Schicksalsergeben!


Müsste das literarische Heimatrevier Simenons benannt werden, dann wären es wohl die Schicksalsromane. Menschen geraten in Konstellationen, aus denen es offenbar keinen Ausweg gibt — und das meist nicht wegen äußerer Umstände. Sie liegen in ihrer eigenen Natur begründet. Hinzu kommt das, was wir gern Fügung nennen. Genau genommen sind auch viele der Maigret-Romane Schicksalsgeschichten – nur dass Maigret sie entblättert.

Nun ist jeder triviale Liebesroman, der an einem Bahnhofskiosk in billigster Ausstattung zu erwerben ist, eine solche Schicksalsgeschichte. Denen fehlt jedoch die Tiefe, die Konsequenz und die Menschlichkeit. Die bekommt man so nur mit den Geschichten Simenons. Die Garantie auf ein Happy-End, die gibt es nicht. Seine Geschichten spiegeln das Unausweichliche wider, das Unerbittliche und als Leser:innen schauen wir in Abgründe.

Wer nun unbedingt einen Arzt-Schicksalsroman lesen möchte: Geschichten mit und um Ärzte, die kann man im Œuvre von Simenon durchaus finden.

Aus den zahllosen Geschichten, die Simenon im Laufe seines Schriftstellerlebens erschuf, ein paar Rosinen herauszupicken, ist wahrlich schwierig. Aber wir haben uns diesem Schicksal gestellt und präsentieren unsere Auswahl. Beginnen wir mit denen, deren Los es ist, das Empfehlungstreppchen nicht erreicht zu haben.

Bei den Abenteuerromanen schaffte es der Roman noch auf den zweiten Platz, hier muss er sich mit einem Platz im Vorfeld zufrieden geben: »Hotel ›Zurück zur Natur‹« (frz. »Ceux de la soif«). Die Geschichte um die deutschen Abenteurer, die auf einer Insel im Pazifik ein neues Lebensmodell probieren, lässt sich nicht nur als Abenteuergeschichte lesen, in ihr geht es ebenso um Schicksale. Bei dem Roman handelt es sich um ein erstaunliches Werk aus der Frühphase Simenons. Die Story beruht auf realen Ereignissen auf der Insel Floreana, die der Journalist Simenon in einer Reportage für die französische Presse behandelte.

Eine ganz andere Geschichte findet sich in »Das ungesühnte Verbrechen« (frz. »Crime impuni«). Elias Waskou lebte in Lüttich und arbeitete an seinem Doktortitel der Mathematik. Der Pole war zufrieden, bis ein lebenslustiger Rumäne in der Pension unterkam, der in den Augen Waskous etwas Klettenhaftes hatte. Der wohlhabende Mann kam in Belgien nicht zurecht und war auf die Hilfe von Waskou angewiesen. Lust hatte der keine und eines kam zum anderen, wir reden ja von Schicksal, um am Ende war der reiche Mann tot und Waskou auf der Flucht. Viele Jahre später, Elias Waskou arbeitete nun in einer neuen Gegenwart als Hotelportier in einem Kaff in Amerika, gab sich ein unerwarteter Gast in dem Hotel die Ehre. Dessen Ankunft verstörte Waskou zutiefst. Es handelte sich um Mikhail Zograffi, sein vermeintliches Opfer. Vom ersten Moment an hatte der unpromovierte Mathematiker das Gefühl, er wäre von dem Rumänen erkannt worden und harrte nun der unvermeidlichen Konsequenzen.

Platz 3: Am Maultierpass (Le fond de la bouteille)

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Mit diesem Roman haben wir eine zweite Amerika-Geschichte in diesem Guide und die hat es in sich. P.M. lebt sein Leben in einem kleinen Tal an der mexikanischen Grenze. Sein Job ist lukrativ, seine Frau hat Vermögen mit in die Beziehung gebracht. Hier haben wir jemanden, dem es materiell gut ging. All das gerät in Gefahr, als eines Tages sein Bruder Donald bei ihm aufkreuzt. Diesen erwartet eine Strafe, weil er einen Polizisten angeschossen hat. Donald steht nicht der Sinn nach Gefängnis, weshalb er über die Grenze nach Mexiko abhauen will. Von seinem Bruder erwartet er, dass er ihm dabei hilft. Dieses Ansinnen wird jedoch durch ungünstige Wetterverhältnisse verhindert. So manche sehen in diesem Werk einen von Simenons ambitioniertesten Versuchen, Kriminalroman und Existentialismus zu verbinden. P.M. und Donald lebten in unterschiedlichen Welten. So kumulieren Klassenkluft und Familienschuld in einer nächtlichen Tragödie, bei der am Ende niemand unschuldig bleibt. Verwunderlich, warum dieser Roman bei den Verlagsveröffentlichungen in den letzten Jahren so stiefmütterlich behandelt wurde. Buch und Film waren seinerzeit in den USA für Simenon ein großer Erfolg gewesen. Sehen Sie es als Geheimtipp an!

Platz 2: Malétras zieht Bilanz (Le Bilan Malétras)

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Wer ein Gesicht braucht, das zur Hauptfigur dieses Romans passt: Jean Gabin bietet sich einmal mehr an. Obwohl – es ist fast eine Überraschung – dieser Roman mit ihm nicht verfilmt wurde. Bisher gibt es überhaupt keine Verfilmung von »Malétras zieht Bilanz«, was vielleicht daran liegt, dass Gabin mittlerweile tot ist. Der namensgebende Jules Malétras war eine bedeutende Persönlichkeit in der französischen Küstenstadt Le Havre. Er hatte sich aus kleinen Verhältnissen nach oben gekämpft und war dabei hart und unbarmherzig. Nun hat er seine Firma verkauft und langweilte sich Tag für Tag. Zwar hatte er sich ein kleines Geschäft zugelegt, aber das füllte ihn nicht aus. Die Liebschaft mit Lulu hatte insofern ihren Reiz, als er aufpassen musste, dass die Affäre seiner Frau – die viel Wert auf ihre Würde legte – nicht auffiel. In schwere See gerät der Pensionär jedoch erst, als er seine Geliebte umbringt. Die Charakterstudie Malétras wird von Simenon sehr eindringlich geschildert und die Wandlung des Geschäftsmannes zu einem gelangweilten Ruheständler, der zum Mörder wird, ist sehr glaubwürdig. Nur, weil es eine Leiche gibt, sollte man diesen Roman nicht als Krimi abtun. Der Belgier zeigt uns mit der Story einmal mehr, dass er seine Kunst verstand und schenkte uns mit diesem Roman eine wahrlich rätselhafte Hauptfigur.

Platz 1: Die Glocken von Bicêtre (Les anneaux de Bicêtre)

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Jahr und Tag wird dieser Roman Simenons gepriesen. Zu Recht. Nur er kann an der Spitze dieser Liste stehen, denn hier haben wir es mit einem der Werke zu tun, die unzweifelhaft in der Top 3 seines ganzen Schaffens stehen. Im Mittelpunkt steht René Maugras. Dieser ist erfolgreicher Herausgeber einer Zeitung in Paris. Von einer Minute zur anderen ist er jedoch eine Hülle, die nicht mehr weiß, wie sie sich mit der Außenwelt verständigen soll. Der Schlag hat ihn im wahrsten Worte getroffen. Nun liegt er im Krankenhaus von Bicêtre, ein hilfloses Bündel, das sich nicht bewegen kann und keinen Ton herausbringt. Alle sind um ihn bemüht, nur Maugras weiß nicht, ob er die Kraft investieren soll, um ins Leben zurückzukehren. Im Krankenbett lässt er sein Leben Revue passieren. Der Roman stellt die Frage, ob ein Leben, das man gelebt hat, auch das war, das man leben wollte. Erzähltechnisch brillant, psychologisch von größter Tiefe – mit diesem Werk hat Simenon einen Beitrag zur Weltliteratur geleistet. Als Leser:in bekommen wir die Gelegenheit geboten, an dieser Reise durch Maugras' Vergangenheit teilzunehmen und Anteil zu nehmen an seinen Versuchen, wieder in sein Leben zurückzukehren. Man legt dieses Buch nicht unverändert aus der Hand.