Denis Podalydès als Maigret

»Das Ende einer Welt«


Seit einem Monat ist der Film »Maigret et le mort amoureux« in französischen Kinos zu sehen und startete wohl auch in Spanien. Da es im deutschsprachigen Raum bisher keine Anzeichen für eine Veröffentlichungen gibt, blieb selbstverständlich eine Presseresonanz hierzulande aus. Da das französische Pressematerial öffentlich ist, habe ich ein wenig gestöbert.

Da hier absolute Funkstille herrscht, ist es doch schön, wenn wir was aus Frankreich hören, oder? Weshalb ich mir erlaubt habe, ein Interview von Anne-Claire Cieutat mit dem Regisseur des Films Pascal Bonitzer ins Deutsche übertragen zu lassen.


Ihr neuer Film ist eine Verfilmung des Buchs »Maigret und die alten Leute«, das Simenon 1960 geschrieben hat. Der Titel, den Sie gewählt haben, enthält ein Paradox – er verbindet Tod mit Leben.

Simenon hat diesen Text geschrieben, als er aus einer persönlichen Krise kam, mitten im Leben. Er hat diese Krise in seinen Tagebüchern erwähnt. Es scheint, als hätte ihm das Schreiben des Buchs geholfen, diese Altersfrage zu bannen – eine Frage, die sich mir auch zwangsläufig stellt. Die Figuren dieser Geschichte sind alt und trotzdem voller Energie. Das Thema ist auch das einer paradoxen Vitalität.

Sie haben die Handlung in die frühen 2000er Jahre verlegt. Die Geschichte spielt in einem sehr konservativen Milieu, um nicht zu sagen reaktionären, mitten im 7. Pariser Arrondissement. Katholische Aristokraten, die die Zeit, in der sie leben, ignorieren oder verachten.

Simenon ist ein Mann des 20. Jahrhunderts; sein Held ist es auch, mit den Vorurteilen seiner Zeit. Es hat mich interessiert, ihn mit dem 21. Jahrhundert zu konfrontieren. Maigret ist ein Polizist, der keine Autoritätsfiguren mag: altmodisch, aber auch ziemlich modernisierungsresistent. Mit seiner Pfeife, seinem diskreten Alkoholismus, seiner Hausfrau ist er ein Überlebender angesichts der beschleunigten Robotisierung unserer Welt.

Diese untergehende Welt, das alte System, hält auch dank ihrer Dienstboten zusammen. Jacotte, die Anne Alvaro meisterhaft verkörpert, ist eine faszinierende Figur. Sie könnte das klassische Bild der mumifizierten alten Jungfer sein, ist aber das komplette Gegenteil. Sie lässt sich nie aus der Ruhe bringen. Die Verhöre bringen sie nicht aus dem Konzept. Sie ist immer einen Zug voraus.

In »Das große Alibi«, wo Sie Agatha Christie adaptiert haben, zeigten sich Ihre Figuren mal in ihrer Mittelmäßigkeit, mal in ihrem Mut. Hier muss jeder ausdrücken, wie er mit den Konventionen zurechtkommt.

In dieser eingeschnürten Welt sucht Maigret, wie gewohnt, was sich unter dem Firnis der Äußerlichkeiten verbirgt. Die Leute, mit denen er es zu tun hat, präsentieren eine Fassade der Respektabilität, sogar der Arroganz, und seine Aufgabe ist es, deren Schwachstellen zu entdecken.

Oft ist Maigret mit schäbigen Gestalten konfrontiert, denen gegenüber er brutal werden kann. Angesichts dieses vornehmen Milieus gerät er aus dem Konzept.

Was schätzen Sie an der Figur Maigret?

Er steht für eine Art Beständigkeit der psychologischen, persönlichen Ermittlung, für die Institution des Quai des Orfèvres, die seit Kurzem nicht mehr existiert. Die Ermittlungen stehen heute unter der Herrschaft der technischen und wissenschaftlichen Polizei. Maigret verkörpert also das Ende einer Welt, die der Ermittlungen alter Schule. Ich habe die Geschichte zu Beginn unseres Jahrhunderts angesiedelt, vor der Ankunft der Smartphones und der Internet-Lawine, und nicht heute, denn 2026 würde Maigret schlicht nicht mehr existieren.

Trotzdem ist er ein sehr lebendiger Mann: Seine Vorliebe für gutes Essen zieht sich durch den ganzen Film!

Das ist ein Zug, der von Simenon stammt. Simenon ist sehr sinnlich. Maigret liebt bodenständige Gerichte und alkoholische Getränke. Dieser Aspekt fällt in Verfilmungen oft unter den Tisch, genau wie Madame Maigret. Ich wollte das alles beibehalten.

Sie zeigen ihn beim Kochen, wie er zärtliche und vertraute Momente mit seiner Frau teilt.

Das ist auch ein bisschen einer meiner Charakterzüge, denn ich koche gerne. Maigret und seine Frau sind ein sehr harmonisches und zärtliches Paar von beanspruchter kleinbürgerlicher »Normalität«, im Gegensatz zu den mehr oder weniger verrückten Gestalten, mit denen sich der Kommissar beruflich auseinandersetzen muss. Diese Dimension der Figur wollte ich bewahren.

Was die meisten Figuren in dieser Geschichte verbindet, ist ihr Scharfsinn, den Ihre knackigen Dialoge unterstreichen – ganz im Geist von Simenon.

Ich habe darauf gesetzt, einen Film zu machen, in dem es nur ein Rätsel gibt und Leute, die reden. Da das das komplette Gegenteil von einem Actionfilm ist, mussten die Dialoge so knackig wie möglich sein. Ich glaube, ich bin dem Geist des Romans treu geblieben, bis auf den Epilog.

Ein Epilog mit übernatürlichen Tönen. Man spürt da die Anwesenheit eines Geistes, was dieses geheimnisvolle Gemälde unterstreicht.

Das Gemälde – dazu kann ich kurz etwas sagen. In der Geschichte soll es angeblich vom Vater des Mazeron (dem Neffen des ermordeten Botschafters) gemalt worden sein und dessen Mutter darstellen. In Wirklichkeit hat es meine Mutter gemalt, und es zeigt meine Freundin von damals, als ich zwanzig war. Wir sind über all die Jahre befreundet geblieben. Ich fand es witzig, ihr eine Rolle zu geben.

Außerdem habe ich eine Schwäche fürs Fantastische. In Krimis gibt es oft Elemente, die in diese Richtung gehen. Gewaltsamer Tod bricht immer in die Realität ein und öffnet eine Dimension, die im Kontrast zum Alltag steht – etwas Übernatürliches. Das findet man bei Hitchcock oder Conan Doyle zum Beispiel.

Kriminalgeschichten erschaffen also Gespenster. Irgendwann müssen die dann vertrieben werden, und die nackte Wahrheit kommt zum Vorschein. Das ist das Prinzip der Ermittlung und der Wahrheitssuche.

Denis Podalydès taucht voll in Simenons Welt und in Ihre ein. Auch wenn er nicht die typische Maigret-Silhouette hat, verkörpert er dessen Innerlichkeit. Wie haben Sie zusammen mit Denis sein Aussehen entwickelt?

Denis wollte unbedingt die rituellen Attribute der Figur übernehmen – Pfeife und Hut. Da bin ich mitgegangen. Übrigens: Mantel und Regenmantel, die er im Film trägt, gehören mir.

Denis Podalydès, der zwar nicht die Statur von Harry Baur, Pierre Renoir, Jean Gabin, Gérard Depardieu oder Bruno Cremer hat, schien mir ein interessanter Coup für Maigret zu sein. Nicht nur wegen des körperlichen Kontrastes zu den genannten Schauspielern, sondern auch wegen seiner großen Sympathie, dem schelmischen Blick und seinem Verhältnis zur Sprache. In dieser Geschichte hört Maigret mehr zu, als dass er redet, er ist verunsichert, und die Lösung des Rätsels wird ihm eher geliefert, als dass er sie selbst findet. Denis ist ganz natürlich in die Rolle geschlüpft. Und wenn man bedenkt, dass er schon Rouletabille in den Gaston-Leroux-Adaptionen seines Bruders Bruno gespielt hat – Rouletabille, der das komplette Gegenteil von Maigret ist –, dann ist das ein Kunststück, das mich begeistert.

Man steigt in die Erzählung mit einem Insert über ein Accessoire ein: Maigrets Pfeife. Wie haben Sie das Casting der anderen Darsteller zusammengestellt?

An Anne Alvaro für die Rolle der Jacotte habe ich sofort gedacht. Sie hat der Figur sowohl Autorität als auch Humor verliehen. Jedes Mal, wenn ich Anne im Theater gesehen habe, war ich hingerissen. In »Meine Liebe dir gehört« von Bacri-Jaoui ist sie unvergesslich.

Dominique Reymond hat die Rolle der Prinzessin von Vuynes meisterhaft übernommen, genauso wie Laurent Poitrenaux ihren Sohn verkörpert.

Micha Lescot als Mazeron hat eine verblüffende Präsenz. Julia Faure, mit der ich schon in »Tout de suite maintenant« gearbeitet habe, bringt Lebendigkeit, Jugend und einen modernen Touch in die Rolle der Madame Mazeron.

Manuel Guillot, der Janvier spielt, Maigrets Assistenten, und dessen Körperbau wie eine Übertragung der Statur wirkt, die dem Kommissar in Simenons Romanen zugeschrieben wird – den habe ich in einem Dupieux-Film entdeckt, »Le Deuxième Acte«. Er hat die Rolle perfekt ausgefüllt.

Hugues Quester in der Rolle des Maître Aubonnet – an den habe ich gedacht, als ich ihn kürzlich im Theater gesehen habe, mehr noch als wegen der Erinnerung an Rohmers »Conte de printemps« und Sophie Fillières' »Grande Petite«, aber das hat sicher auch mitgespielt.

Es war schön, Matthieu Lucci und Arcadi Radeff wiederzutreffen, die in »Le Tableau volé« Kumpel waren und hier Polizist und Enkel spielen – Rollen, die das komplette Gegenteil zu denen im vorherigen Film sind.

Noël Simsolo hatte mir erzählt, dass Chabrol »Maigret und die alten Leute« adaptieren wollte. Er hatte unter seiner Regie gespielt, besonders in »Au cœur du mensonge«, und schien mir ideal für die Rolle des Pfarrers, der er eine komische Note verleiht.

Wie haben Sie diese kontrastierenden Schauplätze konzipiert – die majestätischen bürgerlichen Interieurs, die nüchternen Räume der Kripo und Maigrets Wohnung?

Maigret dringt berufsbedingt in ein Milieu ein, das ihm fremd ist. Die Räume, die er betritt, sollten ihren eigenen Charakter und eine besondere Atmosphäre haben. Die Gemäldegalerie von Mazeron ist geprägt von roten Wänden, das Stadtpalais der Prinzessin von bläulichen Tönen. Es atmet etwas Altehrwürdiges, Gedämpftes und steht im Gegensatz zum banalen Dekor der Kripo oder Maigrets kleinbürgerlicher Wohnung.

Wie haben Sie diesen präzisen Schnitt mit Monica Coleman erarbeitet?

Monica bevorzugt harte Schnitte, plötzliche Wechsel. Das macht die Erzählung nervöser. In der Sequenz mit Laurent Poitrenaux zum Beispiel macht dieses Schnittprinzip seine Verunsicherung gegenüber Maigret spürbar. Er bewegt sich ständig, genau wie – aus anderen Gründen – Madame Mazeron …

Ich musste akzeptieren, dass dieser Film einen Helden hat, der bei verschiedenen Leuten hereinspaziert und sich hinsetzt – das ist der Unterschied zwischen einem Kommissar und einem Privatdetektiv, der sich viel bewegt, sich prügeln oder schießen kann und in gefährliche Situationen stürzt. Man musste Langeweile vermeiden und auf die Spannung vertrauen, die sich im Lauf der Geschichte aufbaut.

Für die Musik arbeiten Sie wieder mit dem Komponisten Alexeï Aïgui zusammen.

Das ist ein bemerkenswerter Komponist, mit dem ich seit »Je pense à vous« zusammenarbeite. Ich lasse ihm gerne freie Hand. Ich finde, seine Kompositionen haben eine diskrete Eleganz, eine besondere Präsenz, die feinfühlig die Geschichte begleitet, die man erzählt.

Der Film ist dem Drehbuchautor und Schriftsteller Jérôme Beaujour gewidmet.

Wir hatten zusammen Agatha Christie adaptiert mit »Le Grand Alibi«. Er war mein Freund. Ich war und bin sehr traurig über seinen Tod. Wie ich schon »Le Tableau volé« Sophie Fillières gewidmet hatte, schien es mir selbstverständlich, ihm hier zu huldigen. Er war ein absolut wundervoller Mensch.