Das entspannte Jahrzehnt


Die erste Hälfte des Jahrzehntes war für Simenon eine Phase des Ankommens, die zweite dann eine der Rückkehr. Angekommen war er in den USA und zurückkehren tat er nach Europa. Die 1950er-Jahre waren ein gutes Jahrzehnt für ihn – und das nicht nur im Hinblick auf sein familiäres Leben, sondern auch in literarischer und kommerzieller Hinsicht. Seine Romane blieben für seine Leser:innen weiterhin zugänglich, während sein Schreibstil sich stetig verbesserte.

Hinzu kommt, dass durch die Adaption seiner Werke für den Film – sowohl seiner Romans Durs wie auch der Maigrets – er eine weltweite Bekanntheit erlangte. Nicht nur Hollywood, auch die Boulevardpresse entdeckte ihn. Simenon sollte sich von nun an für keine Home-Story zu schade sein. War Simenon international schon bekannt, wurden die deutschen Leser:innen stiefmütterlich mit Lesestoff beglückt – das sollte sich durch Kiepenheuer & Witsch ändern.

Diesmal halten wir die Vorrede kurz. Auch für diese Dekade greifen wir auf die bewährte Trennung zwischen der Messung der Qualität und der Zugänglichkeit zurück. Ich verspreche, dass es einige sehr interessante Entdeckungen zu machen gibt. 
Starten wir mit den Romanen, die in der Ranking-Liste für dieses Jahrzehnt ganz oben stehen.

Bestenliste Platz 5: Der Buchhändler von Archangelsk (Le petit homme d'Arkhangelsk)

Image Lightbox

Wenn die Frau verschwindet, kann man zur Polizei gehen und den Verlust melden; oder man kann so tun, als ob nichts passiert wäre, die Frau einfach für kurze Zeit verreist wäre. Jonas Milk, ein russisch-jüdischer Buchhändler, entscheidet sich für die Wegfahr-Variante. Aus der kleinen Lüge wird schnell ein großes Drama, denn seine Frau Gina kehrt nicht zurück. Nachbarn und Verwandte fangen an, nachzufragen. Milk verfängt sich weiter im Lügennetz und bereut die Wahl. Simenon behandelt in dem Roman Themen wie Entfremdung, kulturelle Identität und die Unmöglichkeit der Kommunikation – und das, ohne Klischees zu bedienen. Eine großartige Geschichte, die einmal mehr deutlich macht, dass sich manche mehr erlauben können als andere. Gehört man nicht dazu, sollte man nicht erwarten, dass die Majorität Nachsicht walten lässt. Der Roman ist nicht für eingefleischte Krimi-Leser geeignet und wird Einsteigern von uns auch nicht ans Herz gelegt.

Bestenliste Platz 4: Maigret stellt eine Falle (Maigret tend un piège)

Image Lightbox

Ein Frauenmörder versetzt Paris in Unruhe – und die Polizei hat keine Spur. Der Kommissar startet daraufhin einen riskanten Versuch: Er lässt Kolleginnen durch die Straßen von Paris spazieren, die den früheren Opfern ähneln. Innovativ ist diese Geschichte für Simenon-Verhältnisse gleich in mehrfacher Hinsicht – heute mögen Serientäter in Krimistories zum guten Ton gehören, fast schon eine Selbstverständlichkeit sein, für Simenon gilt das jedoch nicht. Außerdem ist Maigret nicht für Hinterlistigkeit und das Stellen von Fallen bekannt. Und letztlich wäre da noch der Aspekt von Frauen als Polizisten – auch das ist ein ziemliches Novum im Maigret-Roman-Universum. Unter den Maigrets ein wahres Schätzchen und immer eine Empfehlung wert!

Bestenliste Platz 3: Schlusslichter (Feux rouges)

Image Lightbox

Harter Stoff im wahrsten Sinne findet sich in dieser Geschichte: Alkoholismus und Vergewaltigung. Nicht vor Reisebeginn anfangen zu saufen: Das ist ein Ratschlag, den man bedenkenlos jedem Autofahrer geben kann. Steve hatte sich an diese schlichte Weisheit nicht gehalten und deshalb endete die lange Fahrt nach Maine in einem Fiasko. Mit seiner Trinkerei, einer Trotzreaktion gegenüber seiner Frau Nancy, begann ungewollt ein großes Abenteuer, das seiner Frau beinahe das Leben kostete. Zu spät merkte Steve, dass dies ein zu hoher Preis war. Geschrieben wurde der Roman als Road Movie und er gehört zu den stärksten Romanen Simenons. Um Einsteiger nicht zu verprellen, lautet die Einschätzung: Ein sehr guter Roman, der zarte Seelen aber verstören könnte.

Bestenliste Platz 2: Maigrets Memoiren (Les Mémoires de Maigret)

Image Lightbox

Der beste Maigret ist auch der heiterste Maigret. Obwohl das so ist, wäre es fatal, mit dieser Geschichte in die Maigret-Welt starten zu wollen. Sie lässt sich viel besser genießen, wenn man den einen oder anderen Maigret gelesen hat und in das Universum des Kommissars eingetaucht ist. Das und ein wenig Vorkenntnis in der Entstehungsgeschichte der Maigret-Romane (die sich auf diesen Seiten — was für ein Zufall — durchaus in Erfahrung bringen lässt) führen dazu, dass sich bei den Leser:innen ein größeres Vergnügen einstellt. Hat man das nicht, ist es eine gut geschriebene Biografie eines Kommissars, der Einblick in sein Leben und sein Denken gibt. Das Ganze ist ein metaliterarisches Spiel mit Witz und Selbstironie, bei dem Simenon die gesamte Konstruktion seiner bekanntesten Figur aufs Glatteis führt. Genau genommen ist es mehr ein Essay als ein Roman, aber von hoher literarischer Qualität und ungewöhnlich vergnüglich zu lesen.

Bestenliste Platz 1: Drei Frauen (La vieille)

Image Lightbox

Generationenkonflikt mal anders: Eine junge Frau nimmt ihre Großmutter bei sich auf. In den modernen Zeiten, die Simenon in »Drei Frauen« schildert, ist die Familie schon zerbrochen. Alle leben verstreut und, fast noch wichtiger, ihr ganz eigenes Leben. Schon bald entwickelt sich ein Machtkampf zwischen den Frauen. Durch Gespräche versuchen sie zu erklären, verstehen zu geben, warum es so ist, wie es ist. Aber keine der Frauen ist bereit, ihren Lebensstil aufzuweichen, geschweige denn aufzugeben. Die 79-jährige Juliette Viou zerstört durch ihre schonungslosen Bekenntnisse die Illusionen ihrer Enkelin Sophie. Der Roman über drei Frauen in einer Wohnung ist durchgehend spannend. Simenon braucht nicht Mord und Totschlag um eine spannende Geschichte zu erzählen – hier erreicht er es durch ein psychologisches Kammerspiel.

Immer schön produktiv

Natürlich sind auch die Memoiren Maigrets gut lesbar. Sie sind sogar ein großes Vergnügen! Trotzdem werden wir sie im Anschluss nicht in den Empfehlungen finden. Lesen Sie erst ein paar Maigret-Romane – in den 1950ern finden sich eine ganze Reihe davon –, dann können Sie sich an dieses Vergnügen heranwagen.
Die Umstände in diesen Jahren waren, wie eingangs schon erwähnt, sehr günstig. Simenon war glücklich, die Familie wuchs, alle waren gesund und zufrieden und er bekam sogar drei erwachsene Frauen und zwei Familien unter einen Hut. So ist es nicht überraschend, dass Simenons Produktivität in dieser Zeit wuchs – die 1950er sind die zweitproduktivste Dekade. 
Die gute Nachricht: Aufgrund der Fülle des adäquaten Stoffes in Simenons Werk ist die Erstellung einer Top 5 auch für diesen Bereich kein Problem gewesen.

Lesbarkeit/Einstieg Platz 5: Bellas Tod (La mort de Belle)

Image Lightbox

Ein Mord erschüttert eine amerikanische Kleinstadt. In Spencer Ashbys Haus wird Bella tot aufgefunden. Das Mädchen wurde von den Ashbys aufgenommen, weil die Mutter – eine Freundin von Christine Ashby – auf Reisen war. Der Einzige, der an diesem Abend im Haus war, war Spencer Ashby. Der will mit dem Mord an dem Mädchen nichts zu tun haben. Er hat viel Mühe, die Polizei und den Untersuchungsrichter davon zu überzeugen, dass er in seinem Zimmer gewesen war und arbeitete. Der Mann muss aber nicht nur die staatlichen Organe überzeugen. Die Öffentlichkeit will genauso überzeugt werden, und damit hat Spencer Ashby ein Problem. Die Moral von der Geschichte – Jeder kann ein Mörder werden. Das wird leider immer wieder vergessen. – ist für Optimisten vielleicht ein wenig deprimierend. Der Spannung und der Lesbarkeit der Geschichte ist das jedoch nicht abträglich. Wie immer halten wir uns an Maigrets Devise: »Verstehen, nicht urteilen.«

Lesbarkeit/Einstieg Platz 4: Schlusslichter (Feux rouges)

Gut lesbar, jedoch harter Stoff – wie in der Bestenliste, in der der Roman auch zu finden ist, schon erwähnt. Zarte Gemüter sollten von dieser Geschichte erst einmal Abstand halten.

Lesbarkeit/Einstieg Platz 3: Drei Frauen (La vieille)

In der Bestenliste finden wir den Roman auf Platz 1. Warum denn dieser vermeintliche Abstieg? Die Lesbarkeit hat im Scoring eine 8,0 bekommen – ein sehr hoher Wert – und die Geschichte ist durchweg spannend. Allerdings – und das ist die gleiche Beobachtung wie wir sie bei »Die Phantome des Hutmachers« in den 1940ern machen können – bedeutet »liest sich flüssig« nicht automatisch »leichter Zugang«. Das Kammerspiel einer 79-jährigen Manipulatorin erfordert Geduld und ist deshalb in diesem Ranking um zwei Plätze nach unten gefallen. Ist aber damit immer noch eine Empfehlung!

Lesbarkeit/Einstieg Platz 2: Die Eisentreppe (L'escalier de fer)

Image Lightbox

Étienne Lomel schwebte lange Zeit auf Wolke sieben. Es gelang ihm, die Frau seiner Träume zu erobern. Simenon versetzt uns in die Zeit, die fünfzehn Jahre nach der Eroberung Louises durch Étienne spielt (obwohl die Frage erlaubt ist, wer wen erobert hat) und in der der Ehemann das Gefühl hat, schleichend vergiftet zu werden. Dass es Louise ist, daran hat Étienne keine Zweifel. Er fragt sich jedoch, was für ein Motiv seine Frau hat. Hier haben wir das universelle Eifersuchtsmotiv, das auch ohne Simenon-Kenntnis sofort greift. Thriller-Spannung vom feinsten – allerdings werden sich interessierte Leser:innen wohl antiquarisch orientieren müssen, denn der Roman ist seit vielen Jahren nicht erschienen.

Lesbarkeit/Einstieg Platz 1: Maigret stellt eine Falle (Maigret tend un piège)

Die Fallen-Geschichte funktioniert als Krimi, die Psychologie überzeugt auch literarische Leser:innen. Nicht zu lang, kein Vorwissen nötig. Dieser Roman, der sich auch schon in der Besten-Liste findet, ist der ideale Einstieg in die 1950er von Simenon!

Fazit

Interessant ist, dass sich in den Listen größtenteils bekannte Werke finden. Sowohl »Maigret stellt eine Falle«, »Bellas Tod« wie auch »Schlusslichter« wurden auch schon verfilmt – und erlangen auf diese Weise schon eine größere Bekanntheit.
»Die Eisentreppe« ist das einzige Buch, welches eine Überraschung darstellt: Bisher hat der Titel keine Prominenz erlangt. Dafür spricht, dass er nicht sehr oft erschienen ist und seit langer Zeit aus dem regulären Buchhandel verschwunden ist. Die 1950er-Jahre sind ein starkes Jahrzehnt – das maigret.de-Scoring zeigt, dass die Qualität nicht so konstant hoch ist wie die der 1940er- und 1960er-Jahre. Dies lässt sich gut damit erklären, dass Simenon in dem Jahrzehnt kein Jahrhundert-Werk wie »Der Schnee war schmutzig« oder »Die Glocken von Bicêtre« schrieb.
Wenn Sie einen Zugang zu Simenons Werk erlangen möchten, dann werden Sie in den Werken aus diesem Jahrzehnt sicher fündig werden.