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In fernen Ländern

Simenon war Weltreisender, davon legen einige Bildbände auch beeindruckend Zeugnis ab. Die Reisen hinterließen auch Spuren in dem Werk von Georges Simenon, wir folgen den Spuren.

Wie klingt das?

Das pazifische Küstentiefland ist, von wenigen Hafenstädten abgesehen, weitgehend unbesiedelt, was insbesondere auf seine immerfeucht-heißen Klimabedingungen zurückzuführen ist, die mit bis zu 10.000 mm Niederschlag im Jahr als extrem zu bezeichnen sind.

Ziemlich ekelhaft, nicht wahr? Schleswig-Holstein ist als ziemlich feucht verschrien. Man sagt auch, es würde fast immer regnen. Dabei kommt Schleswig-Holstein im Jahresmittel auf 600 bis 900 Millimeter Niederschlagsmenge. Da braucht man noch nicht einmal einen Punkt, um die Tausenderstelle abzugrenzen. Wenn man sich das jetzt auch noch in Kombination mit »heiß« vorstellt, hat man einen Landstrich, der so tropisch ist, dass man da nicht leben möchte und so ist das auch an der Pazifik-Küste Kolumbiens, an der die Hafenstadt Buenaventura liegt. Es ist sogar zu lesen, dass dieser Landstrich mit Ausnahme der Hafenstädte kaum besiedelt ist.

Nun sind diese Fakten schon an sich recht unerfreulich, will man aber ein anschaulicheres Bild haben, dann kann man über die ganzen schwitzenden und unzufriedenen Menschen auch bei Simenon lesen. Jef und Charlotte verschlägt es beispielsweise in diese Gegend und sie sind nicht sehr glücklich. Sie landen in dem gottverlassenen Nest, in dem sich kaum jemand aufhalten möchte, das alle so schnell wie möglich wieder verlassen möchten:

Das Hotel war fast leer. Es kamen nur Gäste, wenn ein Schiff anlegte. Die übrige Zeit war die Halle verlassen, es saßen keine fünf Gäste in dem riesigen Speisesaal. Die Kellner, Mestizen, trugen schmutzige Hemden und speckige Fräcke.

Heute ist die Infastruktur sicher viel, viel besser als in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts - schließlich leben in der Stadt über 300.000 Einwohner. Vieles macht das Leben angenehmer, wenn man es sich leisten kann. Dieses »wenn« ist aber ein ziemlich gewichtiges »wenn«, denn »wenn nicht« hat man wahrscheinlich immer noch das gleiche Gefühl wie zu Simenons Zeiten. Jef und Charlotte begeben sich aber auf »große Fahrt« nach Tahiti und von diesem Flecken weiß man, dass er sehr angenehm ist.

Simenon war von dem Fleckchen Erde so beeindruckt - vielleicht aufgrund seiner Unwirtlichkeit - dass er der Stadt noch zwei Erzählungen widmete, die beide den Namen »L’escale de Buenaventura« tragen, dankbarerweise aber im Deutschen gut zu unterscheiden sind. Eine davon findet sich in dem Band »Exotische Novellen«, welcher allerdings seit Jahren nicht mehr erschienen ist. »Zwischenstation in Buenaventura« wirkt ein wenig wie eine Studie zu »Auf großer Fahrt« (s.o.), »Der Hafen von Buenaventura« erzählt dagegen eine andere Geschichte.

Apropos Tahiti: Auf einer eigenen Themenseite (siehe Link) wurde zusammengefasst, welche Romane in diesem Teil der Welt spielt. Wie sehr Simenon von diesem exotische Platz gewesen, lässt sich nicht nur seinem Werk entnehmen, sondern auch den Bildern, die er mitbrachte und die später in verschiedenen Bildbänden veröffentlicht wurden.

Bei aller Liebe zu exotischen Ländern und dem Ausleben seiner Neugierde über die Kultur anderer Völker, kann man davon ausgehen, dass Simenon nie auf die Idee gekommen ist, so zu leben, wie es manche seiner Helden machen. Beispielsweise verbringt der junge Oscar Donadieu seine Zeit als Einsiedler, somit also einsam und zurückgezogen, menschenscheu. Die Attribute sind mit Simenon überhaupt nicht Einklang zu bringen. Genauso dürfte ihm das abgeschiedene Aussteigerleben, welches er nach wahren Begebenheiten in Hotel »Zurück zur Natur« schildert.

Nun bin ich fast schon von Latein-Amerika abgekommen, aber da wäre ja noch Panama: In Panama wollte man eigentlich nicht bleiben, dort strandete man wie in Buenaventura und wollte so schnell es geht wieder weg. Joseph Dupuch war das nicht vergönnt. Er hatte eine Stelle angenommen und war mit seiner Frau auf dem Weg nach Equador. Unglücklicherweise ist die Firma pleite gegangen und da er ohne eigenes Geld in das Abenteuer gestartet war, hing er in Panama fest. Er kam nicht an sein Ziel, zu dem er nicht mehr wollte, er kam aber auch nicht zurück nach Frankreich. Anfangs versuchen das Paar noch gemeinsam, aus der Misere zu kommen. Aber mit der Zeit bewegen sie sich auseinander, sie kann ihre Position halten, er verfällt dem Alkohol und es geht schnurstracks die soziale Leiter abwärts. Nicht nur damit hat Joseph Dupuch fertig zu werden, sondern auch mit der Tatsache, dass er von den »Weißen« scheel angesehen wird, da er sich unter die Einheimischen mischte und wie sie lebte. Geschildert wird diese Geschichte in »Die Schwarze von Panama«.

Der zweite in Panama gestrandete Mann ist ebenfalls ein Hängengebliebener. Er kommt aber aus einer ganz anderen Liga: Dieudonné Ferchaux - »Der ältere Bruder« - war ein erfolgreicher Unternehmer in Frankreich. Bringt jemand drei Einheimische in Afrika um, so ist das in Frankreich keine große Affäre - es sei denn, man ist politisch in Ungnade gefallen. So ergeht es Ferchaux, der sich auf die Flucht nach Panama macht und von seinem Assistenten Michel Maudet begleitet wird - und dort lebt er nicht sein ruhiges Leben weiter, sondern auch er wird von der Fremde zerrieben.

Bevor wir uns Afrika zuwenden, ein paar Worte zur Türkei. Das Verhältnis von Fiktion zur journlistischer Arbeit schlägt mehr in Richtung journalistischer Antwort. Er interviewt Trotzki, schreibt einen Bericht über die Schlepperarbeit der 30er Jahre, die sich nicht von der Arbeit der Menschenschlepper von heute unterscheidet und gibt einem ein Einblick in die Kriminalität Istanbuls ebenfalls in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. »Der Polizist von Istanbul« ist eine kleine Detektiv-Geschichte,d ie ebenfalls in den »Exotischen Notizen« erschienen ist. Der einzige Roman, dem man der Türkei zuordnen kann, ist ebenfalls eine typischen »Hängenbleiber«-Geschichte. Eine Dame ist als Animierdame in Istanbul geblieben, es lässt sich wohl nicht schlecht leben dort, allerdings wurde von der Politik ein Dekret auf den Weg gebracht, welches es nicht erlaubte, Unverheirateten eine Aufenthaltserlaubnis zu geben.

In den Lesebüchern und Erzählbänden von Diogenes gibt es eine ganze Reihe von Erzählungen und Reportagen, die in Afrika spielen - zum Beispiel »Der Neger ist eingeschlafen« oder »Das Gericht der zwölf Häuptlinge«. Die Reisen, die Simenon nach Afrika führten, sind mittlerweile wie auch die Bilder seiner Tahiti-Reisen in einigen Bildbänden erschienen und man kann sich ein gutes Bild machen, wie die Einheimischen damals gelebt haben (und kann das gern mit den massenhaft vorhandenen Bildern der heutigen Zeit vergleichen). Während seine Romane und Berichte aus Tahiti einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der damaligen Zeit geben, kommt bei bei dem literarischen und journalistischen Werk Simenons aus Afrika noch ein Aspekt hinzu: Kritik am französischen Kolonialismus. Die Menschen, die sich dort niedergelassen haben, mit dem Ziel, das Maximum an Profit aus Land und Einwohnern herauszuschlagen, kommen in den Romanen nicht gut weg. Simenon ist auch nicht der Meinung, dass er den Beamten irgendwelchen Respekt entgegenbringen müsste. So hat sich Joseph Timar in »Tropenkoller« mit aus Frankreich ausgewiesenen Mädchenhändlern bekannt gemacht, einem Neffen eines Departmentsrates sicher nicht würdig - aber solche Leute fand man halt in den afrikanischen Kolonien Frankreichs. Wahrscheinlich erraten Sie es, dass auch Joseph seinen Weg nicht in Afrika machen wird. Wie sein Namensvetter aus Panama hat man gar keinen Job für ihn und so lungert er in Afrika herum…

Eigentlich gibt es keine fiktiven Geschichten von Simenon. Die Orte, die er beschreibt, hat er auch besucht oder er hat sie Orten nachempfunden, die er besucht hat. So darf man sich nicht wundern, dass es keine Geschichten aus Vietnam, Finnland oder Südafrika gibt. Simenon hat sie nicht besucht, also gibt es auch keine Geschichten von dort. Es scheint, als konnte sich Simenon Geschichten ausdenken, aber nicht Orte. Vielleicht ist das die Erklärung, warum er sich an einer ganzen Bandbreite von unterschiedlichen Romanen versucht hat - aber neben Horror auch Science Fiction und Fantasy ausließ (bevor man jetzt zusammenzuckt: ja, beide Genre wurden schon zu Zeiten Simenons schriftstellerischen Wirkens »bedient«).

Ein Indiz dafür ist auch, dass Simenon nie einen Roman geschrieben hat, der in Amerika spielte, bevor er nicht selbst dort gewesen war. Während und nach seinem Aufenthalt in den USA schickte er nicht nur diverse Romanfiguren in die USA, sogar Kommissar Maigret bekam Außeneinsätze dort. Aber das ist ein ganz anderes, umfassendes Thema.

 

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Erstellt: 11.06.2008

Letzte Änderung: 26.09.2010