Denis Podalydès als Maigret

Ein Schal, ein Hut


Der neue Kommissar Maigret Denis Podalydès ist ein untypischer Maigret-Darsteller, von der Statur wirkt eher wie Heinz Rühmann. Im Pressematerial wird angedeutet, dass Simenon Maigret nie als kräftig oder dick beschrieben hätte – das erscheint eher wie eine Rechtfertigung. Hier ein Interview, welches Anne-Claire Cieutat mit dem Schauspieler für die Presseinfo führte.

Wir erinnern uns an Sie als Reporter-Detektiv in der Rolle des Rouletabille, als Inspektor in »Mortel transfert«, aber als legendärer Kommissar ist das das erste Mal! Wie haben Sie Pascal Bonitzers Vorschlag aufgenommen?

Mit einer Mischung aus Freude und Ungläubigkeit. Freude, weil Pascal mir die Rolle angeboten hat, und Ungläubigkeit, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, mich selbst darin zu sehen. Ich hatte einen unerschütterlichen, massigen Schauspieler im Kopf, in der Tradition von Gabin, Bruno Crémer oder Depardieu, die Maigret gespielt und sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Ich habe nur ein einziges Mal in den Maigret-Romanen, die ich gelesen habe, das Wort »massig« gefunden, um Maigret zu beschreiben. Simenon sieht ihn zweifellos so, aber er fügt keine weiteren Adjektive hinzu, scheint es sogar zu vermeiden, eine präzise Figur zu zeichnen. Maigret ist eher eine Silhouette, ein Schatten, eine Kontur.

Wie sehen Sie Pascal Bonitzers Kino?

Ich liebe sein so eigentümliches Kino. Seine Filme entziehen sich systematisch jeder Art von Klischee, dem Zeitgeist, der kinematographischen Volksweisheit – wenn nicht gar Vulgarität. Er hat eine Haltung und eine Autonomie der Fiktion, die jeden seiner Filme für mich einzigartig, leuchtend und rätselhaft macht, ungewiss und doch sehr klar in seinem Strich, seinen Dialogen, seinen Einstellungen, seiner Inszenierung. Er scheint nie von sich selbst oder von jemandem Bestimmtem zu sprechen, nie an einem aktuellen Thema »aufzuhängen«, um seinen Kommentar einzuschreiben, offene Türen einzurennen oder eine Meinung rauszuhauen.

Was bedeutet Simenons Welt für Sie?

Ich kenne sein Werk schlecht und schäme mich dafür. Dagegen habe ich mehrere Maigret-Romane mit großer Begeisterung gelesen. Mir wird klar, dass das, was ich über Pascals Kino sage, auch auf Simenon zutreffen könnte, der sich von der Realität zu entfernen scheint und ständig dorthin zurückkehrt, in konzentrischen und exzentrischen Bewegungen. Ein Mord geschieht in einer sehr realen Welt, einem gekonnt erforschten sozialen Milieu (Simenon hat etwas vom Soziologen), aber nach und nach, begünstigt durch lange Verhörszenen – ein Glücksfall für die Darsteller –, lässt die Fabel eine Unterwelt entstehen, zwischen Traum und Abstraktion, geladen mit seltsamen Gefühlen, gewaltigen und schweigsamen Leidenschaften, rückblickender Gewalt. Man erreicht eine Art Poesie, ein großes Lamento der menschlichen Schwäche.

Sie scheinen sich Maigrets Attribute (die Pfeife, der Regenmantel, der Hut) mit Genuss angeeignet zu haben. War das Ihr Zugang zur Innerlichkeit der Figur?

Da ich nicht die »massive« Statur habe, mochte ich die Idee, diese Attribute zu besitzen, die auch Maigrets Silhouette, seine Kontur ausmachen. Man setzt den Hut auf, zieht den Mantel an, nimmt die Pfeife – das ist Maigret. Als wäre er, bevor er eine Figur ist, eine Spielfigur, eine Funktion: die Funktion Kommissar Maigret. Es ist möglich, dass es gar keine Innerlichkeit Maigrets gibt. Man weiß selten, was er denkt.

Zumindest scheint er immer weniger zu sagen, als er denkt, und erklärt sich nie, breitet nie sein Wissen aus (falls er welches hat), kommentiert nicht, träumt viel beim Nachdenken – oder umgekehrt –, überlässt ganz den Platz dem, was er oder sie zu sagen hat.

Inwieweit haben Ihnen die Kleider, die Sie trugen, geholfen, sein Selbstvertrauen, seine Aufrichtigkeit zu finden?

Mir hat sofort das Kostüm gefallen, das Marielle Robaut vorgeschlagen hat, Pascals treue Kostümbildnerin. Weiche und einfache Schuhe, ein ebensolcher Anzug und ein Mantel – von Pascal mitgebracht –, der mir sofort gepasst hat. Ein Schal, ein Hut. Das Selbstvertrauen, das ist es: wenn das von Anfang an gut sitzt, sich anzupassen scheint, ohne etwas erstarren zu lassen. Mir ging es gut. Ich hatte Lust, mich hinzusetzen und den Leuten zuzuhören. Nichts anderes zu tun, als die Fragen zu stellen, die immer zur rechten Zeit kommen – in Simenons Dialog wie in Pascals Adaption.

Was schätzen Sie an Maigret?

Seine Art zu hören und zuzuhören – beides gleichzeitig. Er hört die Worte der Zeugen und Verdächtigen, aber er vernimmt auch die innere Klage, das, was den gesprochenen Worten widerspricht. Diese psychoanalytische Seite ist wahnsinnig spannend zu spielen. Ich mag seine Art, das Urteil hinauszuzögern, nie zu schnell Schlüsse zu ziehen. Etwas in ihm lässt die Dinge laufen, wartet auf den richtigen Moment. Er hat diese Geduld, diese Melancholie, auch Nachsicht gegenüber Unglück, Verbrechen, Gewalt. Und ich mag, dass er trotz allem eine fröhliche Normalität bewahrt, fast einen selbstverständlichen Konformismus – wie man sieht, wenn er zu Hause bei Familie und Freunden ist, ans gute Essen denkt, an die Küche, die ihn erwartet. Das macht die Figur unheimlich sympathisch, aber auch geheimnisvoll.

Bei dieser Ermittlung, wo niemand schuldig scheint, steckt Maigret in der Sackgasse. Wie haben Sie mit seinen Zweifeln gespielt?

Der Zweifel ist tatsächlich Maigrets wichtigste, ja seine methodische Haltung, ohne dass er hektisch wird oder Angst zeigt. Zweifel ist der natürliche Zustand des Ermittlers. Man sieht den Rauch aus seiner Pfeife aufsteigen wie einen Gedanken, der sich ständig formt und verformt. Man kommt voran, ohne zu wissen wohin, stellt Hypothesen auf, gräbt, irrt sich, fängt neu an. Falsche Spuren sind genauso interessant wie richtige. Das Paradox: Der Zweifel hält einen aufrecht und ermöglicht langsam den Zugang zur Wahrheit. Das fand ich genial.

Wie sehen Sie diese melancholische Geschichte?

Diese Geschichte aus dem ultrakatholischen, abgeschotteten Milieu hat mich sehr berührt. Ich kannte solche Leute aus Versailles, meiner Heimatstadt. Menschen außerhalb der Zeit, außerhalb der Welt, fast naturgemäß zum Tragischen bestimmt. Anne Alvaro verleiht ihrer Rolle eine teils komische, teils tragische Größe, die mich umgehauen hat.

Was würden Sie über Maigrets Blick auf das Milieu und die Figuren sagen?

Er ist erst einmal völlig überrascht von Annes Figur. Woher kommt sie bloß? Er ist sofort neugierig, fasziniert von ihrer Fremdartigkeit – weder alte Jungfer noch typische Gouvernante. Er urteilt nicht, will wissen, verstehen. Natürlich gehört er nicht in diese Welt, aber genau das zieht ihn an. Maigret ist immer gefesselt von seinem Gegenüber. Das Fremde interessiert ihn. Das bringt ihn zu einer grundlegenden Nachsicht – er verurteilt nie.

Zu Hause steht Maigret gern am Herd – gutes Essen ist ihm wichtig!

In Krimis vernachlässigt der verheiratete Cop oft seine Frau, die Ermittlung reißt ihn mit. Maigret aber liebt seine Frau und kehrt zu ihr zurück, wann immer es möglich ist. Das ist ein Grundzug der Figur und der Romane.

Wieder ein Klischee des amerikanischen Krimis, das Simenon vermeidet. Das schafft Raum für Humor, für friedliche Heiterkeit als Ausgleich zur Düsternis.

Und die Dialoge und ihr Tempo?

Das ist Pascals Handschrift, die er von Simenon übernimmt – der scheut nie lange Dialoge. Pascal gibt das Tempo vor durch seine Art zu sein, zuzuhören, nachzuhaken. Die Dialoge sind fein ausgearbeitet, ein Vergnügen zu lernen …

Er baut Humor und Überraschung in seine Sätze ein, wobei Pascal jede Menge persönliche Details einflicht, die genauso köstlich sind wie die Gerichte, auf die Maigret so abfährt. Er fühlt sich bei Simenon und mit Maigret richtig zu Hause.

Wie hat Pascal Bonitzer Sie am Set und davor angeleitet? Wie führt er seine Schauspieler?

Wir haben uns in ein paar Gesprächen – ein Mittagessen und eine Vorab-Lesung – auf einige Grundprinzipien geeinigt, die zugleich Methodenprinzipien sind, dann ging es ums Kostüm – wir wussten, dass das entscheidend war. Dann Proben für die Dialoge: Pascal hört mit extremer Schärfe zu, hat ein musikalisches Gespür, und sein Gesicht ist dabei so ausdrucksstark, dass man sofort merkt, ob er Bedenken hat oder Gefallen findet. Man justiert nach. Man platziert sich im Bühnenbild, das immer voller szenischer Möglichkeiten steckt, und merkt, dass er es sehr durchdacht ausgesucht und arrangiert hat: Dieses Bühnenbild ist an sich schon eine Regie-Achse. Man steigt entschlossen in die Sequenz ein, an der man arbeitet, mit einer Strenge, die mich dann an manche Theaterproben erinnert, wegen der Länge und Dichte der Dialoge. Da ist Pascal ganz beim Spiel, und das ist die genussvolle Seite der Arbeit. Er lässt nichts durchgehen, und trotzdem ist man frei. Man ist frei und macht genau das, was einem die Intuition sagt. Es war wunderbar erschöpfend. Abends habe ich gut geschlafen.

Ein Wort zu Ihren Partnern, ihrer Solidität, ihren Stimmen, dem dezenten Humor, der bei manchen durchschimmert?

Das ist eine Besetzung mit großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, die zum Teil, besonders am Theater, schon sehr etabliert sind. Als Pascal mir das mitteilte, war ich im siebten Himmel. Ich traf auch Freunde wieder, mit denen ich schon gespielt hatte oder die ich unbedingt kennenlernen und als Partner haben wollte, wie zum Beispiel André Marcon oder Hugues Quester. Ich habe schon gesagt, wie sehr ich Anne Alvaro bewundere. Sie ist eine Tragödin, die das Kino zu einem riesigen und feinfühligen Spielfeld macht. Ihre Stimme hat mich schon immer verzaubert; sie fügt einen Riss hinzu, eine eingeschnürte Verrücktheit, die die Figur für mich absolut faszinierend machte. Irène Jacob wiederzutreffen war ein Geschenk, für das ich Pascal dankbar bin; sie verleiht Madame Maigret eine perfekte Kraft und Sanftheit.

Mit Dominique Reymond, Laurent Poitrenaux und Micha Lescot zu spielen ist in jedem Moment ein Vergnügen. Sie verkörpern wunderbar diese großbürgerliche, katholische und dekadente Welt, mit einem buñuelesken Humor. Micha und ich kennen uns und sind seit über zwanzig Jahren befreundet; mit ihm zu spielen ist auch ein Kinderspiel, weil er mir meine ganze Unschuld zurückgibt, indem er mich zum Lachen bringt und immer wieder überrascht. Die große Szene mit Julia Faure war ebenfalls ein Glücksfall: Sie hatte einen langen Dialog – ich rede wenig in dieser Szene –, und ich konnte ihre immense Komik, ihre virtuose Intelligenz bewundern. Ich war sehr gerührt, mit Hugues Quester zu spielen, so bewegend und lustig als kränklicher Notar, ebenso wie mit André Marcon, meinem Chef, der auch ein Meister für mich ist, und die Entdeckung von Manuel Guillot, einem außergewöhnlichen und gutmütigen Janvier! Ich will Stéphane Mercoyrol und Arcadi Radeff nicht vergessen, die sehr wertvolle Partner waren.

Sind Sie empfänglich für die diskret fantastische Dimension des Films, die aus bestimmten, von Pierre Milon beleuchteten Einstellungen hervorgeht? Hat sie Ihr Spiel beeinflusst?

Ich spürte ein besonderes Licht, vor allem in bestimmten Kulissen – dem Verhörraum zum Beispiel oder Mazerons Laden –, und ich fühlte mich wohl dabei, aber es war nicht völlig bewusst. Es war, als ob der Spielbereich abgegrenzt wäre und uns von der Welt isolierte, uns die Möglichkeit böte, völlig darin aufzugehen. Wir waren in einer Zone, wo unsere Worte einen besonderen Geschmack und Klang hatten. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, denn es ist eher jetzt, wenn ich an das Glück zurückdenke, das diese Szenen in mir ausgelöst haben – dieser ganze Dreh war eine ununterbrochene Freude bei ununterbrochener Arbeitsintensität –, dass mir die wohltuende und inspirierende Wirkung dieses Lichts bewusst wird, das Pierre Milon sanft und diskret einsetzte.