Die Reise (IX) – Das Finale


Norcklid war abgehauen und ein Gefühl der Erleichterung machte sich breit. Schließlich hatte der Mann die ganze Zeit weggewollt. Unter den ganzen unsympathischen Typen schien er noch jemand zu sein, der Anstand hat. Aber in diesem letzten Teil unserer Reise wird es Zeit, den Sympathiekompass neu auszurichten. Die Hoffnung liegt wie so oft auf den jungen Leuten.

An Bord Norcklids Schiffes befanden sich Moses und Toubou, die dort von Master John festgesetzt worden waren. Sie waren unter Deck und gefesselt. Beide arbeiteten daran, sich zu befreien. Da sie nicht wussten, was genau passiert war und wie es um die Cobra stand, starteten sie einen Befreiungsversuch auf gut Glück. Warum der temporäre Kapitän sich dazu herabließ, in den Laderaum zu kommen, in dem sie festsaßen, wird sein Geheimnis bleiben. Sie nutzten jedoch die Gelegenheit und überwältigten Norcklid mit einem Sack getrockneter Erbsen und einem schwereren mit Mehl. Beide eigneten sich hervorragend als Keulen-Ersatz. Der Niedergestreckte war fix gefesselt. Nun konnten sie das Oberdeck inspizieren – Moses mit dem Hochgefühl, den Kapitän überwältigt zu haben; Toubou weit vorsichtiger – und stellten fest, dass das Schiff ein Lazarettschiff geworden war. Niemand war da, der sich ihnen ernsthaft in den Weg stellte.

Was für eine Sensation!

So war es also ein fünfzehnjähriger Junge, der nichts oder fast nichts von den Dingen des Meeres verstand, der das Kommando hatte!

Erst beim zweiten Lesen fiel mir das Alter ins Auge. Ich hatte mir den Burschen jünger vorgestellt, mehr als Kind. Eine Stelle, an der zuvor das Alter genannt wurde, konnte ich nicht finden. Und, man wird es noch verstehen, aber die Verwunderung, die ich beim ersten Lesen hatte, löste sich mit diesen Zeilen in gewissem Wohlgefallen auf. Sie werden zu gegebener Zeit verstehen, was ich meine. Versprochen ist aber, dass es Simenon noch etwas aus dem Hut zaubert, was nicht unbedingt im Rahmen dieser Story erwartet wird.

Der Slapstick-Irrtum

Moses stöberte in der Kapitänskabine nach Waffen. Er fand einen alten Karabiner. Nicht das, was er sich erhofft hatte. Aber besser als nichts. Außerdem ein Fernglas. Da er bemerkte, dass das Schiff in Richtung Küste trieb, beobachtete er den Strand und sah dort Master John gegen John, den Ersten kämpfen. Ein Aufsehen erregender Kampf, dessen Ende uns aus dem letzten Teil schon bekannt ist.

Aber beim Lesen dieses Abschnittes bemerkte ich, dass mich Simenon mit einer Metapher überlistet hatte. Denn das Schiff, das über die beiden Kämpfenden hinwegrollte, war mitnichten die Cobra gewesen. Master John war erstickt durch den heftigen Griff seines Widersachers. Vielleicht war hier auch der Wunsch Vater des Gedankens. Zugegebenermaßen hatte diese Konstellation, dass die beiden Männer von einem Schiff an einem Strand überfahren werden, etwas vom Humor des Films »Die nackte Kanone« und damit etwas sehr Slapstickartiges. Bei aller Liebe zu der abstrusen Geschichte, die sich mittlerweile bei mir eingestellt hat, Humor ist in der Geschichte überhaupt nicht zu finden. Ein grandioses Missverständnis.

Ich sprach von »Liebe«. Es ist wahr, ich verfolge die Story mittlerweile mit gespanntem Interesse. Das liegt auch daran, dass ich die schon angeprangerten rassistischen Stereotypen und kolonialistischen Fantastereien im dritten Viertel weniger wahrgenommen habe und sie vielleicht, da sich die Geschichte hauptsächlich zwischen Weißen abspielte, auch wirklich weniger wurden. Nun in den Endzügen wurde die Sache aber wieder ein wenig anstrengender. Sätze wie dieser sind da nicht hilfreich und die Spitze des Eisbergs:

Was Toubou anging, so glitt er wie ein Wildtier in alle Winkel, kroch umher, sprang.

Vom Wasser aus konnte Moses den Kampf der beiden Führungskräfte beobachten. Er war begeistert und für mich war das der Moment, wo ich realisierte, dass irgendwas mit meiner Imagination nicht stimmen konnte. Denn die Gefahr, die der junge frischgebackene Kapitän erkannte, waren nicht die beiden kämpfenden Männer, sondern vielmehr Felsen.

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Die Wiedervereinigung

Am Horizont tauchte eine weitere Unannehmlichkeit auf. Die Einwohner der Insel tauchten mit einer Flotte auf und Toubou war ernsthaft besorgt, dass sie auf der Suche nach ihm als Mahlzeit waren. In seiner Panik warf er sich Moses vor die Füße und flehte ihn an, für seinen Schutz zu sorgen. Wir werfen an der Stelle wieder eine Münze in die Unwahrscheinlichkeitskasse, die sich auf den letzten Seiten noch ordentlich füllen dürfte.

Moses bekam sein Schiff in den Griff und konnte es in Richtung des Strandes lenken, an dem sich neben den beiden Kämpfenden auch noch zwei Matrosen der »Cobra« aufhielten. Die hatten sich, als John, der Erste seinen Kampf gegen den Master anfing, zügig von dannen gemacht und waren nun der Meinung, dass es ihr Kamerad Norcklid war, der als Rettung nahte. Erst spät erkannten sie, dass das mitnichten der Fall war, und trollten sich.

So konnten die beiden Schiffsenterer an den Strand springen und fanden Spuren von Jean und Little Root. Toubou hatte offenbar ein sehr gutes Gehör und hörte die Hilferufe der beiden Eingeschlossenen. Wie es sein kann, dass Toubou, der deutlich Ältere, ein besseres Hörvermögen hat als Moses – fast hätte ich Kamerad geschrieben, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die damalige Hierarchie eine Kameradschaft war –, und hier, wir erinnern uns an den Tiervergleich zuvor, eventuell auch mal wieder eine problematische Zuschreibung vorliegt. Auf jeden Fall fanden sie sehr schnell die Eingesperrten und konnten sich so wieder trollen.

»Nun!«, schloss er schlicht. »Ich glaube, wir sind Herren der Lage. Es bleibt uns nur noch, die Schwarzen zu bekämpfen, die kommen... Ich habe übrigens ein Gewehr!«

Fassen wir die Situation zusammen: Sie haben ein Schiff. Ein paar Waffen haben sie auch. Eine Übermacht war auf dem Weg zu ihnen. Warum fliehen sie nicht einfach aufs Meer? Auf der Insel hatten sie nichts mehr verloren. Stattdessen müssen die Schwarzen noch bekämpft werden. Gut für die Spannung, schlecht für die Logik.

Die Übermacht

Sie holten sich noch eine Waffe vom toten Master John, begaben sich dann auf einen Felsen, der schön zerklüftet war, sodass sie sich gut verstecken konnten, und Jean fing mit den wenigen Schüssen, die sie hatte, an, die Schwarzen zu beschießen. Schnell merkten sie, dass es wenig Sinn ergab, so zu schießen, dass sie jemanden trafen. Eigentlich müssten sie denjenigen treffen, der die Moral der Truppe bestimmte – den Häuptling. Ein schwieriges Unterfangen.

Ein bisschen Glück hat der Trupp dann aber doch, denn die beiden Matrosen, die vorher geflüchtet waren, gesellten sich – sicher auch aus Eigennutz – zu ihnen und halfen bei der Verteidigung.

Die paar Kugeln, die sie hatten, die wenigen Männer, hatten keine Chance gegen die Massen, die da auf sie zukamen. Denen es auch egal war, ob links oder rechts von ihnen jemand erschossen wurde. Schließlich saß auch nicht jeder Schuss der Verteidiger.

Was man in der Situation braucht, ist ein Joker. Die Rolle nahm in dieser Geschichte Moses ein, der drei Dynamit-Kapseln hatte. Wie er zuvor schon angekündigt hatte, war die Wirkung von denen wie die einer Bombe. Das ist praktisch, denkt man sich, aber die müssen ja irgendwie zu den Feinden kommen, ohne dass man sich eine Blöße gibt. Als die Munition von Jean & Co. ausgegangen war, gab es einen kurzen Augenblick der Verwirrung bei den Angreifern: War es eine List? Was könnte als Nächstes passieren? Und was passierte, war für Jean nicht vorhersehbar gewesen und ebenso wenig für die anderen. Die Dynamitkapseln entfalteten ihren Zauber und brachten mit einem Mordsgetöse die Angreifer um. Eine große Flucht begann und keiner von denen verschwendete einen Gedanken an die Fortsetzung des Kampfes.

Moses hatte indes drei Finger verloren. Eine Lappalie, wie er behauptete. Viel größer war bei ihm die Freude, dass sie nun nach Amerika zurückkehren konnten. In dem Taumel der Glückseligkeit sprach er Jean so an, wie sie hieß: Jeanne.

Das ist der Moment, wo wir zu einem Aspekt zurückkommen, der ganz am Anfang dieser Lesereise eine Rolle gespielt hat. So wenig, wie sich Simenon um die genauen geografischen Aspekte geschert hat, so sieht es mit der Sprache aus. Insgeheim habe ich Jean und Jeanne während des Lesens immer Französisch ausgesprochen. Aber das ist natürlich Quatsch, denn die Geschichte hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Simenon behauptet in der Geschichte auch keine französischen Wurzeln von irgendwem. So stellt sich die Frage: Müsste Jean nicht die ganze Zeit John heißen? Und wäre Jeanne nicht eigentlich Jean gewesen. So wäre es nämlich. Die englische Variante des französischen Vornamens Jeanne ist Jean.

Wer sich dieses Groschenheft damals gekauft hat, wird sich die Frage wohl nicht gestellt haben.

Noch eine Wendung? Ach was ... Plural!

Nach der großen Schlacht begaben sich die Siegreichen zum Schiff, damit Moses verarztet werden konnte. Jeanne nahm sich James Norcklids an und brachte ihn an Deck und von dort an den Strand. Große Lust hatte er keine. Bereitwillig, naja, so bereitwillig man halt in Fesseln und mit einer Kanone im Rücken ist, bot er einen großen Teil seines Vermögens an, wenn man ihn nach Amerika zurückbringen würde. Jeanne wollte ihn jedoch zu den beiden Leichen der Johns bringen. Erst war Norcklid überrascht, dann Jean. Denn der Körper von John dem Ersten war nicht mehr an Ort und Stelle.

Stattdessen nahmen sie ein langes, höhnisches Gelächter wahr. Norcklid fiel auf die Knie und jammerte:

»Jagt ihn weg!... Oder ich werde ihn noch einmal töten.«

Warum noch einmal? Die geneigten Leser:innen waren bisher gewiss der Meinung gewesen, dass es der Vater von Jean gewesen wäre, der den ersten John um die Ecke gebracht hatte. Aber nein! Wie sich herausstellte, hatte dieser den ersten Angriff irgendwie überlebt – lasst uns nicht nach Logik suchen! – und Norcklid hatte nicht auf die zweite geplante Reise gewartet, sondern war zwischendurch schon mal zur Insel gefahren, um sich an dem verbliebenen Schatz zu bedienen. Dabei stieß er auf John den Ersten. Den hielt er schon damals für einen Geist und rechtfertigte sich, ihn umgebracht zu haben, weil er ihn für einen Geist gehalten hatte.

Überlebt hatte er auch diese Attacke und nun war es an John dem Ersten, sich an Norcklid zu rächen. Jeanne blieb das Dilemma erspart, eine Entscheidung treffen zu müssen. Das letzte Leben entwich aus dem verbitterten Insel-Einsiedler, wenige Schritte bevor sich seine Hände um den Hals von Norcklid legen konnten.

Es folgt noch ein Epilog, in dem die Geschichte, der wir folgen durften, den Eltern von Moses erzählt wird. Dabei stellt sich heraus, dass besagter Moses eigentlich Harry Brown heißt – ein Name, den Simenon in »Liberty Bar« noch einmal recycelte – und der offenbar aus begüterten Verhältnissen kam. In dem Nachklapp wird erklärt, was mit Norcklid & Co. passierte: Die wurden von den beiden in ein Boot mit Proviant für einen Monat verfrachtet und sollten schauen, wie weit sie damit kommen. Im besten Fall würden sie von einem Dampfer aufgegriffen werden. Toubou, Moses und Jeanne nahmen die »Cobra« und wurden später gerettet, kamen so zurück nach Amerika.

Ungeklärt bleibt, was mit Little Root passierte. Er wird nicht mehr erwähnt. Toubou arbeitete als Butler im Haushalt der Browns und sprach fließend Französisch.

Während die vier Personen durch einen angrenzenden Salon gingen, näherte sich Harry Jeanne, errötete, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und wagte schließlich hervorzubringen:
»Sie sind hübsch, wissen Sie!«
Er wandte sogleich den Kopf ab, beschämt über dieses Geständnis, und zwei große Tränen rollten über seine Wangen, als das junge Mädchen ihm sanfte Küsse auf die Stirn drückte.
»Warum muss ich erst sechzehn Jahre alt werden?« klagte er.
»Bah! Man wird schon alt genug werden, wir beide!«

Hatte ich nicht versprochen, dass es ziemlich schräg enden wird?

Das Reisefazit

Eine aufregende Seite – und das im doppelten Wortsinne. Einerseits schafft es Simenon, eine wirklich spannende Geschichte zu erzählen. Die Anzahl der Wendungen ist sehr erstaunlich. Manche waren vorhersehbar, viele waren es jedoch nicht. Wer den Eindruck hat, dass Simenon jedes Genreklischee mitnimmt, liegt völlig richtig. Die Logik bleibt manchmal auf der Strecke.

Aufregend war die Geschichte aber auch, weil die Leserschaft die schiere Zahl an rassistischen Klischees überfordern könnte. Mir ging es so, dass ich einmal ordentlich Dampf ablassen musste. In der Folge nahm ich sie durchaus noch wahr und preiste sie in das Lesen mit ein – schließlich kann ich den Text nicht ändern, und Simenon kann es aus praktischen Erwägungen auch nicht mehr.

Es ist ein klassischer Groschenroman aus den 1920er-Jahren und als solchen muss man ihn auch behandeln. Ein Vergleich mit dem späteren Werk von Simenon wäre schlicht ungerecht. Meine Neugierde ist erst einmal gestillt und bis zur nächsten Lesereise braucht es gewiss ein wenig Zeit. Aber keine Angst: Stoff habe ich noch.