Die Reise (VII)


Im sechsten Teil dieser Lesereise – die als Leserreise ein absoluter Albtraum wäre – entwickelten sich die Ereignisse sehr dramatisch. Versprochen werden kann, dass in dem folgenden Teil ein wenig ruhiger wird. Das liegt daran, dass der betrachtete Teil kürzer ist. Es stellt den Abschluss des zweiten Teils des Buches dar, in dem wir gleich mit zwei Cliffhangern konfrontiert werden.

Little Root hatte echte Probleme. Er haderte damit, dass Master John ihn zurückgelassen hatte. Das fand er ungerecht, weil er derjenige war, der ihn wahrhaftig respektierte und bedingungslos folgte. Ohne Frage wäre er ihm in den Tod gefolgt, wenn der Boss es befohlen hätte. Dass er ihn zurückgelassen hatte, damit die Dorfbewohner ihn bei einem Festmahl verspeisen konnten, kränkte ihn.

Außerdem hatte er keine große Lust, als Mahlzeit für irgendwen zu enden. Deshalb verschmähte er das Essen, das ihm gereicht wurde, denn unschwer war zu erkennen, dass es nicht darum ging, ihm etwas Gutes zu tun, sondern vielmehr ihn zu mästen. Wenn sie ihn schon verspeisen wollten, so wollte er dafür sorgen, dass es nicht lecker werden würde.

Die Lage war hoffnungslos und als Leser:in darf man sich fragen, ob es als nächstes eine schöne Schilderung des Festmahls geben würde, bei dem die Tafelnden erkennen, dass Little Root gar nicht lecker oder gar giftig wäre. In dieser dunklen Stunde (rein metaphorisch) schafft es ein kleiner Lichtstrahl der Hoffnung, die aber nur denen gegönnt ist, die der Geschichte folgen. Little Root ist noch nicht so weit …

Das waren Little Roots Gedanken, als er plötzlich ein weißes Gesicht in der Menge erblickte, die sich um seinen Käfig drängte. Er erkannte ihn sofort: Es war Jean, der Schiffsjunge, der seit dem Schiffbruch verschwunden war.

Jean konnte sich in der Menge frei bewegen. Die Dörfler interessierten sich nicht für den Weißen, der eine Weiße war. Irgendwann hatte er/sie die Traute und sprach Little Root an. Es entspann sich der folgende recht sinnlose Dialog.

»Warum willst du mich retten?« fragte er. »Niemand kümmert sich um mich!«
»Ich sage dir doch, dass ich dich retten werde! Vielleicht ...«
»Dann tu es! Ich werde dir hinterher danken!«

Gefragt wird nach der Motivation, aber eine Antwort darauf gibt es nicht. Jean bleibt dabei, eine Rettung würde es geben. Die Motivation bleibt vorerst im Dunkeln.

Vorsichtshalber fragt Jean Little Root, was nach der Rettung passieren würde und der gekränkte Mann zeigt, dass er seine Wurzeln nicht vergessen hat. Selbstverständlich, erklärt er, würde er Master John und seine Gesellen »aufessen«. Gut, dass das geklärt war. So hatte Jean eine Sorge weniger und musste sich nicht kümmern, dass der Mann auch noch ausreichend mit Lebensmittel versorgt wird.

Um die Gefangenen wurde sich nicht großartig gekümmert. Er war gefesselt und würde nicht entkommen. Würde er entkommen, 

... dann haben es die Götter so gewollt, und man hat nicht einmal das Recht, ihn erneut zu verfolgen.

Da ist eine gewisse Lässigkeit herauszuhören, die aber an anderer Stelle in dem Buch bei Simenon ganz anders klang. Als Jean auf den anderen Schwarzen gestoßen war, der auf der Flucht war, hörte sich das so an:

Offenkundig wurde der Unglückliche von seinen Stammesgenossen verfolgt, die ihn den Göttern opfern und am Spieß braten wollten.

Da waren sie überhaupt nicht lässig gewesen, als ein Teil der Mahlzeit verschwand. Warum wurde es in diesem Fall angenommen?

Jean plante sorgfältig die Flucht. In tiefster Nacht sollte das Unterfangen starten. Alles schlief und nur mit Diskretion war ein Erfolg garantiert. Trotzdem blieb die Aktion nicht unentdeckt. Die beiden anderen Schwarzen, die auf dem Speiseplan standen, hatten aus der Ferne beobachtet, was vor sich ging und fingen an, Radau zu machen. 

Warum eigentlich? Wäre es nicht sinnvoller, sich leise zu verhalten und darum zu bitten, ebenfalls gerettet zu werden? Als Leser:in steckt man nicht in deren Haut und im Vordergrund steht die Frage: Gelingt die Befreiung?

Noch bevor sich die Dorfbewohner richtig besinnen konnten, waren Little Root und Jean unterwegs zur Küste, wo ein Boot für die Flucht deponiert war. Sie ruderten auf das Meer heraus und als die Verfolger das Ufer erreicht hatten, waren die beiden schon zu weit entfernt, als dass sich eine Flucht gelohnt hätte.

Auf dem Meer entspann sich ein Gespräch, in dem der erwachsene Mann betonte, dass er weiterhin vorhabe, seinen ehemaligen Chef zu töten. Allerdings hatte er vergessen, dass er ihn verspeisen wollte. Anschließend wolle er den Master John-Kadaver »den Wilden zum Fraß vorwerfen …«

Die beiden waren auf den Weg zu einer Stelle, die Etoile genannt wurde und sie waren noch nicht ganz am Ufer, da wurden sie von einem furchteinflößenden Wesen empfangen. Dieses zog das Boot zum Ufer. Es ergriff das Bein von Little Root und schleuderte ihn mit einer Leichtigkeit, die bei Jean vielleicht nicht verwunderlich gewesen wäre, zum Ufer. Bei dem erwachsenen Kerl handelte es sich jedoch um ein ganz anderes Kaliber …

Mehr über »les maudits du pacifique«

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Ein neuer Gegner

Mein erster Gedanke: King-Kong. Aber da Simenon weiß, wie man Geschichte erzählt – egal wie unplausibel und widersprüchlich diese hier sein mag –, wird uns das nicht sofort verraten werden. Da bin ich mir ziemlich sicher. 

Was ging hier vor? Was bereitete sich vor? Wo befanden sich die drei Gestalten? Und was hatte der Unbekannte mit den beiden Gefangenen vor? Lauter unlösbare Fragen.

Die Leser:innen werden aufgeklärt, dass es sich nicht um einen Gorilla oder eine andere gigantische andere Monsteraffenart handeln würde. Es musste sich schon um einen Menschen handeln. Auch wenn das, was er getan hatte, ganz und gar nicht menschlich gewesen war. 

Little Root fand auf die gestellten Fragen keine Antwort und Jean war bewusstlos gewesen, kam erst langsam wieder zu sich.

Nicht bei Sinnen stellten sich auch ihr schnell diese Fragen. Waren sie in einer Höhle? Aus der konnte man entkommen und Jean in ihrem Überlebenswillen, aber doch sehr schwach, unternahm einen Versuch, der von dem Wesen ruppig beendet wurde. Nicht aufgeben! Noch einmal versuchen, ganz im Sinne des Postkartenspruches, nachdem man erst verliert, wenn man nach einem Hinfallen nicht versucht, wieder aufzustehen. Aber das half nicht.

Das Ding hatte andere Pläne.

Nun bin ich ein wenig aus der Geschichte raus, denn ich habe noch nicht erfasst, was ob sie erkannten, dass sie nicht die einzigen Gefangenen waren, oder ob sie realisierten, wer sie in die Höhle gebracht hatte. Freude wollte so oder so nicht aufkommen, denn sie sahen dem wahren Grauen ins Gesicht:

Hier war ein Mensch, der nichts Menschliches mehr an sich hatte. Nichts, absolut nichts.
Es war bereits ein Greis, oder vielmehr ein Wesen ohne Alter, dessen entfärbtes Haar in fettigen Strähnen um den Kopf hing und in einen ziemlich kurzen, aber dichten Bart überging, der voller Speisereste war. Der Mund, der zur Hälfte in diesem Haarfilz verschwand, war zahnlos. Die Lippen waren schlaff geworden, und die Mundwinkel hingen zu beiden Seiten herab.

Ich vermute, dass der Greis, der war, der sie aus dem Boot holte. Die Schilderung der Kraft geht nicht einher mit der Schilderung dieses Wesens. Es ist ein Mysterium. 

Ob das gut ausgehen wird? Das Wesen hatte sich auf Jean zubewegt und betastete sie.

Es war Little Root, der mit den Zähnen klapperte.
Er hatte soeben in einer Ecke einen Knochen erblickt, den er als menschlichen Knochen erkannte, als einen Oberarmknochen...
Weiter entfernt kleinere Gebeine.
Was von einer Menschenhand übrig war...
Und die zarte kleine Hand Jeans, die noch immer in der des Ungeheuers lag! ...

Ich bin ganz sicher, dass das gut ausgehen wird. Aber erst einmal wird dieser Abschnitt Cliffhanger-like von Simenon beschlossen und die Geschichte springt zu Master John und seinen Gesellen. Wir erinnern uns, dass es dort auch ein wenig Trubel gab.

Master John fasst wieder Mut

Der Kapitän der »Cobra« hatte den Jungen als Gefangenen genommen wie auch den geflüchteten Dorfbewohner, der keine Lust hatte verspeist zu werden (womit er ja Little Root in eine prekäre Lage gebracht hatte). Master John kennen wir mittlerweile ganz gut und wissen, dass Sanftmut und Güte nicht sind zu seinen hervorstechenden Eigenschaften gehören. Er sinnierte darüber nach, ob er sich mit Gefangenen wirklich abgeben solle und/oder ob Folter eine Option wären. Nahm jedoch davon Abstand, weil die Mannschaft durch seine Aktion ordentlich dezimiert worden war und es um die Moral nicht gut stand.

Stattdessen befahl er, dass man die Gefangenen ins Boot verbrachte und zur »Cobra« aufbrach. Dort hoffte er, Oberwasser zu gewinnen.

Patrick Jane, der einer der Schwerstverletzten war, starrte vor sich hin in stumpfer Betäubung.

Das ist lustig, nicht weil der Mann schwer verletzt schien, sondern weil wir gerade »Der Mentalist« sehen und die Hauptfigur auch Patrick Jane heißt. Wie klein die Welt ist!

Master John lässt das Schiff wieder seetüchtig machen. Die Leute müssen dafür ordentlich schuften. Angesichts der Rumpfmannschaft, die er noch hat, kann man sich gut vorstellen, dass die Motivation am Boden ist.

So ist es kein Wunder, dass der New Yorker nun einen weiteren Versuch unternahm, den Kapitän umzustimmen, um nach Amerika zurückzukehren. Norcklid lockte mit einer stattlichen Summe Geld. 

Nun gab es zwei Probleme, die dem entgegenstanden: Der Starrsinn von Master John und die Tatsache, dass Simenon einen dritten Buchteil und ein dramatisches Ende der Geschichte brauchte. Und eine geknickte Heimkehr nach San Francisco mit dezimierter Mannschaft war wohl nicht das Ende, was ihm vorschwebte.

Und so segeln wir langsam in den dritten Teil des Buches …