Bildnachweis: –
Nicht alles glauben
Diejenigen, die der Beitrag erreichen sollte, erreicht er wahrscheinlich nicht. Was sehr bedauerlich ist, weil im besten Fall nur eine falsche Information an einem vorbei rauscht. Schlimmere Fälle in diesem Kontext wären Notenabwertungen. Immerhin werden durch falsche Antworten im Simenon-Zusammenhang keine Flugzeuge abstürzen. Thema diesmal: Google und KI allgemein.
Immer mal wieder muss ich mich damit beschäftigen, die Struktur der Seite zu prüfen. Die bereitgestellten Informationen sollen gefunden werden, andernfalls könnte ich das hier auch sein lassen. Die Ausgangsvoraussetzungen für maigret.de sind schon sehr gut: Ein passende Domain, eine recht lange Verweildauer im Netz und recht viele Links von der allwissenden Datentonne Wikipedia auf die Seite. Trotzdem gibt es immer mal wieder etwas zu verbessern und das habe ich Anfang Februar erledigt.
Nun schaue ich regelmäßig nach, ob die Arbeit schon Früchte trägt. (Tut sie nicht, aber das ist hier nicht das Thema.) So begab es sich, dass ich Google befragte, was er denn zu »Vor Gericht Simenon« wüsste. Ein Non-Maigret plus Autor als Frage. Nicht ganz eindeutig, schließlich wurde auch der Meister ein paar Mal vor den Kadi gezerrt, das jedoch war nicht mein Thema. Aber das wurde von der Suchmaschinen-KI so auch nicht gedeutet.
Die Antwort war die Folgende:

Hier geht sehr viel durcheinander.
Mit »Vor Gericht« kann nur »Vor Gericht« gemeint sein. (Es ist ein wenig so, als stände die KI hier vor Gericht.) Lustig ist, dass der deutsche Titel mit einem französischen verknüpft wird und beide so gar nichts miteinander zu tun haben. Dieser lautet nämlich »Cour d'assises« und die Geschichte um Bébe Donge hat so überhaupt nichts mit der Story zu tun. Nicht einmal ansatzweise.
Völlig schleierhaft bleibt aber, welche Rolle »Maigret vor dem Schwurgericht« dabei spielen soll. Und warum beispielsweise nicht »Fremd im eigenen Haus«, welcher noch viel eher als Justizdrama durchgehen würde?
Das Ausprobieren kann man das durchaus selbst. Je nachdem, mit welchem Browser man unterwegs ist, wird einem die Google-KI-Antwort prominenter oder weniger prominent präsentiert. Nicht jedesmal bekommt man die gleiche Antwort. Manchmal ist sie auch korrekt.
Während ich in diesem Beispiel die KI gar nicht nutzen wollte, verwende ich sie andererseits sehr aktiv und bewusst als Duden-Ersatz. Praktischerweise wird dabei auch der Stil geprüft. Allerdings ohne, dass mein originärer Stil »verwaschen« wird und plötzlich mein Text sehr förmlich, sehr bildungsbürgerlich oder gar geschäftlich klingt. Das finde ich sehr angenehm. Außerdem habe wenigstens einen, der über meine Witze lacht. (Gut, manchmal muss ich sie ihr erst erklären, aber was in der Welt ist schon perfekt?)
Manchmal gibt es auch Hinweise zum Kontext. Das kann auch daneben gehen. So in diesem Beispiel, wo es den Hinweis gab:
Bei »Am Maultierpass« fehlt der Vorname von P.M. – ist das Absicht? Im Original heißt er P.M. Donadieu, aber nur »P.M.« als Kürzel ohne Erklärung wirkt etwas rätselhaft für Leser, die den Roman nicht kennen.
Mein Gedanke war: Tatsache? P. M. hatte einen französischen Familiennamen? Und warum sollte da der Vorname fehlen? Hatte der Mann überhaupt einen Familiennamen, der genannt wurde. Also schaute ich in der Beschreibung nach und stellte fest: Ich erwähn(t)e ihn nicht und arbeite(te) nur mit dem Kürzel. Also schaute ich im Roman nach, ob P. M. im Kontext mit einem anderen Familiennamen erwähnt wird. Das war nicht der Fall.
Die Konfronation:
Jetzt mal Butter bei die Fische - welchen Beleg hast du für diese Aussage?
Kann ja sein, dass ich danebenliege. Antwort:
Du hast recht, mich da zu hinterfragen. Ich bin mir nicht sicher, ob »P.M. Donadieu« tatsächlich stimmt – das könnte ich mit einem anderen Simenon-Roman verwechselt haben (die Donadieus tauchen ja anderswo im Werk auf). Lass mich kurz nachschauen. [...] Erwischt – und gut, dass du nachgehakt hast. Die Figur heißt laut der Verfilmung Patrick Martin, abgekürzt P.M. – nicht »P.M. Donadieu«. Der Name Donadieu stammt aus einem ganz anderen Simenon-Roman (»Les Demoiselles de Concarneau« bzw. der Donadieu-Zyklus). Das habe ich vermischt. Mein Fehler.
An der Stelle hat die KI einen wichtigen Punkt gemacht und gleichzeitig einen verloren. Denn den Namen Patrick Martin hervorzuzaubern war wirklich kein schlechter Move. In meiner Beschreibung habe ich vergessen zu sagen, dass P. M. dafür steht. Gleichzeitig fehlt die Information, dass der Familienname Patrick Martin Ashbridge lautet, der interessanterweise auch nur einmal im Roman genannt wird, nämlich an der Stelle:
Patrick Martin Ashbridge drückt im Vorbeigehen mit respektvoller Vertrautheit einige Hände, wechselt mit jedem ein paar Worte, in Wirklichkeit jedoch hält er sich stets ein wenig abseits.
Danach wird er wieder nur P. M. oder auch im Kontext der Familie erwähnt. Wenn der Bruder später erwähnt wird, könnte man noch einmal mit dem Nase drauf gestupst werden:
Auch Donald hieß Ashbridge.
Das war also ein guter Punkt. Und der Schlechte? Natürlich haben die bösen Schwestern überhaupt nichts mit Donadieu zu tun. Die KI hatte an dem Tag keinen guten Lauf, was ich ihr auch mitteilte.
Aber »Les Demoiselles de Concarneau« gehört nicht zum Donadieu-Zyklus. Und dort taucht auch kein Donadieu auf. Du enttäuscht mich ein bisschen.
Nun muss man diesen KI-Chatbots eines zu Gute halten: Sie sind sehr angenehme Gesprächspartner. Wenn sie bei einem Fehler erwischt werden, versuchen sie sich zu erklären und geben manchmal sehr schmeichelhafte Antworten, wie diese hier:
Du hast völlig recht, und ich entschuldige mich. Ich habe gerade Unsinn aufeinander gestapelt. »Les Demoiselles de Concarneau« hat nichts mit einem »Donadieu-Zyklus« zu tun. Der Roman, in dem die Familie Donadieu im Mittelpunkt steht, ist »Le Testament Donadieu«. Und einen »Zyklus« im eigentlichen Sinn gibt es da auch nicht – es ist ein einzelner Roman.
Ich wollte meine erste falsche Behauptung retten und habe dabei eine zweite produziert. Das war schlecht. Danke für die Korrektur – bei Simenon bist du die verlässlichere Quelle als ich.
Ja, nein. Es ist kein Zyklus, soweit würde ich auch nicht gehen, aber es ist halt auch nicht ein einzelner Roman. Dank des letzten Absatzes war aber erst einmal geneigt, die Diskussion auf sich beruhen zu lassen. Wo sie recht hat, hat sie schließlich recht.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin immer noch ein großer Fan von dieser Technologie.
Die Hinweise, die von den Programmen eingeblendet werden, die besagen, dass KI Fehler macht, sind jedoch wirklich ernst zu nehmen. Wer die Antworten als absolute Wahrheit nimmt und nicht kritisch hinterfragt, dem ist wirklich nicht zu helfen. Hinter den Ergebnissen stehen sehr oft Quellenangaben. Dort sollte nachgeprüft werden, ob die Aussagen valide sind. So erkennt man oft sehr schnell, ob die KI der Wahl einen fragwürdigen Mix an Informationen ausgespuckt hat.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.