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Der lange Ausklang
Alles wurde kompliziert! Lief es im Jahrzehnt zuvor sowohl privat als auch familiär rund, so änderte sich das in den 1960ern. Zwar spielte Simenon den Illustrierten die heile Welt vor, doch hinter den Kulissen gab es Entwicklungen, die aus einem seiner Romane hätten stammen können – und wie in diesen kein gutes Ende nahmen. Am Ende lag seine Ehe in Trümmern. Was das mit den Kindern machte, kann man sich vorstellen – beruflicher Erfolg zählt da wenig.
Denn der war unzweifelhaft vorhanden. Seine Bücher verkauften sich wie geschnitten Brot. Die expandierenden TV-Sender dürsteten nach seinen Geschichten, sodass selbst schwächere Geschichten – nicht ohne Charme – zu Serien wurden. Und seine neuen Romane wurden durch seine Lebenserfahrung tiefgründiger – viele seiner besten Geschichten entstanden in der Zeit und er schrieb mehr Maigrets. Und doch betrachten wir zugleich den Abgesang des Romanciers.
Die Basis für diesen Leseguide ist ein aufwändiger Scoring-Prozess, der so unbestechlich ist wie Kommissar Maigret, und aus dem ein Ranking entstanden ist. Persönliche Befindlichkeiten spielen keine Rolle (und ja, es tut weh, wenn man seine Lieblinge nicht wiederfindet).
Bei der Erstellung dieser Guides erlaubten wir uns eine kleine Freiheit: Im Zweifel für Maigret. Erst in diesem Guide haben wir es uns erlaubt, den Maigret-Freifahrtsschein zu ziehen. Da wir die Transparenz lieben, wird dieser Grenzfall an der entsprechenden Stelle klar benannt werden und die Leser:innen können ihre eigenen Schlüsse ziehen.
Das Spätwerk wird psychologisch dichter, dadurch aber nicht leichter lesbar. Wer den Zugang zu Simenon über sein Werk aus dieser Dekade erforschen möchte, der muss mehr Bereitschaft zur psychologischen Selbstbeobachtung mitbringen als dies in den Werken aus den Dekaden zuvor gefordert war. Das gilt insbesondere für das Non-Maigret-Werk, aber erstaunlicherweise schrieb er mehr über den Kommissar gerade in diesen Jahren – das kann auch so interpretiert werden, dass das Schreiben dieser Stories für Simenon eine Art Erholung von den anderen, schwierigeren Stoffen war.
Das Kunststück, gleichzeitig sehr gut zugänglich zu sein und anspruchsvoll, das gelang Simenon in den 1960er-Jahren nicht mehr so gut, wie in den beiden Dekaden zuvor. Zwischen 1960 und 1969 muss man sich entscheiden – zugänglich oder anspruchsvoll.
Simenon schaffte nicht den Absprung auf dem Höhepunkt. Der kam zwei, drei Jahre zu spät – wir reden hier über die 1970er. Der beste Roman in dieser Dekade ist noch »Maigret und Monsieur Charles«, die restlichen Werke liegen weit unter dem Durchschnitt der Vorgängerjahre. Insofern scheint die Entscheidung, als Romancier in Rente zu gehen, eine weise Entscheidung. Dass es besser geworden wäre in den Folgejahren, wäre nicht zu erwarten gewesen. In diesem Guide findet sich kein einziges Werk aus diesen drei Jahren – Simenon war als Romancier leer und fing nun an, seine Geschichte zu erzählen.
Auch wenn es eigentlich an diese Stelle nicht gehört: Mit »Als ich alt war« und insbesondere »Brief an meine Mutter« sollte Simenon zwei sehr starke autobiographische Schriften veröffentlichen. Letzteres lässt viele Rückschlüsse auf sein gesamtes literarisches Werk zu, Ersteres auf die Entwicklung seines Werkes in den 1960ern.
Platz 5: Maigret und die alten Leute (Maigret et les vieillards)

Maigret in der Welt des Hochadels: Viel Fantasie braucht es nicht, um sich vorzustellen, dass der Kommissar keine gute Figur in diesem Milieu macht. Von seinem persönlichen Wohlbefinden soll gar nicht erst angefangen werden. Ein alter Mann war ermordet worden. Früher war der Tote Botschafter in Russland gewesen. Die anfängliche Vermutung, dass es sich um ein politisches Verbrechen handelt, kann schnell ausgeschlossen werden. Gerade deswegen stellte das Verbrechen die Ermittler vor ein großes Rätsel. Dieser Titel war es, der nur mit einem Freifahrtsschein in die Top 5 geschafft hat: Punkten kann der Roman mit den ungewöhnlichen Kreisen, in die der Kommissar versetzt wird; bei der Lesbarkeit gibt es einige Abzüge, da der Kampf durch die Briefwechsel nicht so prickelnd zu lesen ist. Der schärfste Wettbewerber um diesen Platz war der Roman »Die Tür«, der eine ähnlich interessante Thematik aufweist.
Platz 4: Betty

Die Bar war die Endstation. Der Typ, mit dem Betty dort ankam, auch. Nun hörte sie sich Ausführungen von ihm an, in denen es um die Würmer unter ihrer Haut ging, die er sich einbildete. Sie hatte nur ein halbes Ohr für ihn, beobachtete die Leute in der Bar, die alle eigenwillig zu sein schienen. Betty ahnte, dass das ein guter Ort für sie ist und sie gut zu Ort und Leuten passen würde. Betty steht vor dem totalen Absturz und es ist jemand aus dem Raum - nein, nicht der mit den Würmern - der sie aufrichtet und dafür sorgen soll, dass sie sich mit ihrem Leben auseinandersetzt. Die Konsequenzen des Aufeinandertreffens kann sich an diesem Abend keiner der Anwesenden in der Bar ausmalen.
Die Geschichte um Betty Étamble, die aus ihrem bürgerlichen Leben ausbricht, auf ihre Kinder verzichtet und sich in die Selbstzerstörung stürzt, ist eine starke psychologische Geschichte – den Zugang zu dem anspruchsvollen Stoff um das Thema Selbstentfremdung werden jedoch nicht alle Leser:innen finden.
Platz 3: Das Gefängnis (La prison)

Der normale Ablauf an einem Abend bei den Poitauds ist folgender: Er kommt nach Hause, findet seine Frau vor. Man zieht sich um und speist außer Haus. Am 8. Oktober, einem sehr verregneten Tag, läuft es etwas anders ab. Alain Poitaud wird von einem Inspektor der Kriminalpolizei begrüßt, der ihn über die Anwesenheit einer Waffe im Haushalt ausfragt. Anschließend wird er zum Quai des Orfèvres verbracht und erfährt dort aus dem Munde des Kommissars, dass sein »Kätzchen« ihre Schwester Adrienne umgebracht hat.
Alain Poitaud, Herausgeber eines Magazins und etabliert in der Pariser Gesellschaft, bricht zusammen. Wer hier die Täterin war, ist situationsbedingt klar. Für Alain stellt sich jedoch die Frage, ob wirklich alles so klar ist, wie es scheint – und beginnt seinen eigenen Anteil an dem Drama zu reflektieren. Überraschungen bleiben da nicht aus. Simenon thematisiert in diesem Roman männliche Selbsttäuschung und spart hier mit Schärfe nicht.
Platz 2: Der Teddybär (L'ours en peluche)

Jean Chabot hat alles, was man sich wünschen kann. Was ihm fehlt, entdeckt er erst, nachdem er eine Affäre mit einer Klinik-Angestellten anfing und diese plötzlich verschwand. »Teddybär«, so nannte er sie, verlor sich nicht ohne Spur, aber erst sehr viel später sollte Chabot erkennen, welches der wahre Grund für ihr Verschwinden war. Aber da geht es in seinem Leben schon drunter und drüber. Professor Chabot, angesehener Gynäkologe, durchlebt einen Tag der Krise, der in Mord endet – das könnte eine »normale« Simenon-Geschichte sein, aber diesmal packt er sie in eine ungewöhnlich innovative und spannende Eintages-Dramaturgie.
Platz 1: Die Glocken von Bicêtre (Les anneaux de Bicêtre)

Jahr und Tag wird dieser Roman Simenons gepriesen. Zu Recht. Nur er kann an der Spitze dieser Liste für dieses Jahrzehnt stehen, denn hier haben wir es mit einem der Werke zu tun, die unzweifelhaft in der Top 3 seines ganzen Schaffens stehen. Im Mittelpunkt steht René Maugras. Dieser ist erfolgreicher Herausgeber einer Zeitung in Paris.
Von einer Minute zur anderen ist er jedoch eine Hülle, die nicht mehr weiß, wie sie sich mit der Außenwelt verständigen soll. Der Schlag hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes getroffen. Nun liegt er im Krankenhaus von Bicêtre, ein hilfloses Bündel, das sich nicht bewegen kann und keinen Ton herausbringt. Alle sind um ihn bemüht, nur Maugras weiß nicht, ob er die Kraft investieren soll, um ins Leben zurückzukehren. Im Krankenbett lässt er sein Leben Revue passieren. Der Roman stellt die Frage, ob ein Leben, das man gelebt hat, auch das war, das man leben wollte.
Erzähltechnisch brillant, psychologisch von größter Tiefe – mit diesem Werk hat Simenon einen Beitrag zur Weltliteratur geleistet. Als Leser:in bekommen wir die Gelegenheit geboten, an dieser Reise durch Maugras' Vergangenheit teilzunehmen und seinen Versuchen, ins Leben zurückzukehren, beizuwohnen. Man legt dieses Buch nicht unverändert aus der Hand.
Interessante Konstellation
Simenon setzte in den 1960ern andere Akzente, verwendete einen anderen Ton. Das machte sein Werk – jenseits der Maigrets – anspruchsvoller. Das ging oft auch zu Lasten der Zugänglichkeit für Einsteiger.
So erklärt sich auch, dass die Liste für die Einsteiger-Empfehlungen die Top 5-Liste komplett umgemodelt wirkt. Drei Werke sind komplett rausgefallen, was erstaunlich ist. Ebenso überraschend ist, dass kein Maigret in der Aufzählung zu finden ist.
Herausgekommen ist jedoch eine Liste, die trotzdem sehr interessant ist und Lust auf das Lesen macht.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 5: Das Gefängnis
Wer sich für Simenons Analyse männlicher Selbsttäuschung interessiert, findet hier ein starkes Stück des Spätwerks Simenons; aber es setzt eine gewisse Bereitschaft voraus, sich auf langsame psychologische Entfaltung einzulassen. In der Lesbarkeit ist dieser Roman von Platz 3 auf Platz 5 gefallen – trotzdem gibt es von uns immer noch eine große Empfehlung.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 4: November (Novembre)

In der Familie steht es nicht zum Besten. Der Sohn hat sich in das Dienstmädchen verliebt – eine lebenslustige Spanierin, die den ganzen Tag singt und lacht. Die Tochter ist in ihren Vorgesetzten verliebt und weiß, dass es keine Hoffnung gibt, ein gemeinsames Leben zu führen. Der Vater kommt abends von seinem drögen Job nach Hause, tut geheimnisvoll und schweigt sich in jeder Beziehung aus und die Mutter ist Alkoholikerin und macht just in dieser Zeit im November eine ihrer Novenen durch, wie Simenon ihre Dauertrinkanfälle nennt.
Ausgerechnet der Vater muss eine Affäre mit dem Dienstmädchen anfangen und so den Sohn gegen sich aufbringen. Man fragt sich, wie es der alte Langeweiler geschafft hat, das Mädchen herumzukriegen. Allzulange hat er keine Freude an der Affäre – Manuela verschwindet von einem Tag auf den anderen. Aber das bringt keinen Frieden.
Atmosphärisch herausragend, allerdings haben wir es hier mit einem etwas »düsteren Stoff« zu tun, weshalb ihm ein höherer Rang verwehrt blieb.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 3: Der Umzug (Le déménagement)

Emil Jovis hatte die Stadt satt und zog in die Pariser Vorort-Siedlung Clairevie. Dort bekam er mit, was in der Nachbarwohnung »abging«. Da er Ähnliches nicht kannte, beschloss er, den Gewohnheiten der Nachbarn auf den Grund zu gehen. Keine sehr gute Idee, wie geübte Simenon-Leser:innen bald erkennen werden. Aber wie immer ist das eine Erkenntnis, die den Leser:innen vorbehalten bleibt. Einer der Romane, bei denen der Titel Langeweile vermuten lässt – und man erkennen muss, dass Simenon bei seinen Titeln nicht immer gut beraten war.
Wir erleben ein Frankreich des Umbruchs, in dem die Modernisierung zu Entwurzelung führte und der herbeigesehnte Wohlstand Identitätsverlust mit sich brachte. Das Thema ist zeitlos und betrifft uns heute immer noch. Hinzu kommt, dass die Geschichte psychologisch dicht und strukturell brillant geschrieben ist.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 2: Die Tür (La porte)

Bernard Foy lebt seit dem Krieg mit einer schweren Behinderung. Eine Mine hat ihm beide Hände genommen. Nun wohnt er mit seiner Frau in Paris, und seine Tage kreisen darum, auf ihre Rückkehr zu warten. Die Stunden sind lang, die Ungewissheit ist ihm zur Gewohnheit geworden. Wenn er an das denkt, was sie draußen tut, schiebt sich Misstrauen in seine Gedanken – manchmal reicht schon ein unbekannter Name, um Unruhe in ihm auszulösen. Die Eifersucht, so weiß er, gehört zu ihm wie der Verlust. Verabschieden kann er sich von ihr nicht, und das Wissen darum macht seinen Alltag nicht leichter.
Simenon schildert in diesem Roman, wie die Liebe Foys in den Versuch von Kontrolle kippt. Zu beobachten ist, wie das Paar aufhört, miteinander zu reden, und wie die Tür zu einer Metapher der Gefangenschaft wird.
Wie so oft bei diesem Schriftsteller dürfen wir während des Lesens kein Happy End erwarten. Trotzdem fesselt einen das Buch, gerade weil Simenon die stillen Verwerfungen einer Ehe so unerbittlich genau nachzeichnet.
In die Top 5 der sogenannten Qualitätsliste schaffte es der Roman nicht und musste sich »Maigret und die alten Leute« geschlagen geben. Aber hier haben wir ihn auf Platz 2, denn das universelle Eifersuchtsdrama um den kriegsversehrten Foy funktioniert auch ganz ohne Simenon-Vorwissen.
Lesbarkeit/Einstieg Platz 1: Der Teddybär (L'ours en peluche)
Ein Einhorn unter den Simenon-Romanen: In der Besten-Liste wegen seiner Qualität auf Platz 2, haben wir den Roman hier wegen seiner guten Lesbarkeit auf Platz 1. Mit diesem Werk haben Leser:innen, so das Thema interessiert, den direktesten Zugang zu Simenons spätem Meisterniveau.
Ausklang
Traurigerweise finden wir in diesem Leseguide nur Werke aus den 1960er-Jahren, die Jahre aus dem Folgejahrzehnt fallen komplett unter den Tisch. Andererseits sind die Werke, die Simenon in der Dekade erschuf, sehr starke und lesenswerte Romane.
Niemand sollte sich ins Bockshorn jagen lassen, wenn hier davon die Rede ist, dass einige Werke weniger zugänglich wären als andere. Das mag bei der Binnenbetrachtung des Werkes von Simenon stimmen. Vergleicht man das Schaffen Simenons mit dem anderer Schriftsteller:innen, dann zeigt sich schnell, dass das Jammern über bessere oder schlechtere Zugänglichkeit ein Wehklagen auf hohem Niveau ist.
Es gibt bessere, gibt es bessere Romane, die man unbedingt empfehlen kann, und schwächere Werke, über die wir keine gesonderten Listen führen. Wer sich über das Gesamtwerk orientieren möchte, dem seien die Themenguides oder das Gesamt-Ranking über das Œuvre empfohlen.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.