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Kurz und knapp

imageKürze hat ihre Würze, allerdings auch ihre Tücken. Einerseits gewährt einem die Biographie von Nicole Geeraert einen ersten Einblick in das Leben von Simenon, andererseits ist man ob mancher Verkürzung vielleicht verwirrt. Eines prägt die Biographie: Hier werden klare Worte zur Persönlichkeit gefunden.

So war diese Biographie auch mein erster Einstieg in die Welt des Lebens des Schriftstellers. Unumwunden muss ich zugeben, dass es mir eine hilfreiche Quelle in den ersten Tagen der Webseite gewesen ist und ich den einen oder anderen Fakt bei ihr nachgeschlagen habe. Das Leben von Simenon hat mich nicht so arg interessiert, als ich dafür großartig Geld ausgegeben hätte (das sollte sich erst mit der Zeit ändern), es schien mir aber ratsam zu sein, zumindest eine kleine Biographie auf der Webseite bereitzustellen. Sie ist immer noch zu finden in der kürzesten und knappsten Form, die man sich vorstellen kann. (Nun, nicht in der allerknappsten Form, aber immerhin.)

Was ich nie getan habe, war, die Biographie von Nicole Geeraert zu lesen. Das war wohl ein Fehler. Die Herren, die sich mit Simenon auseinandergesetzt haben, haben kritische Töne zum Leben und Werk nicht verschwiegen - allerdings ist die Sicht von Frau Geeraert eine ganz andere und zu manchem Wesenszug von Simenon nimmt sie viel klarer Position ein, als die Herren. Nehmen wir beispielsweise den berühmt (und berüchtigten) Punkt mit den zehntausend Frauen, diesem O-Ton aus dem legendärem Gespräch mit Fellini. Geeraert meint zu dem Thema, dass die Zahl vielleicht stimmen mag, findet die Äußerung selbst aber einfach nur pubertär. Wer das so sieht, liegt damit gar nicht mal so falsch.

Hier ein erweiterter O-Ton aus dem Kapitel Bildnis eines alten Mannes, oder: Der selbstsüchtige Riese:

Simenon ist in dieser Phase seines Lebens Multimillionär,und wenn er auch seiner Frau Denyse eine sehr hohe Monatsrente auszahlt, ist davon doch auf seinem Bankkonto so gut wie gar nichts zu spüren. Das, und warum er in eine Scheidung von Denyse nie eingewilligt hat, ist typisch für ihn.: Es wäre zu teuer geworden. Er hat gut reden in seiner “maisonnette rose”: dass er zu den kleinen Leuten gehöre, dass er überhaupt immer schon eine Neigung zu den Clochards gehabt habe, dass er eigentlich ein gewaltloser Anarchist sei, links von den Kommunisten, völlig antikapitalistisch, zugleich Menschen-Sammler und Schicksals-Flicker, dass er die Armee verabscheue, niemals das Pittoreske auf seinen Reisen gesucht habe, sondern den nackten Menschen, dass er nur das “Natürliche” liebe, nur die Wahrheit, und dass er nun, da er keinen Beruf mehr habe (!) und seine Zeit zu Hause verbringe, endlich sich selbst kennenlernen müsse.

All das ist Wunschdenken - ein Bild, das er von sich geben will. Die Wahrheit sieht ganz anders aus: er hat im Luxus gelebt, war in geschäftlichen Angelegenheiten von extremer Härte, stand in Verbindung zu den großen Persönlichkeiten der Literatur, Kunst und Medizin, hat - wie er in seinen Mémoires intimes zugibt - immer Respekt vor der Obrigkeit gehabt… [...] Außer in seinen Romanen ist es ihm nie gelungen, irgendein Schicksal zu flicken, im tatsächlichen Leben empfand seine Umgebung Simenons Persönlichkeit als erdrückend oder sogar zerstörerisch: ein Autokrat, der seine Frau dazu bringt, sich nicht mehr zu schminken, selbst aber bis ins hohe Alter seine Haare färbt, und dem nur zwei Frauen je Achtung eingeflößt haben: seine Mutter durch ihren Willen und seine Tochter durch ihren Freitod.

Von den Biographien, die in deutscher Sprache erschienen sind, habe ich nun Eskin noch nicht in einem Rutsch durchgelesen, sondern so verwendet, wie ich Geeraerts Biographie verwendet habe. Ich vermute an dieser Stelle aber schon einmal, dass wie bei den anderen beiden Biographien von Bresler und Marnham, solche Töne nicht zu finden sein werden.

Die Ausgabe, die mir vorliegt, hat 442 Fußnoten. Diese bestehen bis auf eine Ausnahme aus Verweisen auf die Quelle der Aussage. Da sich davon manchmal mehrere in einem Satz befinden, hat man darauf verzichtet, die Fußnoten auf der Seite direkt unterzubringen - zu Recht, denn der Informations-Mehrwert wäre gering. Somit sind wir bei dem ersten Kritikpunkt: Der Anhang des Buches ist so sortiert, dass zuerst die Fußnoten kommen, dann Zeugnisse, dann eine Zeittafel. Erst dann folgt die Bibliographie von Simenons-Werken und der verwendeten Sekundärliteratur. Die Folge ist eine wilde Hin- und Herblätterei, weil man die Zwischen-Informationen immer überspringen muss. Ein wenig mehr Überlegung, könnte dem informationswütigen Leser diese Ungemach ersparen.

Nun besteht das Buch gerade mal aus 160 Seiten. Davon ist ein großer Teil (fast 45 Seiten) Anhang. Also liegt die Stärke dieser Biographie wirklich in ihrer Kürze. Man kann sich einen Überblick über den Autoren verschaffen. Jetzt der Autorin vorzuwerfen, dass die Biographie dem Leben von Simenon in dieser Kürze nicht angemessen wäre, wäre ausgemachter Blödsinn.

Was aber irritierend ist: Manchmal scheinen die Jahre regelrecht eingedampft zu werden, Fakten leider auch. Ein kleines Beispiel: Geeraert schreibt, dass Simenon im September 1921 nach Paris geht, zur Hochzeit zurückkehrt und dann geht es zurück nach Paris. Wenn ich es bisher richtig verstanden habe, tritt Simenon im Dezember 1920 seinen Wehrdienst an, der ein Jahr dauert, er wäre also im Dezember fertig und begibt sich dann nach Paris. Régine hatte er auch nicht in seinen Lütticher Künstlerkreisen kennengelernt, sondern sie war die Schwester einen Kompagnons aus diesen Kreisen - dass sie dieser Gruppe angehört hätte, davon habe ich bei den anderen Biographen bis dato nichts gelesen.

Der Untertitel der Publikation lautet in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Gerade der erste Aspekt trifft es ziemlich genau, denn durch die häufige Verwendung von Zitaten wird der Lesefluss etwas gestört. Natürlich weiß ich, dass man auf diese Art und Weise eine direkte Referenzierung auf die Quellen möglich ist, aber eine spannende Geschichte wurde auf diese Art aus dem Leben von Simenon nicht. Dagegen haben mir die Zusammenfassungen zu Maigret und auch die Zusammenfassung des literarischen Schaffens und seiner Bewertung sehr gut gefallen.

Die Biographie erschien 1991 in der Reihe Rowohlt Monographien. Das Buch ist antiquarisch noch recht häufig zu bekommen und gilt mir nach wie vor als günstiger und erster Einstieg für diejenigen, die sich näher mit dem Leben von Simenon beschäftigen wollen.

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Kürze hat ihre Würze, allerdings auch ihre Tücken. Einerseits gewährt einem die Biographie von Nicole Geeraert einen ersten Einblick in das Leben von Simenon, andererseits ist man ob mancher Verkürzung vielleicht verwirrt. Eines prägt die Biographie: Hier werden klare Worte zur Persönlichkeit gefunden.
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Auf der Suche nach dem nackten Menschen

Fenton Bresler schrieb die erste Biographie über Georges Simenon – dies noch zu dessen Lebzeiten. In den Mittelpunkt stellt er den Menschen Simenon und nicht dessen Werk. Insofern finden sich in dem Buch verhältnismäßig wenig Informationen und Wertungen zum literarischen Werk des Autoren.
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Artikelhistorie

Monographie

Sicher nicht ganz unbekannt ist die Tatsache, dass der Rowohlt-Verlag 1991 eine Monographie über Simenon herausgebracht hat. Weniger bekannt ist sicher, dass dies die erste Biographie war, die ich mir zum Thema Georges Simenon gekauft hatte. Zugegeben ist dann auch recht unwichtig, dass ich jetzt ein Geständnis veröffentlicht habe: Ich habe diese Biographie in diesen Tagen das erste Mal vollständig gelesen.

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Erstellt: 09.01.2009

Letzte Änderung: 09.01.2009