Gefangene des Kommerz


Auf meinem virtuellen Notizzettel stand: »Kurzer Artikel zu einem Filmprogramm« ... Moment, das hatten wir doch schon letzte Woche als Anfang! Ist also verbrannt. Egal. Immer direkt zur Sache zu kommen, widerstrebt mir. In diesem Fall ist der Sidekick nicht so exotisch, wie es auf dem ersten Blick erscheint. Schon in früheren Texten habe ich Verknüpfungen zu M*A*S*H hergestellt.

Zugegeben, das scheint weit hergeholt. Aber wer kennt nicht die »Six degrees of separation«, die Theorie, dass Menschen über sechs Ecken mit jedem anderen Menschen auf der Welt bekannt sind. In Wahrheit ist es nicht allgemeingültig, gerade wenn man in abgeschiedenen Gegenden dauerhaft lebt. Recht oft funktioniert es und wenn man Dinge/Institutionen allgemein hinzunimmt, geht es noch schneller.

Also: Eine meiner Lieblingsserien ist M*A*S*H (und wir wollen nicht darüber diskutieren, wie ich das mental mit meiner Simenon-Leidenschaft unter einen Hut bringe). Nach einem Kurzauftritt als verrückter General wird Harry Morgan in der vierten Staffel als Camp-Colonel eingeführt und bleibt es bis zum Serienende. Diese Rolle war nach Bekunden von Morgan die Rolle seines Lebens (»I think that was the best part I ever had.«). Wer Filme der 1950er- und 1960er-Jahre gesehen hat, dem wird der Schauspieler immer mal wieder untergekommen sein. Seine Karriere begann nicht mit dieser Comedy-Serie.

So wunderte ich mich nicht, als ich beim Überarbeiten der Credits von »Die Gefangenen im Strom« über den Namen stolperte und ich dachte: »Schau an, hier also auch Col. Potter!«.

Erstaunlich, wie schnell sich eine Beziehung zwischen Simenon und M*A*S*H herstellen lässt, nicht wahr? Würde man ein bisschen weiter graben, würden wahrscheinlich andere Kontakte zum Vorschein kommen.

Besagter Harry Morgan spielte in dem Film nur eine Nebenrolle. Könnte sein, dass es eine Rolle ganz am Anfang des Films ist, sofern sich der Film ein wenig an das Buch hält. Da in der Filmbeschreibung von einer großen Party die Rede ist, kann es gut sein, dass er auch zu einem späteren Zeitpunkt seinen Auftritt in dem Film hat. Oder an einer ganz anderen Stelle. Die Frage kann ich nicht beantworten, weil der Film im Augenblick nicht käuflich zu erwerben ist und mit einer Ausstrahlung auch nicht alsbald zu rechnen ist.

Gut abgeschrieben

Diese Filmprogramme gab es in unterschiedlichen Ausprägungen. Meine naive Vorstellung war, dass Leute in Probevorstellungen geschickt wurden, sich eine Meinung bildeten und dann den Text für die Filmprogramme verfassten. Mit dem Text gingen sie dann in ihre »Redaktionen« und dort wurden dann diese Hefte fabriziert. Die einen sehr aufwändig mit Fotomontagen, die anderen eher schlicht.

Pustekuchen! Ich habe nun drei Hefte für die »Gefangenen im Strom« vorliegen. Die drei umfassen die Geschmacksrichtung »nüchtern« wie »verspielt«, aber eines ist absolut identisch zwischen den drei Heften: der Beschreibungstext. Die Texte kamen also von der Presseabteilung oder Marketingagentur des Filmverleihs.

Titelbilder von Filmprogrammen zu »Gefangene des Stroms«

Ich untertreibe, wenn ich hier preisgebe, dass ich einigermaßen ernüchtert bin von der Tatsache, dass die einzigen, die Spaß bei der Arbeit hatten, die Metteure waren, die die Collagen für die Filmprogramme erstellt hatten. Aber ob die Mitarbeiter:innen auch Spaß hatten, wenn sie sich den Streifen im Kino anschauten? Schließlich kannten die Beschreibungstexte keinerlei Scheu, das Ende zu verraten, und auf die haben sie sicher einen Blick geworfen. Die armen Setzer erst! Es gibt ja Blindsatz, aber damit ist nicht gemeint, dass ein Setzer blind setzt. Die wussten also auf jeden Fall Bescheid.

Nun ein ernstes Thema

Film und Buch warten mit einem Brüderpaar auf, von dem der eine Anwalt ist und der andere ein entflohener Häftling. In beiden spielt ein Tal in Arizona in der Nähe der mexikanischen Grenze eine Rolle und es gibt eine ganze Reihe von wohlhabenden Ranchern. Der Häftlingsbruder Donald braucht die Hilfe von P.M., um über die Grenze zu kommen, und der angesehene Anwalt hat einige Probleme mit dem Ansinnen.

Hier wie da hat Donald ein Alkoholproblem und jenseits der Grenze eine Familie in Armut. Der filmgebende Hinweis auf einen Strom findet sich auch im Buch. Es handelt sich um die Santa Cruz, die gerade Hochwasser führt.

Das war es schon mit den Gemeinsamkeiten.

Während P.M. im Buch selbst das Bedürfnis entwickelt, seinem Bruder zu helfen, was zu einem gewissen Grad auch auf Schuldgefühlen beruht, wird es im Film so dargestellt, dass seine Ehefrau ihm drohen muss, ihn zu verlassen, damit er Donald hilft. Die Buch-Nora dagegen bekräftigt den Entschluss ihres Mannes und von Drohungen gibt es weit und breit keine Spur.

Oberflächlichkeiten sind Simenons Ding nicht, deshalb fragt man sich, warum er seine Stoffe immer wieder an Filmgesellschaften verkaufte, wenn die seine Ideen zu weichgespülten Abklatschen machten. Besonders deutlich wird das am Ende: Wer den Film sieht, bekommt als Ende zu sehen, dass P.M. Donald bei dem Übertritt hilft. Aber P.M. droht zu ertrinken. Donald kehrt um und rettet den Bruder, bringt ihn an das amerikanische Ufer zurück. Das Buch kommt mit einem typischen Simenon-Ende daher: Donald erreicht das mexikanische Ufer, P.M. ertrinkt und Donald kehrt nicht zurück.

Also haben wir es auf der einen Seite mit einer Hollywood-typischen Erlösungs- und Läuterungsgeschichte zu tun, in der nichts mehr von dem düsteren Psycho Simenons zu erkennen ist. Die Fragen um Schuld, gesellschaftliche Korsetts und die Tragik, die menschlichen und insbesondere familiären Beziehungen innewohnt, werden weggespült wie P.M. vom Santa Cruz.

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Hier zumindest ein versöhnliches Ende

Das Ende soll hier versöhnlich gestaltet werden, denn die Bewertungen sind laut IMDb gar nicht so schlecht. Für eine Simenon-Verfilmung ist eine Bewertung von 6,5 nicht übel.

Außerdem steht den Interessierten hierzulande die Option, den Film zu sehen, derzeit nicht offen. Die Option, den herausragenden Roman zu lesen, steht aber mit einem Bibliotheksausweis jederzeit offen. Als Taschenbuchvariante muss auf eine alte Diogenes-Variante zurückgegriffen werden, die Hardcover-Version erschien im Jahr 2020 bei Hoffmann und Campe und könnte noch erhältlich sein.