt. Aber diese Story, in der es um einen duckmäuserischen Buchhalter geht, der das große Los zieht, um sein duckmäuserisches Leben weiterzuführen — nur mit ein bisschen mehr verstecktem Luxus —, hat schon etwas. Er beschließt, seine Tage in der Nationalbibliothek zu verbringen, und liest dort erst einmal alle Werke von Dumas. Bemerkenswert ist auch, dass er einige Gewohnheiten an den Tag legt, die man in späteren, größeren Geschichten von Simenon wiederfindet — nur halt in kleiner und amüsanterer Form. Das Ende der Geschichte hat, Simenon kann wohl nicht anders, eine kleine bittere Note. So ganz konnte er es nicht lassen.
Platz 2: Trauer um Fonsine (Le deuil de Fonsine)
Ein »Trauer« im Titel verheißt nicht besonders optimistische Aussichten, geschweige denn Heiterkeit. Aber die Leser:innen bekommen es bei dieser Geschichte mit einer tragikomischen Angelegenheit um die Schwestern Sirouet zu tun, die sich zu Beginn der Story vor Gericht begegnen. Der Vorwurf der einen Schwester an die andere: Fonsine soll einen Schmortopf über die Mauer geworfen und somit die Schwester verletzt haben. Fernande war darüber sehr aufgebracht, aber das war sie schon immer, wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellt. Nun mag Fonsine aber weder zugeben, dass es ein Schmortopf war, den sie geworfen hat, noch mag sie glauben, dass der Wurfgegenstand die Schwester getroffen hat. So werden wir als Leser:innen in die Geschichte eines jahrelangen Zerwürfnisses hineingezogen, wie die Dorfbewohner, von denen zwar nicht jeder vor Gericht in den Zeugenstand muss, aber letztlich muss sich jeder — ob gewollt oder nicht — zu einer Partei bekennen. Der tiefere Sinn und Witz liegen in der Absurdität des Hasses der beiden Schwestern aufeinander. Ein Hass, der der Liebe so ähnlich ist, dass beide nicht ohne ihn leben können und eigentlich auch nicht ohne ihr Miteinander.
Platz 1: Maigrets Memoiren (Les Mémoires de Maigret)
Der beste Maigret ist auch der heiterste Maigret. Obwohl das so ist, wäre es fatal, mit dieser Geschichte anzufangen. Sie lässt sich viel besser genießen, wenn man den einen oder anderen Maigret gelesen hat und in das Universum des Kommissars eingetaucht ist. Das und ein wenig Vorkenntnis in der Entstehungsgeschichte der Maigret-Romane (die sich auf diesen Seiten — was für ein Zufall — durchaus in Erfahrung bringen lässt) führen dazu, dass sich bei den Leser:innen ein größeres Vergnügen einstellt. Hat man das nicht, ist es eine gut geschriebene Biografie eines Kommissars, der Einblick in sein Leben und sein Denken gibt. Das Ganze ist ein metaliterarisches Spiel mit Witz und Selbstironie, bei dem Simenon die gesamte Konstruktion seiner bekanntesten Figur aufs Glatteis führt. Genau genommen ist es mehr ein Essay als ein Roman, aber von hoher literarischer Qualität und ungewöhnlich vergnüglich zu lesen.
Rausschmeißer


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.