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Die Reise (IX) – Das Finale
Norcklid war abgehauen und ein Gefühl der Erleichterung machte sich breit. Schließlich hatte der Mann die ganze Zeit weggewollt. Unter den ganzen unsympathischen Typen schien er noch jemand zu sein, der Anstand hat. Aber in diesem letzten Teil unserer Reise wird es Zeit, den Sympathiekompass neu auszurichten. Die Hoffnung liegt wie so oft auf den jungen Leuten.

So war es also ein fünfzehnjähriger Junge, der nichts oder fast nichts von den Dingen des Meeres verstand, der das Kommando hatte!
Erst beim zweiten Lesen fiel mir das Alter ins Auge. Ich hatte mir den Burschen jünger vorgestellt, mehr als Kind. Eine Stelle, an der zuvor das Alter genannt wurde, konnte ich nicht finden. Und, man wird es noch verstehen, aber die Verwunderung, die ich beim ersten Lesen hatte, löste sich mit diesen Zeilen in gewissem Wohlgefallen auf. Sie werden zu gegebener Zeit verstehen, was ich meine. Versprochen ist aber, dass es Simenon noch etwas aus dem Hut zaubert, was nicht unbedingt im Rahmen dieser Story erwartet wird.
Der Slapstick-Irrtum
Aber beim Lesen dieses Abschnittes bemerkte ich, dass mich Simenon mit einer Metapher überlistet hatte. Denn das Schiff, das über die beiden Kämpfenden hinwegrollte, war mitnichten die Cobra gewesen. Master John war erstickt durch den heftigen Griff seines Widersachers. Vielleicht war hier auch der Wunsch Vater des Gedankens. Zugegebenermaßen hatte diese Konstellation, dass die beiden Männer von einem Schiff an einem Strand überfahren werden, etwas vom Humor des Films »Die nackte Kanone« und damit etwas sehr Slapstickartiges. Bei aller Liebe zu der abstrusen Geschichte, die sich mittlerweile bei mir eingestellt hat, Humor ist in der Geschichte überhaupt nicht zu finden. Ein grandioses Missverständnis.
Was Toubou anging, so glitt er wie ein Wildtier in alle Winkel, kroch umher, sprang.
Vom Wasser aus konnte Moses den Kampf der beiden Führungskräfte beobachten. Er war begeistert und für mich war das der Moment, wo ich realisierte, dass irgendwas mit meiner Imagination nicht stimmen konnte. Denn die Gefahr, die der junge frischgebackene Kapitän erkannte, waren nicht die beiden kämpfenden Männer, sondern vielmehr Felsen.
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Die Wiedervereinigung
Moses bekam sein Schiff in den Griff und konnte es in Richtung des Strandes lenken, an dem sich neben den beiden Kämpfenden auch noch zwei Matrosen der »Cobra« aufhielten. Die hatten sich, als John, der Erste seinen Kampf gegen den Master anfing, zügig von dannen gemacht und waren nun der Meinung, dass es ihr Kamerad Norcklid war, der als Rettung nahte. Erst spät erkannten sie, dass das mitnichten der Fall war, und trollten sich.
»Nun!«, schloss er schlicht. »Ich glaube, wir sind Herren der Lage. Es bleibt uns nur noch, die Schwarzen zu bekämpfen, die kommen... Ich habe übrigens ein Gewehr!«
Fassen wir die Situation zusammen: Sie haben ein Schiff. Ein paar Waffen haben sie auch. Eine Übermacht war auf dem Weg zu ihnen. Warum fliehen sie nicht einfach aufs Meer? Auf der Insel hatten sie nichts mehr verloren. Stattdessen müssen die Schwarzen noch bekämpft werden. Gut für die Spannung, schlecht für die Logik.
Die Übermacht
Ein bisschen Glück hat der Trupp dann aber doch, denn die beiden Matrosen, die vorher geflüchtet waren, gesellten sich – sicher auch aus Eigennutz – zu ihnen und halfen bei der Verteidigung.
Die paar Kugeln, die sie hatten, die wenigen Männer, hatten keine Chance gegen die Massen, die da auf sie zukamen. Denen es auch egal war, ob links oder rechts von ihnen jemand erschossen wurde. Schließlich saß auch nicht jeder Schuss der Verteidiger.
Was man in der Situation braucht, ist ein Joker. Die Rolle nahm in dieser Geschichte Moses ein, der drei Dynamit-Kapseln hatte. Wie er zuvor schon angekündigt hatte, war die Wirkung von denen wie die einer Bombe. Das ist praktisch, denkt man sich, aber die müssen ja irgendwie zu den Feinden kommen, ohne dass man sich eine Blöße gibt. Als die Munition von Jean & Co. ausgegangen war, gab es einen kurzen Augenblick der Verwirrung bei den Angreifern: War es eine List? Was könnte als Nächstes passieren? Und was passierte, war für Jean nicht vorhersehbar gewesen und ebenso wenig für die anderen. Die Dynamitkapseln entfalteten ihren Zauber und brachten mit einem Mordsgetöse die Angreifer um. Eine große Flucht begann und keiner von denen verschwendete einen Gedanken an die Fortsetzung des Kampfes.
Moses hatte indes drei Finger verloren. Eine Lappalie, wie er behauptete. Viel größer war bei ihm die Freude, dass sie nun nach Amerika zurückkehren konnten. In dem Taumel der Glückseligkeit sprach er Jean so an, wie sie hieß: Jeanne.
Das ist der Moment, wo wir zu einem Aspekt zurückkommen, der ganz am Anfang dieser Lesereise eine Rolle gespielt hat. So wenig, wie sich Simenon um die genauen geografischen Aspekte geschert hat, so sieht es mit der Sprache aus. Insgeheim habe ich Jean und Jeanne während des Lesens immer Französisch ausgesprochen. Aber das ist natürlich Quatsch, denn die Geschichte hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Simenon behauptet in der Geschichte auch keine französischen Wurzeln von irgendwem. So stellt sich die Frage: Müsste Jean nicht die ganze Zeit John heißen? Und wäre Jeanne nicht eigentlich Jean gewesen. So wäre es nämlich. Die englische Variante des französischen Vornamens Jeanne ist Jean.
Noch eine Wendung? Ach was ... Plural!
»Jagt ihn weg!... Oder ich werde ihn noch einmal töten.«
Überlebt hatte er auch diese Attacke und nun war es an John dem Ersten, sich an Norcklid zu rächen. Jeanne blieb das Dilemma erspart, eine Entscheidung treffen zu müssen. Das letzte Leben entwich aus dem verbitterten Insel-Einsiedler, wenige Schritte bevor sich seine Hände um den Hals von Norcklid legen konnten.
Es folgt noch ein Epilog, in dem die Geschichte, der wir folgen durften, den Eltern von Moses erzählt wird. Dabei stellt sich heraus, dass besagter Moses eigentlich Harry Brown heißt – ein Name, den Simenon in »Liberty Bar« noch einmal recycelte – und der offenbar aus begüterten Verhältnissen kam. In dem Nachklapp wird erklärt, was mit Norcklid & Co. passierte: Die wurden von den beiden in ein Boot mit Proviant für einen Monat verfrachtet und sollten schauen, wie weit sie damit kommen. Im besten Fall würden sie von einem Dampfer aufgegriffen werden. Toubou, Moses und Jeanne nahmen die »Cobra« und wurden später gerettet, kamen so zurück nach Amerika.
Während die vier Personen durch einen angrenzenden Salon gingen, näherte sich Harry Jeanne, errötete, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und wagte schließlich hervorzubringen:
»Sie sind hübsch, wissen Sie!«
Er wandte sogleich den Kopf ab, beschämt über dieses Geständnis, und zwei große Tränen rollten über seine Wangen, als das junge Mädchen ihm sanfte Küsse auf die Stirn drückte.
»Warum muss ich erst sechzehn Jahre alt werden?« klagte er.
»Bah! Man wird schon alt genug werden, wir beide!«
Hatte ich nicht versprochen, dass es ziemlich schräg enden wird?
Das Reisefazit
Eine aufregende Seite – und das im doppelten Wortsinne. Einerseits schafft es Simenon, eine wirklich spannende Geschichte zu erzählen. Die Anzahl der Wendungen ist sehr erstaunlich. Manche waren vorhersehbar, viele waren es jedoch nicht. Wer den Eindruck hat, dass Simenon jedes Genreklischee mitnimmt, liegt völlig richtig. Die Logik bleibt manchmal auf der Strecke.
Aufregend war die Geschichte aber auch, weil die Leserschaft die schiere Zahl an rassistischen Klischees überfordern könnte. Mir ging es so, dass ich einmal ordentlich Dampf ablassen musste. In der Folge nahm ich sie durchaus noch wahr und preiste sie in das Lesen mit ein – schließlich kann ich den Text nicht ändern, und Simenon kann es aus praktischen Erwägungen auch nicht mehr.
Es ist ein klassischer Groschenroman aus den 1920er-Jahren und als solchen muss man ihn auch behandeln. Ein Vergleich mit dem späteren Werk von Simenon wäre schlicht ungerecht. Meine Neugierde ist erst einmal gestillt und bis zur nächsten Lesereise braucht es gewiss ein wenig Zeit. Aber keine Angst: Stoff habe ich noch.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.