Der Sohn Cardinaud

Ein Mann sitzt mit seinem Sohn in der Kirche. Seine Gedanken sind bei Gott und der Welt, allerdings nicht auf den heimischen Herd gerichtet, von dem sich seine Frau gerade verabschiedet, um mit einer heruntergekommenen Gestalt zu verschwinden; einer Frau, die dem bürgerlichen Leben Lebewohl sagt. Als dieser Mann nach Hause kommt, darf er sich ordentlich wundern - er hatte keinerlei Anzeichen dafür entdeckt, dass seine große Liebe einfach so eines Tages sang- und klanglos verschwinden würde und ihn mit zwei Kleinkindern zurücklassen würde. Der Mann macht sich auf die Suche. (Einer der wenigen Fälle, in denen die Frau verschwindet - normalerweise ist es bei Simenon andersherum.)

Über die Story


Ein Flusspferd wird von einem Skorpion gebeten, ihn über das Wasser zu schwimmen. Das Flusspferd ist skeptisch und wendet ein, dass die Gefahr bestände, dass der Skorpion sie stechen würde. Der Skorpion entgegnet darauf, dass es keinen Sinn machen würde, da sie dann beide umkommen würden - das leuchtet dem Flusspferd ein. Als sie in der Mitte des Flusses angekommen sind, sticht der Skorpion zu. Das Flusspferd fragt, warum der Skorpion dies getan hat, worauf dieser Antwort, das wäre seine Natur. Die beiden kommen um.

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen, dass es eine Geschichte von Simenon sein könnte - ein deutliches Merkmal Simenonscher Geschichten trägt diese Fabel: es gibt kein gutes Ende. Vor allem zeigt die Geschichte eines - niemand kann gegen seine Natur. Drouin ist ein großer, vielleicht auch grobschlächtiger Kerl. Nichtsdestotrotz hat er ein gutes Herz und somit auch Erbarmen für Émile Chitard, als dieser ihn bittet, ihn als blinden Passagier mitzunehmen. Kaum sind sie in Frankreich gelandet, muss Drouin feststellen, dass ihm Chitard seine goldene Uhr gestohlen hat. Er stellt den Dieb zur Rede und dem fällt nichts Besseres ein, als die Uhr ins Wasser zu schmeißen. Das Flusspferd starb sang und klanglos an dem Gift; Drouin hatte wenigstens noch die Gelegenheit, Chitard über Bord zu werfen und das Schlimmste für diesen zu hoffen.

Die Hand, die einen füttert, sollte man nicht beißen. Da ist viel Wahres dran, selbst Hunde beherzigen ihn in der Regel. Chitard hält von solchen Regeln nicht viel. Es macht ihm nichts aus, zu stehlen, die Leute zu hintergehen. Drouin sah in dem Augenblick, als Chitard seine Uhr in das Wasser warf, etwas Böses in den Augen aufblitzen. Die Erkenntnis, dass er es mit etwas Bösem zu tun hatte, war nicht allen vergönnt.

Kurze Zeit nach diesem Vorfall ging Hubert Cardinaud mit seinem Sohn zur Kirche. Wie jeden Sonntag suchte er anschließend eine Konditorei auf, um seinem Sohn ein Stück Kuchen zu kaufen, um dann nach Hause zu gehen und das gemeinsame Sonntagsmahl einzunehmen. Als er an diesem bewussten Sonntag, dem Dreifaltigkeitsfest (1. Sonntag nach Pfingsten), nach Hause kam, wusste er, dass etwas nicht stimmte. Es roch sehr verqualmt. Zu seiner Verwunderung war seine Frau Marthe nicht in der Küche. Die anschließende Suche im Haus ergab, dass allein das Baby im Haus gewesen war. Marthe hatte Kind und Kühe im Stich gelassen, während er in der Kirche gewesen war [da habe ich mal die drei gängigen Ks untergebracht]. Cardinaud übergab die Kinder der Obhut der Nachbarin und machte sich auf die Suche nach seiner Frau. Er nahm an, dass irgendetwas passiert sei - anders ließ sich das Verhalten seiner Frau nicht erklären. So suchte er zuerst die Eltern seiner Frau auf, anschließend die seine Eltern. Nichts.

Zurück zu Hause stellt er fest, dass seine Frau wohl ohne jede Reisetasche und passender Kleidung, dafür allerdings mit 3000 Francs, die eigentlich für die Bezahlung der nächsten Hypotheken-Rate gedacht waren, verschwunden war. Das ist der Moment, in dem Cardinaud heiß und kalt geworden sein dürfte. Der junge Mann lebte in tiefer Liebe zu seiner Frau. Er hatte sich mit unter zwanzig in die Frau verschaut und beschlossen, sie zu heiraten. Man muss wohl erwähnen, dass es ihm gleichgültig war, ob sie ihm die gleiche Liebe entgegenbrachte, wie er ihr. Cardinaud kapituliert nicht vor dem Schicksal nach dem Motto, Frau weg, auch gut. Er macht sich daran, seine Frau zu finden, um sie zurückzuholen.

Die folgenden Tagen war Spießrutenlaufen angesagt: der gesamte Orte wusste, dass ihm die Frau verschwunden war. Da es immer Leute gibt, die besser informiert sind, als der gehörnte Ehemann, kam Cardinaud bald dahinter, wer der »Entführer«, der »Verführer« seiner Frau war: Émile Chitard.

Hubert Cardinaud war Angestellter einer Versicherungsagentur und bittet seinen Chef, ihm ein Darlehen zu geben, da er in arger finanzieller Bedrängnis wäre. Dieser reagiert wie vor den Kopf gestoßen, wozu Cardinaud viel mehr Grund gehabt hätte, und lehnte ab. Nachdem der Chef in der Stadt gehört hatte, dass die Frau verschwunden, ist er viel verständnisvoller und gibt Cardinaud das Geld und willigt auch ein, dass Cardinaud Urlaub nimmt. Die Zeit wollte der junge Familienvater nutzen, die Frau heimzuholen.

Chitard hatte sein kurzen Leben - er war ein Klassenkamerad von Hubert Cardinaud gewesen - genutzt, um auch auch andere Menschen zu verärgern. Zu denen gehörte Dédé, der vor Jahren ein Ding gedreht hatte, an dem auch sein Bruder beteiligt war. Dédé war gefasst worden und zu Strafarbeit verurteilt worden. Er erzählte, während er in Afrika weilte, in einer schwachen Stunde Chitard die Geschichte. Der hatte nichts Besseres zu tun, als einen anonymen Brief an die Staatsanwaltschaft des Ortes zu schreiben, in dem Dédés Bruder lebte - für die Staatsanwaltschaft ein Geschenk der Götter, hatte sich Chitard damit einen Feind geschaffen, der ihm unerbittlich auf den Fersen war. Dédé wollte, salopp formuliert, Chitard hängen sehen. Das Elend von Cardinaud, der mit dem Verlust seiner Frau zu kämpfen hat, kümmert ihn nicht; er hat eine heiße Spur gefunden, den falschen Hund Chitard aufzuspüren. Diese Gelegenheit will er nicht ungenutzt lassen.

Für Cardinaud bedeutet dies, dass er sich beeilen muss. Dédé ist ein ungehobelter Klotz, bei dem man nicht weiß, was er mit einer Frau tun würde, die er in der Anwesenheit von Chitard antreffen würde.

Können Sie sich vorstellen, dass Sie von Ihrem Ehepartner verlassen werden und dass sie sich dann auf die Suche nach ihm machen, um ihn zurückzuholen? Ja, vielleicht unter diesen und jenen Umständen - aber Cardinaud ist zum Gespött der Leute in Les Sables-d’Olonne geworden; jeder weiß, mit wem Marthe gegangen ist. Die einseitige Liebe zu Marthe ist so groß, dass Hubert Cardinaud alles Andere aus dem Blickfeld verliert. Ehrlich gesagt ist Émile Chitard ein großer Unsympath, aber Hubert Cardinaud, der bei seiner Suche nach der Frau immer wieder still die Lippen bewegt, um Marthe zuzuflüstern, dass sie an dem gerade Geschehenen Schuld sei, ein Selbstgespräch freilich, ist auch nicht viel sympathischer.

Von ihren Frauen verlassene Ehemänner gibt es bei Simenon hin und wieder. »Der Witwer« wurde von seiner Frau verlassen, - allerdings endgültiger als Hubert Cardinaud. Beide haben nicht mit der Frau gelebt, sondern neben ihr.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1988

Der Sohn Cardinaud
Diogenes (detebe 21598)
Übersetzung: Linde Birk

Cinema & TV

Le Sang á la tête
[Vulkan im Blut]
1956 - Frankreich
ein Film von Gilles Grangier
produziert von Fernand Rivers
mit Renée Faure [Mademoiselle],
Paul Frankeur [Drouin],
Jean Gabin [François Cardinaud],
Monique Mélinand [Marthe Cardinaud]

Le Fils Cardinaud
1987 - Frankreich
ein Film von Gérard Mordillat
mit Jean-Pierre Bisson [Cardinaud]

Tête baissée
2003 - Frankreich
ein Film von Gérard Jourd'hui

Hörspiele & -bücher

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Hörspiel- oder -buch-Bearbeitungen vor.