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Maigret und der geheimnisvolle Kapitän

Die Ermittlung ging schon ganz komisch los. Man fand einen Mann, der in Paris orientierungslos herumirrte, keine Papiere bei sich trug, dafür aber Geld. Er wusste nicht, wer er war und konnte keinerlei hilfreiche Hinweise geben. Was die ganze Geschichte verdächtig machte, war, dass er eine gerade erst verheilte Kopfwunde hatte, die von einer Schussverletzung herrührte, die aber sehr fachmännisch behandelt worden war. Der Mann lächelte liebenswürdig die ganze Zeit, scheinbar unbeeindruckt von den anstrengenden Verhören, denen er unterworfen wurde.

Man startete eine landesweite Kampagne um Informationen über diesen Mann zu bekommen. Das half! In Paris meldete sich Julie Legrand, die als Haushälterin des Mannes ausgab: der Aufgefundene wäre Yves Joris, ein ehemaliger Kapitän und vor seinem Verschwinden war er Hafenmeister in Ouistreham, einem Ort unweit von Caen.

Abbildungen zu »Maigret und der geheimnisvolle Kapitän« (insgesamt: 4)
Maigret und der geheimnisvolle Kapitän - detebe 23815 (MA 15) - 2008 Maigret und der geheimnisvolle Kapitän - Diogenes – 7/2005 Maigret und der geheimnisvolle Kapitän - Heyne – 1967

Die Haushälterin ist ganz aufgelöst als sie sich zusammen mit den beiden Herren, der eine, der nicht weiß, wer er ist, und der andere, der nicht weiß, was sich abgespielt hat und noch nicht ahnt, was sich abspielen wird. Sie versucht ihre Sorge über das Geschehene zu kaschieren, in dem sie sich besorgt um den Kapitän kümmert. Der dankt es mit einem Lächeln.

»Würden Sie ein Streichholz anzünden? Ich finde das Schloss nicht.«
Eine kleine Flamme. Die Tür wurde aufgestoßen. Ein dunkles Etwas huschte vorbei, streifte Maigrets Beine. Julie, die im Flur stand, knipste das elektrische Licht an, blickte verwundert zu Boden, murmelte:
»Das war doch die Katze, die da eben raus ist, nicht wahr?«

Dabei war sie sich ganz sicher, dass sie die Katze vor ihrer Reise nach Paris aus dem Hause gesperrt hatte. Maigret nutzt die Zeit, sich mit dem Haushalt bekanntzumachen, die Atmosphäre einzuatmen. Aus dem Kapitän war nichts herauszubekommen, Julie konnte nichts sagen: auch nicht, wie der Brief zu erklären ist, in dem die Bank dem Kapitän mitteilt, dass ihm 300 000 Francs überwiesen worden sind. Das könne nicht sein, so ihre Meinung, der Kapitän sei nicht reich. Das könne nur ein Missverständnis sein, ein ganz großes…

Obwohl ihm Julie das anbietet, macht Maigret von dem Angebot, in dem Haus zu schlafen, keinen Gebrauch. Vielleicht will er sich von dem Ambiente nicht ganz einlullen lassen, möchte lieber die Stimmung und die Menschen im Dorf erforschen, wahrscheinlich hat er auch erkannt, dass das Angebot von Julie nicht ganz uneigennützig war – sie hatte Angst.

So stapft er durch den Nebel zum einzigen Hotel des Dorfes, dass sich noch Fischerdorf ist, den Sprung zum mondänen Badeort nicht geschafft hat.

Und als er einen Steg erblickte, ging er darauf zu.
»Vorsicht!«
Es war unheimlich! Denn die Stimme war ganz nah. Obwohl er das Gefühl vollkommener Einsamkeit hatte, war da kaum drei Meter von ihm ein Mann, von dem er kaum, selbst wenn er sich anstrengte, die Umrisse sah.
Die Warnung aber verstand er sofort. Der Steg, den er hatte betreten wollen, bewegte sich. Es war das Schleusentor, das geöffnet wurde, und das, was jetzt folgte, war reine Halluzination: Was da ganz nah, wenige Meter entfernt, vor ihm auftauchte, das war kein Mensch, sondern eine wahrhafte Mauer, hoch wie ein Haus. Und oben auf dieser Mauer waren vom Nebel gedämpfte Lichter zu sehen.

Gewarnt hatte ihn Kapitän Delcourt, der in der Abwesenheit die Pflichten als Hafenmeister wahrgenommen hatte. An dem Abend hat der Mann keine Zeit für einen Plausch mit dem Kommissar, er kann ihm nur den Weg zum Hotel weisen. Am nächsten Morgen hat Maigret nicht sofort Zeit für Delcourt. Er wird zum Haus des geheimnisvollen Kapitäns gerufen:

»Schnell! Der Kapitän liegt im Sterben!«

Wer hätte das gedacht? Da verpasst man dem armen Mann erst eine Kugel, pflegt ihn dann aufwendig gesund, um ihm dann umzubringen? Zu vergiften, wie ihm der Dorfpolizist mitteilt, mit Strychnin, wie der anwesende Arzt Maigret auch gleich mitteilt, der die letzten Atemzüge des Kapitäns mitbekommt.

Feinde? Die Frage stellt ein Polizist immer wieder, in den meisten Fällen bekommt er zur Antwort: Nein, niemanden! So kann sich auch keiner vorstellen, warum der Kapitän sterben musste. Er hatte kaum Freunde, war nicht reich und auch keine Liebschaften. Ein bisschen komisch sei er schon gewesen, aber das ist ja nun kein Grund jemanden umzubringen…

Auch Julie benimmt sich sehr merkwürdig, hat sich in ihr Zimmer eingeschlossen, will mit keinem reden, auch mit dem Kommissar nicht, der ja nun wirklich nicht »Jeder« oder »Keiner« ist. So bleibt diesen nichts anderes übrig, als pure Gewalt – mit seiner nicht unerheblichen Masse rennt er die Tür ein und entreißt der jungen Frau einen Zettel, der sich als Briefchen ihres Bruders entpuppt.

Der Bruder, da war noch was!, ist nicht ganz ohne. Er saß jahrlang im Gefängnis, weil er einmal im Suff jemanden totgeschlagen hatte. Sein Ruf war im Dorf nicht der Beste und Julie wusste, dass er auf der Liste des Kommissars an erster Stelle stehen würde, wenn der erfahren würde, dass ihr Bruder im Haus gewesen war.

Maigret darf sich im Folgenden die Untersuchung mit dem Bürgermeister teilen, einem bekannten und angesehenem Reeder, der Protektion von »ganz oben« genießt, dem zugereisten Kommissar aber mehr Steine in den Weg liegt, als dass er zur Aufklärung des Falles beitragen würde. Purer Lokalpatriotismus?

Der Kommissar, ist in dieser Erzählung zu lesen, beherrscht das Bretonische, nicht perfekt, aber doch soviel, dass er die Einheimischen damit beeindruckt. Gelernt hatte er das in seiner Studienzeit in Nantes.

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Ouistreham - (c) prince de tubal

fakten Fakten

Originaltitel:

Le port des brumes

Entstehungsjahr:

1932 (März)

Erscheinungsjahr:

1932

Entstehungsort:

Cap d'Antibes

Verlag:

Fayard

cinema und tv Cinema & TV

The Lost Sailor
[Maigret und der geheimnisvolle Kapitän]
1961 - Großbritannien
ein Film von Gerard Glaister
produziert von Andrew Osborn
mit Rupert Davies [Maigret]

Le port des brumes
1972 - Frankreich
ein Film von Jean-Louis Muller
mit Jean Richard [Maigret]

Maigret et le port des brumes
1995 - Frankreich
ein Film von Charles Nemes
mit Bruno Cremer [Maigret]

 

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Erste Worte

Meinungen (2)

Biblio

Im Augenblick keine Ergebnisse.

Als sie gegen drei Uhr aus Paris herausfuhren, war in der kühlen Herbstsonne noch eine Vielzahl von Menschen unterwegs. Dann, kurz vor Mantes, gingen die Lampen im Abteil an. Ab Evreux herrschte draußen völlige Finsternis, und jetzt erkannte man hinter den beschlagenen und tropfennassen Fenstern dichten Nebel, der die Lichter der Bahnstrecke in gedämpften Schein tauchte.
Behaglich in seiner Ecke sitzend, den Nacken an die Kopfleiste gelehnt, die Lider halb geschlossen, musterte Maigret unablässig, wie unter Zwang, die beiden Personen, die ihm gegenübersaßen und so ungleich waren.

Gast-Kommentator

Ungewöhnlich für die Maigrets:
Oft ist die Schilderung der Menschen und der Stimmungen zwischen ihnen das Fesselnde und Faszinierende.
Der Kriminalfall ist nicht so wichtig, und die Aufklärung bringt die Sache halt irgendwie zu Ende.
Hier aber haben wir einen klassischen Krimi, der den Leser sehr lange im Unklaren lässt und am Ende mit einer raffinierten Auflösung glänzt.
Als Krimi ganz gut, als Simenon nur befriedigend.

nbergmann am 02.11.2008

Gast-Kommentator

Wenn ich schreibe dieser Roman ist wie “Maigret und der gelbe Hund”, dann heißt das, dass dies ein wirklich guter Roman ist. Er hat wirklich ziemlich viel mit “Maigret und der gelbe Hund” gemeinsam. Z.B.: Maigret reist in eine Hafenstadt, Maigret muss Mord aufklären, etc. Aber bei so vielen Maigrets kann man dem Autor einige Parallelen zu anderen seiner Bücher schon verzeihen. Oder??!

stephan am 18.12.2003

Was meinen Sie?

10 Ausgaben - erste Ausgabe: 1951 - letzte Ausgabe: 2008

Kein Cover vorhanden

1951

Nebel über dem Hafen
Detektiv-Club, Winthertur (Band 6)
Übersetzung: Hans Fraenkel

Kein Cover vorhanden

1951

Nebel über dem Hafen
Detektiv-Club Verlagsgesellschaft, Wiesbaden (Band 6)
Übersetzung: Hans Fraenkel

Kein Cover vorhanden

1951

Nebel über dem Hafen
Detektiv-Club Innsbruck (Band 6)
Übersetzung: Hans Fraenkel

Kein Cover vorhanden

1966

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
in »Maigret und das Verbrechen an Bord/Maigret und der geheimnisvolle Kapitän/Maigret verteidigt sich«
Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1967

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
Heyne (K97)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1969

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
in »Maigret und das Verbrechen an Bord/Maigret und der geheimnisvolle Kapitän/Maigret verteidigt sich«
Deutscher Bücherbund
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1972

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
in »Maigret und das Verbrechen an Bord/Maigret und der geheimnisvolle Kapitän/Maigret verteidigt sich«
Europäischer Buchklub
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1984

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
Diogenes (detebe 21180)
Übersetzung: Annerose Melter

Kein Cover vorhanden

2005

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
Diogenes (detebe 21180)
Übersetzung: Annerose Melter

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän / Diogenes

2008

Maigret und der geheimnisvolle Kapitän
Diogenes (detebe 23815 (MA 15))
Übersetzung: Annerose Melter