Denis Podalydès als Maigret

War das all die Mühe wert?


Nachdem wir zuletzt Regisseur und Hauptdarsteller haben zu Wort kommen lassen, gilt es nun zu erforschen, wie Medien und Zuschauer:innen den Film »Maigret et le mort amoureux« aufgenommen haben. Die Betrachtung der verschiedenen Meinungen lässt einen Schluss zu: Sowohl die Journalisten wie auch die Zuschauer sind gespalten, wobei die Leute vom Fach positiver gestimmt sind.

Kinoposter »Maigret et le mort amoureux« – Bildnachweis: Pyramid

Kinoposter »Maigret et le mort amoureux«

Bildnachweis: Pyramid

Ob es wahrhaftig ein gutes Zeichen ist, wenn Fachleute eine Produktion besser finden als die, für die der Film produziert worden ist – ich habe da so meine Zweifel. Normalerweise werden Filme nicht dafür gemacht, Journalisten und Filmprofessoren zu gefallen.

Zumindest die Pressemappe ist begeistert

Geradeheraus kann man sagen, dass die meisten Pressekritiken positiv sind. Télérama lobt in seiner Kritik beispielsweise, dass der Film vorwiegend mit Theaterschauspielern besetzt wäre und hebt besonders Anne Alvaro als Jacqueline Larrieu hervor. Eine gewisse Skepsis gegenüber Maigret-Verfilmungen kann man in dem kurzen Beitrag von Jacques Morice schon heraushören, wenn er schreibt:

Nicht dass die vielen Verfilmungen des belgischen Schriftstellers generell schlecht wären, aber diese hier ist besonders gut gelungen. Sowohl dem Roman treu als auch untreu – wie es sich gehört.

Immerhin dieser hier kommt aber recht gut weg. Gelobt werden darüber hinaus nicht nur die scharfen Dialoge und die Ausleuchtung der Abgründe der menschlichen Seele, sondern auch die Kürze. Damit kann man nicht falsch liegen, schließlich ist der Film knapp 80 Minuten lang. Éric Neuhoff vom Figaro scheint ganz außer sich zu sein vor Freude.

Die seltsamste Figur bleibt die Gouvernante, die immer an der Sache vorbei redet. Anne Alvaro ist hinreißend als alte Jungfer, die in ihren Chef verliebt ist. Nicht zu fassen, sie ist ein wandelndes Rätsel.

Er ist der Meinung, dass der Film ein echter Simenon ist, nachdem er zuvor ausführlich das Milieu, die Darsteller und die Umsetzung gelobt hat. Céline Rouden von La Croix ordnet den Film als verschmitzte und melancholische Simenon-Adaption ein. Einerseits fragt sie sich, warum der Kommissar schon wieder auf die Leinwand gebracht worden ist, wo er doch für ein altes, vergangenes Frankreich zu stehen scheint. Sie bescheinigt dem Film, dass er voller Witz und Charme sei und gerade von den Schauspieler:innen getragen wird. »Außergewöhnlich« ist das Wort, das sie den Mimen zuschreibt. Aber da wären auch die geschliffenen Dialoge, an denen sie Freude gehabt hat und sie lobt Pascal Bonitzers Qualitäten als Dialogschreiber.

Er verleiht dem Film seine nostalgische Atmosphäre und inszeniert Figuren, die von ihrer Zeit überholt wurden, aber jede auf ihre Art darum kämpfen, lebendig zu bleiben.

Aurélien Cabrol von der La Tribune Dimanche lobt in seinem Beitrag Regisseur und Besetzung:

Bonitzer kriegt diese seltsame Atmosphäre einer Ermittlung perfekt hin, wo das Unausgesprochene wichtiger ist als alles andere. Das Ganze wird getragen von 'ner fantastischen Besetzung, die Podalydès in nichts nachsteht: allen voran die großartigen Anne Alvaro, Dominique Reymond, Julia Faure und die tadellosen Micha Lescot, Olivier Rabourdin und Laurent Poitrenaux.

Der Pressemappe von Pyramid kann man noch weitere lobende Worte entnehmen. Einigermaßen verständlich ist, dass die kritischen Berichte nicht aufgenommen worden sind. Diese sind mit einem klein bisschen Willen zur Recherche schnell gefunden. 

Critikat ist zwar von Anne Alvaro einigermaßen angetan, bemängelt jedoch die langen Dialoge und konstatiert, dass der Film dadurch schwer und überladen wirken würde. Jacques Mandelbaum von Le Monde findet den Film recht fahl und der Kritiker des Le Devoir aus Québec findet, dass der Stil von Bonitzer unzureichend sei. Der Maigret-Darsteller Podalydès würde sich in der Rolle nicht profilieren können. Auf CinéSéries ist man gar der Meinung, dass es eine geschwätzige Adaption wäre, in der Podalydès durch die Inszenierung »eingesperrt werde«. 

Die Punkte, die die kritischen Stimmen machen, beziehen sich immer auf dieselben: Es wird die fehlende Atmosphäre bemängelt, obwohl die Voraussetzungen gut gewesen seien, es gäbe zu viel Dialog und die Verfrachtung der Story in die Gegenwart würde nicht funktionieren. Hinzu kommt, dass das Finale des Films nicht überzeugt.

Stellt sich die Frage nach einer Fortsetzung?

Schaut man auf IMDb nach, so findet man dort eine Bewertung von 6,0 – das ist noch okay. Bei einer Simenon-Verfilmung würde ich nicht zögern mir das anzuschauen, bei anderen Produktionen würde ich genauer prüfen. Die Grenze habe ich jedoch für mich selbst gezogen. Ich kenne durchaus Menschen, die sich auch bei Filmen, die eine Bewertung von 4,x haben, noch gut unterhalten fühlen. Was mich vielmehr überrascht, ist die Tatsache, dass zum Stand Anfang April gerade 109 Leute den Film bewertet haben. 

Dieser Aspekt ist recht interessant, wenn die Frage nach einer Fortsetzung gestellt wird. Aber die Zuschauerzahlen in den Kinos geben das nicht her – bisher liegt das Einspielergebnis weltweit bei etwa zwei Millionen Euro. Ob das die Kosten deckt? Die Produzenten dürften angesichts des Erfolgs eher skeptisch sein. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Regisseur schon über achtzig Jahre alt ist und dieses Projekt als eine Auseinandersetzung mit dem Alter gesehen hat. Das ist eine sehr persönliche Herangehensweise an den Stoff. 

Meine persönliche Antwort wäre auf die Zwischenüberschriftsfrage: Nein, das ist nicht zu erwarten.

Was die Crowd sagt

Bei der erwähnten IMDb, wo wirklich alles rezensiert wird, hat sich noch niemand gefunden, der einen kurzen Textbeitrag hinterlassen hat. Auch das ist überraschend. Es mag sein, dass die französischen Zuschauer:innen mit der Plattform fremdeln, weshalb ein Blick auf das französischsprachige AlloCiné sinnvoll ist. Dort sind Stand heute hundertfünfzig Meinungen zu hören. Die Bandbreite reicht von:

Bonitzer gelingt es, Maigret zu modernisieren, ohne seine Essenz zu verfälschen. Podalydès verkörpert die Rolle mit Nüchternheit, feinem Humor und viel Finesse. Ein wahres Vergnügen!

bis zu

Eine sehr theatralische und allzu traditionelle Adaption von Pascal Bonitzer. Denis Podalydès gibt einen soliden Maigret, doch weder die angestaubte Inszenierung noch die konventionelle, enttäuschende Handlung oder die blassen Nebendarsteller können ihm helfen. Am Ende fragt man sich: War das wirklich all die Mühe wert?

Der Film pendelt sich bei einer Bewertung von 3,0 von 5 Sternen ein – und ist in den letzten Wochen ein wenig gesunken. (Als ich das erste Mal schaute, waren die Bewertungen noch geringfügig besser gewesen.) Drei Sterne sind einfach durchschnitt. Also nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Als Maigret-Liebhaber sagt man sich: Schade! 

Gelobt wird Denis Podalydès – er wird als überzeugend empfunden und auch von denjenigen, die den Film eher ablehnen. Eine ganze Reihe von Zuschauern erwähnt in den Kritiken, dass man sich schnell an die eher schmächtige Maigret-Erscheinung gewöhnt. Hervorgehoben wird, dass er seiner Figur feinfühlig und humorig spielt und ihm eine gewisse Schärfe gibt. Ebenso wird Anne Alvaro als herausragend erwähnt. Ihre Darstellung wäre das interessanteste Element des Films. 

Die Dialoge werden von denen, die sich damit anfreunden können, als geistreich und elegant wahrgenommen. Damit sind sie bei den Fachjournalisten, die sich ebenso dafür begeistern konnten. Und wie diese wird auch hier die Kürze des Films goutiert. Die Kritiker bemängeln, dass der Film eher wie ein TV-Krimi wirkt, langweilig wäre und keine Spannung erzeugt. 

Die Atmosphäre wäre eher staubig als stimmungsvoll. Bemängelt wird, dass sich Regisseur und Ausstatter nicht festlegen konnten, in welcher Zeit er ausstattungsmäßig spielt. Die Handlung wurde in die 2000er-Jahre verlegt – in der Zeit wirken allerdings Pfeife und Hut fehl am Platze. Außerdem ist ein fehlendes Handy unrealistisch. Andererseits bekäme man moderne Kühlschränke zu sehen aber auch Oldtimer. Das wirkt sehr unausgeglichen.

Was wir haben ...

Liest man sich die Bewertungen durch, so handelt es sich um ein respektables, aber letztlich unspektakuläres Kinoerlebnis. Diejenigen, die Maigret und Simenon leben, die dürften wohl zufrieden sein. Wer diesen Bezug jedoch nicht an und mehr erwartet hat, den erwartet eher Enttäuschung. Der letzte Maigret mit Depardieu kam auch erst nach geraumer Zeit in die hiesigen Kinos. 

Also werden wir das Filmprogramm beobachten und berichten, wenn es etwas zu berichten gibt. Dann erst werden sich die deutschsprachigen Zuschauer:innen die Entscheidung treffen müssen, ob sie den Film sehen wollen. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Das wird nicht passieren, der Film wird die deutschen Kinos nicht erreichen. Im besten Fall bekommen wir ihn eines Tages im TV zu sehen.