Über die Story

Der Mann war ein medizinisches Wunder. Die Kopf-Wunde war gut verheilt, man konnte nur herausbekommen, wie er hieß und was ihm widerfahren war: Der Mann sprach nicht. Maigret war mehr als verwundert, denn warum sollte man einen Mann derart verletzten, dann viel Mühen auf sich nehmen, ihn zu verarzten und fachmännisch operieren zu lassen und ihn dann auszusetzen? In den Anfangstagen des Falles gab es nicht viel, was den Nebel in dem Fall löste.

 

Nachdem man ein Bild des Mannes in der Zeitung veröffentlichte hatte, gab es eine Rückmeldung: Es könne sich um Yves Joris handeln, den Hafenmeisters des kleinen Ortes Ouistreham. Seine Haushälterin Julie Legrand machte sich auf den Weg nach Paris, um ihn zu identifizieren und begab sich dann gemeinsam mit ihrem Arbeitergeber und dem Kommissar nach Ouistreham.

Die Dienstmädchen-Connection

Julie ist in dem Roman eine kleine Besonderheit: Sie spielte anfangs eine Hauptrolle und man könnte – wenn man die Maigrets in der falschen Reihenfolge gelesen hat (okay, kleiner Witz!) – auf die Idee kommen, dass sie ein wenig Ähnlichkeit mit Félicie hatte. Genauso wie das Dienstmädchen aus dem Pariser Vorort hielt sich sie sich für etwas besseres und gab weniger preis, als sie hätte tun können. Schließlich war sie die Hauswirtschafterin eines ehemaligen Kapitäns und des Hafenmeisters.

Aber sie behält in diesem Roman die Hauptrolle nicht, sondern im zweiten Teil des Romans wird sie von anderen Figuren in den Hintergrund gedrängt.

Das hat auch damit etwas zu tun, dass ihr Arbeitgeber Yves Joris umgebracht wird. Irgendjemand hatte dafür gesorgt, dass das Wasser, das der Kapitän in der Nacht trank, mit Strychnin vergiftet war. Der arme Mann konnte keine Hilfe rufen und nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Vielleicht ist man verwundert, dass Joris umgebracht wurde, aber man hatte ihm schließlich schon mal was über die Rübe gegeben, da wollte jemand wohl den Sack zu machen. Nachdem an der Stelle zwei Euro in die Phrasen-Kasse gesteckt worden sind, können wir auf den Punkt zurückkommen, der auch Maigret schon in Paris beschäftigte: Verletzten, operieren, aussetzen und dann umbringen? Das ergab alles kein Sinn.

Da der Kapitän keine Nachkommen hatte, hatte er Julie als Erbin eingesetzt (und damit wären wir wieder bei der Verbindung zu Félicie). Sie geht zwar davon aus, dass das nicht viel ist. Aber auf dem Konto befanden sich 300.000 Francs und das war eine Menge Geld, von dem Julie vorgab, keine Ahnung zu haben. Geld, das man übrigens bei Joris nicht vermutet hätte und das, zweites Wunder, erst kurz zuvor auf seinem Konto angelandet war.

Nebel

​Irgendwann wurde mal die Entscheidung getroffen, dass jeder deutsche Maigret-Roman mit »Maigret« zu beginnen habe. Diese Regel hält sich bis zum heutigen Tag. Das war nicht immer so, wie ein Blick in Bibliographie verrät. Meiner Meinung nach ist der Kapitän nicht so geheimnisvoll, wie er im Titel beschrieben wird. Schließlich ist er schon nach ein paar Seiten tot und dann ist noch der Sachverhalt geheimnisvoll, der Mann selbst nicht. Der war ein offenes Buch. Er hatte über viele Jahre bei der gleichen Reederei gearbeitet, hatte einen geregelten Tagesablauf, trank und hurte nicht herum und war ein umgänglicher, wenn auch etwas distanzierter Typ. Ein Kapitän eben.

Besser trifft es da »Nebel über dem Hafen«, denn Nebel gab es sowohl draußen wie drinnen. Maigret musste, wenn er durch Ouistreham tappste, aufpassen, wo er hintrat, man konnte die Hand vor seinen Augen manchmal nicht sehen. Außerdem war da noch der zweite Nebel, für den Julie Legrand sorgte, die irgendetwas zu verheimlichen versuchte und der man auch anmerkte, dass sie hin- und hergerissen war, zwischen der Loyalität zu ihrem Kapitän und ... ja, wem?

Die Antwort darauf ist die »Saint-Michel«, ein Schiff, auf dem der Bruder von Julie seinen Dienst verrichte und der große Louis, wie er genannt wurde, hatte sich in seinem Leben nicht die besten Referenzen gesammelt. Der Mann konnte schon ahnen, dass ein Polizist wie Maigret, ihn auf dem Kicker haben würde – schließlich hatte der Seemann eigenhändig einen Polizisten im Suff umgebracht und dafür im Gefängnis gesessen.

Wie es sich für einen guten Bretonen geziemt, war auch er wenig gesprächig. Nichts wollte der Mann sagen. Was nicht nachweisbar war, war nicht der Rede wert; was nicht abzustreiten war, gut, dass stritt man nicht ab. Aber er war in Ouistreham, als der Kapitän aus dem Ort verschwand; und er war wieder da, als der Kapitän ermordet wurde. Was waren das für Zufälle?

Keine Freunde

​An der Stelle kommt dann Ernest Grandmaison ins Spiel. Er ist Reeder im nahen Caen und Bürgermeister von Ouistreham. Als Reeder war er jahrelang der Chef von Yves Joris gewesen, als Bürgermeister war er der Meinung, nun den Ermittlungen vorzustehen. In dem Wissen, dass er etwas darstellte, gab er sich arrogant und machtbewusst – er scheut nicht davor zurück, Maigret mit Konsequenzen zu drohen, wenn er nicht spurte. Diplomatie war Grandmaisons Stärke nicht, genauso wenig wie Menschenkenntnis. Maigret mochte das nicht und Grandmaison konnte nicht punkten, wenn er sich mit dem Kommissar auf diese Art und Weise anlegte. Es war fast die gleiche Borniertheit, wie man sie auch bei den bürgerlichen Protagonisten aus Bergerac beobachten konnte.

Nun wurde Maigret zwar zu einem Empfang der besseren Gesellschaft mitgenommen (eingeladen ist ein zu intimer Begriff in diesem Zusammenhang, er war wirklich nur mit dabei) und lernte dabei Frau und Tochter von Monsieur Grandmaison kennen. Aber schnell kehrte er in den Hafen von Ouistreham zurück und ließ sich in der Kneipe der Seeleute nieder. Auch die erzählten nicht viel, aber er erfuhr mehr. Außerdem war die Atmosphäre in der Kneipe mehr nach Maigrets Geschmack.

Es fing an unübersichtlich zu werden und Maigret identifizierte eine Reihe von Leuten, die er im Auge behalten wollte: Julie und ihr Bruder, den Bürgermeister und dann gab es noch einen geheimnisvollen Dritten, der bei Nacht und Nebel in dem Ort angekommen war und ein Beiboot zurückließ. Der Kommissar ließ Lucas kommen, um zu assistieren. Bald stellte sich heraus, dass das eine weise Entscheidung war – die beiden sollten merkwürdige Dinge zu sehen bekommen und Abenteuer erleben, auf die sie gern verzichtet hätten.

Eine Quelle der Offenbarungen

​Die Zwischenüberschrift ist ein wenig übertrieben, aber wir erfahren in diesem Roman so manches über Maigret. Simenon verrät uns, wie groß Maigret ist und auch, dass er das Bretonische versteht (weil er eine zeitlang in Nantes studiert hatte, wo man Bretonisch sprach). Ganz klar auch, dass das Seemanns-Gedöns (Schiffe und Hafenkneipen) dem Schriftsteller liegen. Keine Sekunde zweifelt man, dass es sich so auf See und in den Häfen abgespielt hat. Maigret, obwohl Landratte, schlägt sich ganz gut.

Wie so viele frühe Maigret gibt es auch hier eine gewisse Abenteuer-Komponente, die in späteren Geschichten nicht mehr zu finden sind. Maigret begibt sich nicht in Gefahr und so wirklich will sich auch keiner mit ihm anlegen. Es gibt eine Szene in dem Buch, die mir besonders gefallen hat. Sie ist fast perfekt:

Maigret drehte sich um, hörte die Schritte des Bürgermeisters am anderen Ende des Dorfs und trat ein, ohne vorher anzuklopfen.

​Es handelt sich um ein kleines Dorf, Simenon schreibt, es wären zwanzig Häuser, aber durch diesen kleinen Kunstkniff, zu sagen, dass er die Schritte des Bürgermeisters am anderen Ende des Dorfes hören würde, gibt er uns zu verstehen, wie klein das Dorf ist. Den kleinen Abstrich mache ich deshalb, weil Simenon sich die Info über die zwanzig Häuser des Dorfes kurz zuvor, hätte sparen können.

Mag sein, dass diese kleine Kratzer an der Perfektion es aber auch wieder schön macht. Und wenn man nicht auf dem Land lebt, versteht man vielleicht auch nicht, wie klein ein Ort sein muss, damit man die Schritte vom anderen Ende des Ortes hören kann. Wir in unserer lärmverseuchten Zeit vielleicht schon gar nicht mehr.