Die Vermessung Simenons


IT-Projekte haben Stichtage. Die werden oft nicht gehalten. Irgendwann ist es soweit: Go-Live. Alles läuft, das Projekt ist abgeschlossen. Oft ist noch nicht alles geschafft, ein paar Sachen blieben liegen. Projekt-Nacharbeiten ist die Umschreibung dafür. 117 Romans Durs haben nun ein Scoring, sind bewertet. Zu den Nacharbeiten gehören die Erzählungen. Das kommt dann später …

Wer sich einen Überblick verschaffen will, der kann das beim Romans Durs-Ranking gern tun. Während der Arbeit daran, gab es einige sehr erhellende und überraschende Momente. Außerdem habe ich, was ich immer toll finde, viel interessantes neues Zahlenmaterial, woraus sich schöne Statistiken basteln lassen.

Nie aufgefallen, oder doch?

»Der Rückfall« ist zuletzt bei Diogenes erschienen. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im zweiten Teil springen die Leser von Kapitel 2 zu Kapitel 4. Beim Lesen fällt das nicht weiter auf, aber wenn man eine Digitalisierung für ein Ranking macht, stolpert man darüber und denkt sich: Was ist mit Kapitel 3? Hat Diogenes das weggelassen?
Die Antwort ist nein: Kapitel 4 ist Kapitel 3 und Kapitel 5 ist Kapitel 4.
Immerhin haben sie es dann durchgezogen.

Mitgefiebert

Ich will nicht behaupten, dass das Ranking völlig subjektiv ist. Das wäre sehr weit hergeholt. Schließlich wurden die Prompte von mir gestaltet und validiert. Vielleicht ist es gegenüber Erzählungen strenger, als es berechtigt ist. Das gilt es eines Tages noch zu überlegen. 
Aber alle Werke wurden mit dem gleichen Bewertungssystem gemessen. Hin und wieder gab es Ausrutscher, die habe ich durch eine Dreier-Validierung geschickt, die dann die Mitte ermittelt hat. In den meisten Fällen waren die nicht weit von dem, was ursprünglich errechnet wurde.
Bei der Berechnung habe ich immer ein  wenig mitgefiebert und versucht zu erraten, welches Ergebnis wohl herauskommen wird. Dabei hat sich schnell gezeigt, dass mein persönlicher Geschmack mit dem Scoring-Geschmack nicht viel zu tun hat. Bei den Maigrets interessanterweise viel mehr als bei den Romans Durs. Bei Ersteren war ich in der Regel milder als die Score-Engine. 
Auf den letzten Metern – also dieses Wochenende – wurde ich zweimal überrascht: Einmal von »Die verschwundene Tochter«. Diese Geschichte hielt ich für einen recht schwaches Spätwerk. Eine 5,0 wie die Engine hätte ich ihr aber nicht gegeben. Das war so ein Fall, wo ich eine Kontrolle nötig war und sich die Score-Engine tatsächlich vertan hatte. Das Werk wurde hochgestuft. »Das Gefängnis« war ein Roman, der mich beim Lesen faszinierte und ich hätte erwartet, dass ein 7er-Scoring bekommen wird. Tatsächlich hat er es in die Top 10 mit 7,5 geschafft, was ich wiederum nicht erwartet hätte.

Die Schreibmaschine

In den 1930ern war Simenon extrem fleißig. Seine Gewohnheiten aus der Zeit als Groschenheftschreiber hatte er noch nicht abgelegt. Insgesamt entstanden in der Zeit 65 Romane und es ist damit die produktivste Dekade als »richtiger Schriftsteller«. Die ersten Jahre dominierte Maigret, nach dem Stopp der Kommissars-Produktion drehte sich das Blatt. In den Spitzenjahren produzierte Simenon bis zu zehn Romane!
In den 40er-Jahren gab es einen Rückgang. Hier ist der Zusammenhang mit Besatzung und dem Krieg zu suchen. Die Papierkontingente der Verlage waren von den Deutschen rationiert worden und auf Halde pflegte Simenon nicht zu produzieren. Außerdem war er damit beschäftigt, seine Familie zu versorgen – die Prioritäten lagen nicht auf Literatur. Das änderte sich erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehntes.
Auf das Niveau der 1930er-Jahre sollte er auch nicht mehr zurückkehren. Aber das folgende Jahrzehnt – in Amerika und der Schweiz – die sollten ihn wieder zurück auf die Spur bringen. Im Durchschnitt schrieb er fast fünf Romane pro Jahr. Ob es die pure Schreibwut war oder die wachsende Kinderzahl oder vielleicht auch die Tatsache, dass die Scheidung von seiner ersten Ehefrau Tigy recht kostspielig war, das sollte uns als Konsumenten nicht interessieren.
Ein Rückgang ist dann wieder in den 1960er-Jahren zu verzeichnen. Statt 48 Romane, wie im Vorgänger-Jahrzehnt, standen am Ende 34 in der Bilanz. Interessant ist, dass das Verhältnis in diesen Jahren zugunsten der Maigrets kippte. Am Anfang seiner Karriere war das auch so – danach nie wieder. Und so kommt es zu dem Verhältnis von 117 Romans Durs und 75 Maigrets. Die Ursachen dafür könnte man darin sehen, dass es Simenon reichte; aber man könnte sie auch in der Biografie, sprich in der Trennung von Denyse, suchen.
Die 1970er-Jahre klangen dann mit acht Romanen aus, also nicht einmal drei pro Jahr. Im Kopf war der Schriftsteller vielleicht schon im Ruhestand.

Quantität vs. Qualität

Wie man dem Lese-Guide für die 30er-Jahre entnehmen kann, ist bei der Wahl von Werken aus dieser Periode eine gewisse Vorsicht notwendig. Mit einem Durchschnitt von 5,91 ist es mit der Qualität der Werke noch nicht weit her. Hier entstanden einige der schwächsten Geschichten, wenn er auch vereinzelt Perlen hervorbrachte. 
Im Folge-Jahrzehnt, wo er gar nicht so produktiv war, sprang der Wert auf 6,88 Punkte (identisch mit den 60er-Jahren). Erst zum Ende seiner Karriere sackte der Durchschnitt auf 6,14 Punkte ab.
Ein wenig anders sah es bei der durchschnittlichen Lesbarkeit aus: Das führende Jahrzehnt waren hier die Werke aus der Zeit zwischen 1940 und 1949. Mit 6,84 erreichte Simenon hier seinen Spitzenwert, ähnlich stark waren die 1960er (6,62) und die 1950er (6,56) – die Start- und Endphase lagen ein bisschen drunter.

Die Maigret/Nicht-Maigret-Kluft

Ein interessantes Bild gibt es, wenn man die Non-Maigrets mit den Maigrets im Qualitätsschnitt vergleicht: Die Maigrets liegen durch die Bank etwa 0,4 bis 0,7 Punkte unter den Romans Durs. Am größten ist die Differenz in den 1930ern – 5,41 vs. 6,14, was ein knackiger Unterschied ist. Aber auch in den 1960ern gibt es noch einen halben Zähler Unterschied. 
Als wenn die genannten Zahlen nicht schon überraschend waren, hier gibt es noch eine Erkenntnis: Die Lesbarkeit war in den 1940er- und 1950er-Jahren bei den Romans Durs am ausgeprägtesten. In den beiden folgenden Jahrzehnten kehrte sich das Verhältnis jedoch um. Die Non-Maigrets zu lesen, wurde fordernder. Das sieht man an der Dimension Psychologie des Scores. Dieser stieg von einem Durchschnitt von 6,59 in den Anfängen auf 7,53 in den Sechzigern.

Mehr Arbeit, weniger Qualität?

Wer viel arbeitet, kann viele Fehler machen. Wer nicht arbeitet, der macht auch keine Fehler. Heißt ja auch, dass die Qualität mit der Produktivität sinken kann. War das bei Simenon auch so?
Die Zahlen geben da ein ebenso interessantes wie überraschendes Bild. Die Behauptung stimmt nämlich – aber nur für das erste Jahrzehnt. Das Bild, das die Leseguides schon gezeigt haben, dass die Qualität mit den 1940er-Jahren rasant stieg, lässt sich auch hier nachweisen. Als Simenon sein Handwerk erst einmal beherrschte, zeigte die Quantität keinen messbaren Einfluss mehr auf die Qualität.
Schaut man sich das in der Jahresansicht an, dann sieht es wie folgt aus: Die besten Qualitätsjahre sind 1960 (Ø 7,47 bei drei Romanen), 1948 (Ø 7,37 bei vier Romanen) und 1942 (Ø 7,04 bei nur zwei Romanen). Die schlechtesten sind 1932 (Ø 5,03 bei sechs Romanen) und 1931 (Ø 5,59 bei zehn Romanen). 
Das sieht nach einem klaren Produktivitäts-Qualitäts-Tradeoff aus (ich liebe das Wort!) – ist aber in Wahrheit ein Reifeeffekt. 1931 schreibt Simenon zehn Romane mit Ø 5,59 nicht, weil er so viel schreibt, sondern weil er noch am Anfang steht. 1953 schreibt er sechs Romane, aber mit Ø 6,96.
Wer behauptet, dass Simenon zu viel geschrieben habe, der irrt zumindest im Hinblick auf die Qualität seines Werk. Die Daten aus der Reife- und Spätphase zeigen, dass es keinen großartigen Unterschied gibt, ob Simenon in den Jahren viel oder wenig geschrieben hat. Die Behauptung, dass Simenon zu viel geschrieben hat, ist allenfalls für die Leute interessant, die nicht genügend Platz im Bücherregal haben.
Und ja, es zeigt sich, dass es eine Ermüdungsphase Anfang der 1970er-Jahre gab. In der fielen sowohl die Produktivität Simenons wie auch die Qualität der Werke.