Quai des Orfèvres > Simenon > Biographie

suchen | registrieren | anmelden | das lädchen | forum | kontakt

Erste Gehversuche

Der Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet. So halten es viele Journalisten. Die, die es nicht so damit haben, sollten vielleicht Schriftsteller werden. So wie Georges Simenon, der seine Stärken eindeutig im Fiktionalen sah. Erst nahm er sich die Kurzgeschichte als literarische Form vor, dann den Roman. Erste Gehversuche eines Schriftstellers.

(Fortsetzung)

Eine Bekannte aus Simenons Umgebung, Andrée Piéteur, die zu dem Künstlerkreis gehörte, stellte nach Simenons fest, dass Simenon nie an ernsthaften Mädchen interessiert gewesen sein. Er holte sich seine Befriedigung bei Huren. Insofern war die Beziehung zu Tigy eine Zäsur, denn jetzt hatte er jemanden an seiner Seite, den er mochte und mit dem er Pläne schmiedete. Und sie hatten alsbald konkrete Pläne und galten inoffiziell als verlobt. Der Status sollte sich recht schnell ändern, denn der Vater von Régine entdeckte recht eindeutige Briefe und stellte Simenon zur Rede.

In der Planung des gemeinsamen Lebens war man so verblieben, dass Simenon sich zuerst um den Broterwerb kümmern sollte und Régine, die mit ihrer Ausstellung schon einen größeren Erfolg vorzuweisen hatte, sich um ihre Karriere als Malerin kümmern sollte. Kinder waren nicht geplant, aber der Ort der Karriere stand schon fest: In Lüttich konnten die beiden nichts werden und sie wollten nicht in der Provinz versauern. Paris sollte es werden.

Und geheiratet sollte erst werden, wenn Simenon in Paris eigenes Geld verdient hätte, um Tigy versorgen zu können. Da wurden Nägel mit Köpfen gemacht. So mancher ist der Meinung, dass Tigy eine Rettung für Simenon war: Sie brachte ihn auf den rechten Weg, hielt ihn von zu massivem Alkoholgenuss ab und von Drogen fern.

Simenon hatte schon alles fix gemacht, um seinen Fortgang nach Paris beschleunigen zu können. So hatte er beantragt, seinen Militärdienst eher ableisten zu dürfen.

Am 28. November 1921 hatte sich Simenon einen schönen Tag in Antwerpen gemacht. Schön hieß für den Journalisten: Er hatte ein wenig gearbeitet und sich dann mit einem Vetter in einem Stundenhotel amüsiert. Ernsthaftigkeit in seinern Planungen war das eine, das hieß allerdings nicht, dass Tigy Simenon von seinen sexuellen Vorlieben abgebracht hätte. Bei seiner Rückkehr nach Lüttich erwarteten ihn am Bahnhof Tigy und ihr Vater: Sie mussten dem Rückkehrenden mitteilen, dass sein Vater im Büro gestorben wäre.

Was nun folgte war gänzlich unerfreulich. Im Hause Simenon war kaum Bargeld vorhanden, die Finanzierung der Beerdigung stand auf wackligen Füßen. Georges Simenon fragte bei wohlhabenden Verwandten an, ob sie ihm Geld für die Beerdigung leihen würden. Er bekam eine dreifache Abfuhr und wandte sich schließlich an Demarteau, seinen Arbeitgeber, und einmal mehr half er ihm aus der Patsche.

Nun ist es gemeinerweise so, dass man nie weiß, was aus den Kindern wird. Weder die Eltern noch die Onkel und Tanten können abschätzen, ob sie es mit einem Versager oder mit einem Gewinner zu tun haben - wenn man in diesen Kategorien denkt. Insofern kann man den Verwandten, bei denen sich Simenon eine Abfuhr holte, nicht Vorwurf machen, sie hätten nicht genügend Weitblick aufgewiesen. Wer konnte denn damals ahnen, dass über den Jungen Biographien geschrieben würden und Webseiten existieren würden? Geschweige denn davon, dass der Junge das Thema immer wieder in seinen eigenen Büchern aufs Tablett bringen würde? Hätten sie sich allerdings anständig verhalten, so müsste man nicht heute noch mit dem Kopf schütteln…

Der Tod seines Vaters, so wenig unerwartet er kam, nahm Simenon sehr mit. Das ließ ihn aber nicht seinen klaren Kopf verlieren. Um einer Bevormundung seiner Mutter auszuweichen (Stichwort: Volljährigkeit mit 21) ging er zum Standesamt und ließ sich seine Mündigkeit bestätigen. Nun war er sein eigener Herr und konnte sein »Eigener-Herr-sein«-Gehabe aber gleich wieder abgeben, denn er trat kurz nach der Beerdigung seinen Militärdienst an.

Er kam zuerst nach Deutschland, zu den dortigen belgischen Besatzungstruppen. Dies verdankte er seinem Können im Motorradfahren, schließlich hatte er über Motorräder für seine Zeitung berichtet. Von dort aus schickte er auch weiterhin Berichte an seine Zeitung. Die Entfernung von zu Hause war aber lästig und hinderlich und so reichte Simenon ein Versetzungsgesuch ein, denn schließlich wäre gerade sein Vater gestorben und er müsste sich um seine Mutter kümmern. Diesem Gesuch gab man nach und alsbald konnte Simenon auch wieder Kolumnen als Mr. de Coq unterschreiben.

Am 4. Dezember 1922 endete Simenons Militärzeit.

zurück  1 | 2

 

Vielleicht auch interessant...

Meinungen

Artikelhistorie

Meister gesucht!

Was willst'e denn werden? Die Frage dürften auch den jungen Sim genervt haben. Wie schon beim der Gymnasiums-Auswahl war es auch hier die Mutter, die den ersten Beruf für Simenon aussuchte: Nach ihrem Willen würde er als Konditor glücklich werden. Wenn das geworden wäre, hätten wir heute vielleicht eine weltberühmte Tarte Maigret und würden den Kommissar missen.

Souvenirs

208 Seiten für Tigy. Das dürfte ein Rekord sein, auch wenn fairerweise anmerken muss, dass es sich bei dem Buch über Tigy auch um ein Buch von Tigy handelt. Die Frau Simenons, von der man nicht das Gefühl hat, dass sie sich in den Vordergrund gedrängelt hat (es gab da ja auch andere), hat ihre Erinnerungen geschrieben, die jetzt im Gallimard-Verlag (November 2004) veröffentlicht worden sind. Herausgegeben und zusammengestellt wurde das Buch von der Enkelin Régine Simenons (geborene Renchon), Diane Simenon (soweit ich sehe die Tochter von Marc).

Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.

Was meinen Sie?

Erstellt: 22.09.2008

Letzte Änderung: 28.09.2008