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Das Erwachen
Die 1930er-Jahre waren ein erstaunliches Jahrzehnt für Simenon. Er konnte die »Produktion« an Texten herunterfahren, war aber immer noch erstaunlich produktiv. Gemessen an dem Rest der Schriftsteller:innen-Welt war er das die Jahrzehnte danach immer noch. Die Qualität nahm zu, aber nur knapp die Hälfte der Geschichten finden sich im oberen Bereich der Qualitätsskala. Als Schriftsteller ist er in diese Dekade noch in seiner Findungsphase.
Es wird Zeit brauchen, bis er sich als Krimi-Autor und Stilist gefunden hat. Ein guter Beobachter war Simenon aber schon in diesem Jahrzehnt, weshalb seinen Werken schon sehr gute Noten im Punkt Realismus zugeschrieben werden. Für die Leser:innen, die wirklich gute Romane von ihm lesen wollen, ist jedoch Vorsicht angesagt – so leicht sich eine Liste mit den besten Romanen schrieben lässt, so leicht lässt sich eine mit den schlechtesten erstellen.
Geprägt wurde das Jahrzehnt aus der Sicht der Öffentlichkeit von den Maigret-Romanen. Hiermit hatte Simenon etwas wahrhaft Neues erschaffen. Dieser neue Typus von Ermittler, weniger heroisch und so viel normaler als viele seiner Detektiv-Vorgänger – ein Beamter wie er im Buche steht – kam erstaunlich gut an. Die Verleger glaubten nicht an den Erfolg. Aber zum einen hatte Simenon die richtigen Marketingideen, um seinen Kommissar bekannt zu machen; andererseits kamen dann die Geschichten bei der Leserschaft gut an.
Umso größer war die Verwunderung, als Simenon schon nach wenigen Jahren das Aus der Reihe verkündete. Er wolle sich, erklärte Simenon, von nun an der ernsthaften Literatur widmen. Ein zweites Mal dürften sich die Verleger an die Stirn gegriffen haben. Warum einen Goldesel denn schlachten?
Nüchtern betrachtet war das die richtige Entscheidung. Mit den Jahren erstarkte die Qualität seiner Non-Maigret-Romane. Was letztlich auch den kommenden Maigret-Geschichten zugute kam.
Da es einiges an Licht, aber halt auch viel Schatten in den Werken aus dieser Zeit gibt, sollen hier die besten Romane aus dem Jahrzehnt vorgestellt werden. Damit erhalten Sie Orientierungspunkte, wenn Sie sich mit der Frühphase Simenons beschäftigen möchten.
Nur eine Erwähnung
In die Top-5 dieser Dekade schafft es kein einziger Maigret – ich greife nicht zu weit vor, wenn ich sage, dass ich das auch für die kommenden Dekaden erwarte. Die Romans Durs werden einfach immer besser ...
Die Geschichten, die bemerkenswert sind und auch einen sehr hohen Score erreicht haben, sollen erwähnt werden. Als absoluter Favorit darf dabei »Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes« gelten. Der Titel, den der Roman in früheren Jahren trug, ist durchaus zutreffend: Maigret riskiert seine Stellung. Zusammen mit seinem Intimfeind, dem Untersuchungsrichter Coméliau, sorgt er dafür, dass ein zum Tode verurteilter Mann, aus seiner Zelle fliehen kann. Maigret versucht auf diesem Weg, dem wahren Mörder auf die Spur zu kommen und bekommt es mit einem Gegenspieler zu tun, der einmalig im Maigret-Universum ist.
Andere Töne werden in dem Roman »Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet« angeschlagen: Monsieur Gallet ist Handlungsreisender, Zuständigkeitsbereich ist die Normandie. Umso überraschter ist seine Frau, als sie erfährt, dass ihr Mann in Sancerre an der Loire erschossen wurde.
Platz 5: Der Outlaw (L'Outlaw)

Um an etwas Geld zu kommen, ist der polnische Intellektuelle Stan Sadlak gezwungen, an den Hallen Kohlköpfe auszuladen. Keine angenehme Tätigkeit, gerade wenn es draußen Minus-Temperaturen hat. Aber das sind die geringsten Sorgen, die Stan hat. Er befand sich illegal in Paris und hat weder Unterkunft noch Geld. Da war auch kein Licht am Horizont. Der junge Mann kommt auf die Idee, dass ein krummes Ding ihn weiterbringen könnte. Seiner Freundin erzählt er nichts von seinem Vorhaben. Da diese einen Weg gefunden hat, sich mit legalen Mitteln aus der Armut zu befreien, wird es eine Geschichte um Kampf und Entfremdung. Der Roman kann als psychologisch dichtester Roman der mittleren Schaffensperiode betrachtet werden. Verheimlicht werden soll nicht, dass es Schwächen bei der Lesbarkeit gibt – beispielsweise durch die sich wiederholenden Grübeleien Stans.
Platz 4: Die Leute gegenüber (Les gens d'en face)

Der konsularische Dienst steht nicht im Ruf, abenteuerlich zu sein. Das weiß Adil-Bey auch. Auf was er sich mit der Aufnahme des konsularischen Dienstes in Batum, einer russischen Stadt, eingelassen hat, ahnte er nicht. Sein Vorgänger verstarb, der konsularische Vertreter ist im Räderwerk der politischen Polizei Russlands verschwunden. Es gibt andere Ausländer, aber die sind ihm keine große Hilfe. Seine Sekretärin Sonia wird von ihm bezahlt, scheint aber nicht allein in seinen Diensten zu stehen. Die ganze Umgebung macht dem jungen türkischen Mann zu schaffen, da muss er sich noch in Sonia verlieben und feststellen, dass er vergiftet wird. Dieser Roman ist weit mehr als ein Krimi – es handelt sich um eine Studie über kulturelle Entfremdung, Paranoia und totalitäre Mechanismen.
Platz 3: Das Haus am Kanal (La maison du canal)

Ein Frühwerk Simenons, das in Marsilly entstand. In diesem Roman zeigt sich Simenons volle atmosphärische Kraft. Die 16-jährige Edmée kommt zu Verwandten in die limburgischen Rieselungen und stürzt die Bauernfamilie ins Verderben. Die Darstellung der flämischen Landschaft lässt an Präzision kaum Wünsche offen. Bewässerungstechnik, das bäuerliche Milieu und das tägliche Leben werden mit einem dokumentarischen Blick eingefangen – hier zeigen sich die Wurzeln von Simenon als Journalist. Jedoch auch auf psychologischer Ebene beeindruckt das Werk: Die Hauptfigur bleibt in ihrer widersprüchlichen Natur faszinierend und bewegend – sie ist gleichermaßen Opfer wie Täterin und entzieht sich damit einfachen Zuordnungen. Dieses Wechselspiel von äußerer Anschaulichkeit und innerer Komplexität macht die besondere Qualität dieses Romans aus.
Platz 2: Der Wucherer (Malempin)

Der in der deutschen Ausgabe titelgebende Wucherer spielt keine Hauptrolle in der Geschichte. Es ist der Arzt Dr. Malempin, der im Mittelpunkt steht. Aber der wuchert wiederum nicht. Weder mit Geld, noch mit Lebensfreude. Er erzählt in der Geschichte, wie er in der Kindheit von seinen Eltern zu seiner Tante gegeben wurde, die ihm das Studium finanzierte und machte sich Gedanken darüber, was wohl dem Onkel passiert war, der eines Tages verschwand und den man als Wucherer bezeichnen konnte. Ausgangspunkt für die Reise in die Vergangenheit ist eine schwere Krankheit seines Sohnes. Der Roman verbindet die Simenon-typische Analyse bürgerlicher Fassaden mit einer fast proustschen Erinnerungsarbeit. Beim Realismus muss man einige Abstriche machen.
Platz 1: Vor Gericht (Cour d'assises)

Wir bekommen es in der Geschichte mit Petit Louis zu tun, der einen grandiosen Plan hat. Er holt einen hervorragenden Boule-Spieler, der in einem kleinen Ort an der Mittelmeerküste für ordentlich Aufsehen sorgt und raubt, während das ganze Dorf dem fantastischen Spieler zuschaut, in aller Seelenruhe das Postamt aus. So beginnt die kriminelle Karriere des Mannes. Der »Erfolg« katapultiert ihn in eine Phase maßloser Selbstüberschätzung, an deren Ende der Mann vor seiner ermordeten Geliebten steht und erkennen muss, dass versucht wird, ihm einen Mord anzuhängen. So wird Petit Louis Opfer der Justiz — und das nicht, weil das System bösartig ist, sondern weil es gar nicht an den Menschen – seien es Opfer, seien es Täter – interessiert ist. Der Roman überzeugt besonders durch seine thematische Tiefe: Mit feinfühliger Hand greift er zentrale Fragen seiner Zeit auf und stellt sie in den Mittelpunkt der Geschichte. Der Text hat einen fesselnden Rhythmus, der die Leser:innen nicht mehr loslässt. Weniger ausgereift, und das ist die Schwäche fast aller 1930er-Werke Simenons, wirkt die Sprache: Sie zeigt bereits viel Reife und Stilbewusstsein, erreicht jedoch noch nicht das Niveau, das wir in den späteren Meisterwerken finden.
Für Entdecker
Wer in dieser Dekade auf Entdeckungstour geht, der findet einen Simenon vor, der schon Geschichten erzählen kann, einen ausgeprägten Sinn für Realismus und zwischenmenschliche Beziehungen hat.
An der Lesbarkeit hapert es jedoch bei vielen Werken. Gerade wer quer durcheinander liest und spätere Werke als Vergleich heranzieht, wird das deutlich merken.
Irgendwer hat auf die Frage, was man von Simenon lesen sollte, mit »alles« geantwortet. Die Antwort ist falsch und ungerecht sowohl gegenüber den Leser:innen wie auch Simenon. Wer sich auf diesen Rat hin mit den schwächeren Werken Simenons gerade aus dieser Dekade beschäftigt, wird eventuell von dem Gesamtwerk des Schriftstellers abgeschreckt und findet nicht zu den Meisterstücken. Und das wäre doch schade.
Für Entdecker:innen in diesem Jahrzehnt gilt: Augen auf bei der Stoffwahl!


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.