Was man draus macht ...


Auf meinem virtuellen Notizzettel stand: »Kurzer Artikel zu einem Filmprogramm«. Aber ich beginne an einer ganz anderen Stelle: bei Diogenes. Die Zürcher haben einen guten Hebel gefunden, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Wie man das schafft? Man nennt den Erzählband »Emil und sein Schiff« und die Erzählung im Buch »Emile und sein Schiff«. Dann wartet man einfach ab.

Simenon verkaufte die Rechte an seinen Stoffen gern an Leute und die machten daraus Verfilmungen. Nun fanden gerade die deutschen Filmleute die Titel, die Simenon seinen Geschichten gab, nie besonders sexy. Deshalb musste daraus immer etwas Reißerisches werden. Während die französischen Produzenten sich an den Originaltitel anlehnten (vielleicht weil sie wollten oder weil sie nicht anders konnten), so wurde hierzulande aus der Geschichte »Le bateau d'Emile« ein »Madeleine und der Seemann«.

Bemerkenswert ist nicht nur, dass damit die titelgebende Hauptfigur namenslos wurde, sondern dass die Frau in den Vordergrund gerückt wird. Allerdings mit einem Vornamen, den sie weder im Buch trägt (wo sie Fernande heißt), noch in der französischen Originalfassung des Films – wo sie auch Fernande heißt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dafür Gründe gab. Nur gute Gründe fallen mir nicht ein.

Jetzt will ich die französischen Produzenten und Drehbuchschreiber aber nicht in den Himmel heben, denn dazu haben sie bei der Story viel zu viel herumgemurkst. Zumindest wenn die Angelegenheit unter dem Gesichtspunkt der Originaltreue betrachtet.

Verräterische Filmprogramme

Bevor wir zu dem Inhalt kommen: Zu diesem Film liegen mir gleich zwei Filmprogramme vor, zwischen denen Jahrzehnte liegen. Da wäre ein klassisches Filmprogramm aus dem Jahr 1962. Wer dieses hier an der Hand hat, der muss überhaupt nicht mehr ins Kino gehen und sich den Film anschauen. Genau genommen wird die gesamte Handlung gespoilert, da habe ich mich hier – wie Sie noch lesen werden – zurückgehalten. Das hat mir jedoch sehr geholfen, denn ich habe den Film nicht gesehen und er ist zur Zeit weder irgendwo streambar noch in einer deutschen Fassung auf DVD oder BD käuflich zu erwerben.

Wesentlich zurückhaltender ist das Filmprogramm »Filmindex«, das ich unlängst schon erwähnt hatte. Dem Letzteren habe ich entnommen, dass der Film in Österreich nie in die Kinos gekommen war. Insofern hat es eine gewisse Ironie, dass das Filmprogramm von 2014 ausgerechnet dort produziert wurde.

Geschichten aus unterschiedlichen Welten

Eine kurze Zusammenfassung der Geschichte von Simenon: Emile kauft ein Boot von einem Reeder in Fécamp. Beim Vertragsabschluss äußern der Reeder François Larmentiel – dessen Familie und Firma auf dem absteigenden Ast sind – und der Notar ihre Verwunderung über den Familienstand des Seemanns. Sie halten es für unüblich, dass ein fast vierzigjähriger Seemann noch nicht verheiratet ist. Abgesehen davon war seine Lebensgefährtin Fernande nicht die richtige Wahl für ihn. Jeder im Ort wusste, dass er sie aus einem Bordell zu sich geholt hatte. Angemessen für einen Kapitän war das nicht. Der Reeder hatte da noch eine Tochter namens Claude und das könnte ja etwas sein.

Im zweiten Abschnitt setzt sich dieser Gedanke bei Emile fest und er fängt an, sich von seiner Lebensgefährtin zu distanzieren.

Im letzten Teil beschließt der frischgebackene Schiffsbesitzer, dass es Zeit wäre, sich des Problems Fernande zu entledigen. Die ahnte schon, dass etwas komisch war und sprach Emile auch darauf an. Dass er es darauf ankommen lassen würde, sie nicht nur »vom Hof zu jagen«, sondern sie zu den Fischen zu schicken, damit hatte sie nicht gerechnet. Das Glück war der Frau hold und sie überlebte den Versuch. Emile ist daraufhin so sauer, dass er sich entschließt, den Reeder umzubringen.

Was haben wir hier? Ein Drama, bei dem am Ende ein Mensch tot ist und sich ein anderer ins Verderben gestürzt hat.

Jetzt nehmen wir die Geschichte aus dem Film: Die Fernande/Madeleine in dem Film ist eine Sängerin. Sie hatte in Nantes den Männern den Kopf verdreht und nun war sie in La Rochelle bei ihrem Liebsten. Während die Fernande aus der Simenon-Geschichte sich heftig mit ihrem Emile zoffte und er sie auch schon mal schlug, weil sie fremdging, ist diese Fernande/Madeleine nur temperamentvoll. Emile kauft ein Boot von einem Reeder, der auch François Larmentiel hieß. Der Bruder dieses Reeders, bei Simenon nur eine Erwähnung im Halbsatz, wird hier zu einem Gegenspieler aufgebaut. Dieser sterbenskranke Edmond-Charles Larmentiel wollte sein Vermögen an seine Nichte, Claude, vermachen, aber nur, wenn sie Emile heiratet – der sein unehelicher Sohn war. Dem Todgeweihten war daran gelegen, ein prächtiges Spektakel zu beobachten und was das mit seinem Sohn macht, war ihm egal. Auch hier war Emile hin- und hergerissen. Aber Fernande/Madeleine hatte ein Einsehen und wollte der Ehe, die ihren Liebsten reich machen würde, nicht im Wege stehen. Was aber sind Geld und Reichtum, wenn man Liebe haben kann – also holt Emile Fernande/Madeleine zurück und sie leben glücklich bis ans Ende ihrer temperamentvollen Tage.

Ein Mord gibt es in der Geschichte nicht. Wollte es nur erwähnen, falls jemand der Meinung ist, ich hätte vergessen, das zu erwähnen. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Stories? Ein Teil der Namen, ein Schiffsbesitzer, ein Reeder, eine Nichte und eine Lebensgefährtin sowie die Tatsache, dass Schiffsbesitzer nicht verheiratet war. Aber der Rest? Hier ein Drama, da eine Liebesgeschichte.

Eine Bewertung des Films werde ich nicht vornehmen, da ich ihn – wie erwähnt – noch nicht gesehen habe. Glaubt man den Bewertungen bei IMDb, so ist der Film ganz okay. Bei der Betrachtung der Vita des Regisseurs Denys de La Patellière fällt auf, dass er allein sechs Filme mit Jean Gabin gedreht hat – darunter auch »Balduin – das Nachtgespenst«.(1) Aber das deutet daraufhin, dass de La Patellière sein Handwerk verstanden hat.

Warum Madeleine?

Quellen-Material gibt es leider nicht. Die Namensfindung fand eher in den stillen Kämmerchen der Verleihfirmen statt und wie jeder kreative Prozess ohne Protokoll. 

Der Name Fernande war dem Verleiher wahrscheinlich zu wenig zugkräftig oder als Name zu unbekannt. 

Emil war zwar Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein absoluter Top-Name gewesen. Nach dem 2. Weltkrieg galt er als unmodern in der Gesellschaft. Da liegt die Vermutung nahe, dass man sich den Kinoerfolg nicht mit einem altmodischen Namen verderben wollte. Seefahrer sprachen aber natürlich den Sinn für Romantik und Fernweh an. Was ein wenig ironisch anmutet, da der Film in La Rochelle spielt – was zwar nicht gerade nah an Deutschland ist, aber wenig mit der Karibik und anderen exotischen Zielen zu tun hatte.

Insgesamt hatte man gerade in den 1950er- und 1960er-Jahren in Deutschland versucht, die Filmtitel emotionaler, griffiger und verführerischer zu gestalten. »Emils Boot« passt in keine der drei vorgenannten Kategorien – da hätte sich Simenon wirklich mehr Mühe geben müssen, damit die deutschen Verleiher mit seinem Titel glücklich geworden wären. 

Auch der Überlegung, dass Emil aus dem Titel gestrichen wurde, um die Bedeutung der Hauptdarstellerin Annie Girardot in den Vordergrund zu stellen, muss eine klare Absage erteilt werden. Zu dem Zeitpunkt hatte sie hierzulande eine gewisse Bekanntheit erreicht, aber gegen die Prominenz des Hauptdarstellers Lino Ventura kam sie nicht an. Der war Anfang der Sechziger ein Star gewesen, ein Zugpferd für Kinobesucher. Die Hauptdarsteller des Films waren keine Aspekte, die bei der Benennung des Films eine Rolle gespielt haben.

Hoffen wir mal, dass uns irgendein Fernsehsender mit einer Ausstrahlung beglückt. Dann können wir uns selbst ein Bild davon machen, wie wichtig die Rolle der Fernande/Madeleine in dem Streifen ist und ob der Titel verdient gewählt wurde.(2)


(1) Bei dem auch der unvergessliche Louis de Funès mitspielte, der ganz gewiss nicht bei allen Zuschauer:innen auf der Favoritenliste steht. 

(2) Was unweigerlich zu der Frage führt, ob die Leute, die die Titel für Filme festlegen, diese auch gesehen haben. Den Eindruck hat man nicht immer …