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Die Reise (VIII)
Nachdem der letzte Teil mit Cliffhangern endete, bekommen wir Auflösungen. Unweigerlich bewegen wir uns auf den Höhepunkt zu und ich war geneigt zu sagen, da werden die letzten Seiten langweilig auslaufen, da packte der gute Sim eine Schippe Spannung drauf. In diesem Teil werden durchaus Strippen entwirrt. Und neue Knäuels angelegt.

Da war dieses Monster. Als Leser:in ist einem kaum klar: Ist es ein Tier, ein Monster, ein verkommener Mensch. Die Schilderung von Simenon ist an der Stelle bewusst unklar. Denn dieses Wesen hatte scheinbar übermächtige Kräfte, die allerdings gar nicht zu dem geschilderten Erscheinungsbild passten. Einerseits Haut und Knochen, andererseits befähigt es ohne Probleme mit Little Root aufzunehmen, der vor meinem geistigen Auge als durchaus starker Mann erschienen war.
Dieses Monster löste in diesem Kapitel etwas in dem Erwachsenen in der Runde aus, denn er meinte sich plötzlich zu erinnern:
Durch eine plötzliche, jähe Bewegung hatte sich das Ungeheuer von seinen Gefangenen abgewandt. Es war zu dem neuen Ankömmling hinübergelaufen. Sein Kinn ruhte auf seinen beiden Händen.
»John!... John!...« wiederholte er.
Doch zweifellos war er zu einer so langanhaltenden Anstrengung nicht imstande, denn er brach erneut in sein krampfhaft-wahnsinniges Lachen aus.
»Ein Gespenst...«, erklärte Little Root mit furchtsamer Stimme. »Ich schwöre Ihnen, dass das ein Gespenst ist... Denn das ist John der Erste... Und John der Erste ist hier gestorben, vor langer Zeit... Ich... ich... ich ...«
habe ihn sterben... sterben sehen...
Haben die geschätzten Leser:innen bis zu dieser Stelle angenommen, dass es sich um ein Tier, ein Monster oder einen verkommenen Menschen handelt, dann wirft Simenon nun eine ganz neue Option in den Ring: ein Geist! Damit bekommt die Geschichte, die als Abenteurer-Reise begann, einen ganz anderen Dreh. Wird Simenon uns nun mit einer Gruselgeschichte beglücken?
Nein, ist die Antwort, denn das Wesen schwebte nun nicht wie das kleine Gespenst Caspar durch unsere Protagonisten. Vielmehr setzte es Erinnerungen in Gang und Jean bekam die unverhoffte Gelegenheit, das Gedächtnis von Little Root auszuforschen. Einmal mehr überrascht Jean uns, denn die junge Frau schien mehr zu wissen, als wir bisher ahnten. Ihr war John der Erste durchaus ein Begriff. Bei ihm handelte es sich um den Kapitän der Mannschaft … aber Moment, war das wirklich so?
Die Geschichte des Kochs
Wir haben schon so manche verrückte Wendung in dieser Geschichte miterlebt. Ohne Zweifel ging das schon im ersten Kapitel gut los. Insofern ist erwartbar, dass auch im dritten Teil wirklich dramatisches geschieht. Little John fing an zu erzählen: Die »L’Éléphant Blanc« war ein stinknormales Schiff gewesen. Es transportierte Waren von A nach B und von dort ging es nach C. Nichts verbotenes, gewöhnlicher Handel. Das sollte sich mit dem Tag ändern, als sie einen Schiffbrüchigen aufnahmen. Der Mann war komisch, aber hilfsbedürftig. Er hieß John. Schon bald tat er sich auf dem Schiff mit einem anderen Mann zusammen: John. Beim Lesen kann einen das ordentlich durcheinanderbringen, wenn von nun an irgendjemand »John!« ruft, denn welcher John ist gemeint, der Geist-John oder der Kapitäns-John, wobei, das macht einen völlig konfus, denn wer ist denn der Kapitäns-John, vielleicht John, der Erste.
Was für ein Vergnügen!
Also John und John taten sich zusammen und der neue John hatte etwas mit an Bord gebracht, das sich als wahnsinnig effektiv erweisen sollte: Gift. Als das Abendessen für den Kapitän und die Offiziere der »L’Éléphant Blanc« zubereitet wurde, schlich er sich in die Küche und mischte sein Mitbringsel unter das Ragout. Der Koch bekam das mit, wurde aber sogleich mit dem Tod bedroht und hielt deshalb die Klappe.
John und John meuterten ohne, dass ein Blutstropfen vergossen wurde. Aber bei Vergiftungen fließt ja normalerweise auch kein Blut. Tote gab es trotzdem. Den beiden schwebte nicht vor, nun mit dem Schiff auf eigene Rechnung Handel zu treiben. Sie hatten sich einen anderen maritimen Erwerbszweig ausgesucht: die Piraterie. Das kam nun nicht sehr überraschend, schließlich konnten die Leser:innen im ersten Teil schon erleben, wie effizient die Mannschaft andere Schiffe kaperte und wie wenig Skrupel sie dabei hatten, sich der anderen Mannschaften zu entledigen.
Das Vergiften der Führungsriege war kein Geheimnis gewesen, das Wissen des Kochs um die Tat war keine Gefahr. Wer aus reinem Eigennutz drei Männer umbringt hat wenig Skrupel und wird sich um die Meinung anderer nicht scheren. Trotzdem war John von dem Koch, der Darbier hieß, schnell genervt. Das mochte auch daran liegen, dass sich Darbier schnell positionierte – gegen den neuen Kapitän John, der Erste. Der Mann wollte nur zurück in die Heimat, wollte seine Familie wiedersehen.
Der Rest der Mannschaft wollte nicht zurück in die Heimat. Fette Beute machen, war die Devise und wie ein Mann folgte die Mannschaft der neuen Führungsriege. Vielleicht ist das falsche Formulierung, wenn einer – der Koch – aus der Reihe tanzt. Aber es waren Ergebnisse, wie bei den Wahlen zum ZK in China. Fast einstimmig. Die Lernkurve als Piraten war offenbar steil und schnell wurde reichlich Beute gemacht. Das Schiff war bald randvoll mit Beute und es musste sich ein Lager gesucht werden. Fündig wurde man auf der Insel, auf der die Verdammten bei der späten Reise landeten. Da gab es eine Höhle, in der man das Beutegut hervorragend bunkern konnte.
Für Darbier sah es lange Zeit nicht danach aus, als würde er zurückkehren können.
Jean
Lange Jahre wuchs Jean ohne Vater auf. Die Mutter musste in einer Fabrik arbeiten. Alles war grau, alles war ärmlich – nicht gerade das Bild, das viele von uns von San Francisco haben. Kein Zuckerschlecken.
Eines Tages stand ein Mann in der Tür. Die Mutter erkannte ihn, fiel ihm um den Hals. Er stieß die Mutter zurück und stammelte: »Ich habe einen Menschen getötet!« Der Mann – Darbier – schien untröstlich. Mit einem gewissen Respekt fragt man sich: Mann, du warst bei Piraten, und hast in der ganzen Zeit nur einen anderen Menschen umgebracht? Wie hast du das geschafft?
Und er erzählte seine Geschichte seiner Frau und seiner Tochter …
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Das Verbrechen des Kochs?
Die Mannschaft war so erfolgreich gewesen, dass sie ans Aufhören dachte. Ein Leben als Rentiers, das wäre doch was. Natürlich nicht auf einer schäbigen Südsee-Insel, sondern zu Hause in den Vereinigten Staaten. John, der Erste war von der Geschäftsaufgabe nicht überzeugt, aber Master John konnte sich mit dieser Idee nach einiger Zeit anfreunden.
So kam es, dass Master John verkündete:
»Sobald wir diesen Mann losgeworden sind, teilen wir die Beute... Aber wenn ihr jetzt mit der ganzen Beute abreist, was wird dann geschehen?... Es gibt sechsundneunzig Chancen von hundert, dass in ein paar Jahren alles verprasst ist... Ich schlage im Gegenteil vor, hier die Hälfte des Schatzes zu lassen... In fünfzehn Jahren werden wir uns in San Francisco wiederfinden und gemeinsam aufbrechen, um den Rest zu holen...«
Es gab Beifall. Einige waren enttäuscht, aber angesichts von Master John, den Augen voller Blut, dem schrecklichen Blick, hatten die blutbefleckten Matrosen keine Lust zu widerstehen.
»Es bleibt nur noch, diesen Kameraden zu beseitigen!« artikulierte er und zeigte auf John den Ersten...
Und da, fuhr Darbier fort, funkelten seine Augen, als sie sich auf mich richteten.
»Übernimm du die Aufgabe, Koch!« befahl er mir. »Ein Messerstich mitten ins Herz... Es sei denn, du ziehst das Erdrosseln vor ...«
Darbier meinte, dass er auf seinen Teil an der Beute verzichten würde, wenn er John, den Ersten nicht umbringen müssen. Aber Master John entgegnete, es sei in Ordnung, wenn er auf seinen Teil verzichte. Aber das habe nichts mit seiner Aufgabe zu tun. Umbringen müsse er den Mann trotzdem. Der Koch zögerte, zögerte und sah dann ein Beil heruntersausen, das ihm seinen Arm abtrennte. Master John machte dem geschockten Mann die Ansage, dass wenn er seinen Job nicht erledigen würde, er auf jeden Fall auch seinen zweiten Arm verlieren würde.
So brachte er John, den Ersten um.
Zumindest glaubte er das … und Little John offenbar auch.
Master John
Der Vorsteher einer dezimierten Mannschaft hatte auch seine ganz eigenen Probleme. Sie betrafen auch den Geist.
Aber nicht nur.
Bei der Annäherung an das Ufer wurden sie beschossen. Master John wusste nicht von wem, aber er hatte eine Idee. Die noch tauglichen Männer wurden auf der Seite, die der See zugewandt war, herabgelassen und schoben das Boot in Richtung Ufer. So hatten sie eine Barriere, die sie vor den Angriffen schützte. Ein richtig guter Plan, mit dem der Mann einmal mehr seine Genialität bewies. Er spornte seine Männer an, gab alles und plötzlich machte es – ich sag es mal ganz unseemännisch – plopp und die »Cobra« segelte einfach so davon, am Steuer Norcklid. Wenigstens einer hatte sein Ziel erreicht. Weg von der Insel.
Für Master John war es blöd, denn plötzlich war er ohne Deckung und seine Männer waren dem Pfeil-Hagel des ungeheuerlichen Wesens ausgesetzt, der offenbar ganz profan materielle Waffen einsetzte. An der Stelle könnte ich mich darüber empören, wie wenig empathisch und skrupellos der Anführer war. Aber ist das was Neues? Nein, denn so haben wir ihn als Leser:innen kennengelernt, so hat er in uns Gefühle der Verachtung, ja vielleicht sogar von Hass geweckt.
Aber wir werden belohnt! Denn nachdem er seinen Gegner ausgetrickst hatte, kommt es zu einer Verfolgungsjagd und am Ende gibt es ein Knäuel von den beiden Männern, die am Strand um Leben und Tod kämpfen. Master John erkennt, mit wem er kämpft und nun kann er seine Männer nicht mehr anstacheln, ihm zu helfen, denn die glauben, er würde mit dem Geist von John, dem Ersten kämpfen und ergreifen die Flucht.
Dann werden die beiden – und das kam wirklich sehr überraschend – vom Kiel der »Cobra« überfahren. Ob die beiden – der Quasi-Geist und der verlassene Master - das überlebt haben? Wir werden es vielleicht im nächsten Kapitel erfahren.


Dieses umfassende Werk vereint detaillierte Informationen über Simenons Werk, und ist ein unverzichtbares Nachschlagewerk für Sammler und Fans. Der erste Band der Simenon-Bibliografie – über die Maigret-Ausgaben – erschien am 31. Mai 2024.