Der kritische Blick


Gesellschaftskritische Anspielungen sind in Simenons Werk an zahllosen Stellen zu finden – im Kleinen wie im Großen. Schaut man sich die Maigrets an, wird dort oft thematisiert, wie gut es die Bedeutenden und Reichen verstehen, Einfluss zu ihren Gunsten zu nehmen. Oder wie der Kommissar selbst feststellen muss, dass Erfahrung als Ballast verstanden wird von denen, die mit modernen Ideen von den Universitäten kommen.

Doch diese Beobachtungen beschränken sich nicht auf die Maigrets. Wer solche Themen sucht, der ist bei Simenon gut aufgehoben: Gesellschaftskritik ist bei ihm nie plakativ, kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Er zeigt auf, wie Institutionen, Klassen und Konventionen Menschen formen und zerbrechen lassen. Die Kritik liegt im Blick, nicht im Argument. Leser:innen müssen sich auf seine Texte einlassen, um zu verstehen.

»Gesellschaftskritik« als Schlagwort ist wie ein grobes Sieb. Das liegt daran, dass die Begrifflichkeit wenig differenziert ist. Bei Simenon müsste, genau genommen, immer ein weiteres Attribut hinzugenommen werden: beispielsweise »Provinz« oder »Justiz« oder »Jugend«.

Die Crux eines solchen Leserguides ist, dass eine solche Differenzierung nicht vorgenommen werden kann. Er leuchtet das Werk bestenfalls wie mit einer funzeligen Taschenlampe aus. Deshalb die Empfehlung: Mit dem interaktiven Leserguide von maigret.de können Sie das Werk des Schriftstellers viel besser nach Ihren Bedürfnissen ausleuchten und gezielt Werke finden, die Ihren Interessen entsprechen.

An dieser Stelle nehmen wir die Rolle von Generalisten ein und stellen Werke vor, die herausragend sind. Lesen Sie diese Bücher – und Sie haben die realistische Chance, in literarischen Simenon-Zirkeln zu glänzen. Und wenn nicht darum, worum sollte es sonst gehen?

Nicht ganz vorn dabei

Da sich hier ein großes Feld auftut, haben wir diesmal drei Romane im Vorfeld der Top 3.

Als Kind einer französischen Mutter und eines englischen Vaters wuchs Steve Adams – »Der Grenzgänger« (frz. »Le passage de la ligne«) – bei seinen Großeltern auf und wurde von seiner Tante erzogen. Erst spät entdeckte seine Mutter, dass sie Verantwortung zu übernehmen hat; eine Verantwortung, die Steve ihr gern erspart hätte. Sein Vater lebte in England und holte seinen Sohn in den Ferien zu sich. Simenon lässt den Mann – der auch als Hoteldieb agierte – seine Lebensgeschichte erzählen und die Leser:innen werden eingeweiht, was ihn wie geprägt hat. Adams steigt auf und ist nirgends heimisch.

Harter Stoff im wahrsten Sinne ist in »Schlusslichter« (frz. »Feux rouges«) zu finden. Nicht vor Reisebeginn anfangen zu saufen: Das ist ein Ratschlag, den man bedenkenlos jedem Autofahrer geben kann. Steve hatte sich an diese schlichte Weisheit nicht gehalten und deshalb endete die lange Fahrt nach Maine in einem Fiasko. Mit seiner Trinkerei, eine Trotzreaktion gegenüber seiner Frau Nancy, begann ungewollt ein großes Abenteuer, das seiner Frau beinahe das Leben kostete. Zu spät merkte Steve, dass dies ein zu hoher Preis war. Geschrieben wurde der Roman als Road Movie und er gehört zu den stärksten Romane Simenons. Um Einsteiger nicht zu verprellen, lautet die Einschätzung: Ein sehr guter Roman, der zarte Seelen aber verstören könnte.

Maigret-Romane sind immer etwas leichterer Natur: Die Empfehlung für die Geschichte »Maigret beim Minister« (frz. »Maigret chez le ministre«) geben wir aufgrund der Problematik, die in ihr behandelt wird. Irgendwo im Gebirge sollte ein Erholungsheim für Kinder gebaut werden. Bevor es vom Parlament genehmigt wurde, holte man ein Gutachten ein. Professor Calame, ein anerkannter Experte, schrieb das Gutachten, das vom Bau abriet. Dieses bekamen die Abgeordneten jedoch nie zu Gesicht und stimmten für den Bau. Kurz darauf kam es zur Katastrophe. Die Untersuchungen begannen, das Gutachten verschwand und der zuständige Minister hatte ein riesiges Problem. Der integre Mann rief Maigret zu Hilfe und beide begannen im Strudel der Intrigen zu versinken. Simenon liefert hier Kritik am Politikbetrieb im Krimigewand.

Platz 3: Der Umzug (Le déménagement)

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Emil Jovis hatte die Stadt satt und zog in die Pariser Vorort-Siedlung Clairevie. Dort bekam er mit, was in der Nachbarwohnung »abging«. Da er Ähnliches nicht kannte, beschloss er, den Gewohnheiten der Nachbarn auf den Grund zu gehen. Keine sehr gute Idee, wie geübte Simenon-Leser:innen bald erkennen werden. Aber wie immer ist das eine Erkenntnis, die den Leser:innen vorbehalten bleibt. Einer der Romane, bei denen der Titel Langeweile vermuten lässt – und man erkennen muss, dass Simenon bei seinen Titeln nicht immer gut beraten war. Wir erleben ein Frankreich des Umbruchs, in dem die Modernisierung zu Entwurzelung führte und der herbeigesehnte Wohlstand Identitätsverlust mit sich brachte. Die Sätze sind in der Vergangenheitsform geschrieben, weil es bei Simenon um die Nachkriegsjahre bis Ende der 1960er-Jahre geht. Das Thema ist zeitlos und betrifft uns heute immer noch. Hinzu kommt, dass die Geschichte psychologisch dicht und strukturell brillant geschrieben ist.

Platz 2: Fremd im eigenen Haus (Les Inconnus dans la maison)

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Es ist absolut unangenehm, wenn man feststellen muss, dass eine Truppe von jungen Leuten das eigene Haus im Griff hat, und man selbst davon nichts mitbekommen hat. Damit mag man sich vielleicht noch abfinden. Eine andere Sache ist es, wenn ein Verbrechen im eigenen Haus verübt wird. Das passiert Rechtsanwalt Loursat und somit wird die Sache mehr als ernst. Die Leser:innen lernen einen verbitterten Anwalt kennen, der achtzehn Jahre in selbstgewählter Isolation mit Alkohol verbrachte. Nun galt es für ihn, sich zu beweisen. Was als Krimi beginnt, wird zur Diagnose: Loursat entdeckt durch die Verstrickungen seiner Tochter in den Fall die Parallelwelt der Jugend, die er nicht mehr versteht — und die Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Simenon verbindet hier Erweckungsroman, scharfe Sozialkritik und Justizdrama. Ein sehr gelungener und packender Roman, der unter den Vorzeichen der Zeit – den frühen 1940er-Jahren – gelesen werden muss.

Platz 1: Vor Gericht (Cour d'assises)

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Ein Paradox dieser Guides auf maigret.de ist, dass hier immer wieder Geschichten auf den vorderen Plätzen landen, die offenbar nicht auf den Favoritenlisten der Verleger stehen. Wenn Sie sich unsere Empfehlungen zu Herzen nehmen, könnten Sie vor leichten Beschaffungsproblemen stehen. Dass die Verlage sich nach diesen Guides richten – ja, damit ist nicht zu rechnen. Und vor Gericht können wir die Verleger und Lektoren deshalb nicht bringen. Was für eine elegante Überleitung zu unserem Sieger: »Vor Gericht«. Wir bekommen es mit Petit Louis zu tun, der einen grandiosen Plan hat. Er holt einen hervorragenden Boule-Spieler, der in einem kleinen Ort an der Mittelmeerküste für ordentlich Aufsehen sorgt und raubt, während das ganze Dorf dem fantastischen Spieler zuschaut, in aller Seelenruhe das Postamt aus. So beginnt die kriminelle Karriere des Mannes. Der »Erfolg« katapultiert ihn in eine Phase maßloser Selbstüberschätzung, an deren Ende der Mann vor seiner ermordeten Geliebten steht und erkennen muss, dass versucht wird, ihm einen Mord anzuhängen. So wird Petit Louis Opfer der Justiz — und das nicht, weil das System bösartig ist, sondern weil es gar nicht an den Menschen – seien es Opfer, seien es Täter – interessiert ist. Die Geschichte ist meisterhaft konstruiert und stellt eine präzise Beobachtung des Justizapparats dar. Das ist heute so aktuell wie 1937. Dieser starke Roman aus dem Frühwerk Simenons ist einer der wenigen, in dem die gesellschaftliche Diagnose im Vordergrund steht.

Fast ein Fazit

Die vorgestellten Romane muss man gar nicht unter dem Aspekt lesen: »Heute will ich mal etwas Gesellschaftskritisches von Simenon lesen!« Man kann sie auch gut und gerne unter dem Aspekt konsumieren: »Heute will ich etwas Gutes lesen.« Das funktioniert in diesem Fall nämlich erstaunlich gut. Dass man dabei aufgezeigt bekommt, an welchen Stellen es in unserer Gesellschaft auch heute noch knarzt, sollte man als Bonus für die gute Unterhaltung betrachten.

Wie ein Zufall erscheint es, dass ausgerechnet zwei Justizdramen die beiden oberen Plätze erklommen haben.