»Qui êtes-vous G. Simenon?«


Mein Gedächtnis lässt mich im Stich! Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo ich über dieses Büchlein las, welches wirklich so klein und kompakt ist, wie es auf dem Bild aussieht. Der Kontext: Eine Biografie (oder so ähnlich) über Simenon aus seinem Heimatland Belgien. Günstig produziert, sodass man weitestgehend auf Fotos des Autoren verzichtete.

Ob es nun wirklich eine Biografie wird oder der Versuch einer Entzauberung – das wird sich zeigen. Der Autor des Textes bleibt auf den Umschlagseiten verborgen, als ob er keine Rolle spielt. Das ist interessant, weil dieser aus einer Ich-Perspektive geschrieben wurde und er aktiv in der »Geschichte« ist. Leicht ist zu erkennen, dass der Beitrag von einem Journalisten stammt – eingangs befragte er Lütticher, warum sie Simenon lesen und ein weiteres Indiz wäre zudem, dass er versucht, einen »Fall Simenon« zu konstruieren.

Bei dem Autor handelt es sich um Léon Thoorens, der 1921 geboren wurde und schon im Alter von 54 Jahren verstarb. Diese Biografie erschien bei Marabout und für diese Reihe hatte Thoorens eine Reihe von Titeln über Schriftsteller verfasst. Das hier besprochene Buch wurde in der Reihe Marabout Flash veröffentlicht und gilt als Exot in dieser, da die »Reihen-Kollegen« sich üblicherweise mit exotischer Küche und dem handwerkliche Arbeiten zu Hause beschäftigten.

Angelegt ist es als eine Untersuchung und diese ist 160 Seiten lang. Das klingt mittellang, jedoch gilt es zu bedenken, dass dieses quadratische Buch die Breite eines A5-Titels hat und nicht die Höhe. Nein, es ist nicht besondern groß und dick.

Aus der Zeit gefallen

Womit nicht zu rechnen ist? Dass dieses Buch noch einmal irgendwo verlegt wird. Das liegt nicht an der etwas komischen Idee einer Untersuchung, sondern viel mehr daran, dass es in den 1959 erschienen ist und sich um einen Großteil des Lebens von Simenon und einen nicht kleinen Teil dessen Schaffens nicht berücksichtigen konnte.

Außerdem zeichnet sich der biografische Teil durch große Lücken aus. Die Jahre, die Simenon in Paris sich nach oben arbeitete, werden nur ganz kurz abgehandelt. Zwar wird erwähnt, dass Simenon nach dem 2. Weltkrieg in den USA lebte, aber was während dessen passiert war, wird nicht thematisiert. Dafür wird die Behauptung aufgestellt, dass er in den Vereinigten Staaten derart viel geschrieben habe, dass kein Verlag hinterhergekommen wäre, das zu veröffentlichen. Deshalb habe er zwei Verlage gegründet – eine interessante und gleichzeitig komische Vorstellung.

Ein anderer Grund ist, dass zwar immer wieder betont wird, was für ein sympathischer Kerl dieser Simenon ist, aber die Zitate, die von ihm geliefert werden, dürften heute einiges Befremden auslösen. Wir sollten schwer hoffen, dass sie korrekt zitiert worden sind, denn andernfalls wäre das ein böser Fall von übler Nachrede. Da werde ich noch ein paar Beispiele anführen.

Überhaupt scheint das Werk einem gewissen Nationalstolz entsprungen sein: »Schaut her, was für einen tollen belgischen Schriftsteller wir hier haben!« Wie es scheint, war dies die erste belgische Biografie über Simenon.

Der Zugang

Den Zugang zu den Menschen hatte Thoorens. Als Lütticher berichtete er über einen Lokalmatador. Mag sein, dass dies die zuvor geäußerte These des Stolzes noch verstärkte. Wie Simenon kannte er die Ecken, über die der Lütticher Schriftsteller schrieb, wie seine Westentasche. Da wo wir auf Straßen- und Postkarten schauen müssen, um uns ein Bild der damaligen Zeit zu machen, da kann er in seinem Gedächtnis forschen oder war sogar vor Ort.

Die Kioskdame (es ist auf einem öffentlichen Platz in Lüttich, genau in dem Viertel, in dem Simenon seine Kindheit verbrachte – ich begann meine Recherche mit einer Art Pilgerreise zu den Quellen) sagt mir, dass sie von jedem neuen Simenon automatisch fünf Exemplare erhält. Eins stellt sie in das kleine Seiten-Schaufenster, wo es nie länger als eine Woche bleibt, und die vier anderen legt sie unter ihre Ladentheke, für vier Kunden, die praktisch Abonnenten sind.

Der Journalist ließ sich die Kundschaft nennen und besuchte sie, um zu fragen, was sie denn bewegen würde, Simenon zu lesen. Er bekam einige echte Antworten wie die eines Kellners, der meinte:

Seine Bücher, das sind keine Romane. Das ist das Leben!

Und eine Dame hatte aus dem Lütticher Kreis meinte:

Ich mag Simenon, weil seine Romane gut gemacht sind.

Dem Professor in der Runde hatte keine Erklärung für diese Vorliebe, meinte aber, dass ihm die Bücher abends beim Lesen nicht aus der Hand fallen würde. Was im Umkehrschluss bei anderen wohl durchaus der Fall war.

Thoorens stellt bemerkenswert direkt fest:

Man liest Bücher nicht, weil sie gut geschrieben oder gut komponiert sind. Wäre das der Fall, dann wären die Bestseller, die Werke, die Bestand haben, die großen Romanpreise der Akademie. Nun ist es aber ein offenes Geheimnis: Die Lager der Ladenhüter quellen über vor Büchern, die in bewundernswerter Sprache geschrieben und nach allen Regeln und Traditionen komponiert sind. Es genügt nicht zu schreiben und zu komponieren verstehen: man muss auch etwas zu sagen haben, und etwas, was mich interessiert zu hören. Literarische Schönheit ist kein hübsches Kleid, das beliebig alles einhüllt. Sie entsteht aus einem Gleichgewicht, einer Harmonie zwischen dem Kleid und dem, was es bekleidet.

Von Simenon in die Falle gelockt

Gern hätte, so schreibt es Thoorens, er die »Untersuchung« in die Hände von Maigret gegeben. Aber der würde im Ruhestand sein und nun Tomaten züchten. Das ist vermutlich eine Referenz an »Maigret regt sich auf«, allerdings erschien der dreizehn Jahre vor dieser Biografie und Thoorens hätte wissen können, dass der Kommissar mitnichten in Pension geschickt worden war.

Aber irgendeinen Aufhänger braucht mal als Schriftsteller. Dann halt diesen …

Er hebt zu Beginn seiner Untersuchung auf den Erfolg von Simenon an. Da die Tatsache, dass ein Autor erfolgreich ist, nichts über seine Qualität aussagt, greift er zu dem Trick, den Verlage auch gern anwenden: Er schmückt das Werk seines lokalen Kollegen mit Zitaten anderer. Genannt werden die üblichen Verdächtigen, die auch gern heute noch zum Schmücken verwendet werden.

Am Ende dieses Kapitels meinte Léon Thoorens, er hätte genug Material, um Simenon zu verhaften. Irgendwie hatte ich nicht mitbekommen, weshalb. Deshalb bin ich noch immer irritiert: Weil Simenon so gut schreibt?

»Qui êtes-vous G. Simenon?«

Merkwürdig und nie wieder gesehen

Orientiert man sich heute an heutigen Krimis und den forensischen Methoden, die dort verwendet werden, dann hätte der Autor versucht, eine DNA-Probe zu erhaschen oder er hätte irgendwas besorgt, was er unter das Massenspektrometer gelegt werden kann. 

Hatte man damals nicht. Also wird eine top-forensische Methode bemüht, um dem Schriftsteller auf die Spur zu kommen: die Grafologie.

Aus der Schriftprobe, die in dem Buch abgebildet ist, wurde ein umfangreiches Gutachten von einem Experten erstellt. Ob er wusste, mit wem er es zu tun hatte. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Gutachten soll Aufschluss geben, womit wir es zu tun haben:

Aus charakterologischer Sicht – das heißt bezüglich der Charakterprägung – ist Simenon den Phlegmatikern zuzurechnen. Nun, das sind die einfachsten unter den Menschen. Sie sind ruhig und scheinen den äußeren Ereignissen gegenüber gleichgültig (woraus häufig jenes bequeme, voreilige und irrige Urteil der Gefühllosigkeit entsteht).

Wenn Simenon auch kein Emotiver ist, so ist er doch sehr empfänglich. Seine Schrift, die so regelmäßig erscheint, ist in Wirklichkeit voller feiner Unregelmäßigkeiten.

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Kein persönliches Gespräch

In dem Text wird nicht der Eindruck erweckt, dass der Autor selbst mit Simenon geredet hätte. Als Quelle werden verschiedene veröffentlichte Gespräche und Interviews angegeben. Aus denen entwickelte Thoorens die Collage eines Gesprächs. 

Das, was da dann gesagt wurde, würde jedem Interviewer das Herz aufgehen lassen. Kann mir gut vorstellen, dass die Gesprächspartner Simenons ganz aufgeregt waren, nachdem dieser erst einmal in Plauderlaune war. 

Ich finde, die Frau wäre im Harem sehr viel besser aufgehoben als überall sonst. Ich liebe die Türkei und hatte das Glück, dorthin zu reisen, als es noch Harems gab ...
Damals habe ich mit einer Reihe von Türken gesprochen, die Harems besaßen, und sie sagten mir, unsere Vorstellung vom Harem sei dumm und wirklichkeitsfremd.
In Wahrheit haben die Türken ihn erfunden und geschaffen aus Achtung vor der Frau.

Diese Passage dürfte schon in den 1950er-Jahren fragwürdig gewesen sein. Im Osmanischen Reich und in anderen muslimischen Kulturen wurde unter der Begrifflichkeit »Harem« der private Wohnbereich eines Hauses verstanden, der von den Frauen der Familie bewohnt wurde. Die Durchschnittsfamilie leistete sich diesen Luxus nicht und hatte nicht das Geld, eine Oberaufseherin zu engagieren, die die weiblichen Mitglieder einer Familie und des Hausstandes unter Kontrolle hielt.

Womit Simenon recht hatte, dass die europäische Vorstellung, wie sie im 19. Jahrhundert entstanden ist, nichts mit der Realität zu tun hatte. Die westlichen Vorstellungen vom Harem als »Lusthaus« für Männer oder als eine Art Gefängnis für Frauen sind stark übertrieben und von Vorurteilen geprägt.

Dann allerdings kommt Simenon ein wenig vom Pfad ab: Zwar wurde in früher die Abschirmung der Frauen mit Respekt oder dem Schutz der Ehre begründet. Das jedoch war ein schöner Vorwand, um Kontrolle über diese zu behalten und schlicht ein Konzept des Patriarchats. Heute käme keiner mehr auf die Idee, zu behaupten, dass die Frauen in einem Harem »besser aufgehoben wären«.

Thoorens zitiert fleißig weiter und so bekommen wir noch um die Ohren gehauen – mit den eigenen Worten Simenons –, dass er das Wort »Weibchen« dem Begriff »Frau« vorziehen würde und die schönste Rolle einer Frau darin bestehen würde, »das Weibchen eines Männchens zu sein« – zudem zweifelt er an der männlichen Treue.

Die Frau muss sich mit ihrer Rolle als Gefährtin zufriedengeben und darf den Mann nicht zu einer körperlichen Treue zwingen, die für mich keinerlei Bedeutung hat.

Was natürlich einiges erklärt. (Nebenbei: So mancher wird die Aussage Simenons nicht befremdlich finden. In einem anderen Kontext habe ich diese Annahme gestern in einem Gespräch geäußert, bei dem auch meine Frau anwesend war – allerdings war sie schon recht müde. Da sie mich wohl missverstanden hatte, war sie sofort sehr wach und musterte mich eindringlich. Ich musste noch einmal einen Disclaimer nachschieben. Insofern gehe ich davon aus, dass Frauen dieser Interpretation Simenons nicht so offen und lässig gegenüber stehen und von »zufriedengeben« keine Rede sein kann.) 

Die Aussagen sind dem Quellenverzeichnis nach einem Interview der »Marie-France« aus dem Juni 1958 entnommen. 

Eines Fazits braucht es nicht. Für eine Biografie ist es zu wenig und zu wenig aktuell. Interessant ist es für die, die sich immer noch für Simenon interessieren und nach mehr Stoff dürsten. Erschienen ist es in französischer Sprache, eine deutsche Übersetzung existiert nicht.