Unterschrift

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Man lehnt sich nicht sehr wie aus dem Fenster, wenn man behauptet, das Louis C. Taylor in Simenons Leben keine Rolle spielte. Umso erstaunlicher ist es, dass ich bei der Geschichte dieses Mannes hängen blieb, der wahrlich einem Simenon-Roman entsprungen sein könnte. Der Berührungspunkt ist ein Hotel namens »Pioneer« in Tucson, in welchem Simenon im Jahr 1947 nach seiner Ankunft in der Stadt logierte.

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Dieses Hotel wurde 1929 erbaut und war Tucsons erstes Hochhaus. Simenon sprach davon, dass es sich um ein Hotel aus den Anfängen des Jahrhundert handeln würde – in dem Fall müsste man das Wort »Anfang« noch einmal neu definieren und als Simenon die »Intimen Memoiren« verfasste, was das Hotel-Gebäude knapp fünfzig Jahre alt. Für ein Hotel-Gebäude ist das eigentlich kein Alter.

Schnell wurde das Hotel zum Mittelpunkt des Business Districts von Tucson und in ihm verkehrte die bessere Gesellschaft der Stadt.

Mir scheint es so, als wäre es ein sehr schnell gefasster Entschluss von Simenon gewesen, da er selbst schreibt, dass er die Stadt noch gar nicht weiter besichtigt hatte. Marc schien es aber zu freuen, dass sein Vater endlich eine Platz gefunden hatte, an dem er zur Ruhe kommen wollte. (Ein sehr relativer Begriff, wie ich wohl zugeben muss.)

Und Taylor?

Dreiundzwanzig Jahre später, Simenon war schon lange Zeit wieder in Europa und sein Karriereende als Schriftsteller nahte, kam es im »Pioneer Hotel« zu einem Brand. Bei dem Brand kamen 29 Menschen ums Leben. In Arizona hat bisher kein Brand mehr Opfer gefordert. Als Brandstifter wurde der damals sechszehnjährige Louis C. Taylor festgenommen, angeklagt und verurteilt. Er verbrachte für das Verbrechen über vierzig Jahre im Gefängnis.

Eine Gruppe von Rechtsanwälten nahm seinen Fall wieder auf, stellte eine Reihe von Merkwürdigkeiten fest und schließlich kam der Mann frei. So gab es einen Gutachter, der im Prozess festhielt, dass dieses Verbrechen von jemanden verübt worden sei, der schwarz gewesen sein müsste (was auf Taylor zutraf). Ein anderer Gutachter sprach davon, dass ein Brandbeschleuniger verwendet worden wäre. Die damaligen Verteidiger von Taylor hatten jedoch keinen Zugriff auf die Testresultete. Zudem fiel seine Verhandlung und Verurteilung in eine Zeit von Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen – er wurde von einer rein-weißen Jury verurteilt. Seine Chancen fair behandelt zu werden, waren nicht sehr groß.

Nach seiner Freilassung schafft er es noch zweimal in die Schlagzeilen: Sein Versuch, eine Entschädigung für die Jahre im Gefängnis zu bekommen, scheiterte aus formalen Gründen. Schließlich hatte er nicht eine Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt und so einen Freispruch erwirkt, so dass er – so interpretiere ich das – formal noch als schuldig gilt. Die Staatsanwaltschaft ist heute noch der Meinung, dass man Taylor zu recht verurteilt hat. (Ein neues Verfahren war wohl deshalb schon schwierig, da alle Zeugen mittlerweile verstorben waren und das Beweismaterial nicht mehr existierte.)

Vier Jahre nach seiner Freilassung wird er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls inhaftiert.

Das kann man nun drehen und wenden wie man will – die Hoffnung, dass die Geschichte mit einem Happy-End hat, sind sehr, sehr gering.

Der eigentliche Anfang

Das Kapitel beginnt aber nicht so, denn der Einzug in Tucson ist das Ende des Kapitels. Erst berichtet Simenon davon, dass er mit Marc im Juni 1947 auf einem Boot auf einem Fluss unterwegs war, und sie beobachteten, wie ein Mann mit einem Alligator kämpfte. Marc war ziemlich beeindruckt, auch wenn das eine Show war und der Mann das mindestens dreimal am Tag machte. Es gab natürlich die Chance, dass irgendwann auch mal ein Alligator gewinnen würde – aber es ist davon auszugehen, dass der Mann genau wusste, was er tat.

Wir waren vor fast fünfzehn Jahren auch einmal in der Gegend und haben eine solche Fahrt mitgemacht. Der Fluss war recht trüb und es hätte sich nicht gelohnt, in ein Boot mit Glasboden zu investieren, aber Alligatoren gab es genug. Unserer Guide verriet uns, dass sie die Alligatoren mit Marshmallows anlocken. Davon könnten die Viecher sehr viel verschlingen, ohne dass sie satt würden. Bei einem Zucker-Anteil von 75%, dürfte das für die Alligatoren-Figur nicht so gut sein. Früher, so meinte er, hatte man Hühnchen-Fleisch verfüttert, das hätte die Alligatoren dann aber satt gemacht und wenn sie satt wären, kämen sie nicht mehr zu den Touristen. Marshmallows sehen wie Hühnchenfleisch aus und sind natürlich viel billiger.

Beeindruckend war gewesen, dass der Guide einen Alligator ganz dicht an das Boot kommen ließ und dann sehr, sehr schnell dem Alligator unter das Maul griff, worauf dessen Frontpartie sich aus dem Wasser hob. Der Guide drückte nun dem Reptil einen Schmatzer auf die Schnauze und ließ dann von dem Tier ab. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es wirklich eine romantische Beziehung zwischen dem Alligator und dem Guide gab, die über die Marshmallows hinausging. Uns erklärte er, dass zwei Voraussetzungen überlebenswichtig für diesen Stunt sind: Es muss ich um ein altes (sprich bequemes) Tier handeln – die jungen Alligatoren würden sich das nicht gefallen lassen – und man muss den richtigen Punkt treffen, denn wenn man den Punkt trifft, kann das Tier sein Maul nicht mehr öffnen.

Eine plausible Erklärung, nachvollziehbar – ich würde trotzdem nicht anfangen wollen, das zu trainieren.

Auto ohne Namen

Simenon war mit Marc in der Stadt, wahrscheinlich – wie er sagt – um Angel-Material zu holen. Im Schaufenster einer Autowerkstatt sahen sie ein brandneues Modell eines Autos. Uns wird einiges verraten: sehr lang, tiefergelegt und himmelblau. So sieht es aus. Es hört sich auch ein wenig so an, als wäre es ein Cabrio, da Simenon ein wenig später schreibt, dass man das Dach herunterlassen konnte. Es gab zahllose Knöpfe und das Auto war schnell von interessierten Autoliebhabern umringt und natürlich von Bengeln, die bei jeder Gelegenheit versuchten, irgendetwas anzufassen oder zu drücken. Elektrische Wagenheber hatte es und – eine Investition, die im Süden ein wenig überkandidelt scheint – Sitzheizung, sogar auf den Rücksitzen.

Marc wird, lustige Geschichte am Rande, Opfer dieser. Er beklagt sich, dass ihm ständig heiß sei und es brauchte eine Weile, ehe der Vater dahinter kam, dass irgendeiner (vielleicht einer dieser vorwitzigen Bengel), den Knopf gedrückt hatte, der die Sitzheizung einschaltet. (Ist übrigens ein lustiger Scherz, den ich heute noch gern treibe.)

Ich habe in dem Kapitel übrigens nicht die geringste Spur gefunden, was für ein Auto das gewesen ist, das Simenons dort bar bezahlend spontan gekauft hat.

Stolperstein

Als ich das Kapitel las, war sich wirklich gespannt, wie die Neuübersetzung mit der folgenden Passage umgehen würde:

Dort hatten wir ein junges Dienstmädchen mit schwarzer Haut, das morgens kam und von uns am späten Nachmittag ins Negerviertel von Brandenton zurückgebracht wurde.

Die Antwort auf die Frage ist einfach: unverändert. Das hat mich ein wenig überrascht.

Simenon erzählt, dass Denyse das Hausmädchen, welche zwei Kinder hatte, einmal fragte, ob sie nicht Marc und ihre beiden Kinder ins Kino in der Stadt bringen möchte. Es kam die verlegene Antwort, dass das nicht möglich sei – sie käme nicht in das Kino.

Kuba

Den Mann hatte es also auch mal nach Kuba verschlagen. In der Lebens- und Urlaubsplanung mag das jetzt nicht zwingend gewesen sein, aber der Zufall wollte es, dass Simenon einen Mann traf, der bei der amerikanischen Einwanderungsbehörde tätig war. Der gab ihm, nach einem Blick in den Pass zu verstehen, dass er Gast in den USA sei und keinesfalls das Recht hätte, sich dort unbegrenzt aufzuhalten. Das Visum wäre an einen Auftrag gebunden und damit zeitlich befristet. Sein Rat war es, sich ins Ausland zu begeben, und dort in der amerikanischen Botschaft ein reguläres Visum zu beantragen.

Da sie in Florida waren, bot sich Kuba dafür an und sie machten es sich da schön. Simenon berichtet, wir schreiben immer noch das Jahr 1947, dass alles fest in amerikanischer Hand war und Syndikaten gehörte. (Castro machte dem Jahre später ein Ende und wenn man sich die gegenwärtige Politik der Amerikaner anschaut, hat man den Eindruck, dass sie den Verlust immer noch nicht richtig verkraftet haben.)

Auf konsularischer Ebene lief nicht alles so wie geplant. Der amerikanische Botschafter wollte erst einmal bestätigt haben, dass der Auftrag beendet worden ist. Erst dann, seine Erklärung, könnte man ein neues Kapitel aufschlagen. In Paris, an das Simenon sich daraufhin wandte, erinnerte man sich jedoch nicht mehr, einen solchen Auftrag erteilt zu haben. Statt Tagen war die Familie nun Wochen auf Kuba.

Eines Nachmittag beschlossen D. und ich, eines der drei Luxusbordells zu besuchen.

​Naiv, wie ich manchmal bin, dachte ich: »Naja, vielleicht gibt es da die besseren Drinks.« Das war ein Irrtum.

Wir suchten uns zwei junge Frauen aus, eine Blonde von irgendwoher und eine schöne, sinnliche Mulattin.

​Achso.

Kurz darauf tobte ein Sturm. Im Hause Denyse-Georges gab es eine Krise, Simenon konnte jedoch sich nicht mehr erinnern, was der Auslöser war. Denyse verließ demnach das Haus und ging in den Ozean, schwamm jedoch nicht, sondern ließ sich einfach treiben. Simenon brachte sie mit Gewalt wieder an Land und sie sagte ihm, sich wehrend, dass sie sterben wolle.

Kurz darauf gibt es die gewünschten Unterlagen und man kehrte in die USA zurück.

Durch Louisiana ging es bis nach Texas. In Dallas, so wird uns hier versichert, waren alle junge Frauen hübsch, sogar die Serviererinnen in den Cafeterias. Simenon stellte dem Oberkellner eine Frage zu dem Thema und bekommt von ihm bestätigt, dass sich in diesem Landstrich die schönsten Frauen aufhalten würden. Ich bin ja der Meinung, wenn Simenon die gleiche Frage einem Oberkellner in Kiel stellen würde, bekäme er die gleiche Antwort. Bei einem Kellner sähe es schon wieder ein wenig anders aus.

Die Fahrt von Dallas ging es dann weiter Richtung Arizona und damit wären wir am Anfang dieses Beitrags angelangt…