»Simenon. Warten auf Maigret«

Simenon, Warten auf Maigret


Schon jetzt lässt sich festhalten, dass zu den kleinen Wundern dieses Simenon-Jahres die Veröffentlichung des Biografie-Comics »Simenon, Warten auf Maigret« zählt – zumindest im deutschsprachigen Raum. Da in den letzten Jahren hierzulande keine neuen Biografien erschienen und bestehende Übersetzungen weder überarbeitet noch neu aufgelegt wurden, herrscht eine ernstzunehmende Simenon-Bio-Unterversorgung. Hier gibt es definitiv Handlungsbedarf bei Kampa.

Ruft man sich in Erinnerung, dass die alten, großen Biografien locker drei- bis fünfhundert Seiten Umfang hatten, wird klar, dass eine Comic-Biografie nicht das ganze Leben abbilden kann. Der Titel verspricht hier nicht zu viel: Das Autorenkollektiv Loustal, Bocquet, Fromental und Simenon hat sich für die Bildergeschichte die Pulp-Jahre herausgepickt – die Zeit, in der der junge Sim sich verheiratet, nach Paris geht und seine Figur formt.

Sicher sind Sie gerade bei der Einleitung gestolpert (und hoffentlich schon wieder auf den Beinen). Simenon als Autor der Geschichte aufzuführen, wirkt erst einmal komisch, wenn nicht sogar frech. Aber keine Angst, man hat hier nicht Georges als Autoren mit aufgeführt, sondern John. Der hat an der Geschichte seines Papas mitgeschrieben.

Aber es ist fantastisch, dass Carlsen sich nicht nur des literarischen Stoffes angenommen hat, sondern die Leser:innen auch mit einer Übersetzung des biografischen Stoffes beglückt. Als eine Selbstverständlichkeit kann das nicht gelten.

Die anderen Beteiligten erfreuen sich in der französischsprachigen Comic-Community eines guten Rufs und sind uns wegen ihrer Mitarbeit an der Romans Durs-Comic-Reihe wohlbekannt. Als Rezensent hat man das Recht und die Pflicht, rumzumäkeln.

Hier wäre meine Erste: Die Herrschaften sind derart in die Adaption der Romane involviert, dass ich nicht das Gefühl habe, dass es mit der Comic-Biografie weitergeht. Das Ende ist, wie es das Leben am Ende der gezeichneten Perioden in dem Buch ist, für Simenon offen – und so spannend seine Jahre in Paris waren, danach wurde sein Leben nicht langweiliger.

Ich hoffe auf eine Fortsetzung, was – zugegeben – für eine Mäkelei eine sehr positive und schöne ist. Schaut so aus, als ob ich tatsächlich nur einen Einwand hätte.

Jetzt im Ernst

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»Simenon. Warten auf Maigret«

Bildnachweis: Carlsen Comics

Mein kritischer Punkt findet sich erst gegen Ende der Geschichte. In dem Comic wird die Geschichte der Entstehung Maigrets so erzählt, wie sie Simenon erzählt hat. So, wie er sie erzählte, hatte es etwas Mystisches, vielleicht auch Erhabenes. Leider hat diese Story – erwiesenermaßen – nichts mit der Wahrheit zu tun. Nicht nur Biografen wie Assouline, Eskin und Marnham haben auf diesen Umstand verwiesen, auch die Ausgabengeschichte spricht dagegen.

Hierzulande ist schon vor Jahren mit »Maigret im Haus der Unruhe« ein erster Pre-Maigret erschienen. Dieses Jahr rechnen wir mit einem zweiten Maigret-Vorab-Fall in deutscher Sprache (ich hoffe, dass ich mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehne). Dass es in dem Comic nun so geschildert wird, dass die Figur des Maigrets in Delfzijl über Simenon gekommen ist, ist einfach nur ärgerlich.

Ich könnte jetzt sagen, dass ausgerechnet in einem Buch, das »Warten auf Maigret« heißt, die Geschichte nicht spannend auserzählt wird, einer gewissen Ironie nicht entbehrt, aber diesen Gag muss ich mir leider verkneifen, denn im Original heißt der Band »L’Ostrogoth«. In den Fokus gerät damit das Schiff, auf dem er den Kommissar der Legende nach erfand, und man muss sich als Leser:in seinen Teil schon vor dem Kauf des Buches denken. Es ist kompliziert.

Dass Carlsen sich entschieden hat, statt des Schiffsnamens den Kommissar in die Überschrift zu heben, ist aber fein. Hierzulande ist der Name Simenon immer noch unbekannter als Maigret. Und der ist ja schon nicht so bekannt, wie andere literarische Figuren.

Ovale statt Kästen

Bei Dargaud hatte man sich seinerzeit entschieden, diesen Comic in drei Teilen herauszubringen. Die einzelnen Bände hatten Broschüren-Charakter und nicht in so einem schönen festen Einband, wie dieser hier. Zudem waren waren sie schwarz-weiß gehalten. Sie waren zwar limitiert, aber ob man sich davon eines Tages was kaufen kann, sei einmal dahingestellt. Die französische Ausgabe, die der Carlsen-Ausgabe entspricht, kam erst später auf den Markt – und da wird sich so mancher Käufer an den Kopf gefasst haben. »Was, das hätte ich auch in Farbe haben können?« Ich habe es zumindest …

Also erneut: Danke, Carlsen!

In vielen Comics gibt es einen Erzähler. Für diesen Zweck haben die Comic-Erfinder die rechteckigen Kästen entwickelt. Über diese Rechtecke treiben die Macher die Geschichte voran. Sie werden hier jedoch nicht benötigt, denn die Geschichte wird über die Dialoge der Figuren vorangetrieben. So sind die Rechtecke nur sehr selten zu finden, und wenn dann nur, um Szenenwechsel, die nicht selbsterklärend sind, plausibel zu machen – beispielsweise ist Simenon in Paris ausgebrannt und fertig, Tigy schlägt ihm einen Kulissenwechsel zur Entspannung vor. Statt nur einen Strand zu zeichnen, den jeder, der schon mal in Paris war, mit Erholung in Verbindung bringen wird, bekommen wir hier die biografisch sehr nützliche Info: »Porquerolles« und Leser:innen mit ein wenig Simenon- oder Maigret-Expertise seufzen nur leise: »Ah ja …!«

Von den bisher erschienenen Comics kann ich nicht behaupten, dass mir die Zeichnungen in allen gleich gut gefallen haben. Manchmal war da ein Gefühl des Fremdelns. Hier nicht. Die Zeichnungen von Loustal haben mich gleich abgeholt. Sie drängen sich nicht in den Vordergrund, geben die Stimmung der entsprechenden Phasen, in denen Simenon sich gerade befand, aber verständlich wieder. 

Ich bin mir nicht sicher, ob es leicht für einen Comic-Zeichner ist, den Stil eines anderen Künstlers – in diesem Fall war das Tigy, die als Malerin arbeitete – in seiner Zeichenwelt widerzugeben. Ich hatte jedoch meinen Spaß an den Motiven, und auch meinen Spaß daran, wie ihre Eltern und ihre Schwiegermutter an dem Werk von Tigy verzweifeln.

Henriette, die Mutter von Simenon, hätte sich für ihren Sohn eine hübschere Frau gewünscht. Ganz so, wie es ihr Naturell war, hält sie damit nicht hinter dem Berg. Nimmt man die Zeichnung Loustals als Maßstab für das Aussehen, dann war es so übel nicht. Aber Boule war schon hübscher.

Ein Ausschnitt

Ein Ersatz für eine Biografie ist diese Geschichte nicht. Aber sie ist ein fantastischer Einstieg. Hier wird in erster Linie das Leben Simenons in den 1920ern erzählt. Das hat durch die Konzentration darauf einen sehr angenehmen Nebeneffekt: Tigy – die erste Ehefrau – wird viel mehr Raum eingeräumt, als in den klassischen Biografien. In denen wird sie »behandelt«, hier sieht man sie agieren. Das hat einen ganz anderen Charme.

Eine Wertung oder Einordnung des Werkes von Simenon findet sich in dem Buch nicht. Wer sich dafür interessiert, der muss wohl in ein Antiquariat gehen und sich einen der alten Schinken holen, in denen das Leben von Simenon in Buchstaben und Zahlen ausgewälzt wird. Da gibt es sehr gute, hier auf der Seite sind ja auch einige sehr positiv besprochen worden.

Die Wahl der einzelnen Abschnitte aus dem Leben Simenons ist plausibel. Schön, dass mit einigen Klischees aufgeräumt wird und urbane Legenden um Simenon ausgeräumt werden (Stichwort: Glaskäfig). Auch gut, dass das Leben von Simenon nicht weichgezeichnet wird – es ging nicht immer steil aufwärts.

Eine Wohltat ist, dass Begrifflichkeiten und Personen über Fußnoten erklärt werden. So stirbt man nicht dumm. Tipp am Rande für die Käufer:innen: Am Ende des Buches findet sich ein Mini-Glossar mit den wichtigsten Personen mit einer Kurz-Bio. Es kann sich durchaus lohnen, mal zum Ende zu blättern. Als gute Leser:innen machen wir das normalerweise nicht, aber hier kann das hilfreich sein.

Wer schon Biografien über Simenon gelesen hat und sich nicht für Comics interessiert, der braucht sich nicht mit diesem Titel zu befassen. Simenon-Interessierte, die auch ein Faible für Comics haben, werden durchaus Gefallen finden. Genauso dürfte es für die interessant sein, die sich generell für Comic-Biografien interessieren (von Josephine Baker, die in dem Buch natürlich auch nicht fehlen darf, gibt es auch eine solche). Wer Spiderman, Sherlock Holmes oder Maigret erwartet … tja, die dürften von diesem Comic enttäuscht werden. 

Die Texte in dem Buch stammen von Jean-Luc Fromental, José-Louis Bocquet und John Simenon. Jacques de Loustal war der Illustrator. Christoph Haas hat die bisherigen Romans Durs, die bei Carlsen erschienen sind, übersetzt – schön, dass er auch hier wieder eingebunden war. Das verspricht Kontinuität und nichts schätzen Simenon-Liebhaber:innen mehr.

Außer mehr …