Cover Hannes Jähn Kiwi

Der andere Grafiker


Kiepenheuer & Witsch: Wer gestaltete die Umschläge der Simenon-Ausgaben des Verlages? Werner Labbé. Der Grafiker prägte das Bild der Simenon-Ausgaben über Jahre. Die Cover waren schwarz, darauf gab es eine Stern-Vignette, in der sich dann eine Zeichnung befand. Davon wurde nur in ganz wenigen Fällen abgewichen: Auf einem Cover tauchte Brigitte Bardot auf und es gab ein paar Hardcover-Bände. Das änderte sich aber.

Hat man die Taschenbuch-Bände von KiWi vor sich liegen, so wird man feststellen, dass die Bände nicht nur sehr klein, sondern auch sehr dünn waren. Das ist nur zum Teil der Kürze der Geschichten Simenons zuzuschreiben. Die Schriftgröße in der Ausgabe – K-Reihe genannt – liegt meines Erachtens am Ende der unteren Skala für Belletristik. (Als Standard-Schriftgröße für Versicherungsverträge und Mobilfunk-Anzeigen wäre sie allerdings ideal.)

Dann kam wohl der Tag, an dem Simenon »Die Glocken von Bicêtre« vorlegte. In das übliche Format ließ das wohl aus zwei Gründen nicht stopfen: Es war zu umfangreich (das war der pragmatische Grund) und es war zu gut, um es gleich als Taschenbuch auf den Markt zu bringen (ein verlegerischer Aspekt). Wobei das nur Vermutungen meinerseits sind.

Ich habe die gestalterischen Aspekte der KiWi-Hardcover-Ausgaben nie zuvor betrachtet, weil die Ausgaben in den Dreier-Bänden für mich bisher nur antiquarischer Beifang waren. Ich habe sie nach Erwerb ins Regal gepackt und gut war es. Nun habe ich aber sechs Titel antiquarisch erworben, weil ich etwas nachzuschlagen hatte, und es natürlich auch gutes Material ist, um die aktuellen Übersetzungen mit den früheren zu vergleichen. Als sie so dalagen, dachte ich mir »Hoppla! Das ist ja interessant…« und »Wer war denn für die Gestaltung verantwortlich?«.

Auftritt Hannes Jähn

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Mit »Die Glocken von Bicêtre« betrat ein anderer Grafiker die Simenon-KiWi-Bühne und dessen Name war Hannes Jähn. Die Gestaltung des Umschlag dieses ersten Romans ist noch recht einfach gehalten. Für die Darstellung von Autor, Titel und Verlag wird eine Schreibschrift genutzt und das in einer nahezu gleichen Schriftgröße. Mit dem bisschen Sachverstand den ich habe, würde ich behaupten, dass es sich dabei nicht um die Arbeit eines Schriftsetzers handelt. Dazu sind die einzelnen Buchstaben zu unterschiedlich. Herausgehoben wird eigentlich nur der Familienname von Simenon, der in roter Farbe gezeichnet wurde.

Das war der erste Simenon-Titel den Jähn meines Wissens für Kiepenheuer & Witsch gestaltete. Ein Jahr später kam es zu einer Änderung der Verlagspolitik und Simenon wurde nicht gleich als Taschenbuch vermarktet, wie es in den Jahren zuvor allermeistens der Fall gewesen war, sondern er wurde zuerst als Hardcover veröffentlicht und die Taschenbuch-Rechte wurden an Heyne weitergereicht.

Was wir an Simenon lieben und schätzen ist, dass er ein Meister der Verdichtung ist. Andere Schriftsteller brauchen 500 Seiten für eine Geschichte, die Simenon in 150 Seiten erzählt. Vermutlich hatte man Zweifel, ob die Leser mehrmals im Jahr Geld für hochwertige dünne Hardcover-Ausgaben eines Schriftstellers ausgeben würden und so wurden nun drei Romane in einem Hardcover-Band veröffentlicht, sauber getrennt nach Roman durs und Maigret-Geschichten.

Der neue Look

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Für diese Bände ließ Hannes Jähn die Schnörkelschrift Schnörkelschrift sein und wählte eine Schriftartenfamilie, die zu Simenon passt: eine Groteske, sprich eine serifenlosen Schrift. Bei den Maigrets wurde nun der Name »Maigret« zusätzlich zum Namen des Autoren in fetter Schrift gesetzt; die Nennung des Autoren erfolgte nur mit dem Namen »Simenon« unter Weglassung des Vornamens.

Interessant ist neben dem typographischen Aspekt auch der Einsatz der Fotografien. Hierbei wählte Jähn keinen realistischen Ansatz, sondern verfremdete die Fotografien, in dem er sie einfärbte. Die gewählten Farben wirkten manchmal »knallig« und »poppig«. Damit wurden sie zu einem Hingucker. Jähn gab den Büchern einen modernen Anstrich und unterzog meines Erachtens somit auch Simenon einem Image-Wandel. Dazu passt übrigens auch, dass Heyne in seiner Taschenbuch-Gestaltungen, insbesondere der Non-Maigrets, auf eine für damalige Verhältnisse sehr moderne Gestaltung setzte.

Schwierig wird es wohl gewesen sein, zu drei thematisch oft sehr unterschiedlichen Stories, eine Gestaltung zu finden. »Rückfahrt von Venedig«[RDZAV] gab zum Beispiel das Motiv – »Venedig« – für einen Sammelband mit »Der Plüschbär«[RDTB] und »Der Witwer«[RDW] vor.

Betrachtet man die späteren Gestaltungen, sowohl von Diogenes wie auch jetzt von Kampa und HoCa, so findet man einen konservativeren Stil bei den Non-Maigret-Romanen (mögliche Assoziationen: »seriös, edel, Literatur!«) und einen Retro-Stil bei den Maigrets (»ach ja, damals!«). Hier bin ich mal gespannt, wie die Taschenbuch-Gestaltung in Zukunft aussehen wird, besonders unter dem Aspekt, auch junge Leser gewinnen zu wollen.

Ein wenig Biographie

Kurz hatte ich überlegt, ob es »Schon lange tot« eine passende Zwischenüberschrift wäre, habe davon aber Abstand genommen. Wer weiß, ob Google eines Tages anfängt, Header ästhetisch zu gewichten und meine Artikel dann in den Suchergebnissen nach unten wandern. Ich will das nicht…

Also: Die schlechte Nachricht ist, dass Hannes Jähn wirklich schon sehr lang tot ist. Er starb 1987 und ist knapp fünfzig Jahre alt geworden – bei aller Liebe, das ist wirklich kein Alter, in dem man abtreten will. Er wurde in Leipzig geboren und wurde als Schildermaler ausgebildet. Der Schildermaler wurde schnell für sein gutes Schriftengespür und sein Geschick bekannt. Jähn erlangte den Ruf, der schnellste Schildermaler von Leipzig zu sein, und bekam dafür laut Wikipedia sogar die Stalin-Urkunde für seine Leistungen.

Von 1952 an studierte er an den Kölner Werkschulen, einer Hochschule für Bildende Kunst, Architektur und Design, die bis 1971 existierte. Danach etablierte er sich Mitte der fünfziger Jahre freiberuflich als Grafiker und Buchgestalter. Die erste Zusammenarbeit Kiepenheuer & Witsch gab es 1958 und er wurde so etwas wie der Haus- und Hof-Gestalter bei dem Verlag.

Seinen Lebensmittelpunkt hatte er – nach ein paar Zwischenstationen – in Köln. Jähn arbeitete für fast fünfzig verschiedene Verlage und wurde später Artdirector bei Zweitausendundeins. 1985 wurde er als Professor an die Gesamthochschule in Wuppertal berufen, wo er Grafikdesign lehrte.