Der Mann, der den Zügen nachsah

Da muss erst seine Firma Pleite gehen, damit Kees Popinga entdeckt, dass er eigentlich nicht für das gesellschaftliche Leben von Groningen geschaffen ist. Von da an lebt er sein Leben, verachtet alle gesellschaftlichen Konventionen und macht sich, seine Familie im Unwissenheit lassend, nach Paris auf.

Über die Story


Diogenes wird 50. Aus diesem Anlass wird eine Sonderedition veröffentlicht, mit den bekanntesten Autoren des Verlages. Es versteht sich, dass auch Simenon in dieser Reihe enthalten ist. Mit diesem Titel: andere hatte ich eher auf der Liste. Das mag natürlich auch ein kleines Vorurteil gewesen sein, denn den Roman hatte ich noch nicht gelesen. Jetzt, wo es passiert ist, weiß ich, warum man ihn ausgewählt hat - und es ist keine schlechte Wahl.

In Groningen zählen noch Anstand und Moral. Wer keine Arbeit hat, wird schräg angeschaut, wer dann noch, wie der Bruder von Kees Popinga, die Leute um Geld anbettelt, ist auf der untersten Stufe angekommen. Es wird darauf geachtet, dass ein jeder ein anständiges Familienleben führt. Kees Popinga führt ein solches Leben: eine nette Frau zu Hause, mit zwei Kindern, die in der Schule auch die geforderten Leistungen bringen, und einen »Job« bei der alten Familienfirma »Coster & Sohn«, die sich mit der Ausstattung von Schiffen beschäftigt. Er wird später noch häufiger darüber Grübeln, warum er ausgerechnet an diesem 22. Dezember noch einmal zu »Ocean III« aufbricht, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Denn was sollte sonst sein? Es ging immer alles in Ordnung.

Kees schnappte sich nach dem Abendbrot sein Fahrrad und fuhr zum Hafen. Auf dem Schiff traf er einen erregten Kapitän an, denn das Schiff, welches den Diesel bringen sollte, war nicht eingetroffen. Als Kees das Schiff verließ, war er äußerst erregt, denn er konnte nicht verstehen, wie ein solches Missgeschick passieren konnte. Er macht sich auf zu seinem Chef - de Coster -, traf diesen aber nicht zu Hause an. Auf der Suche, wo er ihn in der Gemeinde treffen konnte, stieß er an einem Ort auf ihn, wo er seinen Vorgesetzten am Allerwenigsten erwartet hatte: im »Kleinen Sankt Georg«. Es gab in Groningen solche Kneipen und solche: die einen sind schenken keinen Alkohol aus (sind also die guten) und die anderen schenken Alkohol aus (sind also solche), und werden von den Bürgern schief betrachtet. In einer solchen findet er, reichlich angetrunken, seinen Chef´, der ihm offenbart, dass die Firma Pleite ist und er vorhabe, einen Selbstmord vorzutäuschen, um sein Leben neu zu beginnen.

Kees Popinga hört sich das mit wachsendem Interesse und Entsetzen an und kehrt zurück. Er findet es merkwürdig, dass er während des Gesprächs seinem Chef böse war, aber kurz darauf zu Hause nicht mehr. Am nächsten Morgen steht er nicht auf, und sagt seiner Frau, er würde liegenbleiben, einfach so und NEIN, er wäre nicht krank. Sie versteht natürlich überhaupt nicht, aber er ist auch nicht gewillt, sie aufzuklären.

Der Zug hatte Groningen seit einer Viertelstunde verlassen. Da es halb fünf und bereits dunkel war, hatte man nicht die Möglichkeit, aus dem Fenster zu sehen.
Kees Popinga hatte in einem Abteil zweiter Klasse Platz genommen mit noch zwei weiteren Personen: einem kleinen schmächtigen Herrn, vermutlich ein Gerichtsvollzieher oder Bürovorsteher, und, in der Ecke gegenüber, eine Frau in einem gewissen Alter in Trauerkleidung.

Mit diesen Menschen zusammen verlässt Kees die Stadt, auf dass er große Abenteuer erlebe. Nicht, dass die anderen beiden auch darauf aus waren, Abenteuer zu erleben, vielmehr stehen sie für sein altes Leben in der Familie und der Groninger Gesellschaft, wo es das größte Abenteuer gewesen war, beim Schach im Klub zu betrügen. An der ersten Stelle steht für ihn nun Pamela. Als alte Bekannte kann er sie nicht bezeichnen, sie war in Groningen für gewisse Dienstleistungen zuständig, die Kees als braver Ehemann aber nie in Anspruch genommen hatte. Die ehemalige Geliebte von de Coster wohnte in Amsterdam und er dachte sich so, dass er ihre Dienste einmal in Anspruch nehmen würde. Er wird sogar von ihr empfangen, was schon ein Wunder ist, denn es ist nicht üblich, dass sie solche Buchhalter-Typen wie ihn empfängt. Schließlich wohnt sie nicht irgendwo, sondern in einem der besten Hotels am Platze. Leider geht alles schief, was man sich so vorstellen kann: als Kees das Hotel verlässt, ist die Pamela tot.

Er macht sich auf den Weg nach Paris, wissend, dass er nun als Mörder gesucht wird. Am Anfang genießt er es, glaubt sich der Welt, besonders den Frauen, überlegen. Aber ihm ist ein alter Bekannter auf der Spur: Kommissar Lucas, der in jeder Ausgabe der Zeitung verlauten lässt, dass er Kees Popinga demnächst festnehmen würde. Kees lebt am Anfang seinen Traum…

Später muss er ähnliches durchleben, wie »Der Mann auf der Straße«.

Was bleibt dem hinzuzufügen? Spannend bis zur letzten Seite…

Deutschsprachige Ausgaben

6 Ausgaben - erste Ausgabe: 1970 - letzte Ausgabe: 2011

1970

Der Mann, der die Züge vorbeifahren sah
Heyne (K109)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1981

Der Mann, der den Zügen nachsah
Diogenes (detebe 20815)
Übersetzung: Walter Schürenberg

1997

Der Mann, der den Zügen nachsah
Diogenes (detebe 20815)

2002

Der Mann, der den Zügen nachsah
Diogenes
Übersetzung: Linde Birk

2004

Der Mann, der den Zügen nachsah
Süddeutsche Zeitung (24)
Übersetzung: Linde Birk

2011

Der Mann, der den Zügen nachsah
Diogenes (detebe 24110)
Ausgewählte Romane – Band 10
Übersetzung: Linde Birk

Cinema & TV

The Man Who Watched the Trains Go By
[Der Mann, der sich selbst nicht kannte / Paris-Express]
1953 - USA
ein Film von Harold French
produziert von David Berman, Josef Shaftel, Ramond Stross
mit Anouk Aimée [Jeanne],
Marius Groing [Kommissar Lucas],
Claude Rains [Kees Popinga]

Hörspiele & -bücher

Der Mann, der den Zügen nachsah
1998 - SWF
von Walter Adler

Der Mann, der den Zügen nachsah
2019 - Der Audio Verlag
mit Christian Berkel