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Der Spürsinn des kleinen Doktors

Dies ist die erste Erzählung von Simenon, die nicht Maigret als Hauptperson hat, die hier am Quai beschrieben werden soll. So ganz zufällig ist das natürlich nicht. Ich halte den kleinen Doktor für eine ebenso markante Figur wie Kommissar Maigret, aber völlig konträr zu dieser. Während Maigret ein brummiger Zeitgenosse ist, der manchmal fast autistisch wirkt – in seinem Beruf ganz Profi ist; übt der kleine Doktor das »Verbrecherfinden« als Hobby aus. Es ist natürlich interessant, dass Maigret einmal angefangen hatte Medizin zu studieren, sich dann aber aus finanziellen Gründen zur Polizei begab, während der Arzt seine Berufung zum Privatdetektiv findet: das nicht, weil er unzufrieden mit seinem Arztberuf ist, sondern eher zufällig, als er in einen Kriminalfall hineingestoßen wird. Zum kleinen Doktor schreibt Simenon in der ersten Erzählung »Der Spürsinn des kleinen Doktor«:

Der Arzt war dreißig Jahre alt. Er praktizierte erst seit zwei Jahren in der Gegend, und weil er so klein, freundlich und schlicht war, vielleicht aber auch seines winzigen Autos wegen, das den ganzen Tag durch die Straßen ratterte, nannte man ihn liebevoll den »kleinen Doktor«.

Abbildungen zu »Der Spürsinn des kleinen Doktors« (insgesamt: 3)
Der kleine Doktor - Diogenes Der kleine Doktor - Diogenes The Little Doctor - USA

Da sind schon einmal zwei wichtige Unterschiede zu dem Über-Kommissar aus Paris zu verzeichnen: zum einen agiert der Kommissar in den meisten Erzählungen als Mann mittleren Alters oder älter, während der kleine Doktor von dem Standpunkt Maigrets aus auch als eher klein vom Alter angesehen werden könnte mit seinen läppischen dreißig Jahren. Zum anderen fährt der Doktor Auto – das hat Maigret nie gelernt, das Autofahren fiel in die Zuständigkeit von Madame Maigret.

Wie gerät der kleine Doktor, dessen wahrer Name Jean Dollent ist, in die Wirren seines ersten Kriminalfalls? Durch einen Anruf, der von einem Neuhinzugezogenen kommt. Dollent war gerade dabei sich auf das Mittag vorzubereiten, als das Telefon klingelte und er gebeten wurde zur Maison-Basse zu kommen, einem etwas abseits stehendem Haus, in dem sich ein Paar niedergelassen hatte, das einfach nur lebte, keiner erkennbaren Arbeit nachging und dabei auch noch glücklich wirkte. (Das sollte bei rechtschaffenden Menschen schon einmal Skepsis auslösen.) Während der Arzt den Anruf entgegennahm, warf er einen flüchtigen Blick auf die Uhr und Augenblicke später, als er schon ins Auto gestiegen war, kamen ihm die ersten Zweifel. Anrufe aus der Maison-Basse mussten über das Amt geleitet werden, aber dieses hatte Mittags zu: um diese Zeit konnte niemand aus der Ecke telefonieren.

Der kleine Doktor glaubte an einen Scherz und war versucht, umzukehren um der Schmach reingelegt zu werden zu entgehen. Da die Straße eng und damit keine Möglichkeit zum Wenden vorhanden war, musste er weiterfahren. Es war, wie er es sich schon gedacht hatte, keiner zu Hause. Er ging durch das Haus, aber aus einer Katze, die sehr zutraulich war, gab es nichts und niemanden, der ihm den Anruf hätte erklären können. Der Doktor goss sich einen Wermut ein und stieß auf die nächste Merkwürdigkeit: er schmeckte nicht so, wie ein Wermut schmecken sollte – er hatte den Beigeschmack von doppeltkohlensaures Natron. Wer macht so was?

Warum waren an den Pantoffeln des Hausbesitzers Spuren von feuchter Erde, wo es doch seit Wochen nicht mehr geregnet hat? Das machte eine Inspektion des Gartens notwendig und da fand sich eine frisch umgegrabene Stelle, die der kleine Doktor – reine Neugierde – gleich mal wieder aufgrub. Kurze Zeit später erblickte er die Überreste menschlichen Lebens. Nicht sehr schön anzusehen. Zum einen, da es sich um Überreste handelte, und zum anderen, war der Begrabene kein schöner Mensch gewesen. Das soll aber kein Grund sein, Menschen einfach zu »beseitigen« – wo sollte man da aufhören?

Er entschließt sich, die Polizei zu alarmieren. Nachdem er aber diesen Fall so schnell aufgedeckt hat und die ersten Spuren ausgewertet hat, ist er nicht gewillt, die Aufklärungsarbeit allein der Polizei zu überlassen. Zumal sich der Täter, der wohl auch der Anrufer war, der ihn an den Tatort gerufen hat (Wozu eigentlich einen Arzt rufen, wo er doch nicht mehr hätte helfen können?), wieder bei dem kleinen Doktor meldete und weitere Hinweise auf seinen Verbleib gab.

Jean Dollent begab sich auf die Jagd und hat bald Grund, mächtig stolz auf sich zu sein.

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fakten Fakten

Originaltitel:

Le flair du Petit Docteur

Entstehungsjahr:

1938 (Frühjahr)

Erscheinungsjahr:

1943

Entstehungsort:

La Rochelle

Verlag:

Gallimard

cinema und tv Cinema & TV

Besuch aus Paris
1974 - Deutschland
ein Film von Wolfgang Becker
mit Peer Schmidt [Dr. Dollent]

Le flair du Petit Docteur
1986 - Frankreich
ein Film von Marc Simenon

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4 Ausgaben - erste Ausgabe: 1971 - letzte Ausgabe: 1994

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1971

Die Konsultation ohne Doktor
in »Der kleine Doktor«
Diogenes (Diogenes Erzählerbibliothek)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

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1977

Der kleine Doktor
in »Der kleine Doktor«
Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

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1993

Der Spürsinn des kleinen Doktors
in »Der kleine Doktor«
Diogenes (detebe 21025)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

Kein Cover vorhanden

1994

Der Spürsinn des kleinen Doktor
in »Sommerwind«
Econ (27088)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau