Über Simenons traurige Geschichten von Josef Quack

Über Simenons traurige Geschichten


Im Sommer schon erschienen, bin ich nun dazu gekommen, das Buch von Dr. Josef Quack zu lesen, welcher Anmerkungen zu den Werken jenseits von Maigret verfasste und sich den dunkleren Geschichten widmete. Bei Erscheinen hatte ich Gelegenheit, das Vorwort zu dem Buch zu lesen und bin aber nicht darüber hinausgekommen. Klar war schnell eines: Der Mann hat eine Meinung und die ist nicht immer bequem. Gut so!

​Wer hier hin und wieder mal liest, hat sicher schon mitbekommen, dass auf der Seite zweierlei nicht passiert:

1.) Es gibt keine echte Literaturkritik. Ich habe nicht die Ausbildung, um eine fundierte Kritik nach den Maßstäben eines Literaturwissenschaftlers oder eines Literaturkritikers abzugeben. Ich erfülle eine Chronistenpflicht (und habe eine Meinung).

2.) Ich kann nicht alles ernst nehmen. Ich habe es probiert, es funktioniert nicht. Manch einer ist der Meinung, ich müsste das tun, aber nein! Es geht nicht.

Warum diese einleitenden Worte? Die erste Anmerkung ist schlicht die Wahrheit, so sehe ich das und ich will keine Erwartungen enttäuschen. Die Zweite ist meinem Naturell geschuldet und die Art, mit der ich mich hier schon mal aus dem Schussfeld nehme:

»Zu den Rezensionen über Simenon sei nur noch angemerkt, daß das schulterklopfende Lob, mit dem manche Journalisten Simenon bedenken, nur ihre eigene Banausie verrät.«

​Gott sein Dank, ich bin kein Journalist und hier steht wahrscheinlich, viel häufiger als das ein Verleger und das Simenon-Marketing lesen möchte, dass dieses oder jenes wirklich nicht gut ist. Werde ich also nicht gemeint sein, aber als ich das las, dachte ich so: »Das wird aber spannend werden! Wer so vom Leder zieht.« Nun nennt der Autor hier keine Rösser und schon gar keine Reiter, aber hantiert gleich mit einem Wort, bei dem ich dachte: »Ich weiß, was gemeint ist; gehört habe ich es noch nie.« Der Duden meint, dass das Wort in der Häufigkeit jenseits der Top 100.000 liegt.

Der Autor lebt hin und wieder seine Vorliebe für Wörter aus, die nicht fachspezifisch sind (also aus der Literaturkritik kommen), sondern einfach als veraltet gelten: Ich bin schwer am Überlegen, wann und wo ich mir liebe Menschen mit den Wörtern wie »pejorativ« und »ruminieren« in Verlegenheit bringen kann. Dieser erworbene Schatz muss sorgsam eingesetzt werden.

Die Beschau

Es geht um die »traurigen« Geschichten, kündigt der Titel an. Das trifft es in meinen Augen nicht ganz. Josef Quack hat sich auch Werke aus dem Non-Maigret-Werk von Simenon herausgesucht, die der Spannungsliteratur zuzuordnen sind und in meinen Augen nicht traurig sind und, der von uns offenbar gleichermaßen geschätzte »Kleine Heilige«, würde überhaupt nicht in diese Schublade passen. Aber einen Titel braucht das Buch und so können wir sagen, dass wir mit dem Autoren einen Spaziergang durch das Werk von Simenon nehmen. Auch die »Glocken von Bicêtre« stimmten mich nicht wirklich traurig.

Vergleichbar ist das Buch mit einer Stadtführung, bei der man hier und da stehen bleibt. So ein Stadtführer bleibt vor manchen Bauten manchmal ein wenig länger stehen und erzählt darüber etwas mehr. Andere Bauten werden kurz abgehandelt. Eindeutig hat man es dann mit Vorlieben zu tun. Einen guten Stadtführer kann man auch zu den Bauten, Denkmälern, was auch immer, befragen, die dieser eigentlich nur kurz abhandeln möchte – und er wird eine Antwort haben. So ist es in diesem Werk auch: Der Autor verweilt bei manchen Werken sehr lang und ausführlich, andere streift er nur kurz. Was er nicht macht: Es werden keine Werke aus der Non-Maigret-Welt erwähnt, die er in dem Buch nicht auch bespricht. Wenn Bezüge hergestellt werden, dann zu den Romanen, die in diesem Buch besprochen werden – mit Referenzen zu Simenons Tagebüchern und Memoiren.

Ich habe 27 Romane gezählt, die auf den knapp 200 Seiten besprochen werden. Die Kapitelüberschriften lauten:

  • Verfehlte Leben
  • Finstere Zeiten
  • Moralische Geschichten
  • Missgeschick
  • Warum ein Mensch zum Mörder wird
  • Geschichten der Flucht
  • Politiker literarisch betrachtet
  • Randfiguren der Gesellschaft
  • Jenseits des Engagements
  • »Eine Art Hymne an das Leben«

Im Mittelpunkt steht schon der Roman dur, aber Josef Quack zieht auch immer wieder Vergleiche zu den Maigrets und zu den Werken anderer Autoren.

Reibungspunkte

In einem Abschnitt des Buches beschäftigt sich der Autor sehr ausführlich mit dem Thema »Schuld« (Kapitel »Moralische Geschichten«) – sehr interessant und aufschlussreich fand ich das Thema »Schuld haben« und »Schuld empfinden«. Wobei das Empfinden noch einmal unterteilt wird, zwischen »sich der Schuld bewusst sein« und »Schuldgefühl«. In der Tat wird hier oft nicht differenziert und nur von »Schuld« geredet. Der Hinweis, dass moralische Schuld und Recht nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben, ist dabei zwingend klar.

Das Thema tangiert auch die Story in dem Roman »Der verlorene Sohn«. Dazu schreibt Josef Quack:

Alain hat zwar die Katastrophe von 1928 keineswegs gewollt, er hat sie aber doch verursacht, was impliziert, daß er das Risiko seines Handelns in Kauf genommen hat und deshalb für die Folgen seiner Handlung verantwortlich ist.

(Spoiler-Alarm bis zur nächsten Zwischenüberschrift!)

Worum geht es?

Maud, Alains Freundin, ist schwanger und ohne Zweifel ​ist Alain der Erzeuger. Die Verantwortung dafür, liegt wohl bei beiden – von Sex, der nicht einvernehmlich war, ist nicht die Rede. Maud schlägt vor, einen Freund heranzuziehen, der Abtreibungen – die übrigens strengstens verboten waren – vornahm. Dieser Freund konnte den Schwangerschaftsabbruch jedoch nicht selbst vornehmen, also erklärte er Alain, wie das funktionierte und gab das passende Instrument mit. An dieser Stelle hätte Alain sagen können: »Stopp, das mache ich nicht, das erscheint mir zu riskant.« Hätte Maud auch. Beide waren unvernünftig genug, es durchziehen zu wollen. Kurz bevor es losgehen soll, will Alain nicht – er will sie heiraten, sie hat Bedenken: Ihr scheint der Abbruch der leichtere Weg zu sein, als sich mit ihrem Vater auseinanderzusetzen. Alain führt den Eingriff durch und es geht nicht gut.

Wer ist schuld? Die rechtliche Seite ist ganz klar.

Problematischer scheint mir die moralische Seite zu sein: Mit »er hat sie verursacht« würde man mir an der Stelle nicht so leicht davonkommen, denn hier hört sich das sehr nach »auf Verlangen« an und es gab scheinbar Optionen für Maud. Alain heiraten oder mit ihm durchzubrennen, wäre durchaus eine Option gewesen. Scheinbar habe ich geschrieben, weil ich natürlich nicht weiß, ob die Liebe von Maud zu Alain so groß war, dass sie bereit für einen solchen Ausbruch gewesen wäre und der Abbruch das kleinere Übel war – trotz aller Risiken.

Da Maud aber tot war, lastet die Schuld auf den Schultern von Alain. Er nimmt die moralische Schuld auf sich und ist sich bewusst, dass er es hätte nicht tun dürfen – dafür tut er Buße.

Man kann auch gut darüber diskutieren, ob es nicht edler gewesen wäre, wenn er die strafrechtlichen Konsequenzen statt seines Vaters getragen hätte. Da würde ich aber zu bedenken geben, dass wir es mit einem Heranwachsenden zu tun haben. Zum einen stand Alain noch unter dem Einfluss seines Vaters und ich bin mir auch nicht sicher, ob er die Konsequenzen, die die Entscheidung des Vaters für die Tat seines Sohnes die Schuld zu übernehmen, wirklich vom Sohn überblickt wurde.

Einfach ist es nicht. Aber wenn man’s einfach und locker haben will, sollte man keine Non-Maigrets lesen.

Wer könnte das Buch lesen?

​Vorneweg: Ich war sehr, sehr skeptisch und habe das Buch dann hochinteressiert innerhalb von zwei Tagen gelesen. Obwohl es eine deutliche Stelle gab, in der Josef Quack sich zurückhält, weil er die Handlung nicht verraten mochte, wird das nicht über den gesamten Text durchgehalten. Immer wieder müssen zwangsläufig die Enden oder bestimmte wesentliche Teile der Handlung offenbart werden – ansonsten hätte der Text nicht funktioniert. Wer also vorhat, das Werk von Simenon zu erobern, der müsste um diesen Titel einen Bogen machen (oder anhand der Liste abgleichen, ob er nicht vielleicht die besprochenen Titel schon gelesen hat).

Für diejenigen, die sich aber ausführlich mit dem Werk beschäftigt haben und den Gedanken eines Kenners des Œuvres von Simenon folgen wollen, ist es eine hochinteressante Lektüre.

Was ein wenig störend ist: Es gibt zu jedem der besprochenen Titel deutsche Übersetzungen. Über die Qualität mag man geteilter Meinung sein. Aber die Mühe, den aktuellen oder einen früheren deutschen Titel zu nennen, hätte sich der Autor schon machen können. Wäre so etwas wie Service für den Leser gewesen.