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Das zweite Leben

Irgendwo konnte man einmal den bösen Spruch aufschnappen, dass es einem richtig gut geht, wenn es dem besten Freund besonders dreckig geht. Das ist eine maßlose Übertreibung, aber häufig genug konnte man im Film beobachten, wie der beste Freund mit gewissem Neid irgendetwas aufgenommen hat und sich später über den Verlust freute. Ob so etwas im Leben vorkommt, sei einmal dahingestellt. Man sollte sich hüten, dieses dem besten Freund mitzuteilen, es sei denn, man hat von Hause aus eine lockere Zimmer und das Gegenüber weiß es so zu nehmen, wie es vielleicht gemeint ist - ironisch.

Abbildungen zu »Das zweite Leben« (insgesamt: 2)
Das zweite Leben - Diogenes (detebe 22406) - 1991 Die Hand - Heyne (K121) - 1972

Ray Sanders hat sich in seinen letzten Minuten vielleicht gefragt, ob er sich auf seinen Freund Donald Dodd wirklich so verlassen konnte, wie er es immer geglaubt hat; ob die Hochschätzung, die er Donald entgegengebracht hatte, verdient war. Die beiden Freunde kommen spät in der Nacht mit ihren Frauen von einem Empfang zurück. Es herrscht ein katastrophaler Schneesturm und zumindest die Männer sind angetrunken. Völlig unmöglich ist es, mit dem Auto direkt vor das Haus zu fahren - ein stattliches Stück müssen die Herrschaften gehen. Voran die Frauen, gefolgt von den Männern, macht man sich auf den Weg. Im Haus angekommen, bemerken die Frauen und Donald, dass Ray nicht gefolgt ist. Widerwillig, aber letztlich unvermeidlich ist die Suche Donalds nach seinem Freund. Bestimmte Sachen lehnt man einfach nicht ab.

Der Weg führt Donald zur Scheune des Grundstücks. An der ist der heimkommende Trupp nicht vorbeigekommen, aber Donald hat nicht die Absicht, durch den Schnee zu stapfen und sich selbst in Gefahr zu bringen. Er setzt sich auf die Bank in der Scheune und fängt an, zu rauchen und abzuwarten. Dabei zieht er ein Resumée: Der Empfang bei Ashbridge konnte nicht als voller Erfolg gewertet werden. Donald Dodd erwischte seinen Freund Ray mit der Frau des Gastgebers im Bad, als die beiden sich verlustierten. Ray hatte davon vielleicht nichts mitbekommen, bei Patricia, der Frau, sah es ein wenig auf. Sie schaffte es, in der unmissverständlichen Situation noch, Donald zuzuzwinkern. Nach dem Motto: »Du hast Dich ja nie getraut!«. Donald nahm dies nicht sportlich, seine freundschaftlichen Gefühle begannen zu wanken, und als sich an diesem Abend die Gelegenheit bot, Revanche zu üben, nahm er sie an. Auf der Bank sitzend wurde ihm klar, dass er Ray alles neidete, ihn gar hasste.

Simenon lässt dem Leser wenig Platz für Interpretationen: Donald erzählt die Geschichte aus seiner Perspektive, jedes Wort kann für bare Müntze genommen werden. Sagt er, er würde seinen Freund hassen, kann sich der Leser nicht sagen, so wird es nicht gemeint sein, sondern muss sich eingestehen, dass die menschlichen Abgründe nicht zu fassen sind. Wird man damit nicht auf die Probe gestellt: Würde man sich in der gleichen Situation auf den Weg in die Schneewüste machen oder die Gelegenheit zur Rache nutzen? Rachegefühle sind doch auch menschlich, aber dient das Rechtfertigung für so ein Verhalten?

Das Buch heißt nicht umsonst in der deutschen Übersetzung »Das zweite Leben«. Donald erlebt mit der Entscheidung, nicht zu suchen, eine Wiedergeburt. Natürlich lässt sich nicht sagen, ob eine ausführliche Suche nach Ray, das Leben dessen gerettet hätte, aber es wäre zumindest Seelenbalsam gewesen. Dieses Balsam braucht Donald nicht, er hat keinerlei Gewissensbisse und tritt mit offenem Blick den beiden Frauen gegenüber und verkündet, er hätte nichts gefunden. Mona, Rays Frau, hinterfragt diese Auskunft nicht; Isabel, Donalds Frau, spürt, dass sich ihr Mann innerhalb kürzester Zeit geändert hat und sollte in den nächsten Tagen und Wochen, noch viel Gelegenheit haben, sich zu wundern.

Isabel hatte die schicksalhafte Begabung, Menschen zu durchschauen. Sie machte sich auf den Weg in die Scheune, und beseitigte die Zigarettenstummel, die von der nächtlichen Warterei übergeblieben waren. Damit war ihr auch klar, dass ihr Mann gar nicht auf der Suche gewesen war. Dieser Durchblick fehlte Donald: er reagiert mehr als erstaunt, als er von Mona erfährt, dass es nicht Donald sein sollte, der von Neid erfüllt ist, sondern dass es Ray war, der das Leben, das Donald und Isabel führten, bewundert. Die Ruhe im Leben, die festen Ziele und die Familie: Ray, dem Werbefachmann, fehlte mehr im Leben, als den materiell schlechter gestellten Dodds.

Der Rechtsanwalt Donald mag sich dieser Argumentation nicht abschließen, er versucht dieses einmalige Ereignis für eine Richtungsänderung zu nutzen. Die Entscheidung Monas, ihn als Testamentsvollstrecker zu engagieren, macht es ihm leicht. Er beginnt eine Affäre mit Mona. Diese lebt er in größerer Entfernung - New York - aus, seine Umgebung ist aber nicht so blind, als dass sie nicht mitbekommen würde, was sich abspielt. Die Bewohner der kleinen Stadt, in der Donald lebt, zerreißen sich den Mund über den Lebenswandel ihres Rechtsanwalts. Es bleibt auch nicht unbekannt, dass es sich bei der Geliebten Dodds um die Witwe seines besten Freundes handelt; da bleibt es auch nicht aus, dass sich einige Leute weitergehende Gedanken machen. Hat Dodd den Tod seines Freundes herbeigeführt?

Donald Dodd steht über den Dingen. Ihn scherrt nicht, was Familie, Freunde und der Rest seiner Umgebung von ihm denken, er lebt sein Leben, wie er mag. Sich dabei einredend, dass er schon immer so leben wollte. Ein Mann im Aufbruch, mit enormer Geschwindigkeit startend (besten Freund nicht retten - Testamentvollstrecker werden - Witwe übernehmen), die Wand, auf die er zurast, nicht sehend.

Das ganze Buch ist ein Kammerspiel. Simenon lässt nur wenige Figuren auftreten, die meiste Zeit lebt der Leser mit den Gedanken Donalds. Wie er sein Leben und sein Handeln aufrechnet. Ich habe das Buch in aller Früh vor einer Dienstreise gegriffen, nicht ausgesucht, und hatte es am Abend ausgelesen. Bei Ich-Erzählungen, das ist das Schöne, kann man davon ausgehen, dass der Erzähler überlebt. Das hat mir einige Zuversicht für ein gnädiges Ende gegeben. Diesen Gedanken habe ich schon nach kurzer Zeit ad acta gelegt; kein Grund, das Buch aus den Händen zu legen und den Kopf in den Sand zu stecken. Ich musste wissen, ob Donald ein neues Leben beginnt, der Scharfsichtigkeit seiner Frau entrinnt, oder ober in seinem alten Leben, das ihn nicht befriedigte steckenbleibt. Das Entkommen Donalds ist ein simenontypisches, ein neues Leben beginnt er aber allemal.

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fakten Fakten

Originaltitel:

La main

Entstehungsjahr:

1968 (April)

Erscheinungsjahr:

1968

Entstehungsort:

Épalinges

Verlag:

Presses de la Cité

cinema und tv Cinema & TV

Das zweite Leben
1990 - Deutschland
ein Film von Carlo Rola
produziert von Manfred D. Heid
mit Iris Berben [Mona Sander],
Nicolas Brieger [Hans Sander],
Vadim Glowna [Donald Anders],
Monika Lundi [Isabel Anders]

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Ich saß auf der Bank in der Scheune. Aber nicht genug damit, dass ich mir dessen bewusst war, da zu sitzen, vor der ausgeleierten Tür, die aufging und wieder zuschlug und jedesmal ein heftigen Windstoß mit einer Wolke von Schnee hereinwirbeln ließ - ich sah mich buchstäblich noch, so deutlich wie in einem Spiegel, während ich mir klar machte, wie ungeheuerlich das war, was ich tat.

Saint-Fiacre

Bevor ich die letzten drei Seiten dieses Romans gelesen habe, hatte ich bereits eine nahezu vollständige - und sehr positive - Bewertung des Buches vor Augen. Durch die Lektüre der letzten drei Seiten bin ich nun aber etwas im Zweifel, wie ich das Gesamt des Gelesenen beurteilen soll, erscheint mir doch das Ende als sehr abrupt, unzureichend motiviert und - insbesondere mit Blick auf die Behutsamkeit, mit der Simenon über die davor liegenden gut 200 Seiten hinweg die innere Entwicklung seines Protagonisten “organisch” sich entwickeln lässt - als irgendwie hastig an das Ende der ansonsten beeindruckenden Erzählung geschustert. Wollte der Meister hier wieder einmal - wie leider häufiger - plötzlich rasch fertigwerden, weil schon wieder Ideen für 14 weitere Romane in seinem Kopf auf Papierwerdung drängten?


Möglicherweise tue ich dem Roman(ende) auch unrecht; eventuell werde ich mit etwas Abstand von der Lektüre (Ich habe das Buch soeben erst zugeklappt) zu einem anderen Urteil kommen. Nur so viel sei dazu angemerkt: Das Scheitern des “zweiten Lebens” hätte nach meinem derzeitigen Dafürhalten durchaus eindrücklicher vor Augen geführt werden können, hätte der Meister ein weniger eindrückliches Ende gewählt - will sagen: hätte er seinen Protagonisten zu guter Letzt - zwar widerstrebend, aber resigniert - in diejenigen Zwänge und sozialen Konstrukte zurückkehren lassen, aus denen er sich zuvor emanzipiert zu haben glaubte (sozusagen Camus’ “Rückkehr in die Kette”). Als Leser hätten wir dann absolut geglaubt, wie unbefriedigend Donalds weiteres Leben von da an verlaufen wäre. Da er seine Emanzipation - selbst auf dem Höhepunkt seiner Affäre mit Mona - letztlich aber nur innerlich, für und vor sich selbst, nie jedoch äußerlich vollzieht (Die Scheidung steht für ihn nie zur Debatte), wäre ein solches Ende aus dem bisherigen Gang der Ereignisse eigentlich geradezu zwingend abzuleiten gewesen. Wenn man bedenkt, wie viel Reflexion und - z.T. mehrfach hin- und hergewälzter - kleiner Entscheidungen Donald bedarf, um überhaupt nur ernsthaft in Betracht zu ziehen, das erste Mal nach New York zu fahren (und das letztlich auch erst nach wiederholter Ermunterung durch seine Gattin in die Tat umzusetzen), so ist es schwer begreiflich, weshalb dieselbe Figur auf den letzten drei Seiten des Romans dann ganz plötzlich so agiert wie sie agiert. Der Schluss reiht sich natürlich in eine ansehnliche Reihe ähnlicher Romanenden im Werk Simenons - dadurch muss es hier aber noch lange nicht gut sein.


Dennoch: Lässt man das Ende mal beiseite, so handelt es sich bei diesem Roman um eine sehr eindrucksvolle Beschreibung einer Krise im Leben eines Mittvierzigers. Ich will sie nicht “Midlife Crisis” nennen, da das allzu viele Klischees heraufbeschwört, die auf diese stellenweise sehr tiefgründige und reife Schilderung einer Sinnkrise anzuwenden der Leistung des Autors nicht gerecht würde. Weite Teile des Romans sind im Grunde ein großer innerer Monolog. Simenon lässt die äußere wie die innere Handlug sich sehr langsam entwickeln und gibt damit der Geschichte wie auch den Reflexionen sowie der Selbst- und der Außenwahrnehmung seines Protagonisten Raum, sich “organisch” zu entfalten. Hier erscheint nichts, wie in manch anderen Romanen des Autors, rasch heruntergeschrieben; die Reflexionen und der Umbruch in der Selbstwahrnehmung des Protagonisten werden nachvollziehbar aufgebaut, erstaunlich ist das Gespür Simenons fürs Detail, insbesondere bei der Beobachtung und Interpretation der Verhaltensweisen anderer. Immer wieder drehen sich die Gedankengänge Donalds, ausgehend von den jeweils aktuellen Ereignissen, um das Nicht-Kommunizieren zwischen ihm und seiner Ehefrau Isabel (Blicke, Gesten, das Umgehen direkter Kommunikation durch Rituale).


Letztlich handelt es sich um die Geschichte einer Entfremdung - von der eigenen Ehefrau, von den vertraut gewordenen Bahnen, in denen das eigene Leben seit Jahren verläuft. Dabei drängt es einen beim Lesen des öfteren zum Gedankenexperiment, wie wohl derselbe Roman geschrieben aus der Sicht Isabels aussähe. Denn nicht nur Isabel, mit der er seit siebzehn Jahren verheiratet ist, ist mit ihrem Verhalten Rätsel, Mysterium, vertraute Fremde und Anlass zu allerlei Hypothesen für Donald - umgekehrt scheint es, zumindest soweit Donalds Verhaltensweisen seiner eigenen Wahrnehmung zufolge durch Isabel gespiegelt bzw. mit Reaktionen erwidert werden, dass Donald für seine Ehefrau in gleicher Weise Rätsel und Fremder ist - der sich, ausgelöst von dem Tod seines besten Freundes im Blizzard, Schritt um Schritt noch weiter von ihr entfremdet.


In Anbetracht des Endes, das mir, wie schon erwähnt, einige Schwierigkeiten bereitet, möchte ich keine abschließende Gesamtbewertung vornehmen. Theoretisch könnte man ohne Verlust vor Abschnuitt 4 des zweiten Teils (bzw. auf S. 207 der diogenes-Ausgabe von 1991) aufhören zu lesen - und hätte eine wirklich eindrucksvolle und sehr gut geschriebene Geschichte einer Entfremdung gelesen, die zum Nachdenken anregt und die in verschiedener Hinsicht Identifikationspotenzial bietet. Die letzten drei Seiten braucht man nicht wirklich, sie machen ratlos und lassen einen - aufgrund des Knalleffekts - dann doch mit einem etwas schalen Nachgeschmack zurück. Aus Sicht dessen, der das Buch eben erst zuende gelesen hat, wäre ich fast geneigt zu sagen: Auf 200 Seiten brillant aufgebaute und in klarer Sprache verfasste innerer Handlung folgt ein 3-seitiges plakatives Groschenromanende. Zusammen ergibt das den schalen Nachgeschmack.


Möglicherweise beurteile ich das Ende ja mit etwas Abstand etwas milder. Sollte das der Fall sein, werde ich zu gegebener Zeit einen Nachtrag zu dieser Rezension verfassen.


P.S.: Ich finde den französischen Originaltitel “La main” (Die Hand) für treffender als den für die deutsche Ausgabe gewählten Titel “Das zweite Leben”. Faktisch macht unser Protagonist keine wirklich ernsthaften Anstalten, ein zweites Leben zu beginnen - ein zweites Leben hängt stattdessen nur die ganze Zeit als mehr oder weniger vage Möglichkeit in der Luft. Die Hand Monas neben der Matratze, auf die der Protagonist in seinen Gednakengängen mehrfach zurückkommt, ist hingegen Symbol gerade für die Möglichkeit, nicht aber für das tatsächlich realisierte zweite Leben. Das zeigt sich schon allein darin, dass Donald die Hand nicht ergreift, sondern sich in Gedanken lediglich mit der Möglichkeit (und ihren Konsequenzen) herumplagt, diese ergreifen zu können. Das Ende - nimmt man es so hin, wie es da steht - kann man natürlich in gewisser Weise als Befreiungsschlag hin zu einem “zweiten Leben” deuten; für mich hingegen stellt es eher eine radikale Variante des Scheiterns dar. (Dass ich die subtilere Variante - die widerstrebende und unglückliche Rückkehr in die vertraut-verhassten Verhältnisse - für reizvoller befunden hätte, habe ich bereits erwähnt.)

Saint-Fiacre am 24.03.2012

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3 Ausgaben - erste Ausgabe: 1970 - letzte Ausgabe: 1991

Kein Cover vorhanden

1970

Die Hand
in »Der Haselnußstrauch/Die Flucht des Herrn Monde/Die Hand«
Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Die Hand / Heyne

1972

Die Hand
Heyne (K121)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Das zweite Leben / Diogenes

1991

Das zweite Leben
Diogenes (detebe 22406)
Übersetzung: Ingrid Altrichter