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Maigrets richtig lesen
Fragt man die Suchmaschine (oder KI) der Wahl nach der richtigen Reihenfolge, bekommt man meist eine schwachsinnige Antwort. Ja, wird es heißen, man solle mit Fall Nummer 1 – »Pietr der Lette« – beginnen und sich bis Band 75 durchlesen. Da kann man sich nur die Haare raufen, denn Simenon schrieb seine Geschichten ohne innere Chronologie – mal schickt er den Kommissar in den Ruhestand, dann sitzt Maigret wieder am Quai, als wäre nichts gewesen.
Fängt man nun mit Fall Nummer 1 an, hat man den Schwächsten erwischt – »Pietr der Lette« landet in unserem Ranking mit deutlichem Abstand auf dem letzten Platz. Wäre doch ein Jammer, sich davon den Zugang zu einer der großen Figuren der Kriminalliteratur verderben zu lassen. Was ist die Lösung? Die maigret.de-zertifizierte Reihenfolge. So bekommen Sie einen Eindruck von der Entwicklung des Autors und seiner Figur – und Appetit auf mehr.
In den meisten Romanen ist der Kommissar ein Mann mittleren Alters und an diesem Fixpunkt halten wir uns bei dieser Entdeckungstour auch fest. Die Romane, in denen Maigret kurz vor dem Ruhestand steht oder auch schon ist, lassen wir bewusst außen vor. Sehr entgegen kommt uns bei diesem Sachverhalt, dass der Kommissar mit Simenon gemeinsam reifer wird, aber wir kaum eine biografische Entwicklung zu verzeichnen haben.
Er ist konstant mit der gleichen Frau verheiratet. Über die Jahre wird die Kernmannschaft um den Kommissar geringfügig größer, aber auch bei den Inspektoren herrschen stabile Familienverhältnisse und wir werden als Leser:innen nicht mit den Lebensdramen aus dem Privaten behelligt.
Und natürlich gibt es keine Attacken durch Quartalsirre, die meinen, die Freundin des Lieblingsinspektors des Kommissars entführen zu müssen. Das macht es leicht, die Wahl einfach nach der Qualität der Geschichten und der Zugänglichkeit vorzunehmen.
Wir nehmen eine Reise durch die verschiedenen Phasen des Schriftstellers vor und können sehen, wie sich die Figur und Sprache entwickeln. Das wird keine Heldenreise sein. Simenon ließ seinen Maigret Fehler begehen. Dann haderte er mit sich und seiner Umgebung – und Leser:innen haben am Ende nicht das Gefühl einer Wiederauferstehung, sondern vielmehr, dass ein paar graue Haare und Falten bei diesem Menschen hinzugekommen sind.
Wir folgen dabei lose der zeitlichen Abfolge der Entstehung – aber eben nur mit den Romanen, die den Einstieg lohnen. Auf dieser Reise werden wir sehen, dass sich Simenon in der Beschreibung den Realitäten anpasste, gesellschaftliche Entwicklungen reflektierte, ohne dabei seinen Kommissar an den technologischen Fortschritt anzupassen. Das ist etwas, was bei den Maigret-Romanen nur als Facette vorkommt und nie dominant wird. Spurensicherung und Gerichtsmedizin gibt es, dahinter stehen Menschen, aber sie dominieren diese Geschichten nicht.
Der Kanon funktioniert jedoch auch, wenn Sie sich einzelne Werke herauspicken. Sie können ihn durcheinander lesen – und werden nicht in die Verlegenheit kommen, sich zu fragen, ob Sie etwas verpasst haben.
Maigret und der gelbe Hund

Maigret war in seiner Frühphase geradezu in einem Reisefieber. Heute verbindet man den Kommissar mit Paris, das war aber nicht ausgemacht. Der erste Roman in unserem Kanon ist dafür prototypisch: Maigret wird nach Concarneau gerufen, wo ein Hund herumrennt und bedeutende Herrschaften vergiftet werden.
Hier lernen wir Maigret so kennen, wie er immer wieder auftritt: In einer Kneipe sitzend, trinkt er sein Bierchen, beobachtet die Menschen und die Umgebung, und wartet einfach. Seine Geduld ist so legendär, dass man sich fragt, warum »Geduldig wie ein Maigret« nicht längst eine Floskel unserer Sprache geworden ist – und mit dieser Ruhe bringt er die verängstigten Honoratioren zur Weißglut.
Die Lösung liegt nicht in irgendwelchen Indizien, sie resultiert aus der Menschenkenntnis Maigrets. Atmosphäre, ein spannender Fall, und das Ganze auch noch gut lesbar – ein typischer Maigret.
Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes
Heurtin ist zum Tode verurteilt und steht kurz vor der Hinrichtung. Der Mann bekommt einen Hinweis, wie er die Flucht ergreifen kann und wie durch ein Wunder entkommt er aus dem Gefängnis. Sein Fluchthelfer: Maigret. Der glaubt nicht an die Schuld Heurtins und geht mit diesem Plan ein großes Risiko ein.
Maigret hat den Verdacht, dass es einen Strippenzieher im Hintergrund gibt, und dessen Motivation das perfekte Verbrechen ist. Wie wird sich das Duell zwischen dem Verbrecher, einem Menschenhasser, und Maigret, dem Menschenfreund, entwickeln? Die Leser:innen bekommen hier nicht einen klassischen »Wer war’s«-Krimi geliefert, sondern ein psychologisches Duell.
Mit diesem Roman zeichnet sich ab, wie sich die Maigret-Reihe in der Zukunft entwickeln wird. Unter den Maigrets der Frühphase ist dieser gewiss der stärkeste und beeindruckendste Roman.
Maigret verliert eine Verehrerin

Maigret verliert eine Verehrerin
Fast zehn Jahre später schrieb Simenon einen Maigret, in dem es um ein Versagen des Kommissars ging. Tag für Tag saß Cécile im Warteraum der Kriminalpolizei, um dem Kommissar berichten zu können, was sich Merkwürdiges in der Wohnung ihrer Tante zutrug. Maigret und seine Kollegen hatten sie als Verrückte abgestempelt und das sollte sich erst ändern, als man sie ermordet in den Räumlichkeiten der Polizei auffand.
Maigret war nun einerseits erbost darüber, dass man sie direkt vor seiner Nase umgebracht hatte und auch auf sich selbst wütend, weil er sie nicht ernst genommen hatte. An den Geschichten war also ein wahrer Kern gewesen.
Nach jahrelanger Maigret-Abstinenz war das auch eine starke Rückkehr des Kommissars. Mit diesem Roman lernen wir den melancholischen Grundton der Geschichten kennen, der allzu oft Simenons Maigret-Romane prägen sollte.
Maigret und das Dienstmädchen
Die deutschen Bezeichnungen der Romane unterscheiden sich oft von dem französischen Original. Das Wort »Dienstmädchen« im Titel klingt langweilig. Die Originalität der jungen Frau, die die Leser:innen mit Félicie erwartet, wird mit Simenons schlichtem »Félicie est là«** viel deutlicher. Denn hier bekommt es Maigret nicht nur mit einer Bediensteten zu tun, sondern mit einer echten Type. Unter den Dienstmädchen und Concierges im Simenon-Universum sticht Félicie deutlich heraus und wir können es wohlwollend als Denkmal für eine aus dem Kosmos nicht wegzudenkende Person betrachten. Was wären die Romane ohne die guten Geister der Haushalte?
Ihr Arbeitgeber war ermordet worden und von nun an führte die junge Frau Maigret und seine Kollegen gehörig an der Nase herum. Für die Ermittler gilt es herauszufinden, was authentisch ist und was ihrer Fantasiewelt zuzurechnen ist.
Der Kriminalfall und damit das Rätsel tritt hier in den Hintergrund und die Leser:innen erkunden gemeinsam mit dem Kommissar das Wesen von Félicie. Das hat, man mag es schon vermuten, auch seine komischen Momente.
Maigret und sein Toter
Während Maigret sich im Büro mit einer Verrückten beschäftigt, die die Vermutung hat, dass Gott und die Welt hinter ihr her ist ... wobei wir ja gelernt haben, siehe Cécile, dass das ein zweischneidiges Schwert ist ..., ruft im Büro ein Mann an, der angibt, er würde verfolgt werden. Auch hier hat Maigret erst ein Gefühl von Ohnmacht über die Widrigkeiten des Alltags – so viele Verrückte –, bis ihm bei weiteren Anrufen und aus dem gehetzten Tonfall des Mannes klar wird, dass hier wirklich jemand in Not ist.
Der Titel gibt schon die Richtung vor: Die Geschichte geht für den Verfolgten nicht gut aus und die Ermittler müssen herausfinden, was genau passiert ist. Hier erleben die Leser:innen Maigret als emotional involvierten Ermittler, nicht als analytische Maschine. Posthum versucht er dem Mann gerecht zu werden.
Der Roman verspricht hohe Spannung und glänzt mit seiner innovativen Erzählstruktur.
Maigret und die alte Dame

Maigret und die alte Dame
Étretat, ein Seebad in der Normandie – das zweite Mal in diesem Maigret-Kanon haben wir es mit einem Maigret auf einer größeren Reise zu tun. Valentine Besson, eine der charmantesten Damen im gesamten Maigret-Universum, sorgt dafür, dass sich der Kommissar um ihren Fall kümmert.
Ihr Dienstmädchen wurde umgebracht und sie hegte die Vermutung, dass es ein Mordanschlag auf sie war, den sie nur durch die Neugierde ihres Dienstmädchens überlebte. So empfängt sie den Kommissar in ihrem Puppenhaus und lullt ihn ein.
Dieser Roman zeigt Maigrets typischste Methode: Er lässt sich auf ein Milieu ein, isst mit den Leuten, geht spazieren, wartet – bis die Wahrheit von selbst an die Oberfläche steigt. Leser:innen, die nach diesem Roman nicht das Gefühl haben, weiterlesen zu müssen, dem kann man getrost mit auf den Weg geben: »Maigret ist nichts für Sie«.
Maigret stellt eine Falle

Warten ist auch hier das Thema. Aber nicht auf die angenehme Art und Weise, wo die Zeit und Beobachtung das Rätsel löst. Maigret und seine Kollegen sind wahrhaft unter Zugzwang: Im Montmartre sind schon eine Reihe von Frauen umgebracht worden und niemand hat den Eindruck, dass die Mordserie bald vorbei ist.
Ganz im Gegenteil: Es gibt schon Berechnungen, wann das nächste Verbrechen stattfinden wird. In der Situation kommen die Kriminalisten auf die Idee, dem Täter eine Falle zu stellen.
Zweifellos einer der spannendsten Maigret-Romane und zudem noch der beste Maigret der 1950er-Jahre.
Maigret erlebt eine Niederlage
Ferdinand Fumal, mächtiger Fleischgroßhändler, meinte, er könne den Kommissar engagieren. Schließlich wäre er reich und außerdem kannte er Maigret schon aus Kindheitstagen. Dem Kommissar war das nicht nur egal, sondern er empfand auch Abneigung gegenüber dem Mann.
Obwohl es sich um ein Ekel handelte, übernahm der Kommissar die Ermittlungen. Helfen konnte er Fumal jedoch nicht – er wird erschossen.
Ein Misserfolg Maigrets, und ein persönlicher dazu. Wie erwähnt, hatte Simenon keine Scheu auch seine berühmteste Figur einmal scheitern zu lassen. Die Reihe selbst gewinnt gerade dadurch an Tiefe.
Maigrets Jugendfreund
Mit diesem Roman sind wir schon in der letzten Phase von Simenons literarischem Schaffen. Erneut hat es der Kommissar mit einem Menschen zu tun, der einen Bezug zu seiner Jugend hat. Ob es nun wirklich ein Freund ist oder nicht vielmehr ein Kamerad, das sei einmal dahingestellt.
Léon Florentin, Maigrets Schulkamerad und heute Antiquar, steht plötzlich vor Maigrets Tür – seine Geliebte sei tot. Der Antiquar ging davon aus, dass die Polizei ihn als einen der Tatverdächtigen ansehen würde. Er mochte sich erhofft haben, dass er Bonuspunkte für seine Bekanntschaft mit Maigret bekommt, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Art und Weise, wie Florentin sein Leben lebt, versucht der Kommissar zu verstehen; aber irgendwie ist es ihm auch suspekt.
Die persönliche Verstrickung des Polizisten gibt dem Roman eine Note, die den späten Maigrets eigen ist: Der Kommissar wird älter, die Fälle berühren ihn anders.
Maigret und der Messerstecher
Die letzte Geschichte in dieser Reihe – und eine, die die Genre-Grenzen sprengt. Ein Messermord, ein kranker Täter und eine Ermittlung, die zur Studie über Schuld und gesellschaftliche Verantwortung wird. Hinzu kommt, dass man nicht genau weiß, was es mit dem jungen Opfer auf sich hat.
Da diese Geschichte wenn auch nicht direkt vor der Haustür, doch im Quartier der Maigrets geschieht, bekommt diese späte Geschichte eine besondere, persönliche Note für den Kommissar.
Mit dem Messerstecher-Roman haben wir einen starken Abschluss des Zyklus, um in der Maigret-Welt anzukommen. Sie zeigt auch, dass Simenon im reifen Alter bereit war, neue Wege zu gehen, denn dieser Roman zeigt völlig neue Facetten auf, die man in den Maigret-Stories zuvor nie fand.
Wie geht es weiter?

Wenn Sie einen Einblick und damit auch Zugang gefunden haben, wäre das sehr erfreulich. Nun könnten Sie sich Geschichten wie »Maigrets erste Untersuchung« widmen, um zu erfahren, wie sich der Polizist Maigret als Ermittler-Neuling schlug.
Oder Sie finden Spaß daran, zu erfahren, was der Kommissar in seinen Memoiren schrieb.
Auf jeden Fall ist man nun gewappnet: für die Alltagsmaigrets, die den typischen Ton der Reihe prägen; für die Romane der Frühphase, in der Simenon seinen Stil und seine Sprache noch suchte; und für die späten Maigrets, in denen der Kommissar schließlich in Rente geht.
Mit dem stattlichen Maigret-Werk, das uns Simenon hinterlassen hat, wird es ein langer Trip und wir wünschen eine angenehme Reise!


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.