Die 1930er-Jahre waren ein erstaunliches Jahrzehnt für Simenon. Er konnte die »Produktion« an Texten herunterfahren, war aber immer noch erstaunlich produktiv. Gemessen an dem Rest der Schriftsteller:innen-Welt war er das die Jahrzehnte danach immer noch. Die Qualität nahm zu, aber nur knapp die Hälfte der Geschichten finden sich im oberen Bereich der Qualitätsskala. Als Schriftsteller ist er in diese Dekade noch in seiner Findungsphase.
Krieg, Besatzung, Kollaborationsvorwürfe, die Emigration nach Amerika, die faktische Trennung von seiner Frau Tigy – Simenons 1940er-Jahre klingen nach einer einzigen Krisendekade. Doch es gab auch die andere Seite: eine Geliebte, die seine Frau wurde, einen weiteren Sohn, und vor allem eine literarische Reifung, die sein Werk auf ein neues Niveau hob. Wie so oft bei Simenon speiste sich seine Kunst direkt aus dem Erlebten.
Die erste Hälfte des Jahrzehntes war für Simenon eine Phase des Ankommens, die zweite dann eine der Rückkehr. Angekommen war er in den USA und zurückkehren tat er nach Europa. Die 1950er-Jahre waren ein gutes Jahrzehnt für ihn – und das nicht nur im Hinblick auf sein familiäres Leben, sondern auch in literarischer und kommerzieller Hinsicht. Seine Romane blieben für seine Leser:innen weiterhin zugänglich, während sein Schreibstil sich stetig verbesserte.
Alles wurde kompliziert! Lief es im Jahrzehnt zuvor sowohl privat als auch familiär rund, so änderte sich das in den 1960ern. Zwar spielte Simenon den Illustrierten die heile Welt vor, doch hinter den Kulissen gab es Entwicklungen, die aus einem seiner Romane hätten stammen können – und wie in diesen kein gutes Ende nahmen. Am Ende lag seine Ehe in Trümmern. Was das mit den Kindern machte, kann man sich vorstellen – beruflicher Erfolg zählt da wenig.
Mit der Liebe ist das bei Simenon so eine Sache. Zu behaupten, dass der Belgier dieses Thema in seinen Romanen nicht thematisiert habe, würde es nicht treffen. Galante und leichte Stoffe sollten sich Leser:innen jedoch nicht erwarten. Die Liebesromane, die er in den 1920er-Jahren unter diversen Pseudonymen als Massenware schrieb, mögen seinen Stil geformt haben – aber eine gewisse Distanzierung ist hier schon zu verspüren.
Action und Horror, das sind die beiden Genres, die Simenon in den vielen Jahren nicht bespielt hat. Und für Young Adult war er zu früh geboren. Ansonsten hat er über die Jahrzehnte ein weites Spektrum bedient, unter anderem in den 1920er- und 1930er-Jahren auch das Feld der Abenteuerromane. Dass klassische Fans des Genres dabei Befriedigung finden werden, ist eher zweifelhaft. Simenon-Liebhaber hingegen werden die Ausflüge interessant finden.
Müsste das literarische Heimatrevier Simenons benannt werden, dann wären es wohl die Schicksalsromane. Menschen geraten in Konstellationen, aus denen es offenbar keinen Ausweg gibt — und das meist nicht wegen äußerer Umstände. Sie liegen in ihrer eigenen Natur begründet. Hinzu kommt das, was wir gern Fügung nennen. Genau genommen sind auch viele der Maigret-Romane Schicksalsgeschichten – nur dass Maigret sie entblättert.
Wem die schweren Schicksalsschläge, die die Helden von Simenons Romanen zu verkraften haben, zu sehr an die Nieren gehen, der sollte zwischendurch zu einem Roman oder einer Erzählung greifen, dem oder der ein sonnigeren Gemüt innewohnt; eine Geschichte, in der es ein wenig entspannter zugeht. Aber so ehrlich müssen wir sein: Simenon ist kein heiterer Autor. Wenn Ihnen etwas wahrhaft Lustiges vorschwebt, dann sollten Sie vielleicht weiterziehen.
Gesellschaftskritische Anspielungen sind in Simenons Werk an zahllosen Stellen zu finden – im Kleinen wie im Großen. Schaut man sich die Maigrets an, wird dort oft thematisiert, wie gut es die Bedeutenden und Reichen verstehen, Einfluss zu ihren Gunsten zu nehmen. Oder wie der Kommissar selbst feststellen muss, dass Erfahrung als Ballast verstanden wird von denen, die mit modernen Ideen von den Universitäten kommen.