Maigret und der geheimnisvolle Kapitän

Misslungene Schläge


Da irrt ein Mann durch Paris und nimmt sich einfach Sachen aus den Auslagen der Geschäfte, deren Besitzer nach der Polizei rufen. Maigret ist vor Ort und stellt fest, dass der Mann eine Kopfwunde hat, die erklärt werden sollte. Der Kommissar nimmt den Mann, der also nicht nur eine komische Wunde hat (auch wenn sie gut verheilt ist) und sich komisch verhält, mit. Der Fremde kann nicht verraten, wer er ist. Er spricht nicht.

​Man macht ein schickes Foto von dem Mann, setzt es in die Zeitungen und wartet, dass sich jemand meldet. Dann gibt es eine Überblendung und man sieht nacheinander verschiedene Leute, die sehr erschrocken sind, als sie das Bild in der Zeitung sehen. Eine der erschrockenen Personen ist die Haushälterin des Mannes und die macht sich auf den Weg nach Paris, um den Mann als Kapitän Joris zu identifizieren. Damit hört das Rätselraten auf, wer der Mann ist und man kann sich an das Rätsel machen, was dem Mann zugestoßen ist.

Wenn man die Geschichte verändert...

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​Man hat die Geschichte von Ouistreham nach Honfleur verlegt. Mir hat sich nicht ganz erschlossen, warum man das gemacht hat, denn diese Entscheidung bringt in der Geschichte einige Probleme mit sich: Der Doktor und der Hafenmeister unterhalten sich mit dem Kommissar und Maigret fragt, wie weit man denn die Orne hochfahren könne. Die Antwort der beiden ist, dass das bis Caen ginge.

Caen in der geschriebenen Geschichte der Sitz der Gesellschaft von Ernest Grandmaison, aber das kann hier keine Rolle spielen (die beiden Orte liegen fast sechzig Kilometer auseinander) und es wird nicht weiter auf Caen Bezug genommen. Eine Frage, die im Kontext des Romans durchaus eine Rolle gespielt hat, wird aber verwirrend, wenn man den Ort der Handlung ganz woanders hinverlegt.

Darauf hin fragt der Kommissar, ob man mit dem Schiff zu einem zweiten Ort kommen würde, wo man Joris verarztet hatte. Im Französischen gelten wie in jeder Sprache gewisse Prinzipien, aber nicht das Prinzip, dass etwas so gesprochen wird, wie es geschrieben wird, habe ich nicht herausgefunden, welcher Ort das sein könnte und ob er existiert. Ich vermute, er existiert nicht. Schließlich müsste dieser Ort in der Nähe von Paris liegen, wie sonst wäre Joris in seinem Zustand dort hingekommen – selbstständig wohlgemerkt?

Die Geschichte, die den Fernseh-Kommissar verwirrt, verwirrt auch mich als Zuschauer.

Für die Verlegung gibt es eine Erklärung, die vielleicht plausibel ist: Mir kam es beim Betrachten von Postkarten so vor, als wenn Honfleur ein wenig attraktiver als Ouistreham ist.

Grandmaison und Louis

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Meine Fernseh-Sozialisierung erfolgte nicht nur mit »Sesamstraße«, »Sandmändchen« und »Ein Colt für alle Fälle«, sondern auch mit »Dick und Doof«-Kurzfilmen. In letzteren habe ich bessere und realistischere Darstellungen von Attacken gesehen als die, mit der Louis auf Grandmaison losgeht. Meine erste Vermutung war, dass Louis den Schlag nur andeuten wollte, um dem Bürgermeister einen Schreck einzujagen. Allerdings sieht man den Bürgermeister später mit einem dollen Veilchen vor Maigret sitzen, also sollte das einen echten Schlag darstellen. Aha!

Saint oder San

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​Maigret und der Hafenmeister rudern zum Schiff – Maigret lässt sich rudern, trifft es eher, um die Mannschaft zu verhören. Die ganze Zeit ist – zumindest in der deutschen Synchronisierung von der »St. Michel« die Rede und dann kommen sie beim Schiff an und man sieht recht deutlich, dass der Rettungsring mit »San Michele« bezeichnet ist. Es gibt eine Reihe von Erklärungen dafür: Aber es läuft entweder darauf hinaus, dass entweder bei der Bereitstellung der Requisiten geschlampt wurde oder bei der Synchronisierung.

Dafür gefiel mir die auf dem Schiff spielende Szene, bei der Maigret gefragt wird, ob er etwas Trinken möchte sehr gut. Wie könnte ein Maigret da nein sagen, zumal es nicht Wasser gab. Ein Matrose nimmt ein Glas, schüttet den Inhalt beiseite und geht mit einem Geschirrtuch (hoffen wir das mal) einmal durch das Glas und befüllt es dann mit neuem Stoff. Jeder Hygieniker wäre an der Stelle zusammengebrochen. Aber es war ja nicht ein Bakterien- oder Virus-Infekt, der im Anschluss an den Schiffsbesuch den Kommissar niederstreckte sondern ein Knüppel.

Der Schluss

​Zum Ende hin taucht auch noch Madame Grandmaison auf, ihr Sohn kommt wieder aus der Schule in Rouen und der Mann, den Maigret die ganze Zeit gesucht hatte, taucht auch auf. Trotzdem ist das Ende recht unbefriedigend. Das Verhalten der Madame ist mehr als ambivalent und schlicht schleierhaft ist mir, warum man einen Mann, der die ganze Zeit von Ehre gefaselt hat und nun sieht, wie seine »schöne« Ehe den Bach heruntergeht und damit auch sein gesellschaftliches Ansehen, dem man auch einen Mord zumindest Körperverletzung vorwirft, von dem man weiß, dass er eine Waffe hat, allein in ein Zimmer gehen lässt – damit er sich in Ruhe umbringen kann.

Das Resultat – ein toter Grandmaison – unterscheidet sich also nicht vom Buch, mit einem kleinen Unterschied: Im Buch erfährt Maigret die ganze Wahrheit nach dem Tod Grandmaisons, in der Verfilmung ist Grandmaison während der großen Offenlegung dabei.

Mir gefiel so viel nicht an dieser Adaption des Romans: Wollte Grandmaison Joris umbringen? Im Buch ja, es war Vorsatz. In der Rupert-Davies-Verfilmung ist das schwer zu bejahen: Jemand mit einem Schock umzubringen, wie es hier passierte, ist eine reichlich ungewisse Methode. Der Doktor ist eine Schnapsdrossel und lungert in der Kneipe herum. Und dann waren da noch die anderen Ungereimtheiten, auf die ich schon eingegangen bin. Im besten Fall würde ich sagen, dass diese Folge okay sei. Mehr aber auch nicht.