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Meister gesucht!

Was willst'e denn werden? Die Frage dürften auch den jungen Sim genervt haben. Wie schon beim der Gymnasiums-Auswahl war es auch hier die Mutter, die den ersten Beruf für Simenon aussuchte: Nach ihrem Willen würde er als Konditor glücklich werden. Wenn das geworden wäre, hätten wir heute vielleicht eine weltberühmte Tarte Maigret und würden den Kommissar missen.

Fünfzehn war Simenon, als er sich entschloss, die Schule aufzugeben und Geld zu verdienen. Aus unserer heutigen Perspektive klingt das früh, damals wird das aber keinen Kinderschützer hinter dem Sessel hervorgelockt haben. Normal eben.

Offenbar war es so, dass Simenons Mutter Henriette immer einen Versuch frei hatte, wenn es darum ging, zu bestimmen, was der junge Simenon zu tun hat. So war sie der Meinung, dass ihm eine Ausbildung als Konditor gut tun würde.

Tat sie aber nicht. Zum einen war es kein Beruf, den er auf ewig ausüben wollte. Es schreckte ihn der Gedanke, sein Leben lang Zuckerbackwaren herzustellen. Zu Hilfe kam ihm eine Mehl-Allergie, so dass er den Job schmiss, wie es heute so schön heißt, und er sich eine neue Tätigkeit suchen musste.

Ich wollte immer Buchhändler werden. Das hat sich irgendwann gelegt, was nicht zwingend an mir lag, sondern daran, wie sich Buchhandlungen entwickelt haben. Die kleinen Buchhandlungen, in denen es lauschig und irgendwie gemütlich waren, sind abgelöst worden von Buch-Supermärkten, denen jedes Flair fehlt. Vom Internet wollen wir mal gar nicht reden. Kaum eine Branche wurde durch das Internet so verändert wie die Buchverkaufs-Branche. Hätte es das Internet damals schon gegeben, so wäre Georges Simenon vielleicht ein peinliches Erlebnis erspart geblieben. Er trat also eine Ausbildung bei einem Buchhändler in der Rue de la cathédrale an. In der Buchhandlung, die seinen Vornamen trug, hatte er es unangenehmer Weise mit Menschen zu tun, die er größtenteils kannte. Zum Beispiel ehemaligen Mitschülern, die sich in der Buchhandlung Bücher liehen. Er biss sich durch und arbeitete korrekt und versuchte, respektvoll zu sein. Da er belesener war als sein Chef, kam es zu einer Situation, wo er seinem Ausbilder vor einem Kunden widersprach. Es war damals nicht die Zeit, wo es ein Ausbilder einfach souverän hingenommen hätte, sondern in der Zeit verhielt sich ein Ausbilder wie ein König: Das Arbeitsverhältnis wurde gekündigt.

Ohne Ausbildung und ohne Arbeit. So hatte sich Simenon die Unterstützung seiner Familie sicher nicht vorgestellt. Man kann sich gewiss auch vorstellen, wie seine Mutter darauf reagierte.

Als Glückfall sollte sich erweisen, dass der Krieg endete und die Zeitungen nicht mehr der Zensur unterlagen. Dass Simenon gern schrieb, ist bekannt, und er hatte auch immer überlegt, mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Warum nicht bei einer Zeitung anfangen? Wie er nun seine Stelle bei der Zeitung bekam, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Von Simenon natürlich auch, versteht sich.

Es sollte ihn zur Gazette de Liège treiben, die von Joseph Demarteau, einem Rechtsanwalt, geleitet wurde. Er hatte 1910 die Zeitung von seinem Vater übernommen und sie hatte mit Kriegsbeginn ihr Erscheinen eingestellt. Nun war man bei den Zeitungen auf der Suche nach Journalisten, denn viele Journalisten waren im Krieg gefallen oder noch nicht aus der Armee entlassen worden. Und so tauchte Georges Simenon bei Demarteau auf und stellte sich vor. Ob er nun gleich eingestellt wurde oder erst einen Probeartikel abgeben musste, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Es war aber ganz gewiss nicht so, dass der Name Simenon Demarteau unbekannt war, denn ein Onkel von Georges saß mit dem Rechtsanwalt gemeinsam in einem Aufsichtsrat.

Vier Jahre sollte Simenon für die Gazette arbeiten, anfangs nur als Bürogehilfe, später als Redakteur, der seine eigenen Rubriken und Kolumnen schrieb. Der erste Artikel von Simenon erschien am 24. Januar 1919. Sein Metier war alsbald die Rubrik Unfälle & Verbrechen und da zugehörte auch der tägliche Besuch beim Hauptkommissariat, um bei der Pressekonferenz die neuesten Nachrichten abzugreifen. Simenon behauptete später, er hätte keinen tiefen Einblick in die Arbeit der Polizei bekommen. Aber die Arbeit als Polizeireporter spricht dagegen natürlich ein ganz anderes Bild.

Pure Berichterstattung war ihm nicht genug. Er übte sich in Satiren und »tobte« sich dafür in einer Rubrik aus, die den Namen Hors du poulailler (Außerhalb des Hühnerstalls) und von Georges Simenon mit dem Namen M. le Coq unterschrieben wurden. In dieser Kolumne nahm er Ereignisse in Lüttich satirisch auf’s Korn.

Er dürfte in der Zeit auch Sachen geschrieben haben, die er später nicht mehr so gern gelesen hätte. Es gab 1921 beispielsweise einen Prozess gegen einen Kriegskollaborateur namens Douhard. Dieser hatte während des Krieges von den deutschen Besatzungstruppen Polizeigewalt übertragen bekommen und hatte damals Partisanentruppen zusammengetrieben und Mitglieder ohne Gerichtsprozess hinrichten lassen. Die Stimmung während Douhards Gerichtsprozesses war also nicht gerade sehr einnehmend für den Angeklagten und er wurde zum Tode verurteilt. Simenon war damals noch nicht der Todesstrafen-Gegner, zu dem er sich später enwickeln sollte. In seiner Kolumne schlug er vor, dass die Hersteller von Insektenvernichtungsmitteln ihre Produkte an dem Verurteilten ausprobieren sollten, dann wäre zumindest noch für irgendetwas zu nütze.

Dummer Krams, im Alter von 18 Jahren geschrieben, mag man meinen. Häufiger wird ihm angekreidet, dass er sich hat zu einer Artikelserie hinreißen lassen, die unter dem Titel »Le péril juif« (»Die jüdische Gefahr«) lief und ganze siebzehn Folgen lief. Dabei bediente er sich diverser dubioser Quellen, die heute als Fälschungen entlarvt wurden. In den 80er Jahren wurde er Jean-Christophe Camus auf seine Artikel-Serie angesprochen und antwortete darauf, dass die damals in dem Artikel veröffentlichten Ausführungen zu keiner Zeit seiner Meinung entsprachen.

Ich hatte Anweisung, sie zu schreiben, und ich hatte keine Wahl.

Er verweist auf die jüdischen Untermieter im Haus seiner Eltern und darauf, dass er eine Reihe von jüdischen Freunden hätte. Marnham meint zu diesem Thema, dass der Artikelserie dem Meinungsbild der Gazette de Liège entsprochen hätte, das ultrakatholisch gewesen wäre und man von den Juden normalerweise als »Gottesmörder« sprach. Simenon hätte als politisch naiver Mensch die Meinungen kritiklos übernommen.

Einträglich war das Geschäft mit dem Schreiben von Nachrichten auf jeden Fall. Schon nach kurzer Zeit verdiente der junge Simenon soviel wie sein Vater.

 

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Meinungen

Artikelhistorie

Schule, warum nicht?

Was hätte aus dem Mann werden können? Er ging auf ein humanistischen Gymnasium und seine Mutter Henriette hatte ihn für das Priester-Beruf vorgesehen. Eine Mädchen-Geschichte sollte dafür sorgen, dass sich Simenons Bildungsweg etwas änderte.

Erste Gehversuche

Der Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet. So halten es viele Journalisten. Die, die es nicht so damit haben, sollten vielleicht Schriftsteller werden. So wie Georges Simenon, der seine Stärken eindeutig im Fiktionalen sah. Erst nahm er sich die Kurzgeschichte als literarische Form vor, dann den Roman. Erste Gehversuche eines Schriftstellers.

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Erstellt: 22.09.2008

Letzte Änderung: 28.09.2008