Bildnachweis: Portal des Gefängnisses in Versailles - aufgenommen anlässlich der Hinrichtung von Eugen Weidmann –
C’est Landru!
In einem Lütticher Kunstmuseum stand ich vor einer Zeichnung mit dem Titel Procès de Landru und dachte: »Den Namen kenne ich doch!« Simenon streute in seinen Fällen gern Referenzen auf echte Verbrechen ein, oft in knappen Aufzählungen. Was sich daraus an Themen entfalten lässt, ist ein erstaunlich bunter Strauß – Pariser Erkundungen und Worte, Lütticher Künstler … und Killer.
La Boverie und Outremeuse
Wer sich ein klitzekleines bisschen mit Simenon beschäftigt hat, der wird über den Namen Outremeuse gestolpert sein. Der Stadtteil, in dem er aufwuchs, ist die DNA seines Werkes und in vielen Werken findet man ein bisschen Outremeuse (oder in anderer Form – ein wenig von seiner Mutter Henriette). Auf der Karte sieht man, dass sich das Museum La Boverie auf der gleichen Insel wie Outremeuse befindet – ist es also korrekt, wenn man sagt, dass das Museum auf Outremeuse liegt? Die kurze Antwort: ja.
Kurze Antworten sind aber nicht meins und ich bin dann in ein rabbit hole gefallen. Da waren plötzlich so viele Informationen, dass ich von Endorphinen überschwemmt wurde. Fangen wir damit an: Outremeuse war ursprünglich ein Vorort von Lüttich. Nun kann ein Vorort auch auf einer Insel liegen, das ist jedoch eher ungewöhnlich, und in diesem Fall auch nicht der Fall. Denn Outremeuse wurde erst durch Menschenhand zu einer Insel. Die Maas war immer an Ort und Stelle – soweit sich eine solche Aussage für einen kanalisierten Fluss machen lässt.
Der Bereich um Saint-Pholien war seit dem 15. Jahrhundert für Gerber reserviert gewesen. Ein dreckiges und stinkendes Geschäft, das man anderweitig nicht haben wollte. Deshalb diese Konzentration dort, und »reservieren« klingt ein wenig nach Service und Freiwilligkeit. Es war jedoch vielmehr eine Verpflichtung. Die Folge war, dass die Familien unter sich blieben. Im Alltag begegneten sich in dem Gerber-Viertel nur Cousins und Cousinen.
Bei Beginn der Besiedlung handelte es sich bei Outremeuse um eine sumpfige Landschaft, die offenbar prächtig geeignet für Mühlen war. Überliefert ist, dass es am Ende des 19. Jahrhunderts dreiunddreißig Mühlen in dem Stadtteil gab. Sie verschwanden schlagartig, als der Kanal fertiggestellt war und mit ihnen auch eine Reihe anderer Gewerke. Die Auswirkungen dieser Veränderung könnte Simenon noch mitbekommen haben. Auch die Tatsache, dass Outremeuse der letzte Stadtteil von Lüttich war, der umgemodelt wurde – die längste Zeit war er geprägt von den engen Gassen und kleinen Häusern –, dürfte ihm nicht entgangen sein. Das Bürgertum ließ sich dort nicht nieder. Was ja auch ein Thema ist, das Simenon in seinen autobiografischen Schriften anspricht. Heutzutage verspricht es ein gewisses Flair, wenn man sich eine Wohnung auf einer solchen städtischen Insel sucht. Damals war das mitnichten so und in Lüttich muss man im Falle von Outremeuse sehr genau schauen, wo man hinzieht.
Ein Höhepunkt in diesem Viertel ist der 15. August. Der Feiertag heißt auch so, was auf eine gewisse Fantasielosigkeit schließen lässt. Dabei handelt es sich um Sainte-Marie – hierzulande Mariä Himmelfahrt. Allerdings haben sich die Outremeuser offenbar so viel Überlegungen schon in die Festlichkeiten gesteckt, dass keine Kraft für einen spritzigen Namen überblieb. Mit Fug und Recht darf behauptet werden, dass dieses Volksfest die üblichen Vogelschießen und Schützenfeste in den Schatten stellt. Die Feierlichkeiten beginnen am 14. mit Paraden und Festen, am Tag darauf folgen Prozessionen plus Konzerten und Volksfesten. Ein Höhepunkt des Tages ist der Verzehr eines großen Schinkens mit dem Namen Matî l'Ohê. Mir gefällt das Lakonische an dem Wikipedia-Eintrag zu diesem Ereignis:
Am Morgen des 16. August wird zur allgemeinen Überraschung das Verschwinden von Matî bekannt gegeben, der am Vortag in Topform gesehen worden war. Seine Beerdigung findet am selben Tag statt.
Da werden keine halben Sachen gemacht. Der Knochen, mehr bleibt von Matî üblicherweise nicht über, wird in einer Leichenhalle aufgebahrt und man kann am offenen Sarg Abschied nehmen. Die Leute kommen in Trauerkleidung und es findet eine Prozession durch Outremeuse statt, bevor er verbrannt wird. Auflockerung gibt es dadurch, dass die Trauerkleidung thematisch vorher festgelegt wird – vor einigen Jahren war es beispielsweise »Arbeiten an der Straßenbahn« – und dass dazu Stangensellerie geschwenkt wird.
La Boverie ist also Teil von Outremeuse. Aber viel seriöser.
Das Kunstmuseum hat eine Abteilung, die sich Galerie noire nennt. Kommen die Besucher:innen in das Geschoss, dann ist der linke Teil dunkel. Tritt man in den Gang, so gehen nach und nach Lichter an und man sieht die Zeichnungen, die dort untergebracht sind. Was diese Kunstwerke nicht mögen, ist ständige Beleuchtung. Weshalb es nur Licht gibt, wenn sich jemand dafür interessiert. Hier kommen ein praktischer Nutzen, eine coole Idee und Umweltschutz zusammen – wie fein ist das denn?
Die Zeichnungen werden dort nicht ständig ausgestellt, sondern werden nach geraumer Zeit getauscht. Insofern war es Zufall, dass ich die Zeichnung von Landru dort erblicken konnte und somit auch dieser Artikel. Gut möglich, dass diese Fakten über Outremeuse noch einmal thematisiert worden wäre und auch Landru – aber ganz gewiss nicht zusammen. Und ganz gewiss hätte ich kein einziges Wort über Jacques Ochs verloren, der die Karikatur von Landru fabrizierte.

Die Frage der Fragen: Haben sie sich gekannt?
Das könnte die Frage der Fragen sein. Aber nein, es gibt eine weitere Frage, die sich unmittelbar stellt, wenn man einen Blick auf die Biografie von Ochs wirft. Der Mann wurde 1883 in Nizza geboren und etablierte sich dann in Lüttich? Mal ehrlich: Wer zieht schon freiwillig von Nizza nach Lüttich? (Ohne den Lüttichern zu nahe treten zu wollen, aber das ist schon eine wichtige und berechtigte Frage.)
Ochs selbst war es nicht, der die Entscheidung traf. Es waren seine Eltern. Das Leben in Nizza war offenbar sehr kostspielig, außerdem stammten sie aus Deutschland und sie wollten trotz der widrigen finanziellen Umstände dafür sorgen, dass sich ihre Kinder kulturell entfalten können. Also Lüttich.
Das Umfeld war offenbar fruchtbar, denn schon 1897 trug er sich für die ersten Kurse an der Akademie der Schönen Künste ein. Nachdem er die Schule absolviert hatte, besuchte er die Kunstakademie als Student und veröffentlichte auch seine ersten Karikaturen. Es gab die ersten Preise und Auslandsaufenthalte, beispielsweise an der Académie des Beaux-Arts in Paris.
Neben seiner Karriere als Künstler war er auch ein herausragender Sportler. Bevor er sich auf das Fechten verlegte, war er Ruderer, Ringer und Schwimmer. Ich teile hier mal eine wenig gewagte These: Unter den bekannten Karikaturisten dieser Welt gab und gibt es wenige Olympiasieger; vermutlich nur Ochs. Zudem wurde er Weltmeister und mehrfach belgischer Meister.
Während seiner aktiven Sportlerlaufbahn entschied sich Ochs dazu, die Karikatur zu seinem Beruf zu machen. Das war um 1910 herum; er arbeitete fortan für die Zeitschrift Pourquoi Pas?, die sich der Satire verschrieben hatte. Die Zeitschrift hatte wahrhaft satirische Ansprüche und war nicht halbseiden, wie die, die von Simenon in »Die Verbrechen meiner Freunde« erwähnt wird, und dazu diente, Leute zu erpressen. Zudem arbeitete der Zeichner auch für Le Petit Parisien, machte sich also auch international einen Namen.
Er war schon in den Dreißigern, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Er meldete sich freiwillig und wurde als Offizier in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Unter anderem in der Luftfahrt. Bei einer Aufklärungsmission stürzte er ab, er erholte sich zu seinem großen Glück recht fix und hatte keine Hemmungen, wieder in Flugzeuge zu steigen. Übrigens sollte er 1927 erneut abstürzen – diesmal mit größeren Konsequenzen: Der Absturz sollte seine Karriere als Sportler beenden. Da war er 44.
Seit 1921 war er Professor für Malerei an der gleichen Akademie in Lüttich, an der er selbst ausgebildet worden war. Dreizehn Jahre später übernahm er die Funktion des Direktors an selbiger. Diese Position hatte er bis 1948 inne – und an der Stelle muss ich eine Information einstreuen, die für Ochs Bedeutung hatte: Seine Eltern waren Juden. Wie hat er den Zweiten Weltkrieg, die Besatzung und die Judenverfolgung überlebt? Ich habe überlegt, ob das Wort »glimpflich« die richtige Wahl ist. Im Kontext der Nazi-Verbrechen mag es passen – ob er das persönlich auch so gesehen hat, wage ich zu bezweifeln.
Wie so oft in der Zeit fand sich jemand, der ihn bei der Gestapo als Jude denunzierte. Auf dem Kieker hatten sie ihn sowieso schon, denn er hatte sich durch Hitler-kritische Karikaturen hervorgetan. Das was dann passierte, ist filmreif: Er kam in ein Todeslager. Zwei Jahre nach der Internierung intervenierte der deutsche Militärgouverneur von Belgien, Alexander von Falkenhausen, zu seinen Gunsten. Ochs kam frei, wurde wieder verhaftet – Alexander von Falkenhausen war ihm nach dem Juli 1944 keine Hilfe mehr –, zum Tode verurteilt und entging der Erschießung nur durch die Befreiung durch die Alliierten.
Finden wir nun direkte Schnittpunkte zwischen Simenon und Ochs? Da die beiden unterschiedlichen Generationen angehören, erscheint das auf den ersten Blick nicht so wahrscheinlich und in den Sinn kommen einem eher indirekte Verbindungen. Beispielsweise: Simenon verkehrte schon als Jugendlicher in Künstlerkreisen und diese Künstler mochten Verbindungen zu dem etablierten Ochs gehabt haben. Als direkteren Kontakt könnte man sich in diesen frühen Jahren auch vorstellen, dass Simenon als Journalist den Kunstprofessor kennenlernte. Überliefert ist in dieser Beziehung nichts.
Eigentlich gibt es nur ein handfestes Indiz. Jacques Ochs fertigte eine Karikatur von Simenon an, die im Besitz der Boverie ist (und gelegentlich ausgestellt wird). Üblicherweise arbeitete der Künstler vor dem lebenden Modell und nur sehr selten mit Fotografien als Vorlage. Demnach spricht einiges dafür, dass es einen direkten Kontakt zumindest einmal gegeben hat. Dem Augenschein nach, war Simenon in den 40ern oder 50ern gewesen. So könnte die Zeichnung bei einem Lüttich-Besuch entstanden sein. Einen Beweis muss ich jedoch schuldig bleiben.
Da hier niemand verurteilt werden muss, lässt sich mit den Indizien ganz gut leben. Geht es um den Kopf eines Mannes – so wie das bei Landru der Fall war –, will man immer ein bisschen mehr haben, als nur ein paar gewichtige Anhaltspunkte.
Blaubart und schönere Worte
Märchen können ganz schön brutal sein. Ich weiß nicht, was ich mir als Jung-Onkel dachte, als ich Grimm-Märchen meiner Nichte vorlas. Sie fand das wenig erbaulich und nachdem ich die Angst-Trigger-Worte erst einmal identifiziert hatte, war ich fast der Meinung, dass es besser für ihre Nachtruhe gewesen wäre, hätte ich ihr aus einem Maigret vorgelesen.
Für Frauenmörder wird gern der Begriff »Blaubart« verwendet, eine Märchengestalt: Ein Mann mit blauem Bart sucht eine Frau. Ist wohl keine Viagra-Anspielung und auch keine darauf, dass manche Versuche, sich die Haare zu färben, schief gehen. Er findet, mit ein wenig Mühe, eine, und lässt sie in seine Residenz ziehen. Als er einen auswärtigen Termin hat, gibt er seine Schlüssel an seine Frau und schärft ihr ein, sie könne alle Räume betreten, außer den, für den der kleine Schlüssel passt. Selbst die, die das Märchen jetzt nicht kennen, ahnen: Die Frau sieht sich außer Stande, den kleinen Schlüssel Schlüssel sein zu lassen, betritt den Raum, sieht die Überreste ihrer Vorgängerinnen, lässt den Schlüssel in eine Blutlache fallen und ein Tropfen lässt sich nicht beseitigen. Ihr Mann erkennt umgehend, dass sie den Raum entgegen der Anweisungen betreten hat, und verurteilt sie zum Tode. Sie wird aber gerettet und der Blaubart wird dafür gerichtet.
So hat sich das Wort »Blaubart« für Frauenmörder etabliert. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo in der schreibenden journalistischen Zunft alle gestorben waren, die Märchen über die Muttermilch verabreicht bekamen. Seitdem gilt er als veraltet.
Zumal die Blaubart-Geschichte wirklich auf die wenigsten der Frauenmörder wie die Faust aufs Auge passte. Aber es war ein Mördergattungsbegriff. Ersetzt wurde die Begrifflichkeit durch »Monster« oder »Schänder« oder »Killer« – Wörter, die jedes Kind versteht, sobald es nicht mehr den Kinderkanal sieht, und die auch gut miteinander kombiniert werden können.
Landru werkelte zu einer Zeit, da war der Begriff noch gängig. Insofern gilt er als klassischer Blaubart – was in einer Hinsicht auch wunderbar passt: Der Mann pflegte einen besonderen Bart.
Der Teaser hatte es schon angedeutet, dass Landru der Mann in der Geschichte ist, der den Mörder darstellt. In einer Beschreibung seiner Taten las ich, dass er seine Opfer im Milieu der Grisetten, Midinetten und Trottins suchte. Klar ist, dass ich darüber nicht einfach hinweggehen kann. Da es keine wörtlichen Übersetzungen für die Begriffe im Deutschen gibt, würden – so las ich – in Übersetzungen diese Wörter benutzt. Bei Simenon sind sie mir nicht untergekommen – ich habe nachgeschaut.
Aber was hat das schon zu sagen? Simenon scheint den Begriff gemieden zu haben. In den Maigret-Romanen, die mir vollständig vorliegen, und in den Romans Durs, soweit ich sie durchsuchen kann, taucht »Blaubart« nicht auf – obwohl mir mindestens zwei Figuren einfallen, auf die er passen würde.
Ich wollte schon wissen, worum es geht, weil der eine Begriff an Essen erinnerte, der andere lustig klang und der dritte irgendwie nach Bürgersteig. Es ist eine Aufzählung und umfasst das Milieu junger, zugleich meist armer Arbeiterinnen, die in der Bekleidungsindustrie arbeiteten. Entstanden sind die Begriffe teilweise schon im 17./18. Jahrhundert – heute werden sie nicht mehr verwendet, vermutlich weil das Milieu nach Asien outgesourcet wurde.
Die Begriffe sind mit einander verwandt, aber die Bedeutung ist schon unterschiedlich. Grisette ist der älteste der Begriffe. Abgeleitet von gris (grau – wir erinnern uns vage, dass es auch einen Tabak von Maigret gab, der diese Bezeichnung trug), bezieht sich das auf den Stoff, den die Frauen damals trugen, nicht auf das was sie machten: Es waren Näherinnen oder Wäscherinnen, die in dem Ruf standen kokett und lebenslustig zu sein. Als solche tauchen sie in der romanischen Literatur des 19. Jahrhunderts, unter anderem bei Balzac auf, und waren die unbeschwerten Geliebten armer Künstler und Studentinnen. Wie ich lernen durfte, waren Mimi und Musette in Puccinis La Bohème die berühmtesten Vertreterinnen dieses Typs.
Midinette stammt als Begriff dagegen aus der Belle Époque und setzt sich zusammen aus midi und dînette – also den Begriffen für »Mittag« und »kleines Essen«. Damit ist es eine Anspielung, dass die Arbeiterinnen ihr Essen entweder auf den Straßen und Parks oder in kleinen, billigen Lokalen einnahmen – und das meist in Gruppen. Gemeint sind mit diesem Begriff Näherinnen, Probiermädchen, Verkäuferinnen. Diese waren besonders konzentriert rund um die Rue de la Paix und die Place Vendôme zu finden. Der Begriff ist stärker auf die Modebranche der Hauptstadt gemünzt als Grisette und hat einen leicht zärtlich-pittoresken Beiklang. Das ist der Begriff den ich recht lustig finde.
In der Hierarchie standen die Trottins meist ganz unten. Hier ging es um die Herrschaften. In der Regel arbeiteten die Frauen als Laufmädchen und Botinnen, brachten die gekaufte Ware in großen Pappschachteln zu den Kundinnen nach Hause. Sie waren viel in der Stadt unterwegs und so passt der Begriff, der von trotter kommt und »herumlaufen« bedeutet, auch sehr gut.
Der Clou an diesen schönen Worten – samt meinem Favorit Midinette – ist, dass sie zwar als Beschreibung für das Milieu benutzt werden, in dem Landru wilderte; die Opfer dieses Mannes von der Altersstruktur nicht passten. Zutreffender waren in diesem Fall mittelalte, alleinstehende Frauen – jung waren sie nur in Ausnahmefällen. Nimmt man das Adjektiv weg, passt es jedoch ziemlich gut.
Zehn Frauen und ein junger Mann fielen Landru zum Opfer und es ist gewiss interessant zu erfahren, wie er so lange unentdeckt agieren konnte. Zu einem großen Teil hat das auch mit dem Milieu zu tun, in dem er sich seine Opfer suchte.
Eine dunkle Karriere
Nicht alles lässt sich auf die Kindheit schieben: Die von Landru war zum Beispiel glücklich. Bescheidene Verhältnisse ist nicht zwingend mit ärmlichen Verhältnissen gleichzusetzen. Die Familie lebte in der Rue du Cloître-Notre-Dame – heute eine Top-Adresse, an der es ziemlich laut zugeht, denn sie liegt, wie der Name sagt, an der Kathedrale Notre-Dame. Ironischerweise damit auch nicht weit von der Kriminalpolizei und dem Justizpalast, aber das hat zu der Zeit noch keiner kommen sehen. Er war Chorjunge in der Kirche, die in der Rue St-Louis-en-l’Île liegt (die heute wiederum in unmittelbarer Nähe zum Café Berthillon liegt – fiktiv angenommen, ich hätte meine Kindheit dort verbracht, es wäre keine unglückliche Kindheit gewesen). Landru wurden Begabungen im Zeichnen und in der Mathematik bescheinigt und hatte Talente als Subdiakon bewährt, sodass seine Eltern erwogen, ihn in einer Priesterseminar zu schicken. Lieber wollte er jedoch Architektur studieren, was nicht gelang, aber er wurde 1889 Architekturgehilfe in einer größeren Bürogemeinschaft.
Im gleichen Jahr verführte er Marie-Catherine Remy. Er gab vor, er hätte eine bessere Position in dem Architekturbüro. Zwei Jahre später, während seines Militärdienstes, kam das erste Kind zur Welt. Vier sollten es werden, zwei Mädchen und zwei Jungen.
In den Jahren nach seinem Militärdienst zeigte er, dass er zahllose Talente hatte und nicht viel Ausdauer. Fünfzehnmal soll er seinen Arbeitgeber gewechselt haben. Bis hier hin würde man sagen, er ist ein Hallodri.
Das ändert sich mit der Erfindung eines Benzinfahrrads. Landru startete eine Werbekampagne und verlangte, dass jeder Besteller ein Drittel des Kaufpreises vor der Lieferung zu bezahlen hatte. Mit seiner Werbung hatte er großen Erfolg, die Idee verfing beim Publikum. Er hatte sich ein Patent für diese Art von Motorrad eintragen lassen - sprich es war mehr als nur eine Idee. Aber wahrscheinlich war er mit den Anzahlungen völlig zufrieden und beschloss, mit dem Geld zu verschwinden. Machte auch weniger Arbeit.
Statt Preisen auf Messen für die besten Produkte sammelte er in den nächsten Jahren Verurteilungen für Betrug. Er hatte sich von einem Hallodri zu einem Gauner hochgearbeitet.
1909 wurde er für eine Tat verurteilt, die man als Vorläufer für sein späteres »Business« betrachten kann: Da er mit Annoncen schon einmal erfolgreich war, schaltete er wiederum eine, diesmal in einer anderen Rubrik: Heiraten. Er feierte Verlobung mit einer Dame namens Jeanne Isoré, übernahm ihr Vermögen und verschwand.
Nach der nächsten Haftentlassung dann der nächste Coup: Er verkaufte eine Werkstatt, die er sofort weiterverkaufte, allerdings »vergaß« er, den vorherigen Besitzer zu bezahlen. Die Justiz sah es nicht als Lappalie an und er wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Mittlerweile hatten die Gerichte erkannt, dass sie es mit einem Gewohnheitsverbrecher zu tun hatten – die Folge war, dass er zusätzlich nach Französisch-Guayana deportiert werden sollte.
Da er auf der Flucht war und das Urteil in Abwesenheit verhängt wurde, hatte das für ihn zwei Konsequenzen: Mehr Decknamen und die Vermeidung von Zeugen.
Die Zeit wäre eigentlich sehr günstig gewesen. Frankreich war im Krieg. Leicht hätte er sich eine neue Identität zulegen können. Und mit dieser in ein ehrliches Leben starten können … dieser verwegene Gedanke ist ihm aber nicht gekommen. Stattdessen konstatierte er, dass viele Frauen ihre Männer im Krieg verloren und sich schnell neu binden wollten, um nicht in Armut zu versinken. Das gab einen explodierenden Markt für Heiratswillige, die nicht so genau hinschauten und die er mit seinen Geschichten leicht in die Irre führen konnte. Sein neuer Plan war, sich des Vermögens der Frauen zu bemächtigen und sie dann zu beseitigen. Dabei machte er nicht den Fehler, sich außerhalb seines Milieus zu begeben. Seine Mutter war Näherin und Wäscherin gewesen, seine Schwiegermutter war Wäscherin gewesen, seine Ehefrau dürfte eine ähnliche Berufung gehabt haben – auch wenn sich das nicht zweifelsfrei nachverfolgen lässt. Er wusste, wie da gesprochen wurde und ahnte, was zu holen sein würde.
Die Ermittlungen begannen, als der Bürgermeister von Gambais – einer Gemeinde sechzig Kilometer westlich von Paris – eine Nachfrage nach einer Madame Anne Collomb erhielt. Sie hätte sich im Ort bei einem Monsieur Dupont niedergelassen. Kurz darauf gab es Erkundigungen nach einer Madame Célestine Buisson, die bei einem Monsieur Frémyet wohnen würde. Die Gemeinde hat heute etwa 2.500 Einwohner, damals dürften es kaum mehr gewesen sein. Dass ein Bürgermeister nicht lange braucht, um misstrauisch zu werden, wenn zwei Damen in seiner Gemeinde vermutet werden, die da nicht leben … vor allem die Männer nicht, bei denen sie leben sollten, kann man sich vorstellen. Der Rechercheaufwand dürfte sehr klein für den Bürgermeister gewesen sein. Da er den Eindruck hatte, dass die beiden genannten Monsieurs die dieselbe Person waren, zog er die Polizei hinzu.
- April 1919: Die Ermittlungen ruhten seit geraumer Zeit und es brauchte einen Glücksfall. Offenbar war Landru als Partner von Célestine Buisson so unvorsichtig gewesen, in seiner Zeit des Werbens auch mit der Verwandtschaft und der Nachbarschaft in Kontakt zu kommen. Eine Nachbarin erkannte Landru, natürlich nicht unter diesem Namen, in der Rue de Rivoli wieder, als er am Arm einer neuen Flamme ein Geschäft verließ. Das brachte die Polizei auf seine Spur und so konnten ihn die Inspektoren Belin und Brandenburger alsbald verhaften.
Moment, wo waren denn Lucas und Janvier? Auch Maigret wurde hier noch überhaupt nicht erwähnt …
Die Nicht-Verbindungen
In einer der Geschichten, die sich um Maigret drehten, hatte Madame Maigret mit Zahnproblemen zu kämpfen und musste regelmäßig zum Zahnarzt, der am Square d’Anvers seine Praxis hatte. In einem Beitrag hatte ich schon ausgetüftelt, wie Madame Maigret in dem kleinen Park hätte sitzen müssen, um die Beobachtungen vorzunehmen, die beschrieben werden. Aus der Position hätte sie die Avenue Trudaine hinab zur Kreuzung zur Rue Rochechouart (heute Rue Marguerite de Rochechouart) mit der Hausnummer 76 schauen können.
Ja, vielleicht hätte sie ihren Hals ein wenig verrenken müssen, aber da wollen wir mal Fünfe gerade sein lassen. Und hätte sie da am 12. April 1919 gesessen, hätte sie mit ansehen können, wie Henri Désiré Landru abgeführt wird. An seinem 50. Geburtstag – das war mal eine Überraschung!
Da sie aber in ihren »eigenen Fall« verwickelt war, wäre ihr das vielleicht untergegangen. Aber der Presse hätte sie es in den folgenden Tagen auf jeden Fall entnommen, denn an den Landru-Schlagzeilen konnte man in der folgenden Zeit nicht vorbeikommen.
Der Killer mit dem trockenen Humor
Landru hatte sich in der Umgebung von Paris in Immobilienobjekte der gehobeneren Art eingemietet. Für die Verträge verwendete er seine Pseudonyme, als Adressen für Kontakte gelegentlich die seiner Opfer.
Nun war er kein reicher Mann und für alle Vorhaben auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Das war gefährlich, denn zum einen war er unter der Kontrolle von Amtspersonen wie Schaffnern und die Polizei war auch gern an Bahnhöfen präsent. Zum anderen durfte man sich keinen Lapsus erlauben, wie Fahrkarten im falschen Tarif zu erwerben oder gar schwarz zu fahren. Hinzu kam, dass die Fahrkarten damals in Frankreich vor der Abfahrt entwertet wurden; und bei der Ankunft musste man sie abgeben. Es gibt unzählige Fälle, die auf die Art gelöst wurden.
Der Fehler des Schwarzfahrens unterlief auch Landru und er musste seine »Basis« verlegen. Viel gravierender dürfte seine Sparsamkeit gewesen sein, denn für sich nahm er eine Hin- und Rückfahrt. Seiner Begleitung spendierte er nur eine einfache Fahrt – die Geschworenen hatten das später sicher entsprechend gewürdigt.
Nach dem Schwarzfahrer-Fehler brauchte er ein neues Domizil und das war eine Villa in Gambais. Sie hatte den Charme, dass der nächste Nachbar so weit entfernt wohnen würde, dass kaum eine Chance bestand, dass die Nachbarn irgendetwas mitbekommen würden.
Die Masche hatte sich nicht geändert: Die Frauen bequatschen, bis sie Vollmachten unterzeichneten, und dann ihre Konten plündern. Das war eine aufreibende Arbeit, man kann Landru nicht vorwerfen, dass er nicht fleißig war. Später wurde ermittelt, dass mindestens 283 Frauen Kontakt zu Landru aufnahmen. Damit hat er eine Abschlussquote von 3,5% gehabt.
Glück hatte, wer zu arm war oder zu integriert in ein soziales Umfeld war – solche Frauen waren für Landru nicht interessant und zu gefährlich.
Abgesehen davon, dass viele Frauen Glück gehabt hatten, muss jedoch eines festgehalten werden: Landru war offenbar ein sehr erfolgreicher Heiratsschwindler. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber meistens geht man von einer Quote von 0,1 bis 2 Prozent an erfolgreichen »Abschlüssen« für Romance Scam (wie es heute heißt). Das heißt wiederum: Wer sich mit ihm einließ, hatte überproportional schlechtere Chancen, davonzukommen.
Da das Unterzeichnen der Vollmacht zugleich auch ein Todesurteil war, haben sie gleich doppelt Pech gehabt.
Am Ende gab es einen Ausflug in eine seiner Villen und dort wurden sie umgebracht. Man nimmt an, dass er einige Körperteile verbrannte und andere vergrub. Im Kamin und im Herd entdeckte die Polizei zahlreiche Überreste: Über vier Kilo verbrannter Knochenfragmente wurden sichergestellt, davon stammten geschätzt anderthalb Kilogramm nachweislich von menschlichen Leichen. Außerdem fanden die Ermittler 47 Zähne oder Zahnfragmente.
Im Nachgang konnten sich Nachbarn an üble Gerüche erinnern, gerade weil auch zu Jahreszeiten geheizt wurde, in denen kein Heizen notwendig gewesen wäre. Aber die Leichenteile, von denen man annahm, dass sie vergraben wurden, die fand man nie.
Am 7. November 1921 wurde der Prozess gegen Landru eröffnet. Die Morde wurden nicht in Paris verübt. Insofern mussten sich Interessierte nach Versailles begeben, um dem Prozess zu folgen. Und sie kamen von nah und fern, um zu schauen, wie sich der Mann schlug. Damals war Colette als Gerichtsreporterin tätig und dabei; Raimu kann als Prominenter gelten, denn ein Fach- oder Publikationsinteresse kann ihm kaum nachgesagt werden. Skizzen von Landru wurden nicht nur von Jacques Ochs angefertigt, auch der junge René Aubert bannte den Angeklagten auf seinen Skizzenblock.
Immer wies Landru daraufhin, dass die Leichen fehlten. Er gab zu, die Opfer betrogen zu haben, aber die Morde wies er weit von sich. Dumm war natürlich, dass er nicht erklären konnte, warum ausgerechnet diese von ihm hintergangenen Frauen im Anschluss von einem anderen Mörder umgebracht worden sein sollten.
In dieses Horn stieß auch sein Anwalt Vincent de Moro-Giafferi:
… kann der Gatte von irgendeiner der Verschwundenen sagen er sei Witwer? Kann er sich wieder verheiraten? Kann ein Abkömmling ihr Erbe beanspruchen? Nein! Das Gesetz verbietet es und verlangt sichere Beweise des Ablebens. Also, im Namen des Gesetzes das wir verwalten, lasst uns uns nicht selbst der Tötung dieser Frauen anklagen, die noch unter uns weilen!
Landru zeigte sich in dem Prozess durchaus schlagfertig. Er schaffte es öfter, dass im Publikum Heiterkeit ausbrach. Daraufhin soll es zu folgendem Dialog im Gerichtssaal gekommen sein.
»Wenn das Lachen weitergeht, werde ich jeden bitten, nach Hause zu gehen!«
Worauf Landru erwiderte: »Was mich betrifft, Herr Präsident, hätte ich nichts dagegen.«
Legendär ist auch die Szene, in der sein Anwalt de Moro-Giafferi behauptete, dass alle Opfer wiedergefunden seien und gleich durch die Türen des Gerichtssaals kommen würden. Natürlich drehte sich ein Großteil der Leute zu der Tür um zu schauen, woraufhin der Verteidiger meinte, dass das wohl ein schlagender Beweis dafür wäre, dass es keine formalen Beweise gegen seinen Klienten gäbe und er freizusprechen sei. Dieser schöne Trick hatte nur einen Schönheitsfehler, auf den ihn der Generalanwalt hinwies: Landru habe sich nicht zur Tür gewandt.
Man ahnt es schon: Das half dem Angeklagten alles nichts. Die Geschworenen verurteilten ihn am 30. November zum Tode.
Guillotine und Kubismus
In Redaktionen, die etwas auf sich halten, soll es sogenannte Edelfedern geben. Das sind die, die besonders schön schreiben, und deshalb nicht dafür abgestellt werden, Berichte über Kaninchenzüchtervereine zu redigieren. Meine Vorstellung von denen ist, dass sie sich gern in Cafés setzen, die Menschen beobachten und dann anfangen zu schreiben; oder sich an einem sonnigen Tag ans Meer begeben und … mag ganz anders sein.
Monsieur Landru hatte schon im Prozess einiges an Prominenz in den Gerichtssaal gezogen. Seine Hinrichtung, da war man sich in den Redaktionen sicher, würde auch einiges an Aufsehen erregen. »Le Matin« schickte deshalb nicht irgendjemand hin, sondern einen Autor mit literarischen Ambitionen: André Salmon.
Der 1881 in Paris geborene Salmon gilt als einer der bedeutendsten französischen Dichter und Kunstkritiker der Pariser Avantgarde. Er gehörte zu der Generation von Kritikern, die nicht mehr nur eine Berichterstattung über Salonausstellungen vornahmen, sondern anfingen, die Werke ästhetisch zu reflektieren und eine kontextuelle Wertung vorzunehmen. Seine besondere Beachtung fand dabei der Kubismus und damit Werke, wie sie seine Freunde, beispielsweise Picasso, erschufen.
Zu dem Zeitpunkt schrieb er auch hin und wieder über große Prozesse, auch wenn er nicht der ausgewiesene Gerichtsreporter war. Bemerkenswert ist zudem, dass ein grausiges Ereignis wie die Hinrichtung in literarischer Qualität auf die Titelseite gehoben wurde.
Landru bekam hier einen Namen verpasst, der von Freundinnen einer seiner Opfer stammte, die den Mann Monsieur Mystère nannten. Salmon gibt uns noch einige Infos mit auf dem Weg, die Einblick in das französischen Hinrichtungswesen geben. Offenbar war man überrascht, dass die Gerichtsbarkeit in Versailles viel früher als üblich bekannt gab, dass eine Hinrichtung stattfinden würde. Durchgeführt werden würde sie von Monsieur Deibler, der auch Monsieur de Paris genannt wurde.
Die Journalisten waren schon um Mitternacht im zuständigen Kommissariat, um die Bescheinigung zu erlangen, bei der Hinrichtung anwesend sein zu dürfen. Aber nicht nur Berichterstatter trafen ein:
Liebenswürdige Personen, eher dafür gemacht, im Glanz einer Generalprobe zu strahlen, präsentierten gewagt parfümierte Zobel, aggressive Aigretten, anrührende Perlen. Autos mit grellen Scheinwerfern hatten diese frivole Truppe gebracht, gleichgültig gegenüber dem Lächeln dieses kolossalen Arbeiters mit blühendem Teint, gekleidet in eine düstere Livree, des Spezial-Leichenträgers für Hingerichtete, der die Zeit totschlug, indem er Billard spielte. Sollten sich die Skandale des Landru-Prozesses wiederholen?

Zeichnung der Hinrichtung Landrus aus »Le Martin«
An anderer Stelle hatte ich schon einmal erwähnt, dass mir die Sensationslust heute zuwider ist. Allerdings – und das zeigt dieser Bericht von Salmon sehr deutlich – ist das kein Phänomen der heutigen Zeit. Menschen sind so und entweder hält man sie im Zaum, oder man gewöhnt sich daran. Ersteres ist mir persönlich lieber.
Die Polizisten taten alles dafür, dass daraus eine exklusive Veranstaltung wurde. Es sollte sechzig Zeugen geben und für den Rest wurde eine Absperrung eingerichtet, und die Massen konnten der Exekution nur aus der Ferne folgen.
Gegen vier Uhr sollte die Witwe ankommen, wie die Guillotine auch genannt wurde. Transportiert wurde sie auf einem Wagen, der von Pferden gezogen wurde. Unterwegs gab es ein kleines Problem, das mit der Beleuchtung des Fuhrwerkes zusammenhing. Eifrigen Fahrradpolizisten war der verkehrswidrige Umstand aufgefallen. Wäre eine nette Anekdote gewesen, wenn die Veranstaltung aufgrund eines Beleuchtungsmangels hätte abgesagt werden müssen.
Mit dem Bericht zeigt sich auch, dass der Anwaltsberuf nicht unbedingt ein schöner ist. Strafverteidiger, die es nicht schaffen, ihren Klienten vor der ultimativen Strafe zu bewahren, sind bei der Durchführung – zumindest bei der Vorbereitung der selbigen – anwesend und begleiten den Verurteilten. In diesem Fall war es der erwähnte Landru-Verteidiger Vincent de Moro-Giafferi, und der sollte noch bedenkenswerte Worte zum Besten geben.
In Frankreich ging es sehr zackig zu: Die Verurteilung erfolgte am 30. November, 87 Tage später ging es schon in Richtung Schafott. Am Tag zuvor hatte der Präsident das Gnadengesuch verwehrt. Landru wurde geweckt, ein Magistrat legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Fassen Sie Mut.«
Doch jeder ahnt, dass dieses rätselhafte Wesen, das ein Ungeheuer ist, das aber noch nicht aufgehört hat zu erstaunen, es verstehen wird, nicht zu schwanken. Es ist jedoch mit einer Stimme ohne jede Prahlerei, mit einer Stimme, die nicht anschwillt, die er nicht pathetisch zu machen versucht, dass er antwortet:
»Seien Sie unbesorgt, ich werde Mut haben.«
Zweifellos ist derjenige, dessen Minuten nun gezählt sind, nicht der Bleichste unter all jenen, die die enge Zelle füllen.
Landru gab zu Protokoll, dass er keine Erklärung abzugeben hätte. Und gab doch eine ab, denn er beteuerte seine Unschuld. Wiederholt. Er stemmte sich gegen eine französische Tradition: Er wollte kein Gläschen Rum, auch die letzte Zigarette lehnte er ab – das waren Laster, die Landru mied. Ach, denkt man sich, hättest du doch nur geraucht und hin und wieder einen getrunken, und stattdessen das andere Laster gelassen. Zu dem Zeitpunkt stand das nicht mehr zur Debatte.
Beten kam für ihn nicht in Frage, er wollte »die Herren« nicht warten lassen.
»Die Herren« kamen und brachten ihn vor die Tür. Da, wo die Witwe und die Zeugen auf ihn warteten. Da hat ihn Salmon dann gesehen – den Rest konnte er auch nur aus zweiter Hand erfahren haben.
Er ist tapfer, aber so bleich! Der ganze magere und kleine Körper ist angespannt, bis in die Lippen hinein, gespannt wie eine Bogensehne. Landru, dem der Seelsorger nur bis zur Schwelle gefolgt ist, blickt offen auf die Guillotine. Er hat zwei Meter zurückgelegt und ist stehen geblieben. [...]
Man ergreift ihn. Er wird auf die Kippvorrichtung geworfen, aber der hagere Landru ist so leicht, dass trotz des heftigen Stoßes das Gewicht des Körpers den Mechanismus nicht automatisch auslöst. Mindestens eine Sekunde verstreicht. Doch der Henker lässt seinen Hebel nicht aus den Augen. Das Fallbeil ist gefallen. Das Geräusch… dieses schreckliche – einzigartige! – Geräusch des ausgelösten schweren Messers… Hat man überhaupt etwas gesehen?... Kann man es behaupten?... In einem Blitz ist alles vorbei. Es ist sechs Uhr vier Minuten.
Der Verteidiger kommt später aus dem Justizpalast, erinnert an den Mut seines Mandaten und zitiert abschließend Victor Hugo:
Um ein unwiderrufliches Urteil zu fällen, bedürfte es eines unfehlbaren Richters!
Und ja, diese Worte von Hugo über die Todesstrafe sind absolut richtig. Wenn es einen Grund gibt, diese ultimative Strafe zu verdammen, dann ist es dieser. Denn ein Irrtum kann nicht mehr korrigiert werden und geirrt wurde so oft; so oft wurde sie missbraucht. Menschen sind fehlbar.
An der Schuld Landrus gibt es indes keinen vernünftigen Zweifel. Auch nach seinem Tod haben sich verschiedene Experten – nein, keine True-Crime-Podcaster, echte! – immer wieder die Beweise angeschaut und keine renommierte Stimme mochte sich für Landru aussprechen.
Die Frauen sind auch nicht wieder aufgetaucht …
C'est Landru!
Über das ambivalente Verhältnis von Maigret zur Todesstrafe gab es hier schon Beiträge. In »Maigrets Geständnis« haben wir den Fall, dass er sich selbst nicht sicher war, ob eine Verurteilung – die in einer Exekution endete – gerechtfertigt war. Oft hatte er sich aus der Affäre gezogen und meinte, die Verurteilung wäre nicht seine Sache. Er müsse nur verstehen. In dem Geständnis-Fall hatte das für ihn nicht funktioniert.
Landru sollte in dem Werk von Simenon übrigens keine größere Rolle spielen. Die Referenzen sind spärlich: In seinen Memoiren erwähnt Maigret diesen Fall zwar, aber in der Geschichte »Maigret und sein Rivale« wurde der Kommissar auf diesen Fall und seine Beteiligung angesprochen und gab zu, dass dies einer der wenigen bekannten Fälle war, wo er an den Ermittlungen nicht beteiligt war.
Landru ist bisher nicht vergessen, schon gar nicht in Frankreich. »C'est Landru!« wird meist scherzhaft für Männer verwendet, die Frauen »sammeln« oder sie schlecht behandeln. Eine cuisinière de Landru ist ein bildhafter Vergleich, der in Karikaturen auftaucht, wenn man unliebsame Dinge oder Personen ›verbrennen‹ möchte. Naive Opfer von charmanten Verführern werden als les fiancées de Landru bezeichnet. Und Einwohner von Gambais will man heute wohl auch nicht sein.
Aber langsam, sehr langsam werden auch die geflügelten Worte schwinden. Die Menschen, die sich an die Geschichten um Landru erinnern, werden auch weniger werden, da die medialen Bearbeitungen (wie der Film von Claude Chabrol) schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Das ist spekulativ, denn wer sagt, dass nicht im nächsten Jahr Netflix diesen Stoff für sich entdeckt.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.