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Saint-Fiacre

Auch, wenn der Klappentext so gelesen werden kann: Bei diesem Buch handelt es sich bestenfalls vordergründig um einen Kriminalroman. Der “Fall”, um den es geht, wie auch dessen Hintergrundgeschichte (das Unglück der Überlebenden der havarierten Télémaque) sind relativ konstruiert, die Aufklärung ist am Ende simpel und kommt letztlich durch die “normale” Entwicklung der Ereignisse und nicht durch die Brillanz eines Ermittlers ans Licht. Der mehr oder weniger unfreiwillige “Detektiv”, bei dem es sich um den Bruder des Beschuldigten handelt, ist letztlich der eigentlichen Aufklärung des Falles immer ein bis zwei Schritte hinterher; und dann, wenn es darauf ankäme, dass er der Justiz oder den Kriminalbeamten gegenüber sein Wissen preisgäbe oder selbst initiativ würde, um eine Wende herbeizuführen, knickt er stets ein und bleibt schüchtern oder schweigsam. Der Leser, der die Entwicklung der Ereignisse durchgehend aus der Sicht eben jenes Bruders nachverfolgt, ist somit ebenfalls nie völlig auf dem aktuellen Stand der Aufklärung des Falles, und mit zunehmendem Fortschreiten der Handlung hat man eigentlich immer mehr Mitleid mit dem Protagonisten, da man ihm die letztendliche Aufklärung Stück um Stück immer weniger zutraut (wiewohl der Protagonist sich ja auch selbst in den entscheidenden Momenten nichts zutraut und versagt).


Diesen Roman als Kriminalroman zu lesen ist also wenig befriedigend - und von Simenon auch so nicht beabsichtigt. Was diesen Roman vielmehr stark macht, ist die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die aus der Sicht des einen, des reflektierteren der beiden, erzählt wird. Dieser Bruder (Charles) findet sich plötzlich in der Rolle wieder, die Unschuld seines Bruders - für den er schon immer alles geregelt hat, der aber vom sozialen Umfeld der beiden weitaus konturierter wahrgenommen und mehr geschätzt wird als er selbst - zu beweisen. Das Ganze spielt - wie so oft bei Simenon - in einer Kleinstadt, einem Fischerort (in verschiedenen seiner Details wohl vergleichbar demjenigen aus dem wundervollen “Die Marie vom Hafen”), mit all den verstrickten (Familien-)Geschichten zwischen den Mitgliedern und Familien der überschaubaren Einwohnerschaft.


Im Zuge der neugewonnen (selbst gewählten) Rolle, die Unschuld seines Bruders Pierre beweisen zu müssen, findet sich unser Protagonist Charles plötzlich dazu veranlasst, - erst zögerlich, dann häufiger - über das Verhältnis zu seinem - zwar gleichen (Zwilling), zugleich aber auch ungleichen - Bruder nachzusinnen. Das Verhältnis ist ungleich einerseits hinsichtlich der Rollen, die beide in der Familie und in ihrer Beziehung zueinander einnehmen, andererseits aber auch ungleich in der Wahrnehmung von außen, durch die kleine soziale Gemeinschaft des Fischerörtchens, in dem Pierre als Kapitän eines Kutters hoch angesehen ist, Charles hingegen eher ignoriert bzw. im Schatten seines Bruders kaum wahrgenommen (und wenn, dann als der kränkliche und farblosere der beiden Brüder beschrieben) wird.


Zu Ende des Romans, der vordergründig - nämlich, wenn man ihn als Kriminalroman liest - eine Wendung zum Guten nimmt (= Pierres Unschuld erweist sich durch die Entwicklung der Ereignisse von selbst und er kommt frei), bleibt man als Leser, der das Geschehen aus der Perspektive Charles’ verfolgt, fast verbittert zurück: Charles kommt - für alle Außenstehenden fast natürlich! - zu spät zur Feier von Pierres grandioser Rückkehr in den Ort, und alles dreht sich - naturgemäß - wieder ganz um Pierre, der - ohne dies selbst groß zu forcieren - im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit steht, während Charles - der eigentlich, für sich und mit dem Leser im Schlepptau - den Hintergründen auf die Spur gekommen ist, diese aber aufgrund eigener Zaghaftigkeit nicht selbst hat aufdecken können, ist wieder, wie so oft schon in seinem Leben, zur Rolle der ewigen blassen Randfigur neben seinem strahlenden Bruder verdammt. Nicht einmal sein Bruder - vom Typus her ein einfacher, gutmütiger, uneitler Seemann, dem die Beachtung des sozialen Umfelds eher “naturgegeben” zufließt als dass er sich darum bemüht - hat mitbekommen, dass sich Charles während der Zeit seiner Untersuchungshaft fast verzweifelt darum bemüht hat, das zu tun, was er immer getan hat: nämlich, für Pierre die Dinge in Ordnung zu bringen und dessen Unschuld zu beweisen. Vermutlich wird - das darf über das Ende hinaus spekuliert werden - Charles sogar seine Verlobte Babette verlieren, die (dafür gibt es einige Hinweise) auch eher auf seinen Bruder steht als auf ihn.


Atmosphärisch sehr dicht, spannend geschreiben, mit Liebe zur Detailbetrachtung. Auf jeden Fall einer der starken “Romans durs” Simenons!

Saint-Fiacre am 24.03.2012

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Testuser am 24.03.2012

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