Hinter dieser Tür findet sich der Fonds Simenon

Hinter mächtigen Türen


Hin und wieder wird mir gesagt, ich sei fies. Meist dann, wenn ich nicht an mich halten konnte und den Finger in eine klaffende Wunde steckte. Dabei drehe ich selbigen und kann als mildernden Umstand nur anführen, dass ich kurze, gepflegte Fingernägel habe. Also, Lüttich: Sprechen wir über André-Modeste Grétry und Georges Simenon – und wer von den beiden ein Museum hat.

Gefühlt ist das noch nicht lang her, aber de facto sind es schon wieder ein paar Jahre. Da gab es ein Festival »Le Printemps Simenon«. Mir ist im Ohr, dass diese Reihe fortgesetzt werden sollte – Erfolg vorausgesetzt. Der wurde intern wohl nicht so herausragend eingeschätzt, denn weder war von Folge-Festivals die Rede noch ist die Webseite von damals noch aktiv.

Eine dauerhafte Veranstaltung, mit der sowohl Fachpublikum wie die interessierte Öffentlichkeit angesprochen würden – und das noch nicht einmal zwingend zusammen –, das wäre eine schöne Sache. Aber wenn nicht einmal das etabliert werden konnte, wie soll dann erst anderes zustande kommen? Wie beispielsweise ein Museum …

Neid

Wer in Outremeuse durch die Straßen streift und dabei ein wenig auf den Spuren von Simenon wandelt, der kommt auch an der Kirche Saint-Nicolas vorbei. Das war für viele Jahre die »Familienkirche« der Simenons. Ausführlich wird sie in »Stammbaum« erwähnt. Dort ist auch die Information zu finden, dass es eine schöne Bank für die Familie gab, die beste in der Kirche überhaupt. Ein schöner Stop, wahrhaftig, der gleich neben der Jugendherberge liegt, die den Namen Simenons trägt und vor der auch ein Denkmal zu finden ist. 

Haargenau hier gibt es ein Museum!

Allerdings, Sie ahnen es, nicht für Simenon. Sondern für André-Modeste Grétry. Hier soll nicht behauptet werden, dass der erfolgreiche Komponist – der auf dieser Webseite gelegentlich erwähnt wurde – ein Museum nicht verdient hätte. Grétry war ein international sehr erfolgreicher Komponist und prägte die französische Opéra comique im 18. Jahrhundert maßgeblich. Belgische klassische Komponisten sind nun nicht wie Sand am Strand zu finden, also passt es schon.

Fakt ist allerdings auch, dass seine Werke heute kaum noch gespielt werden. Den Komponisten kennen hauptsächlich Fachleute ... und Menschen in Lüttich und solche, die sich für die Geschichte von Lüttich interessieren. Selbst an der Oper der Stadt gibt es seit Jahren, soweit ich das sehen konnte, keine größeren Aufführungen. Verschwiegen werden soll nicht, dass es eine Veranstaltungsreihe für Kinder gibt, in der der bekannte Lütticher Künstler dem Nachwuchs bekannt gemacht werden soll.

Vergleicht man die Popularität des Musikers mit der von Simenon und bezieht dabei auch die Präsenz der beiden in Lüttich mit ein, kommt der Verdacht auf, dass André-Modeste Grétry ein Museum in der Stadt hat, weil er zeitig genug gestorben ist.

Möglichkeiten

Nun gibt es Museen und es gibt Museen. Gerade das überbordende Leben und Werk von Simenon, seine vielfältige Rezeption in unterschiedlichsten Medien und Ländern, hätte für die Kuratoren eines Musée Georges Simenon den Charme, dass es ganz und gar nicht ein trockenes Museum werden würde. Eher ständen sie vor der Frage, was sie weglassen könnten.

Schaut man sich die Haushaltslage der Stadt an, so hat sie in den letzten Jahren trotz massiver Investitionen und einem stetigen Anstieg der Sozialausgaben immer noch einen Überschuss erwirtschaftet. Museen sind jedoch in der Regel Zuschussgeschäfte, die auch von privatem Engagement leben.

Wer würde Ihnen denn da einfallen?

Noch heute wird gutes Geld mit den Rechten an den Werken Simenons verdient. Mir scheint es so, dass allein schon, um das Interesse an dem Schriftsteller und Menschen am Leben zu halten, ein gewisses Engagement sinnvoll wäre. Finanzielle Zuwendungen wären gewiss wertvoll. Schließlich würden sie von einem gesteigerten Interesse auch wieder partizipieren – es wäre eine Investition in die Zukunft.

Fast noch interessanter für Museumsmacher dürfte das persönliche Archiv-Material sein, welches noch in den Händen der Familie ist. Ohne das wäre kaum ein Museum zu organisieren. Schließlich wird ja nicht ein Maigret-Lego-Land gewünscht sein. Solches Archivmaterial würde für Authentizität sorgen.

Die Hände gebunden

In den Artikeln über den Festivalfrühling im Jahr 2023 wurde auch eine Zusammenarbeit mit der Universität Lüttich (Centre d'Études Georges Simenon de l'ULiège) und dem Fonds Simenon erwähnt. Hörte sich alles sehr toll an.

Also da sind die Wissenschaftler, die sich mit Simenon auskennen und die haben, wie allseits bekannt ist, 1976 seinen literarischen Nachlass übertragen bekommen. Da wären wir an der richtigen Adresse, oder?

Nein, leider nicht.

Eine ganze Reihe von Gründen sprechen dagegen: Erst einmal sind Forscher an einer Universität nicht Museumsmacher. Nicht, dass sie es nicht könnten, aber es ist nicht ihr Auftrag. 

In diesem speziellen Fall dürften sie es noch nicht einmal, denn Simenon hat der Universität den literarischen Nachlass nur für Studien zur Verfügung gestellt. Eine kommerzielle Verwertung wurde mit dem Vertrag zwischen Universität und Simenon ausdrücklich untersagt. 

Das ist auch ein Grund, warum der Zugang sehr restriktiv gehandhabt wird – auf der Webseite des Fonds Simenon ist angegeben, dass das Archiv Forschenden und Studierenden zur Verfügung steht. Und lassen Sie sich nicht von dem Satz einlullen, dass Sie als Privatmensch oder interessierte Gruppe um einen Termin ersuchen könnten. Die Chance, dass das klappt, ist äußerst gering.

Wenn Sie wirklich Zugang zu den Räumlichkeiten erlangen, werden Sie feststellen, dass es eine Bibliothek mit den verschiedensten Medien ist. Man verspürt eine gewisse Ehrfurcht, wenn man dort das erste Mal steht, und die ganzen Bücher sieht und weiß, dass die Manuskripte Simenons dort verwahrt sind. Aber ein paar Vitrinen, ein Schreibtisch und ein paar Fotos machen kein Museum aus. Und eben solches kann und will der Fonds Simenon nicht sein.

Was wird passieren?

In zwei Jahren können Simenon-Interessierte wieder ein Jubiläum begehen. Sein Geburtstag jährt sich zum 125. Mal. Dass es bis dahin ein Museum geben wird – sehr unwahrscheinlich. Noch sind nicht einmal Zuckungen zu beobachten. 

Also ist die Eingangsfrage leicht zu beantworten: Nichts wird passieren! Wahrscheinlich wird man an dem Simenon-Wanderweg ein wenig werkeln; die App wird ein wenig aufgefrischt und die Plaketten werden geputzt werden.

Um es klar zu sagen: Dass es das Museum nicht gibt, ist eine Schande.

Kann ja nicht sein, dass ich bei mir in Mühbrook am Ende eine Garage dafür frei mache …