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Ein Seher?


Der Mord selbst blieb ungesühnt. Über Jahre wurde spekuliert, wer den bekannten Schauspieler und Regisseur William Desmond Taylor umgebracht haben könnte. Es gab einige Verdächtige, aber keinem konnte der Mord nachgewiesen werden. Ein Rätsel, mag mancher meinen. Aber ein Geheimnis war lange Zeit nicht nur der Tod des Mannes ...

Taylor wurde 1872 als William Cunningham Deane-Tanner in Irland geboren, in einer kleinen Stadt. Die Familie verließ die grüne, aber arme Insel kurz nach der Geburt von Taylor. Er wuchs in den Vereinigten Staaten auf. Geplant hatte der junge Mann eine Militärkarriere, ganz wie sein Vater. Da er den Aufnahmetest nicht bestand, musste er sich anderweitig orientieren und zog deshalb nach New York. Liest man die Berichte, so hört es sich so an, als ob die Heirat mit Ethel May Harrison ein sozialer Aufstieg gewesen sei. Schließlich war sie das Kind eines wohlhabenden Börsenmaklers. Er arbeitete in einem Antiquitätenladen und alles ging seinen Weg einschließlich der Geburt einer Tochter. Man hat die perfekte Familie vor den Augen.

Aber Taylor verschwand nach sieben Jahre Ehe. Er meldete sich telefonisch und verlangte (oder wünschte) 600 Dollar, die man ihm zusandte. Dann hörte man nichts mehr von ihm. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens war er 36 Jahre alt. Man sollte meinen, dass Menschen in einem solchen Alter vernünftige Entscheidungen treffen. Andererseits, wenn das so wäre, wo blieben spannende Geschichten wie diese.

Ihn zog es weg von der Ostküste und er wurde an den verschiedensten Orten bis hoch nach Alaska gesehen. Würde ich mein bisheriges Leben als Antiquitätenverkäufer aufgeben, so wäre ein Leben als Bergarbeiter nicht die erste Wahl. Schon gar nicht, wenn ich einen begüterten Schwiegervater hätte. Aber der Ire entschied sich dafür und machte in diesem Abschnitt seines Lebens seine ersten Erfahrungen als Laienschauspieler. 

Seine Frau hatte 1912 die Faxen dicke und ließ sich scheiden. Er dagegen ergatterte in diesem Jahr seine erste Filmrolle und schlug, mittlerweile 40, eine ganz andere Laufbahn ein. Fünf Jahre schauspielerte er in Hollywood-Produktionen, führte auch Regie in einigen Streifen. Dann konzentrierte er sich vollständig auf die Regiearbeit.

Der Erfolg und Tod

In Hollywood arbeitete er nicht unter dem Namen, unter dem er in New York geheiratet hatte und bekannt war. Hier war er als William Desmond Taylor präsent – auch nicht eben ein griffiger Name. Er galt als einer der profiliertesten Regisseure von Paramount, ebenso war Taylor der Präsident der »Directors Guild of America«.

Er war beliebt, was unter anderem darauf zurückzuführen war, dass er sehr umgänglich war und mit seinen Stars pfleglich umging.

Trotzdem war er eines Tages, die Fünfzig hatte er nicht ganz erreicht, tot. Die Nachricht musste sich wie ein Lauffeuer in Hollywood verbreitet haben. Als die Polizei eintraf, waren schon diverse Herrschaften damit beschäftigt, seinen Nachlass zu sortieren. In diesem Fall hieß das, dass die Leute beispielsweise Papiere verbrannten. Das nahm die Polizei offenbar ganz locker hin und die Situation änderte sich erst, als man ihn für den Abtransport aufhob und dabei – rein zufällig – feststellte, dass Taylor nicht eines natürlichen Todes gestorben war, wie man angenommen hatte. Das Einschussloch in seinem Rücken wies darauf hin, dass zumindest eine Person in Hollywood ihn nicht mehr sehen mochte.

Viel Fantasie muss man nicht haben, um sich vorzustellen, dass eine solche Tatsache die Nachricht für die Medien gehörig aufwertete. Aus der traurigen Angelegenheit wurde eine Affäre.

Mabel

Was war vor seinem Tod passiert? Stinknormal war der Tag gewesen: Taylor war in Meetings. Hatte sich um den passenden Schnitt für seinen letzten Film beschäftigt. War auf der Suche nach einem Geschenk für einen seiner Stars – Mabel Normand. Es sollte ein Buch werden. Am Abend besuchte sie ihn und nahm Präsent entgegen. Er begleitet die Freundin an die Tür, fing an, sich um seine Steuern zu kümmern und kam dabei ums Leben. Nicht, dass auf seinem Totenschein gestanden hätte, dass ihn die Steuererklärung umgebracht hätte ...

Die letzte Person, die ihn erklärtermaßen lebend gesehen hatte, war Mabel Normand.

Mabel war eine schillernde Persönlichkeit dieser Zeit und gilt als der erste weibliche Filmstar. Zu der Zeit war sie drogenabhängig und häufig krank. Taylor unterstützte sie beim Entzug und war das, was man einen guten Freund nennt. 

Sie war schon berühmt, da sprach noch keiner von späteren Filmpartnern wie Chaplin oder Arbuckle. Chaplin war und blieb sauber, aber Arbuckle! Der war Anfang der 1920er-Jahre in einen handfesten Skandal verwickelt und wurde der Vergewaltigung und des Mordes beschuldigt. Erst die dritte Jury kam zu einem eindeutigen Urteil: Freispruch. Aber der Ruf von Arbuckle war derart lädiert, dass er vor den Trümmern seiner Karriere stand. Begleitet wurde dies von einer Medienkampagne, die sich auf Hollywood, das wilde Leben und die üble Moral eingeschossen hatte. Mabel Normand war eine Freundin und Filmpartnerin von Arbuckle und es blieb nicht aus, dass durch diese Empörungswelle auch ihr Ruf litt.

Nun stelle man sich vor: Die letzte Person, die Taylor lebend gesehen hatte, war Mabel Normand gewesen. Die Spannung ist kaum auszuhalten, deshalb will ich es kurz machen und vermelden, dass ihre Karriere damit vorbei war. Nachdem ihr Chauffeur sah erdreistete und einen Liebhaber Mables anschoss, war es endgültig aus. Die Öffentlichkeit hatte sie endgültig verurteilt.

Sie führte eine unglückliche Ehe, ihre Krankheit machte ihr weiter zu schaffen und letztlich verschied sie im Alter von 37 Jahren an Tuberkulose.

Mary

Bei der Durchsuchung von Taylors Haus fand man Unterwäsche mit dem Monogram »MMM«, das passte nicht zu Mabel Normand. Dafür aber sehr gut zu dem Namen Mary Miles Minter. Anfangs war es noch eine Arbeitsbeziehung, denn auch Minter war Schauspielerin, die Tochter eine Broadway-Schauspielerin. Aber blieb es dabei?

Sie spielte in ihren Filmen das brave Mädchen, auf diese Rolle war sie festgelegt und das funktioniert auch noch, als sie zwanzig Jahre alt war. Die Briefe, die man bei Taylor von ihr fand, warfen ein ganz anderes Licht auf die junge Frau. Das passte nicht zu dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hatte und welches ihr Management (also ihre Mutter) zu pflegen schien. Ihr Image war durch die Vorfälle in Mitleidenschaft gezogen worden und damit war auch ihre Karriere irreparabel beschädigt. Geholfen hat dabei nicht, dass man herausfand, dass ihre Mutter – karriere- und geldgeil – dafür sorgte, dass ihre Tochter älter gemocht wurde, nur damit sie eine Arbeitserlaubnis bekam. Dazu gab sie ihr die Identität einer früh verstorbenen Nichte. Für die Presse war das ein gefundenes Fressen.

Der letzte Film, den sie drehte, wurde 1923 aufgeführt. Ihr Vertrag wurde nicht verlängert. Sie starb 1984 im Alter von 82 Jahren – immer noch begütert. Das Geld, was sie während ihrer Karriere verdient hatte, war offenbar gut angelegt worden.

Mary Miles Minter, nicht direkt des Mordes verdächtig, sollte später nochmals eine Rolle spielen.

Auch verdächtig

Die Polizei war der Meinung, dass Edward Sands gut den Mörder geben könnte. Er war ein ehemaliger Sekretär des Regisseurs und hatte ihn bestohlen: Das Scheckbuch hatte er mitgehen lassen, ein paar Wertsachen und ein Cabriolet der Oberklasse. Das war Monate zuvor gewesen und warum hätte Sands zurückkommen sollen? Zwischen Diebstahl (es war noch nicht einmal Raub) und Mord liegen Welten. Man hielt ihn zeitweise für den Bruder von Sands. Aber auch das war eine »Ente«.

Die ganze Sache ist sehr undurchsichtig, denn es wird auch berichtet, dass Sands versucht habe, Taylor zu erpressen. Er würde den richtigen Namen von Taylor kennen. Man fragt sich, was das Taylor hätte anhaben können: Frau und Kind verlassen, das mag nicht fein gewesen sein, es hätte seinen Ruf aber nicht wirklich ruiniert. Der Mann war in Hollywood, da war Übleres erforderlich, um von den Studios verstoßen zu werden.

Einige sind der Meinung, man hätte ihn tot in Connecticut gefunden; andere vermuten, man hätte ihn nie gefunden. Einen Haftbefehl wegen Mordes hat die Polizei nicht ausgestellt.

Der King und die Geliebte

Achtzig Kilometer südöstlich von Houston liegt Galveston. Dort wurde 1894 ein Kollege von William Desmond Taylor geboren, der den Namen war King Wallis Vidor trug. Es ist gewiss nur ein kleiner Zufall, dass aus diesem Ort der hier häufiger angeführte Sheldon Cooper stammt – mit dem Fall hat das überhaupt nichts zu tun. Besagter Vidor war am Tag des Verbrechens nicht in der Stadt, sondern hatte praktischerweise einen Dreh mit seiner Kollegin und Geliebten Colleen Moore.

Vielleicht war der Mord an Taylor ein bisschen zu viel des Guten gewesen, die Stimmung im Land war gekippt. Man war nicht mehr bereit, die moralischen Verfehlungen hinzunehmen, die in Hollywood gang und gäbe waren.

Moore und Vidor vermuteten, dass ihre Karrieren schnell zu Ende wären, wenn zu dem Zeitpunkt herausgekommen wäre, dass sie ein Paar gewesen wären. Zumindest Vidor war zu der Zeit schon verheiratet.

Also trennten sie sich und gingen ihrer eigenen Wege. Sie verließ nach ihrer Filmkarriere Kalifornien und es zog sie an die Ostküste. Dort hatte sie eine ganze Reihe von Ehemännern. Sie war schon reich und wurde durch Rat und Tat der Ehemänner noch reicher. Von allen, die in dieser Geschichte aufgetaucht waren, musste man sich wohl um Colleen Moore die wenigsten Sorgen machen. Das mit dem Tonfilm hatte nicht geklappt, aber wie das Leben gezeigt hat, war es kein Drama für Frau, deren »echter« Name Kathleen Morrison war.

Vidor blieb das Hollywood-Glück hold. Er war ein anerkannter Regisseur, der sich erst Anfang der 60er-Jahre aus dem Filmgeschäft zurückzog und anfing Filmkunst zu lehren. Um seine Bedeutung für den Film einzuordnen: Im Jahr 2020 widmeten ihm die Internationalen Filmfestspiele Berlin zur 70. Berlinale eine Retrospektive.

Im Alter von über siebzig Jahren fing er an, das Leben seines Kollegen Taylor zu recherchieren. Oder vielmehr für seinen Tod. Warum wurde er umgebracht?

Radek

Der junge Mann ist fasziniert von Verbrechen und er wollte sich mit Maigret darüber unterhalten. Ob der nun wollte oder nicht, spielte keine Rolle. Meine kleine Spurensuche nach William Desmond Taylor begann mit dem Satz:

»Kennen Sie den Fall Taylor?«

Er hatte mit dieser Frage das Interesse Maigrets geweckt, was der Kommissar jedoch nicht zeigen wollte. Radek war das wahrscheinlich egal, aber er hatte auch mein Interesse geweckt und ich bin immer noch gebannt von der Story.

Maigrets war vermutlich weniger fasziniert, von dem was Radek über den Fall Taylor erzählte, sondern er fand die Schlüsse, die Radek zog, aufschlussreich:

»Also: 1922 wurde Desmond Taylor ermordet, einer der bekanntesten Hollywood-Regisseure. Ein gutes Dutzend Filmschauspieler stand unter Verdacht, darunter viele schöne Frauen. Aber sie mussten sie alle laufen lassen. Und wissen Sie, was ich heute, nach so vielen Jahren, gelesen habe? Ich zitiere aus dem Gedächtnis, aber mein Gedächtnis ist ausgezeichnet: ›Seit Beginn der Ermittlungen wusste die Polizei, wer Taylor ermordet hat. Doch die Beweise, über die sie verfügt, sind so schwach und unzulänglich, dass der Schuldige, selbst wenn er sich freiwillig stellte, auch noch glaubhafte Beweise und Zeugen für seine Tat beibringen müsste, um sein Geständnis zu untermauern.‹«

Radek behauptete mit dieser Einlassung, dass die amerikanische Polizei zwar eine Ahnung hatte, wer der Mörder an Taylor gewesen war, aber nicht in der Lage war, diese Täterschaft zu beweisen. Damit stellte der Tscheche eine Verbindung zu dem Fall Henderson/Heurtin her, in dem Maigret ermittelte und Radek ein Verdächtiger war. Mit der Bemerkung hatte er sich gewiss nicht entlastet. 

Abgesehen davon, dass entweder Radek oder Simenon schamlos übertreibt, wenn von einem Dutzend Filmschauspielern als Verdächtigen geredet wird. Mit einem hatte er recht: Es kann sein, dass die Polizei wusste, wer der Täter war. Ob das damals schon bekannt war?

Das Puzzle

King Vidor wollte den Fall lösen. Er ließ sich Klatsch erzählen und fischte einen kleinen, aber nicht unwichtigen Hinweis aus diesen alten Erinnerungen: Es war geplant, dass Taylor am Tag nach seinem Tod vor Gericht über (oder für) einen seiner Hausangestellten aussagen sollte. Der hatte in einem Park nach Strichjungen geschaut und es stellte sich durch Vidors Ermittlungen heraus, dass der junge Mann nicht für sich auf der Suche nach Männern war, sondern für seinen Dienstherren. 

Das erklärte die hektischen Aufräum-Aktivitäten nach seinem Tod und man kann davon ausgehen, dass die Unterwäsche mit dem Monogramm »MMM« eine falsche Fährte darstellen sollte. Für die Studios, so fand der alte Mann heraus, hatten die gelegten Spuren einen hübschen Nebeneffekt: Es konnte bequem die Verträge mit den teuren Stars Mabel Normand und Mary Miles Minter kündigen, da die Reputation der Schauspielerinnen gelitten hatten und der Firma und künftigen Produktionen Schaden zufügen würde.

Was Vidor ebenfalls herausfand: Die junge Mary hatte sich an dem Tatabend nach einem Krach mit ihrer Mutter zu dem Filmemacher geflüchtet. Diese  war so erbost, dass sie ihrem Kind folgte. Aus ihrer Perspektive sah es bei ihrem Eintreffen im Haus des Regisseurs so aus, als wäre Taylor ein Verführer ihrer Tochter (und damit eine Gefahr für deren Ruf). Sie erschoss den Mann.

Wie es herauskam? Tochter und Mutter prozessierten sehr oft gegeneinander. »Sehr oft« soll eine dreistellige Anzahl von Prozessen beschreiben, was im innerhalb einer Familie eine staatliche Zahl ist. Da hat sich mit den Jahren nicht viel dran geändert, man schaue nur auf den ALDI-Clan und hier wie da ging und geht es um viel Geld. 

Bei einem dieser Prozesse sagte der Finanzberater der Mutter aus, der unter dem Verdacht stand, Vermögen veruntreut zu haben. Der Experte offenbarte, dass das Geld nicht verschwendet worden wäre. Man hätte es vielmehr dafür verwendet, um Zeugen und Reporter, Detektive und Polizeichefs zum Schweigen zu bringen – weil diese die Mutter im Fall Taylor hätten belasten können. Es ist, wie man es aus »L.A. Confidential« kennt – in Los Angeles hatte die Korruption ein wohliges Zuhause gefunden. 

Selbst als die Schwester von Mary Miles Minter, die die Mutter in eine Nervenheilanstalt hat einweisen lassen, nach ihrer Entlassung Sachbeweise vorbrachte, hatte das für die Mutter keine Konsequenzen. Der Polizeichef von Los Angeles, der sich hätte kümmern müssen, hielt es wie seine Vorgänger und ließ sich von der Verdächtigen mit Geld beruhigen.

Insofern hatte Radek schon recht: Die Polizei konnte wissen, wer der Mörder war. Es mangelte jedoch nicht an Beweisen, es fehlte an Willen.

Quellen:

  • eine Reihe von interessanten deutschen wie auch englischen und deutschen Wikipedia-Artikeln über die beteiligten Regisseure und Schauspieler
  • New York Times
  • sehr wertvoll und lesenswert: »Millions, Murder, Misery« von Urs Jenny (SPIEGEL) – hier werden noch andere Geschichten erzählt, die ich nicht validieren konnte.