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Maigret und der Spion

Der Samtvorhang am Eingang wurde zur Seite geschoben. Ein Mann reichte dem Pikkolo seine Melone, blieb einen Augenblick stehen, um sich im Saal umzusehen. Er war groß, schwerfällig und dick. Sein Gesicht war gelassen, und er achtete überhaupt nicht auf den Kellner, der ihm einen Tisch empfehlen wollte. Er setzte sich wahllos irgendwohin.
»Kann ich ein Bier haben?«
»Wir haben nur englisches. Stout, Pale Ale, Scotch Ale?«
Und der Gast hob die Achseln, um auszudrücken, dass ihm das völlig gleichgültig war.

Wer das ist, muss nicht erwähnt werden. Der Auftritt, die Gestik sind so typisch. Interessant ist da schon eher, zu erfahren, wo dieser Auftritt stattgefunden hat: in Lüttich, der Geburtsstadt Simenons. Es ist nicht die einzige Erzählung, in der der Kommissar mit dieser Stadt in Berührung kommt, schon in »Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien« setzte sich Simenon mit seiner Heimat auseinander.

Abbildungen zu »Maigret und der Spion« (insgesamt: 7)
Maigret und der Spion - detebe 23810 (MA 10) - 2008 Maigret und der Spion - Niemeyer – 1991 Maigret und der Spion - Kiepenheuer & Witsch – 1962

Jean Chabot, knapp sechzehnjährig, sitzt zusammen mit seinem Freund René Delfosse in einer Bar namens Gai Moulin, und zusammen himmeln sie Adèle an, die in diesem Etablissement für die Animierung zuständig ist. Gerade hatte sie die Beiden verlassen um sich einem neuen Gast zuzuwenden, der mehr als wohlhabend aussah. Die beiden Grünschnäbel standen da natürlich ersteinmal zurück.

Die beiden Jungen, der eine aus einer Buchhalter-Familie stammend, der andere aus wohlhabendem Hause, hatte so ihre Nöte – das nicht nur in hormoneller Hinsicht, sondern auch in finanzieller. Für die Nacht haben sie einen großen Coup geplant. Die Kasse der ihrer Lieblingsbar wird nicht vollständig geleert, ein ansehnlicher Rest bleibt immer zurück. Diesen wollen sie sich aneignen, um unter anderem ihre finanziellen Rückstände in der Bar zu begleichen.

Dazu verdrücken sie sich rechtzeitig aus der Bar und machen es sich im Keller bequem. Nach dem der Wirt die letzten Gäste verscheucht hat und mit seinen Angestellten aufgeräumt hat, schlägt die Stunde der beiden Jungs.

»Licht!« haucht Chabot.
Delfosse streicht ein Zündholz an. Sie halten einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen, um die Strecke bis zur Bar übersehen zu können. Doch plötzlich fällt das Streichholz zu Boden, indessen Delfosse einen gellenden Schrei ausstößt, und zur Toilettentür stürzt. Im Dunkeln findet er sie nicht. Er kehrt um, prallt auf Chabot.
»Schnell! Raus!«
Es ist mehr ein heiseres Krächzen.
Auch Chabot hat etwas gesehen, allerdings nur undeutlich. Etwas wie einen menschlichen Körper, am Boden, vor der Bar ... tiefschwarzes Haar ...

Das sah ganz so aus, als wäre es der Unbekannte gewesen, der von Adèle animiert worden war. Tot, hier in der Bar. Da kann man auch als Dieb schon mal in Panik geraten. (Es gab da auch einen anderen Dieb, der einmal in eine unangenehme Situation hineinschlitterte, als in ein Haus einbrach und feststellen musste, dass da eine Leiche auf ihn wartete, die er aber gar nicht mitnehmen wollte: »Maigret und die Bohnenstange«.)

Nicht nur, dass sie jetzt in der Verdacht geraten konnten, die Täter zu sein, das Geld hatten sie nach ihrer überhasteten Flucht immer noch nicht. Chabot machte das besonderes Kopfzerbrechen, hatte er doch einige Touren aus der Portokasse der Kanzlei finanziert, in der er arbeitete, und die er am nächsten Tag abzurechnen hatte. Aber wie heißt es so schön, kommt Zeit kommt Rat.

Am nächsten Morgen muss er aber als Erstes feststellen, dass ihm ein breitschultriger, gleichgültig wirkender Mann folgt, den er am Vorabend schon einmal in der Bar gesehen hatte – der mit dem Auftritt. So hat er nicht nur zwei Probleme (zur Erinnerung: kein Geld, ein Toter) am Hals, sondern drei. Aber es kam noch schöner: Die Mittagszeitungen vermeldeten: »Das Geheimnis des Weidenkoffers«. Der Tote aus der Bar war im Zoologischen Garten abgestellt worden, in einem Weidenkoffer. Wie kam er denn da hin?

Aber so wie Probleme auftauchen, so verschwinden sie auch. Der Dicke ist plötzlich weg. Am Nachmittag taucht sein Freund Delfosse auf, gibt ihm das Geld für die Portokasse – der Abend, so verabreden sie sich, wird in ihrer Stammbar verbracht.

Wenn Probleme plötzlich verschwinden, muss man auf der Hut sein, sie entspringen ansonsten bei der nächsten Gelegenheit einem solchen. Sie hatten es sich in der Bar gemütlich gemacht, da durchschritt der Unbekannte die Pforte, gab seine Melone ab und ließ sich ein Bier bringen. Delfosse sah ein Problem, mit dem Geld, das er hatte: er hatte es sich nicht am Vormittag erarbeitet, sondern beichtet Chabot, dass er es seinem Onkel, einem Schokoladenhändler, gestohlen hatte. Das Geld muss weg!

Chabot wird beauftragt, das Geld in der Toilette verschwinden zu lassen. Von diesem Toilettengang kehrt er nicht zurück. Die Polizei hat ihn ertappt, als er das Geld herunterspülen wollte, ihn eingebuchtet und verhört ihn im Kommissariat als Mörder von Ephraim Graphopulos – dem Toten im Weidenkoffer.

Das nennt man Pech. Chabot leugnet den Mord, den er nicht begangen hat. Hilfreich ist dabei nicht, dass sein Freund Delfosse sich aus der Stadt abgesetzt hat, nicht ohne vorher noch Adèle zu bestehlen.

Da fällt ihm nur noch ein, dass der dicke Mann der Mörder sein könnte, hatte der sich nicht sehr verdächtig benommen. Das leuchtet auch den Lütticher Polizisten ein: die Jagd auf den Unbekannten beginnt.

Eine rundherum gelungene Maigret-Erzählung!

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fakten Fakten

Originaltitel:

La danseuse du Gai-Moulin

Entstehungsjahr:

1931 (September)

Erscheinungsjahr:

1931

Entstehungsort:

Ouistreham

Verlag:

Fayard

cinema und tv Cinema & TV

Il caso difficile del commissario Maigret
[Maigret und sein größter Fall]
1964 - Italien/Deutschland/Österreich/Frankreich
ein Film von Alfred Weidenmann
produziert von Gunther Albrecht
mit Heinz Rühmann [Maigret]

La danseuse du Gai-Moulin
1981 - Frankreich
ein Film von Jean-Paul Sassy
mit Jean Richard [Maigret]

 

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Erste Worte

Meinungen (2)

Biblio

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»Wer ist das?«
»Weiß ich nicht! Er ist das erste Mal da«, sagte Adèle und stieß den Rauch ihrer Zigaretten aus.
Träge nahm sie die übereinandergeschlagenen Beine auseinander, strich sich das Haar an den Schläfen zurecht und blickte in einen der Spiegel an der Wand des Saales, um sich davon zu überzeugen, dass ihr Makeup noch einwandfrei war.
Sie saß auf einer granatroten Samtbank an einem Tisch mit drei Gläsern Portwein. Ein junger Bursche saß zu ihrer Linken, ein anderer zu ihrer Rechten.

Gast-Kommentator

Ich habe die Filmbeschreibung zu “Maigret und sein größter Fall” gerade gelesen und möchte Heinz Rühmann mal in Schutz nehmen. Simenon sagte einmal (das las ich jedenfalls), als man ihn mit der Figur von Heinz Rühmann konfrontierte: “...aber viel Herz.” Und der schlechteste Maigret Darsteller war für ihn Jean Richard: “Er ist der schlechteste von allen. Er spielt als hätte er zu viele amerikanische Gangsterfilme gesehen.” Nur mal als Information…
(Quellen: www.zdf.de)

stephan am 02.04.2004

Oliver Hahn

Interessanterweise hat Simenon wiederholt versichert, er hätte keinen einzige Maigret-Film gesehen. Schon Bresler ist darüber sehr verwundert und schrieb, dass Simenon auffallend gut über die Leistungen der Schauspieler informiert gewesen sei.

Wie dem auch sei, letztlich ist es Geschmackssache. Die Rühmann-Verfilmung ist meilenweit von der literarischen Vorlage entfernt, dass es weh tut. Das hat nichts mit dem Maigret-Darsteller zu tun, sondern vielmehr mit dem Drehbuch. Vom Simenonschen Realismus war da nicht mehr viel zu sehen.

Da mochte auch der herzige Rühmann nicht viel ausrichten. Vielleicht würde ich über den Film anders urteilen, wenn ich nicht das Buch kennen würde.

Oliver Hahn am 09.05.2009

Was meinen Sie?

8 Ausgaben - erste Ausgabe: 1935 - letzte Ausgabe: 2008

Kein Cover vorhanden

1935

Die Tänzerin
Schlesische Verlagsanstalt
Übersetzung: Harold Effberg

Kein Cover vorhanden

1948

Ein Fremder stirbt
Verlag Rudolf Hans Hammer (Wien)
Übersetzung: M. Konrad

Maigret und der Spion / Kiepenheuer & Witsch

1962

Maigret und der Spion
Kiepenheuer & Witsch (K63)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1965

Maigret und der Spion
in »Maigret und die Verrückten«
Ex Libris
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1966

Maigret und der Spion
Heyne (K63)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1986

Maigret und der Spion
Diogenes (detebe 21427)
Übersetzung: Hainer Kober

Maigret und der Spion / Niemeyer

1991

Maigret und der Spion
Niemeyer

Maigret und der Spion / Diogenes

2008

Maigret und der Spion
Diogenes (detebe 23810 (MA 10))
Übersetzung: Hainer Kober