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Mit der App in Lüttich
Lüttich als Reiseziel zu verargumentieren, fällt Simenon-Enthusiasten oft nicht leicht. Die Reize der Stadt entblättern sich erst, wenn genauer hingeschaut wird. Der erste Blick fällt jedoch allzu oft auf die Betonsünden der Siebziger und wenn das mit trübem Wetter zusammenfällt, kann das für den initialen Eindruck ungünstig sein. Deshalb hier ein paar persönliche Tipps.
Buletten und Waffeln
Wir waren vor ein paar Jahren in einer netten Pension in Lüttich. Ganz gewiss nicht das Ambiente, das Henriette Simenon ihren Gästen bot, sondern persönlicher und origineller, und der Hausherr offerierte nicht nur die leckersten Croissants von ganz Lüttich - für die er quer durch die Stadt fuhr -, sondern er hatte einen Pro-Tipp. Wir müssten unbedingt die Lütticher Bouletten probieren.
Bouletten, Frikadellen oder Fleischpflanzerln - all das kannten wir. Was sollte an den Fleischklopsen aus der Maas-Stadt nun besonders sein? So richtig konnten wir uns das nicht erklären, aber wir waren neugierig. Ziel war ein Restaurant in der Nähe der Oper, wo es die besten Boulets à la Liégeoise geben sollte.
Und was wir bekamen, war richtig lecker! Die Bouletten unterschieden sich nicht von dem, was wir so kannten. Aber die Soße war ein Gedicht, süß und mit Rosinen. Zwiebeln und Bier spielen auch eine Rolle, aber ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich das herausgeschmeckt hätte. Man kann den Belgiern nur gratulieren: Sie haben eigentlich das deutsche Hackbraten-Problem gelöst, der durch allerlei Firlefanz wie Eiern und Paprika versucht wird zu verbessern, jedoch nur diese Soße braucht.
Ob unser erstes Bouletten-Restaurant wirklich das beste ist? Ich habe Zweifel. Andere Lütticher, andere Gaststätten. Enttäuscht wurden wir jedoch nie.
Zu den besten Waffeln kamen wir nur durch Zufall. Wir waren auf dem Montagne de Bueren, einer beliebten Touristenattraktion. 374 Stufen hat die Treppe aus der Altstadt da hoch. Unser Navi hat uns von der anderen Seite herangeführt, was uns aufwärts die schiere Anzahl an Treppen vermeiden ließ (und uns durch malerische Gassen führte), aber Treppen runter zu marschieren ist auch nicht so lustig. Eine Belohnung war fällig und die fanden wir in den Waffeln der une gaufrette saperlipopette - die Treppe runter, einmal nach rechts, einmal nach links und schon steht man vor dem Backparadies, das diesen Namen verdient.
Verwunderlich ist, dass Simenon sie in »Stammbaum« überhaupt nicht erwähnte; und in den »Intimen Memoiren« Brüsseler Waffeln einen Auftritt gönnte, denen seiner Heimatstadt jedoch nicht. Ganz so, als wollte er Touristen davon abhalten, ihnen einen weiteren Grund zu geben, die Stadt zu mögen.
Und obwohl es - ungelogen - Reiseguides gibt, die die Montagne de Bueren, als Attraktion Nummer 1 benennen, würde ich diese für die Bäckerei glatt sausen lassen.
Entdeckungen mit QR-Code
Wir zeigen Ihnen den Weg: Gehen Sie die Rue des Mineurs hinunter, überqueren die Féronstrée (in der der Simenon bekannte Mehrfachmörder Hyacinthe Danse seine Buchhandlung hatte), um in die Rue du Pont zu schlendern, biegen dann jedoch kurz darauf nach links in die Rue de la Boucherie ab. Alles kleine Gassen, die letztlich auf einen Platz führen, auf der sie die Touristeninformation von Lüttich finden. Die hat ihr Zuhause in der Ancienne Halle aux Viandes gefunden.
Sie bekommen dort von sehr netten Leuten den QR-Code, um die App »Parcours Simenon« herunterladen zu können. Das können Sie aus dem App-Store Ihrer Wahl auch selbst machen. Viel interessanter jedoch: Sie geben auf Nachfrage auch den Code für die letzte Station auf der Route des Rundgangs preis und im Unterschied zur App bekommen Sie diesen nur bei der Touristinfo. Der Geheimcode ändert sich hin und wieder, weshalb der Gang zu den Lüttich-Beratern unumgänglich ist.
Die App ersetzt offenbar die Broschüre, die es noch vor ein paar Jahren gab. Einerseits haben wir mit der App die Möglichkeit, technikaffine Kids auf die Simenon-Spur zu setzen. Was zu begrüßen ist. Andererseits werden die ausgeschlossen, die keine Lust auf Apps im Urlaub haben. Oder deren Akku vom Smartphone immer leer ist.

Die Karte in der App ist eine skizzierte und stellt so auch nur einen Ausschnitt dar. Dieser beschränkt sich auf die Tour. Wir werden an die einzelnen Stationen herangeführt und zu den einzelnen Orten werden Informationen bereitgestellt, knapp und informativ. Referenziert wird dabei mit Zitaten auf Werke Simenons, die einen Bezug zu den Orten haben. Auch sind Bilder aus der Zeit zu sehen, sodass wir uns ein Bild davon machen können, wie es zu Simenons Kinderzeit dort ausgesehen hat. Das Geburtshaus also beispielsweise ohne Sicherheitskameras …
Schön auch, dass das über eine Transparenzfunktion anschaulich gemacht wird. Wir können uns also vor das Haus stellen, dabei braucht es schon den richtigen Abstand und Betrachtungswinkel, und dann können wir Realität und Vergangenheit deckungsgleich übereinander legen. Ein sehr schönes Feature!
Die getestete Version war manchmal ein wenig bockig. Das lag an dem Lesemodus, der hin und wieder nicht glauben wollte, das man zu Ende gelesen hat und den schließenden »x«-Button verweigerte. Dann mussten wir die App schließen und neu starten. Das brachte uns die Schließen-Funktion wieder … bis sie wieder verschwand. Ärgerlich auch, dass sich insbesondere die Infos zur letzten Station der Strecke – La Caque – manchmal nicht öffneten. Gerade da, wo besonders viel App-Spaß versprochen wurde.
Das sogenannte Heringsfass war das visuell verspielte Schmanckerl am Ende des offiziellen Simenon-Parcours. Mit dem Code konnten wir uns Einlass verschaffen und kamen in eine schmale Gasse. Hinter einem Vorsprung auf der rechten Seite fanden wir eine Tür. Unbedarft, wie wir es waren, betätigten wir den Lichtschalter linker Hand und gingen nach oben in den ersten Stock. Dort war der Code nochmals einzugeben.
Nun befanden wir uns in einem dunklen Raum. Wir wussten, dass hier eine Ausstellung zu der Künstlerclique sein sollte, aber mangels Licht hatten wir erst einmal wenig Spaß daran.

Sie können es gleich besser machen: Achten Sie vor dem Aufstieg nach oben, dass es dort einen zweiten Lichtschalter gibt, der auch sehr deutlich beschriftet ist, und betätigen Sie diesen. Damit wird das Licht in den Ausstellungsräumen eingeschaltet und alles macht dann viel mehr Spaß.
So konnten wir uns mit Augmented Reality zurückversetzen lassen und sehen, wie es damals gewesen sein könnte – mit den trunkenen jungen Typen, mit dem gußeisernen Ofen und mit Simenon.
Ich find’s gut, weil es gemacht worden ist. Mal was Neues probiert! Das können Sie sich anschauen und vielleicht haben Sie den gleichen kleinen Wow-Faktor wie wir, weil wir das nicht erwartet hatten.
Problem: Die App ist jetzt drei Jahre alt und bräuchte ein wenig Pflege. Meine Vermutung: Das Budget ist leider aufgebraucht. Trotzdem: Einfach mal eine Chance geben, nicht jeder Schriftsteller hat so eine App.
Modernität wo man sie nicht erwartet
Es ist keine sehr hübsche Kirche. Aber für Simenon-Leser:innen hat der Name Saint-Pholien einen gewissen Klang. Das macht sie nicht schöner, nur interessanter.
In den Jahren zuvor war die Kirche wohl nur zu Gottesdienstzeiten offen. Das waren nie die Zeiten, wo der gewöhnliche Tourist vor Saint-Pholien aufzutauchen pflegt. Jetzt sieht das ein wenig anders aus, was damit zusammenhängt, dass sie nicht mehr als reines Gotteshaus genutzt wird.
Bei einer Durchfahrt im letzten Sommer sahen wir, dass dort ein immersives Event zum Thema van Gogh angeboten wurde – sprich die Kirche wurde dazu genutzt, das Werk des Malers multimedial zu inszenieren. Die Gelegenheit hätten wir ganz gewiss genutzt, wenn wir nicht zuvor in Paris eine van Gogh-Ausstellung gleicher Intention besichtigt hätten.
Diesmal war das Thema ein anderes: Napoléon. Angekündigt war ein Virtual Reality-Event und da konnten wir nicht nein sagen. Zumal es die Gelegenheit war, Saint-Pholien zu besichtigen. Ehrlich gesagt ist von dem Kirchenraum nicht viel zu sehen. Die Veranstalter haben es umgebaut, sodass ihre Veranstaltungen durchgeführt werden können. Die Decke ist noch zu erahnen, die Fenster jedoch nicht mehr.
Wenn Sie sich jedoch für Virtual Reality und den französischen Kaiser interessieren, so kommen Sie auf Ihre Kosten. Geboten wird gute Unterhaltung, an der es nur eine Kleinigkeit herumzumäkeln gäbe: Die Soldaten hatten alle die gleichen Gesichter – da hätte man ein wenig mehr Aufwand investieren können. So sahen sie aus wie eine napoleonische Klonkrieger-Armee.
Wenn also jemand etwas in die Kirche zum Thema Napoleon auf die Beine gestellt bekommt und auch zu van Gogh, dann ist es ja nicht so weit hergeholt sich zu wünschen, dass da auch mal was zu Simenon produziert wird.
Das hätte sogar einen echt regionalen Bezug …
Fische und Straßenkunst
Lüttich hat auch ein Aquarium. Wir hatten gefragt, ob es sehenswert ist und der Aussage, dass das der Fall wäre, glaubten wir, da sie bei den Buletten auch nicht die Unwahrheit gesagt hatten. Da ich über viele Jahre die verschiedensten Aquarien gesehen habe, erlaube ich mir ein Urteil: für Bildungszwecke okay. Sind einem angenehmes Ambiente und Unterhaltung ebenso wichtig, dann wäre das Aquarium nicht meine erste Wahl.
Auf der Rückseite der Fischaufbewahrung – also wenn man einmal um den Block herumgeht – wird der Simenon-Freund auch wieder fündig. Wie das Aquarium gehört auch das Gelände an der Rue des Pitteurs noch zur Universität. Tagsüber kann man sich auf das Gelände begeben, und dort ein riesiges Wandgemälde zum Thema Simenon betrachten.

Gehen Sie die Straße hinauf zum Place Delcour, haben Sie dort vor der Kreuzung rechter Hand das Gebäude, in dem der Fonds Simenon residiert. Beides ist öffentlich nicht zugänglich. Aber einen Blick drauf werfen, schadet ja nicht.
Zeitlich befristet
Am unteren Ende der Insel befindet sich der Parc de Boverie und in diesem dann ein Museum, das so heißt wie der Park. Oder umgekehrt. In diesem gibt es zur Zeit (Frühling 2026) eine Ausstellung von Bildern des französischen Fotografen Robert Doisneau. Es ist so gut wie ausgeschlossen, zu sagen, dass man nie ein Foto von ihm gesehen hat. Vielleicht ordnet man ihm das nicht zu, aber eine ganze Reihe von ikonischen Fotografien aus dem 20. Jahrhundert sind ihm zuzurechnen.
Die Ausstellung ist gut inszeniert, sie beginnt mit den Kinderbildern von Doisneau – und da braucht es nicht viel, um den Besucher:innen ein Lächeln auf die Gesichter zu zaubern. Manchmal bleibt einem das Lachen im Hals stecken, beispielsweise bei Bildern von Kindern und Panzern oder zwischen Geröll. Aber allzu oft kann man gar nicht anders. Über Künstlerportraits und Bistroszenen kommt man zu seiner Arbeit bei Peugeot und in Bergwerken. Da war Doisneau hautnah dabei gewesen.
Eine gute Gelegenheit um sich die früher ausgestellten Fotografien von Simenon in Erinnerung zu rufen – man merkt hier sehr schnell, dass Simenon vor Ort war und abgedrückt hat. Das Motiv war da, wo Simenon gerade war. Doisneau hat sich zum Motiv begeben. Wenn er es nicht gerade inszeniert hat, denn der Fotograf war Reporter, Künstler und Werber.
In den Bildbänden, die im Merchandising-Bereich offeriert waren, waren sie nicht zu finden: Die Bilder, die Doisneau von Simenon aufgenommen hat. In der Ausstellung aber sehr wohl. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Ausstellungsmacher eine willkommene lokale Note mit hineinbringen wollten. Ins Auge fiel, dass die Bilder auf den Tag genau siebenundzwanzig Jahre vor dem Tod Simenons in Paris aufgenommen worden sind – ein nichtssagender Zufall.
Die Ausstellung wird wieder gehen, aber in der Boverie befindet sich das städtische Kunstmuseum, das auch ohne den französischen Fotografen sehenswert ist. Gut gefallen haben mir zwei Ideen: Zeichnungen sind sehr lichtempfindlich. Deshalb gibt es eine dunkle Galerie, in der das Licht für die Betrachter:innen nur angeht, wenn der Bereich betreten wird. Die Werke werden, damit sie geschont werden, auch regelmäßig getauscht. Ebenso gibt es eine Ecke, in der Kunstwerke des Monats gezeigt werden – auch hier verspricht der Themenname schon, dass sich häufiger etwas ändert.
Sie sehen, man könnte Lüttich besuchen, ohne Simenon im Hinterkopf zu haben. Die Stadt hat eine Chance verdient. Mit der lebhaften Altstadt, der abwechslungsreichen Gastronomie, den Buletten und Waffeln, den Anhöhen und Tälern, den Märkten und Flohmärkten ist sie mehr als das hässliche Entchen, als das sie beim ersten Blick erscheint.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.