Fortsetzung der Krise


Simenon suchte Wege, seine Frau aufzuheitern. Eine Chance sah er in der Rückkehr nach Europa, aber es wurde nicht besser sondern immer schlimmer. So begann sich bedingungslose Liebe in bedingungslosen Hass zu wandeln. Interessanterweise merkte man es den Romanen nicht an.

Denyse hatte sich in Europa wohlgefühlt. Das hatte Simenon gemerkt und in der Überzeugung und Hoffnung, dass dieses Wohlbefinden in Europa ein permanenter Zustand werden würde, zog es die Familie zurück nach Frankreich.

Man hielt sich einige Zeit in Paris auf und zog dann weiter an die Côte d’Azur. Die Familie fand zwischen Cannes und Grasse in einem Dorf namens Mougins ein Heim (»La Gatounière«). Das Paar war sich nicht sicher, ob es sich in der Gegend niederlassen wollte. So fuhren sie durch Frankreich und »begutachteten« die verschiedenen Regionen. Aber weder Marseille noch Bergerac, La Rochelle und Les Sables d’Olonne kamen in die engere Wahl und so wurde es schließlich doch Cannes, wo die Familie eine Villa namens »Golden Gate« bezog.

Denyse hatte den begeisterten Empfang betrachten können, der Simenon bei seiner ersten Rückkehr nach dem Krieg zu Teil geworden war. Sie wusste, dass er so etwas wie ein Pop-Star war. Simenon sah natürlich noch einen anderen Aspekt. Seine Bücher mochten gekauft werden und seinen Wohlstand mehren, aber die Kritik und Preise interessierten ihn natürlich ebenfalls.

Die besten Kritiken bekam er von Schriftsteller-Kollegen, die ihn preisten und deren Texte sich gut auf den Rückseiten der Bücher machten. Die eigentliche Kritik konnte mit Simenon aber weniger etwas anfangen. Sie wunderte sich, wie man gleichzeitig so unglaublich produktiv sein konnte und doch gute Qualität abliefern konnte. Dieser Widerspruch wurde noch dadurch verstärkt, dass Simenon nicht gewillt war, sich vollendendes der »ernsten« Literatur hinzugeben und damit auch Maigret aufzugeben. Nun wird Simenon kann Simenon von jedem gelesen werden: Hausfrauen und Rechtsanwälte, Gärtner und Chirurgen. Es werden Geschichten erzählt, die den Leser unterhalten und bei denen der Leser nicht das Gefühl hat, nur um des Buches Willen zu lesen und am Ende nichts verstanden zu haben. Schlecht, dass die Kritik solche Bücher liebt(e).

An einem 13. kommt man nicht zur Welt…
War es der 12. oder war es der 13.? Diese Frage wird sich wohl nicht klären lassen. Offiziell ist es der 12. Februar, das ist das Datum, das Désiré Simenon im Standesamt hat eintragen lassen. Der Geborerene, zwar dabei gewesen, aber nicht als Zeuge taugend, gab andere Geschichten zum Besten. 
Schule, warum nicht?
Was hätte aus dem Mann werden können? Er ging auf ein humanistischen Gymnasium und seine Mutter Henriette hatte ihn für das Priester-Beruf vorgesehen. Eine Mädchen-Geschichte sollte dafür sorgen, dass sich Simenons Bildungsweg etwas änderte. 
Meister gesucht!
Was willst'e denn werden? Die Frage dürften auch den jungen Sim genervt haben. Wie schon beim der Gymnasiums-Auswahl war es auch hier die Mutter, die den ersten Beruf für Simenon aussuchte: Nach ihrem Willen würde er als Konditor glücklich werden. Wenn das geworden wäre, hätten wir heute vielleicht eine weltberühmte Tarte Maigret und würden den Kommissar missen. 
Erste Gehversuche
Der Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet. So halten es viele Journalisten. Die, die es nicht so damit haben, sollten vielleicht Schriftsteller werden. So wie Georges Simenon, der seine Stärken eindeutig im Fiktionalen sah. Erst nahm er sich die Kurzgeschichte als literarische Form vor, dann den Roman. Erste Gehversuche eines Schriftstellers. 
Ein Belgier erobert Paris
Sie haben nicht auf ihn gewartet: Jeden Tag kamen an den Bahnhöfen von Paris Menschen an, die ihr Glück in der Stadt versuchen wollten. Wie Simenon es selbst in seinen Romanen beschrieb, waren es oft Leute aus dem Norden: Polen, Deutsche und halt auch Belgier. Wie Simenon, der am 14. Dezember 1922 in Paris eintraf. 
Der Name Simenon zählt nicht
Als Produzent von Groschenromanen muss man in kurzer Zeit viele Worte aufs Papier bringen. Der eigene Name wird aus dem Geschäft herausgehalten. So müssen Christan Brulls und Georges Sim erst einmal herhalten. 
Unstet
Nimmt man es genau, so schrieb Simenon nur über Orte, die er schon einmal gesehen hat. Was wäre uns entgangen, wenn er nicht so häufig gereist und umgezogen wäre? Auch die dreißiger Jahre verbrachte er recht stets auf der Suche nach einer Heimat. Im Anmarsch: Der Krieg und das erste Kind. 
Im Krieg
Simenon machte um den Krieg einen großen Bogen, schließlich hatte er im ersten Weltkrieg den Einmarsch der Deutschen erlebt. Er kümmerte sich um belgische Flüchtlinge und machte Geschäfte mit deutschen Filmfirmen. Das mochte Geld bringen, aber auch Ungemach... 
Neuanfang
Ein neues Land, neue Gewohnheiten, eine neue Sprache und eine neue Frau. Simenon reist nach und durch Amerika, unstet wie immer, begibt sich in eine ungewisse und komplizierte Beziehung. Am Anfang war natürlich nur Sonnenschein. Simenon zeigt neue, nicht unbedingt positive Seiten. 
Lakeville
Glück ist immer relativ: Simenon sollte auch nach dem Leben auf der Shadow Rock Farm beruflich erfolgreich sein. Was das familiäre Glück jedoch betraf, begannen schwierige Zeiten. Ein Abriss über die letzten wirklich glücklichen Jahre Simenons, Besuche in Europa und den ersten Brüchen. 
Altern im Unglück
Was nützt der berufliche Erfolg, wenn das Privatleben keine Erfüllung bringt: die Frau war Weg, geblieben war nur Hass, der in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde; die Tochter liebte einen abgöttisch und verursachte damit neue Probleme. Der Maigret-Autor schien irgendwie merkwürdig zu sein. 

Der erste Literaturwissenschaftler, der sich das Werk Simenons einer kritischen Würdigung unterwarf, war Thomas Narcejac. Auch er versuchte das Paradox zu klären, wie die Werke Simenons gleichzeitig Literatur sein konnten, wo es doch schien, als würden sie in einer Fabrik hergestellt werden.

Auf den Punkt zurückkommend, dass Simenon Anerkennung mochte und Preise wohl liebte: Das Jahr, für das er den Nobelpreis für Literatur angestrebt hatte, sollte eine Freude für die französischsprachige Literatur bereithalten: Simenons Freund André Gide sollte den Preis bekommen und die Franzosen sollten sich in den nächsten Jahren noch sechsmal freuen können, denn so oft ging der Nobelpreis an französischsprachige Schriftsteller. Aber Simenon konnte sich ein ums andere Mal über die Entscheidungen aufregen und hielt dies in seinen Tagebüchern auch in drastischen Worten fest.

Er lag mit seiner frühen Nobelpreis-Prognose total daneben. Wenn man auf die Liste der Literatur-Nobelpreisträger schaut, wird man da jeden kennen, der ihn mal bekommen hat, und wird jeder dieser heute noch so gelesen, wie man heute noch Simenon liest? Natürlich darf man sich auch Fragen, ob bei der Preisverleihung nur der qualitative Aspekt des Schriftstellers preiswürdig ist oder ob noch die Jury noch auf andere Aspekte schaut. Wenn sie das tut, gäbe es bei Simenon sicher noch dieser graue Punkt während des zweiten Weltkriegs, der ein wenig hinderlich gewesen sein könnte.

Müßig darüber zu diskutieren, genauso wie es so mancher heutzutage nicht versteht, warum denn amerikanische Schriftsteller wie beispielsweise John Updike den Nobelpreis bekommen.

Die kritische Würdigung des Werks Simenon von Narcejac war indes nur der Anfang. 1958 erschien »L’Alittération contemporaine« von Claude Mauriac und drei Jahre später »Simenon« von Bernard de Fallois. Zu Letzterem gibt es zweierlei Interessantes zu vermelden: Eigentlich wollte Fallois über Proust schreiben, verwarf das Thema aber und widmete sich Simenon. Für dieses Buch wurde er von Simenon eingeladen und Fallois durfte den Schriftsteller interviewen. Da dieses Vorhaben über einen längeren Zeitraum ging, gilt er als herausragender und neutraler Zeitzeuge was die Entwicklung des Ehepaares Simenon angeht. Simenon erkrankte in der Zeit schwer am Blinddarm und musste operiert werden. Fallois wurde in einem Nachbarzimmer einquartiert und stellte seine Fragen an Simenon schriftlich, die dann von Denyse an überbracht wurden und dann nach der Beantwortung retour gingen.

Fallois war ziemlich überrascht (oder entsetzt?) als er kurze Zeit später »Die Tür« las, in dem eine ähnliche Situation dargestellt wird. Für den normalen Leser eine nur eine Geschichte, für Fallois eine Sammlung von Anspielungen.

Ein interessanter Aspekt übrigens: Simenon ließ keine Gelegenheit aus, einem Rock hinterher zu steigen und sich seine Befriedigung zu holen. Was aber Denyse anging, war er krankhaft eifersüchtig.

Aber dies war dann schon später. Im Juni 1957 war mal wieder ein Ortswechsel angesagt: Die Simenons zog es in die Schweiz nach Lausanne, ein Ort, den sowohl Georges wie auch Denyse liebten. Sie wurden in Echandens fündig, wo sie ein Schloss mieteten. Der Vertrag ging über sechs Jahre und bot ihnen die Möglichkeit der Verlängerung.

Im Mai 1959 kam Pierre auf die Welt und bereitete den Eltern sogleich Sorgen. Vier Monate nach der Geburt erkrankte Pierre und seine Überlebenschancen standen bei gerade 50%. Es waren solche Momente, in denen das Ehepaar Simenon zusammenstand. Johnny berichtete später, dass er in dieser Zeit entdeckte, dass um die Ehe seiner Eltern nicht zum Besten stand. Ein Zeichen wäre zerdeppertes Geschirr gewesen.

Marnham ortet in den späten 50ern die Zeit, in der sich die Liebe Simenons zu Denyse zu Hass entwickelte. Der Schriftsteller kämpfte um die Liebe, aber nachdem er erkennen muss, dass er nicht gewinnt, schlägt das Pendel zur anderen Seite und man gewiss sagen, dass das Pendel dort bis zu seinem Lebensende blieb.

Wenn man Zeichen dieser sich abzeichnenden Beziehungskrise im Werk von Simenon sucht, dann wird man diese nur an den Inhalten der Romane erkennen. Viele der Non-Maigrets beschäftigten sich mit Ehekrisen und der Lösung derer (wobei diese nicht als Vorbild gelten dürften, wenn beispielsweise an »Sonntag« erinnert werden darf). Einen Einfluss auf die Quantität oder Qualität hatte die Dauer-Krise jedoch nicht.

Nachdem schon als Präsident des Filmfestivals in Brüssel präsidiert hatte, trug man ihm 1960 auch die Präsidentschaft des Filmfestivals von Cannes an. Simenon sollte sich von seinen Vorgänger unterscheiden, denn er brach mit einer Reihe von Traditionen. Zum einen hatte er gründlich die Statuten gelesen und war gewillt, sie auch umzusetzen. So lehnte er Einladungen ab und versorgte sich während des Festivals selbst. Er komplementierte den Sekretär des Organisationskomitees aus der Jury-Sitzung mit dem Verweis auf die Satzung und setzte so dann alles daran, den Film gewinnen zu lassen, der ihm am Besten gefiel. Dies war »La dolce vita« von Fellini. Die Frauenstimmen hatte er schon alsbald in seiner Tasche und ein anderes Jury-Mitglied, Henry Miller, hatte kein großes Interesse an Filmen sondern an seiner neuentdeckten Leidenschaft Tischtennis, war ihm freundschaftlich verbunden. Von Freundschaft kann man bei den Vertretern des französischen Fernsehens nicht sprechen, die waren entsetzt, dass man sich über ihren Willen hinwegsetzte, aber die Stimme des Jury-Präsidenten war entscheidend. Die Preisverleihung verlief ein wenig turbulent, weil wohl ein paar Störer engagiert worden waren und in der französischen Regierung hatte man die Lektion gelernt: Simenon wurde nie wieder für eine solche Funktion vorgeschlagen.

Gewinner war Simenon trotzdem: Er hatte einen neuen Freund gewonnen - Fellini.

Simenon war Jahre freundschaftlich seinem italienischen Verleger verbunden, und der hatte 1961, als Simenon auf der Suche nach einem Zimmermädchen war, einen Tipp: Teresa Sburelin. Sie sollte ihm, wie die meisten Hausmädchen bald zu Diensten sein, aber darüber hinaus das Vakuum füllen, das Denyse hinterließ.

Diese lehnte mittlerweile sexuellen Kontakt zu Simenon ab, was diesen mehr als verstörte, und es kam kaum noch zu einem Gespräch. Simenon hatte sich dafür oft Zeit genommen, musste dann aber feststellen, das sie während er erzählte, eingeschlafen war. Denyse war in ärztlicher Behandlung und als es gar nicht mehr ging, wurde sie in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen.

Unterhalb Echandens, welches in den Werken Simenon übrigens als »Noland« firmierte, sollte eine Autobahn gebaut werden. Die Simenons nahmen Abstand von dem Gedanken an eine Verlängerung des Mietvertrags für das Schloss. Simenon plante den Bau eines eigenen Hauses in Epalinges - das dritte eigene Haus Georges Simenons, das erste selbstgebaute. Wenn man die Ausmaße hört, so denkt man unweigerlich an einen Palast. 30 Zimmer sollen es gewesen sein. Die Kinderzimmer hatten eigene Bäder, auf dass sich die Kleinen ja nicht ins Gehege kamen. Es gab einen Swimmingpool und ein eigenes Massagezimmer für Simenon, welches später von Journalisten zu einem Operationssaal umgewidmet wurde.

Die Atmosphäre in dem Haus wirkte steril, was die Journalisten vielleicht auf diese Idee gebracht hatte. Aber auch andere Gäste waren irritiert von dem Haus, denn Simenon hatte zum Beispiel ein und das selbe Bild von sich zweimal anbringen lassen. War man schon orientierungslos, so konnten die Bilder einem auch nicht weiterhelfen.

Wer auch nicht viel von dem Haus hatte, war Denyse. Drei Monate nach Bezug im Jahr 1963 wurde sie in die psychiatrische Einrichtung eingewiesen und sollte nicht mehr in das Haus zurückkommen.

Es gab eine weitere Verliererin in dem »Spiel«: Boule. Sie war immer die treue Seele im Haushalt und war, wann immer es ihr möglich war, Simenon gefolgt. 1964 kündigte Simenon ihr, über die Geschichte wie das erfolgte und warum, gibt es verschiedene Fassungen. Sicher war ein Punkt dabei, dass Boule sich mit nicht Teresa vertrug. Sie wechselte zur Familie Marcs, der 1962 schon verheiratet war und Kinder hatte.

Denyse konnte sich nicht mehr kümmern, so oblag die Erziehung der Kinder Simenon. Diesen konnte man in der Beziehung nicht als geradelinig bezeichnen, die Erziehung war sehr stimmungsabhängig, launig wenn man so will. Marnham berichtet, dass es manchmal kein Taschengeld für die Kinder gab, da Simenon befürchtet, er würde seine Kinder verwöhnen und erinnerte sich zurück an seine eigene Kindheit und die Entbehrungen unter denen er gelitten hat. Das war natürlich ein schlechter Vergleich, denn seine Kinder wuchsen nicht in der gleichen Umgebung auf: Wer in einem 30-Zimmer-Palast aufwächst, dem lässt sich der Begriff der »Entbehrung« schwer erklären.