Maigret und Lucas

Maigret und die Frau ohne Kopf


Den Mut hatte man wohl damals: Cécile ist in dem nach ihr benannten Roman im besten Fall ein Mauerblümchen. Wahrscheinlicher ist, dass sie nicht wirklich ansehnlich ist. Im Film jedoch denkt man beim ersten Auftritt von Cécile: Eigentlich eine Hübsche, vielleicht ein wenig schüchtern. Aber ein Grund für Maigret, sich über das Lästern seiner Kollegen aufzuregen, ist nicht zu erblicken. Vielleicht ist es nur Neid?

​Also nicht die Chance, für eine Schauspielerin, wie sie Simenon beim Schreiben wohl vorschwebte. Aber die Cécile im Film macht immerhin das, was Simenon vorschwebt. Sie ist hartnäckig und hat eine Tendenz, zu nerven. Sie will unbedingt bei Maigret vorsprechen, um ihrer Besorgnis Ausdruck zu verleihen, dass nachts in der Wohnung ihrer Tante merkwürdige Dinge vorgehen. Fremde Leute würden kommen und Sachen verschieben, ohne dass es verschwinden würde. Weder sie noch ihre Tante würden rauchen, trotzdem würde es am nächsten Morgen in der Wohnung nach Zigaretten stinken. Maigret hört sich das an, versucht sie zu beruhigen und schickt sie weg. Cécile Ziel, Maigret dazu zu bewegen, im Treppenhaus oder vor dem Haus, Wache zu schieben, erreicht sie nicht einmal ansatzweise. Maigret ist mit seinen Gedanken bei Geldfälschern, der er zu erwischen hat.

Hasch mich, ich bin die Logik

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Maigret fährt mit Lucas in der Metro, in dem Teil, der nicht unterirdisch fährt. Sie kommen an einem Hotel vorbei, in dem die Fensterläden weit offen stehen. Auf dem Bett sieht man eine zugedeckte Frau liegen. Maigret macht noch eine flotte Bemerkung, die von mitfahrenden Passagieren erwidert wird. Dann fährt die Metro in einen Bahnhof ein und Maigret entscheidet sich, dort auszusteigen und sich die Frau anzuschauen.

Nur warum? Es hatte sich in den wenigen Augenblicken nichts an der Lage geändert. Man sieht Maigret nicht an, dass er plötzlich einen Einfall gehabt hätte. Als Zuschauer ist man noch bei den zuvor gemachten flotten Sprüchen.

Die beiden Polizisten kommen ins Hotel, lassen sich das Zimmer aufschließen und entdecken die Frau ohne Kopf. Man weiß nicht, wer sie ist, man weiß nicht, warum sie dort ist und man findet bei ihr einen Koffer mit zahllosen Messern, von denen eines benutzt worden war, sie zu enthaupten. Der Hotelbesitzer war früher mal Metzger gewesen, das stellt sich gleich beim ersten Gespräch heraus, weshalb sich Maigret gleich einmal bemüssigt fühlt, ihn verhaften zu lassen. Der einzige Grund: Der Mann war mal Metzger. Erscheint nicht nur mir das ein wenig billig? Aber egal, wir sind ganz am Anfang des Films und es ist jedem Zuschauer klar, dass es der Hotelbesitzer nicht gewesen sein kann.

Maigret wäscht sich die Hände in einem Waschbecken des Hotelzimmers mit heißem Wasser. Der Spiegel über dem Waschbecken beschlägt und es erscheint ein Name: Cécile.

Die Damen

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Cécile Pardon ist die Gute in dem Film und die Rolle wurde mit Santa Relli besetzt. Man kann sagen, dass es sich bei ihr um ein unbeschriebenes Blatt handelt, es sind kaum Informationen über die Schauspielerin zu finden. Relli tritt nach dieser Rolle nicht mehr besonders oft in Erscheinung. Nachdem sie 1949 in Tatis »Schützenfest« mitspielt, wird sie für einen weiteren Film genannt und dann ist fünfundzwanzig Jahre Ruhe. In einer Fernsehserie spielte sie in zwei Folgen mit und damit war, zumindest was die Film-Karriere angeht, Schluss. Hochbetagt starb sie 2010 im Alter von 96 Jahren.

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Ihr Gegenpart ist ihre Tante Madame Boynet, gespielt von Germaine Kerjean. Die Schauspielerin war bis ins hohe Alter von 80 Jahren gut in Film und Fernsehen beschäftigt. In diesem Film spielt sie die Unangenehme sehr glaubwürdig. Sie drangsaliert Cécile, so wie es im Buche steht (vielleicht noch schlimmer). Ständig will sie dieses und jenes von Cécile, die nur am Rennen ist, kontrolliert, was ihre Nichte macht und nichts ist ihr recht. Dazu kommt das Gezeter darüber, dass alle (also ihre Nichte und der in ihren Augen völlig nichtsnutzige Neffe Gérard) nur hinter ihrem Geld hinterher wären. Nicht, dass sie auch nur das Geringste geben würden, aber Jammern kann man trotzdem darüber. Es gibt ein Kurzwort für Madame Boynet: Scheusal.

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​Eine Extra-Erwähnung verdient meines Erachtens übrigens Liliane Maigné als Nouchi. Im Buch ist die gesamte Familie, sagen wir mal, anstrengend. Im Film schafft es die Figur der Nouchi Maigret ständig zur Weißglut zu bringen. Die sechszehnjährige Nouchi, deren Darstellerin Maigné übrigens 1944 wirklich sechszehn Jahre alt war, treibt den Kommissar zur Weißglut, in dem sie immer wieder versucht, sich ihm zu nähern und man hat fast das Gefühl, sie versucht ihn zu verführen. Das Verdorbene kommt richtig zum Tragen, als Nouchi um den Kommissar mit einem Apfel herumtänzelt. Aufgelöst wird die Szene allerdings meisterhaft.

Die Herren

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Cécile macht sich nicht nur Sorgen um die nächtlichen Besuche, die sie sich nicht erklären kann. Da wäre ihr Bruder Gérard, der kein Geld hat und sie bekniet, dass sie (mal wieder) die Tante um Geld für ihn bittet. Zuhause wartet seine Frau auf ihn, die kurz vor der Niederkunft steht. Für den Untersuchungsrichter ist Gérard der Hauptverdächtige Nummer 1, Maigret glaubt das aber nicht. Dem Kommissar gehen schon bald die Argumente aus, zumal sich der junge Mann der Gerichtsbarkeit durch Flucht zu entziehen scheint. In der Rolle ist André Reybaz zu sehen, der – wenn man sich seine Filmographie anschaut – sehr gut im Geschäft gewesen war. Reybaz, der sehr früh verstarb, war aber auch an Theatern gut beschäftigt.

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Die Rolle des Dandurand ist ein wenig anders als im Buch angelegt. Er wird in dem Film als eine Art Sozialarbeiter eingeführt, der Beziehungen in die höchsten Ebenen hat. Er weiß die richtigen Strippen zu ziehen. Das widerspricht der Romanvorlage, in der der Charakter von Anfang an einen schäbigen, schmierigen und zwielichtigen Touch hat. Das Zwielichtige tritt erst später zu Tage, aber Dandurand kehrt viel offensichtlicher den Verbrecher heraus, als das im Buch der Fall ist. Wie der Zufall es will, ist der von Jean Brochard gespielte Dandurand, ein Nachbar von Madame Boynet.

»Bemerkenswert!«

Lucas sagt immer »Bemerkenswert!«, wenn ihm etwas ge- oder auffällt – oft wirkt die Bemerkung auffällig deplatziert. In diesem Film zeigt er – gerade in der ersten Hälfte – ein auffallendes Interesse an Botanik. Das legt sich aber wieder. Ansonsten bleibt alles so, wie gehabt – sprich wie im ersten Film: Maigret ist impulsiver als in den Büchern. Die Humor-Komponente wird wieder durch André Gabriello gewährleistet, der den Lucas gibt (der zum Beispiel fürchtet, abzunehmen, weil ihn Maigret so durch die Gegend scheucht).

Eigentlich spielt die Frau ohne Kopf keine große Rolle. Hätte man sie aus dem Film geschnitten, die Story würde immer noch funktionieren – sie hat keine tragende Rolle. Ich finde, dieser Strang völlig überflüssig, da er nicht zu erklären ist, warum und weshalb Maigret sich für eine Untersuchung dieses Zimmers entschließt.

Bei diesem Maigret-Film handelt es sich wirklich nicht um einen schlechten Film. Da habe ich schon ganz andere Streifen gesehen. Ganz im Gegenteil, ich fühlte mich gut unterhalten und konnte ganz gut ausblenden, dass dieser Maigret eigentlich nicht meinen Vorstellungen entspricht. Es spricht für die ursprüngliche Story, wenn man abschließend sagen kann, dass die Story auch ohne meinen »wahren Maigret« funktioniert.

Wirklich bemerkenswert ist übrigens, dass innerhalb von 90 Sekunden alles aufgeklärt ist und der Film zu Ende ist. Das nenne ich mal wirklich flott. Hercule Poirot hat in »Mord im Orient-Express« gefühlte 45 Minuten für die Abschluss-Szene benötigt.