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Suche das Abenteuer!
Action und Horror, das sind die beiden Genres, die Simenon in den vielen Jahren nicht bespielt hat. Und für Young Adult war er zu früh geboren. Ansonsten hat er über die Jahrzehnte ein weites Spektrum bedient, unter anderem in den 1920er- und 1930er-Jahren auch das Feld der Abenteuerromane. Dass klassische Fans des Genres dabei Befriedigung finden werden, ist eher zweifelhaft. Simenon-Liebhaber hingegen werden die Ausflüge interessant finden.
Simenon schrieb diesen Geschichtentypus nur in seinen frühen Jahren. Zwischen den beiden Dekaden gibt es allerdings einen deutlichen Unterschied. In den 1920er-Jahren saß Simenon im gemäßigten Klima von Paris. Was er erzählte, hatte er sich aus Büchern anderer, aus Lexika und Atlanten zusammengetragen. Recherchen, die den Namen verdienen, hatte der Autor nicht vorgenommen, und so sind ausgewogene Perspektiven nicht zu finden.
Wie man an der Lesereise zu »Les maudits du Pacifique« nachvollziehen kann, entstanden in der Zeit aus heutiger Sicht sehr problematische Werke. Kolonialistische und rassistische Ansichten wurden gespiegelt oder zumindest nicht hinterfragt. Was also war passiert, dass sich in den späteren Romanen, die er unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, eine Entwicklung erkennen lässt? Der Autor kam zu Geld, und mit dem wachsenden Wohlstand fing er an zu reisen.
Die Reisen führten ihn in die ganze Welt – einen Aufschluss darüber, wo er überall war und was er alles gesehen hat, bieten eine Reihe von Fotobänden, die mit den Jahren entstanden sind, eine ganze Reihe von Reportagen (die teilweise auch in deutscher Sprache vorliegen) und natürlich die späteren Romane aus den 1930er-Jahren. Unzweifelhaft finden sich auch in diesen Geschichten aus heutiger Perspektive problematische Dinge – aber eine Veränderung ist nicht nur im Schreibstil Simenons zu erkennen, sondern auch in seinem Blick auf die Welt, die Menschen und die Gesellschaft.
Eingangs wurde geschrieben, dass es fraglich ist, ob eingefleischte Leser von Abenteuergeschichten in den späteren Adventures von Simenon Befriedigung und Erfüllung finden werden. Der Grund für den Zweifel liegt in der Art, wie der Belgier an seine Geschichten herangeht: Im Mittelpunkt steht immer der Mensch, und der Rest ist nur Staffage und Kulisse. In seinen Geschichten geht es nicht um Abenteuer im Sinne von Abenteuerlust. Vielmehr geht es um das Abenteuer der Fremdheit – was passiert, wenn ein Europäer in eine Welt gerät, die seine Kategorien nicht kennt.
Dieser Umstand macht auch das Lesen der Geschichten aus den beiden Dekaden zu einem Abenteuer. Wer sie nacheinander liest, erkennt, wie Simenon selbst die Welt zunächst nicht kannte – und sie dann eroberte.
Knapp vor der Top 3
Wer will, kann sich »Der Passagier der Polarlys« auch als Comic zu Gemüte führen. Bei der Geschichte haben wir es mit einem Genremix zu tun, denn sie trägt vielmehr die Züge eines Krimis; durch die Wahl des Schauplatzes und die Erzählweise bekommen die Leser:innen aber eine Prise Abenteuer dazu gemischt. Auf einer scheinbar routinierten Fahrt zwischen Hamburg und dem hohen Norden spürt Kapitän Petersen ein wachsendes Unbehagen an Bord seiner »Polarlys«, die die norwegische Küste entlang schippert. Die Atmosphäre verdichtet sich, als ein ungewöhnlicher Passagier zusteigt und bald darauf ein Mord geschieht. Die Grenzen zwischen Misstrauen, Aberglauben und echter Gefahr beginnen zu verschwimmen. Am Ende steht fest: Für die Besatzung und die wenigen Fahrgäste wird diese Überfahrt alles andere als gewöhnlich.
In das Genre passt auch die Geschichte »Auf großer Fahrt«, in der es um Charlotte geht. Die hat sich bereiterklärt, eine kleine finanzielle Lücke in einer Anarchistengruppe zu beseitigen. Ihr schwebt dabei vor, dass sich diese Lücke gut von ihrem Liebhaber schließen ließe. Da hat sie die Rechnung ohne den Zahlenden gemacht: Der wehrt sich und ist nach diesen »Verhandlungen« tot. Charlotte begibt sich mit ihrem »echten« Freund auf die Flucht. Sie reisen nach Dieppe, von wo aus sie auf eine lange Fahrt aufbrechen: Über Panama geht es nach Buenaventura und von dort weiter.
Schaut man sich die Bewertungen der beiden genannten (und auch der noch kommenden Top 3) an, so wirkt die Auflistung im Kontext der »stärksten Abenteuergeschichten« zweifelhaft. Unzweifelhaft spielen diese Geschichten Simenons in einer anderen Liga als der Rest seines Gesamtwerkes. Aber wie würde sich eine Headline machen, in der steht: »Die relativ starken Abenteuergeschichten Simenons«?
Platz 3: 45° im Schatten (45° à l'ombre)
Ein Schiffsarzt auf hoher See, ein verzweifelter Passagier, ein Kammerspiel unter der Sonne. Das Abenteuer spielt sich hier vor allem im Inneren ab – das Meer als Ort der Isolation und des erzwungenen Zusammenseins.
Was passiert in der Geschichte? Einem jungen Vater bleibt nichts anderes übrig, als seine gut dotierte Stellung aufzugeben, da sein Baby mit der Hitze nicht zurechtkommt. Er landet in einer engen Kabine auf der »Aquitaine«, die die Familie zurück nach Bordeaux bringen soll. Auf dem gleichen Schiff hat es sich auch der reiche Lachaux bequem gemacht, der sein Leben damit verbringt, anderen Menschen das Leben schwer zu machen. Seine Opfer sind auf dieser Reise in erster Linie der Kapitän, der bei jeder Kleinigkeit aufgesucht wird, und in zweiter Linie die anderen Passagiere, die von so viel Gemeinheit ziemlich angeekelt sein dürften. Donadieu, der Schiffsarzt und kein Mitglied des im späteren Schaffen Simenons noch auftauchenden Familienclans, beobachtet mit kühler Distanz das Treiben auf dem Schiff und versucht hin und wieder, bestimmte Geschicke zu lenken.
Der Roman bietet eine gute psychologische Grundstruktur und ist handwerklich solide geschrieben.
Platz 2: Hotel »Zurück zur Natur« (Ceux de la soif)
Simenon hatte eine Geschichte aufgegriffen, die damals wie heute die Menschen fasziniert. Eine Reihe von Aussteigern hat es sich auf der zu den Galápagos-Inseln gehörenden Floreana gemütlich gemacht und muss nun sowohl der Natur trotzen als auch dem sozialen Zusammenspiel in der kleinen Gruppe. Der Belgier gibt Interessierten gleich zwei Möglichkeiten, sich mit der Geschichte zu beschäftigen: als Reportage, denn er war in jener Zeit als Journalist in der Gegend unterwegs gewesen, und in diesem Roman. (Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Dokumentationen, die sich mit dem Thema beschäftigen.)
Aussteiger sind ein ganz eigenes Völkchen. Dr. Müller mochte das asketische Leben in der Einsamkeit. Dumm nur, dass er darüber Artikel verfasst hatte und diese in Deutschland veröffentlicht wurden. Damit lockte er Neugierige an. Die Katastrophe brach über die Inselbewohner herein, als sich eine Gräfin auf der Insel niederließ, die mit den natürlichen Gegebenheiten nicht umgehen konnte.
Simenon zeigt in dieser Geschichte, wie ideale Gemeinschaften an der menschlichen Natur scheitern. Atmosphärisch ist der Roman dicht und psychologisch überzeugend, bei einer Exposition, die etwas Geduld verlangt. Die Aussteiger-Story zählt zu den stärkeren Frühwerken Simenons.
Platz 1: Die Erbschleicher (Le passager clandestin)
Der erste Platz in der Liste fällt aus der Reihe. Der Roman gehört zur mittleren Schaffensperiode des Schriftstellers und darf als reifster und zugänglichster der Simenon-Abenteuerromane gelten.
Leser:innen können Südsee-Exotik von Simenon geliefert bekommen. Zweifelhaft ist indes, ob daraus Gefühle von Sehnsucht entstehen. Wer diese Erwartungshaltung hat, sollte die Geschichte meiden. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass etwas an einem vorübergeht, was einem ansonsten von Simenon konsequent verweigert wird. Aber das müssen Sie schon allein herausfinden!
Major Owen macht sich auf den Weg nach Tahiti, um mit seinem letzten Geld den Erben eines Millionenvermögens ausfindig zu machen. Dabei stellen sich ihm allerlei Hindernisse in den Weg: Die Kultur auf der Insel ist noch das kleinste. Sein Widersacher Alfred Mougins ist viel ernster zu nehmen.
Simenon kannte diese Welt aus eigener Anschauung; Tahiti war immer wieder Schauplatz für seine Geschichten gewesen. Mit diesem Roman lieferte er psychologische Tiefe, statt sich auf die exotische Dekoration zu verlassen.
Fazit
Wer die wilden Haudrauf-Abenteuergeschichten haben möchte, dem bleibt nur der Weg in das Werk, das Simenon unter Pseudonymen veröffentlicht hatte und das in deutscher Sprache nicht vorliegt. Die anderen Geschichten, die wir geliefert bekommen, spielen zwar in exotischer Kulisse, stellen aber nicht das Abenteuer als Handlung in den Mittelpunkt, sondern den Menschen und seine Entwicklung in diesem Rahmen.
Leser:innen, die sich dafür interessieren, sollten jedoch bedenken, dass die meisten Werke dieses Genres aus der Frühzeit von Simenons Schaffen stammen und meist nur erträglich bis durchschnittlich sind.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.